Brief Steiger

Brief von Isaak Steiger (Bern) an Albrecht von Haller (Göttingen), 5. Mai 1741. (8 Seiten) 

(Steiger, C. von: Isaak Steiger. Biographie eines Zeitgenossen Haller's. In: Berner Taschenbuch auf das Jahr 1879 (Bern : Verlagsbuchhandlung B.F. Haller, 1878), Jg. 28, S. 1-64, hier S. 46-50 

 

Monsieur mon tres honoré Cousin. 

Dessen beliebtes Schreiben vom - - letzthin habe mit vielem vergnügen zu rechter Zeit wol erhalten, und bedanke mich, dass ungeacht der überhäufften geschäfften, der Hr. Vetter dannoch Zeit suchet von seinem Zustand mir bericht zu thun. Es ist wol keine köstlichere arzney betrübte gedanken zu zerstreüwen, als sein gemüth mit berufsgeschäfften zu occupieren. die Einten und zwar sonderlich Jenige, so das prorectorat anschaffet, sindt zwar wol größtentheils beschwärlicher und verdrießlicher natur, hingegen aber die Jenige so das professorat ins besondere [2] ansehen, zwar wol sehr mühsamm aber doch nicht verdrießlicher Art. Die dritte beschäfftigung so in dem köstlichen Medicinalgarten genommen wirdt, führet vieles vergnügen mit sich, und kann füglich zu den erquickstunden gerechnet werden. Es bedauert mich, daß der Hr. Vetter so gar wenig auf den Landseinwohnern haltet und keine Freund under selbigen zu finden verhoffet. Villicht ist dieses nur ein starkes wegen etwann bemerkten verschiedenen Umständen angenommenes Vorurtheil, so die Zeit bishar umb so viel weniger auszulöschen vermöcht, als er keine Gelegenheit gesucht anständiger persohnen gemüthsneigungen grundlich auszuforschen. Ich weiß, daß bey den gliedern der Universitet wenig sonderes antreffen wurde, als welche ledig wegen Ihrer wüssenschafften [3] die eben nicht alle Zeit zu angenehmer gesellschafft bequem machen, beruffen worden. Gesetzt aber es wäre under Ihnen niemand genug angenehm, sollte darumb under den Magistratpersohnen und andern angesehenen Burgern der Statt nicht genug anzutreffen sein, die zu einer aufmunternden societät beliebt sein könnten. Der H. Vetter wolle Jeden mit deß Socratis Lanternen wohl belüchten, er wird viellicht hierdurch besseres antreffen, als das bloße anschauwen geben kann. Wann Ich hievon so angelegentlich schreibe und Ihnen gerne mit annehmmlicher gesellschaft versehen wollte, ist dieses und was ich in meinem letzteren geschrieben, gar nicht in dem absehen, Ihnen anzudeüten, dass er seine ganze Lebzeit dorten werde hinbringen müßen, welches allen seinen hiesigen Freünden und sonderlich mir sehr leid wäre: Sondern nur Ihne [4] dahin aufzumuntern, daß er sich umb eine angenehme societet bewerbe, auf daß er eine ziemliche Zahl Jahr mit mehrer Vergnügung als bisher zubringen könne und seine Gesundheit nicht schaden leide. Ich bin meinerseits allezeit in den alten gedanken der H. Vetter solle kurz vor künftiger Burgerbesatzung deren ich auf das erste Anno 1743, auf das höchste Anno 1744 gewärtig bin allhar kommen, und so ich lebe, werde getreuwlich beholffen sein, daß er die promotion erlange. Sie ist umb etwas schwärer, weil Ihme zwey Herren des Raths abtretten müßen, doch annoch wol möglich, umb so viel mehr, daß H. Venner Hackbrett mich versichert, daß er contribuiren wolle. Sindt wir glückhaftig so gehet der H. Vetter mit Freuwden zuruck auf seinen posten, und erwartet [5] daselbst, daß die Jahr herbyrucken, in welchem er von dem Looß zu einer anständigen promotion den favor erwarten kann so da wenigstens fünf in sechs Jahr austragt: Sind wir wider beßeres verhoffen unglückhafftig, so wirdt an dem H. Vetteren stehen eine anständige parthey zu erwehlen. Dieses sindt meine beständige gedanken, wobey es sein verbleiben haben wirdt. Indeßen muß dannoch der H. Vetter auch seinerseits das nöthige beitragen alle verdrießlichen Gedanken fahren laßen, seine gesundheit in Obacht nemmen, und für seine Kinder sorgen, da ich vernemme, daß seine Tochter viellicht wol beßerer auferzeüchung benöthigt wäre, als selbige von einem mit geschäfften überhäufften Vatter gewärtig sein kann. Herr von Mathod bezeugt mir, daß er [6] gar gern diese junge Tochter zu sich nemmen wolte, es wirdt ja nicht unüberwindlich schwer sein, selbige allhar zu senden, ob es schon mehr obsorg braucht, als eine Kiste waar zu spediren. Diese education ohne Zweiffel machet doch auch sorgliche Gedanken. Vor deß H. Vetter letzter Herkunfft sindt bei uns sorgfältige gedanken gewaltet, ob Eüch nit anzurathen wäre, von hier eine anständige persohn, so wol die Haushaltungs- als educationssachen zu besorgen, Item die Tochter in Arbeit und französischer Sprache zu instruiren, dem H. Vetter zu adreßiren, da wir dies absehen und H. Ldvgt. Franz Ludwig Müller's Tochter das absehen hatten, selbige ist aber eben damahl von der Frau Venner Kilchbergerin aufgenommen worden, hat aber by dieser gar zu [7] wunderlichen Frauwen eben so wenig als andere bleiben können. Dem H. Biblioth. Engel ist die Bücher mit Schrifften angelanget, wie er mir aber keine nachricht gegeben, also habe nachfragen lassen. Da er mir dann verdeütet, dass in seinem Schreiben nicht gedacht wurde, daß er mir etwas zustellen solle: worauf Ihme gesagt dass in meinem Schreiben von einem Epigramma geredet worden, so hoffe ich werde es bald bekommen. 

Ich wünsche, daß in Teütschland vast durchgehends droüwende Unruhen die hannovrischen Land verschonet, mithin der H. Vetter in gesegneten Ruhestand verbleiben könne, eben diese Umständ sollten den Sinn einblasen, die Kinder in sicherheit zu senden. Die allhiesige negotiation zwüschen Sardinien und Genff lenket sich zu einem glücklichen Schluß und völliger Beruhigung. [8] Mein gel. gemahl Fr. Schulthß. vermeldet ihren Gruß, mein Sohn befindet sich sehr wol auf seinem Ambt und schlagt ihme der dortige Lufft vortrefflich zu. 

Die G. Staaten von Holland, die vor Anno 1717 wider habende Tractat 8 Comp. abgedanket, fordern nun deren 4 zurück, wir aber machten gerne vorauß eine versicherung der künftigen Nichtabdankung haben. Frankreich will auch seine Alliantzerneüwerung antragen, so und 5 Jahr still gestanden, mag auch wol auf eine Volkwerbung angesehen sein. Halte auch dafür, daß Sardinien deßwegen mit Genff so gütlich Bern zu Ehren abzumachen suche, damit es zu einer alliantz und noch einem Regiment gelangen möge. Ich muß endlich schließen und verbleibe 

MeHH. Vettern 

Schuldwilligster Diener 

Bern d. 5. März 1741 Is. Steiger 

 

P.S. Doctor Ritter ligt krank und ohne Hoffnung des auf? 

 



Erstellt: 09.03.2006

Zuletzt geändert: 09.03.2006