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Karl Lamprecht ( 1856-1915 )

"Denn was nützt dem Historiker für ein volles Verständnis des Vergangenen seine angebliche Beherrschung der Zeit, gebietet er nicht zugleich über die Herrschaft des Raumes?"
Geschichte, Ergänzungsband 2.1, Berlin 1912, S. 132.
"Karl Lamprecht zählt zu den Außenseitern unter den deutschen Historikern. Sein in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unternommener Versuch, "eine einseitige, die politische Seite der Geschichte ausschließlich oder doch ganz vornehmlich ins Auge fassende Geschichtsschreibung durch eine allseitige, dem Ganzen des geschichtlichen Lebens gerecht werdende Geschichtsauffassung zu ersetzten und für diese die richtige wissenschaftliche Methode zu finden", entfesselte den eher berüchtigt als berühmt zu nennenden Methodenstreit in der deutschen Geschichtswissenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ein sachliches Ergebnis hat dieser von Ausfälligkeiten geprägte Streit, in dem Lamprecht allein nahezu der gesamten Historikerzunft gegenüberstand, nicht gebracht, es sei denn, man würde die folgenreiche Diskreditierung der Sozialgeschichte als ein solches ansehen. Eckart Kehr konstatierte Anfang 1933 in diesem Zusammenhang den "totalen Ausschluss der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von der deutschen Universität."
Hans-Josef Steinberg, Karl Lamprecht in: Deutsche Historiker, Bd. 1, Göttingen 1973, S. 58.
"Zu den renommiertesten, aber auch angefochtensten bürgerlichen deutschen Historikern gehörte um die Jahrhundertwende der Leipziger Kulturhistoriker Karl Lamprecht. ER löste mit seiner Geschichtsschreibung den sogenannten Methodenstreit der 1890er Jahre aus und wurde von der akademischen Zunft der deutschen Universitätshistoriker zu einem Außenseiter gestempelt. Vor diesem ,Scharlatan' und ,Erzschwindler', diesem Methodenverderber und ,Verwüster echter Historie' wurden die Studenten nicht nur in Leipzig, sondern auch andernorts gewarnt. [...] Im Gegensatz zu dieser Behandlung stand das internationale Ansehen Karl Lamprechts, das sich bis heute erhalten hat. "
Hans Schleier in: Alternative zu Ranke. Schriften zur Geschichtstheorie, hg. von dems., Leipzig 1988, S. 7.
"Die Tatsache, dass Lamprecht keine Schule begründet hat, kann nicht hinreichende Begründung für die in der Literatur immer wiederholte Feststellung sein, dass er - seit der Jahrhundertwende von der Fachwissenschaft vergessen - praktisch ohne Nachwirkungen geblieben ist. Auch Steinbergs These, dass es Lamprechts unzulänglichem Versuch, Sozialgeschichte im Gewand der Kulturgeschichte zu schreiben, zuzuschreiben sei, dass "das Vordringen der Sozialgeschichte innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft eher gehemmt als gefördert" worden sei, erscheint insofern einseitig, als damit grundlegende Probleme innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft marginalisiert zu werden drohen. Zudem geraten historiographische Strömungen aus dem Blickfeld, die zwar am Rande der dominierenden politischen Historie standen, aber gerade deshalb als "Resonanzboden" auf für Lamprechts Konzeptionen fungiert haben."
Luise Schorn-Schütte in: Notker Hammerstein (Hg.): Karl Lamprecht, Wegbereiter einer deutschen Sozialwissenschaft, Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988, S. 170.
"Karl Lamprecht was the most famous and interesting historian in Wilhelmine Germany . His crusade on behalf of his grand theories of Kulturgeschichte , which purported to capture every facet of human history within a lawful regularity that he himself had defined, also made him the most controversial historian of his era. [...] The persistence of controversy is a sign of how much the great Methodenstreit , which his theories provoked at the end of the last century, continues to color the study of history in Germany at the end of the present century."
Roger Chickering: Karl Lamprecht. A German Academic Life (1856-1915), Atlantic Highlands/NJ 1993, S. 12.
"Sein Versuch, der Grundlagenkrise der Geistes-, insbesondere der Geschichtswissenschaft angesichts der Herausforderung durch die Naturwissenschaft mit der Annahme historischer Regelmäßigkeiten zu begegnen, die er in Anlehnung an die Psychologie als sozialpsych. Gesetzmäßigkeiten formulieren zu können glaubte, führte zu dem seit 1891 erbittert geführten Methodenstreit in der deutschen Geschichtswissenschaft (,Lamprechtstreit'). Seinen method. Neuansatz, der vom engl. und franz. Positivismus entscheidend geprägt war, verband L. mit dem Versuch einer Neubestimmung auch des Gegenstandsbereichs hist. Forsch.; gegen die traditionelle Gesch.schreibung setzte L. seine Auffassung von Kulturgesch., die die Totalität sozialer, wirtsch., polit. und geistiger Erscheinungen erfassen sollte."
Luise Schorn-Schütte in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, Lamprecht, Karl Nathanael (1856-1915), München 1991, S. 175.
"Die fast geschlossene Ablehnung Lamprechts und der Kultur- und Sozialgeschichtsschreibung allgemein hing u.a. mit der Konstituierung und Institutionalisierung des Faches Geschichte in Deutschland zusammen, dessen Repräsentanten bei der Rekrutierung des Nachwuchses von Gymnasiallehrern und Professoren weitgehend auf politischer und ideologischer Konformität bestanden. Dementsprechend kam es zu einem massiven Angriff der etablierten Historikerschafft auf Lamprecht. Das Ergebnis war nicht nur, daß Lamprecht als Historiker isoliert blieb, sondern auch, daß im Fach Geschichte sozialgeschichtliche Ansätze auf lange Zeit behindert und verhindert wurden, im Unterschied zu historischen Nachbardisziplinen wie der Nationalökonomie und der Soziologie."
Georg G. Iggers: Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert, Göttingen 1993, S. 28.
"Obwohl Lamprecht aus der Zunft der deutschen Historiker ausgeschlossen wurde, stieß sein Ansatz außerhalb Deutschlands bei Historikern, die auch selbst im Gegensatz zur traditionellen Ereignisgeschichte standen, auf Interesse. Augenscheinlich ist sein Einfluß auf die Anfänge der französischen Strukturgeschichte und die amerikanische ,neue' Geschichte."
Mirjana Gross in: dies.: Von der Antike bis zur Postmoderne: die zeitgenössische Geschichtsschreibung und ihre Wurzeln, Wien u. a. 1998, S. 216.
"Lamprecht has often been criticized, doubtless rightly, for a lack of historical accuracy in detail, and his complex personality often colored the disputes in which he was involved. Although Lamprecht cannot be said to have founded a school of history, nonetheless he was an inspiring researcher and teacher who constantly encouraged others to tackle new questions and problems."
Gerald Diesener in: Kelly Boyd (Ed.): Encyclopedia of Historians and Historical Writing, Vol. I, London/Chicago 1999, S. 681.
"Seine ,kollektivistische' Geschichtsauffassung, die offen dafür plädierte, historische Gesetzmäßigkeiten zu erfassen, die Geschichte der deutschen Nation als eine Abfolge von ,Kulturzeitaltern' zu deuten und dabei den Massenerscheinungen in Kultur, Gesellschaft und Politik besonderes Augenmerk zu schenken, wurde scharf kritisiert. Lamprecht nahm Ideen des Evolutionismus, nationalökonomischer Wirtschaftsstufenlehren und der Sozialpsychologie auf, um eine neue Grundlage für die Erklärung epochenspezifischer ,Zusammenhänge', für den ,Gleichklang' (Diapason) kultureller, politischer und sozialer Phänomene zu formulieren ..."
Lutz Raphael: Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart, München 2003, S. 73.
25.02.1856 | Geboren in Jessen an der Elster als Sohn von Carl Nathanael Lamprecht (Pastor) und Emilie Auguste, geb. Limberg |
1874-1877 | Studium der Geschichte, Jura und Nationalökonomie in Göttingen, Bonn, Leipzig und München |
1877 | Staatsexamen für das Höhere Lehramt in Leipzig |
1877/78 | Promotion bei Carl von Noorden und Wilhelm Roscher in Leipzig über "Frankreichs wirtschaftliche Verhältnisse im 11. Jahrhundert" |
1879 | Hauslehrer in der Familie des Bankiers Deichmann; Begegnung mit Gustav Mevissen |
1880 | Habilitation bei Wilhelm Maurenbrecher zum Thema: "Der Chronist Dietrich Engelhus" |
1881 | Gründung der "Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde" unter Förderung von Gustav von Mevissen |
1887 | Heirat mit Mathilde Mühle, 2 Kinder |
1890 | Professor für Mittelalterliche und Neuere Geschichte in Marburg |
1891 | Professor für Mittelalterliche und Neuere Geschichte in Leipzig |
1892 | Mitglied der Königlich-Sächsischen Akademie der Wissenschaften |
1893 | Als Reaktion auf die ersten beiden Bände der Deutschen Geschichte entzündet sich der so genannte "Methodenstreit" bzw. "Lamprechtstreit" |
1904 | Reise in die USA, Columbia Lectures |
1906 | Beginn der kulturpolitischen Arbeit mit von Bethmann-Hollweg |
1909 | Eröffnung des Instituts für Kultur- und Universalgeschichte in Leipzig |
1910/11 | Rektor der Universität Leipzig |
1912 | Vorsitzender der "Gesellschaft für Hochschulpädagogik" |
1914 | Gründung des Lehr- und Forschungsinstituts "König Friedrich August-Stiftung für wissenschaftliche Forschung zu Leipzig" (erstes aus privater Initiative entstandene geisteswissenschaftliche Institut) |
10.05.1915 | Gestorben in Leipzig |
1878
Beiträge zur Geschichte des französischen Wirtschaftslebens im elften Jahrhundert, Leipzig 1878.
1885-1886
Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter, 3 Bde., Leipzig 1885-1886 (Aalen 1969)
1887
Skizzen zur Rheinischen Geschichte, Leipzig 1887
1891-1909
Deutsche Geschichte, 12 Bde. 2 unvollendete Bände, Berlin 1891-1909
1896
Alte und neue Richtungen in der Geschichtswissenschaft, Berlin 1896
1896/1897
Was ist Kulturgeschichte? Beitrag zu einer empirischen Historik, in: Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (1896/1897)
1897
Über die Entwicklungsstufen der deutschen Geschichtswissenschaft, in: Zeitschrift für Kulturgeschichte (1897)
1897
Zwei Streitschriften. Den Herren H. Oncken, H. Delbrück, M. Lenz zugeeignet, Berlin 1897
1899
Die historische Methode des Herrn von Below, Berlin 1899
1900
Die kulturhistorische Methode, Berlin 1900
1905
Moderne Geschichtswissenschaft, Freiburg i. Br. 1905
1906
Americana. Reiseeindrücke, Betrachtungen, geschichtliche Gesamtansicht, Freiburg i. Br. 1906
1909
Zur universalgeschichtlichen Methodenbildung, Leipzig 1909
1910
Historische Methode und historisch-akademischer Unterricht, Berlin 1910
1912
Staatsform und Politik im Lichte der Geschichte, Berlin 1912
1913
Der Kaiser. Versuch einer Charakteristik, Berlin 1913
1913
Einführung in das historische Denken, Leipzig 1913 (Leipzig 1971)
1913
1809, 1813, 1815. Anfang, Höhezeit und Ausgang der Freiheitskriege, Berlin 1913
1914
Krieg und Kultur, Leipzig 1914
1914
Deutscher Aufstieg 1750-1914, Gotha 1914
1974
Ausgewählte Schriften zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte und zur Theorie der Geschichtswissenschaft, hg. v. Herbert Schönebaum, Aalen 1974, S. 257-327
2000
Edition des Briefwechsels Karl Lamprecht, hg. von Luise Schorn-Schütte, Köln 2000
Blaschke, Karlheinz: Karl Lamprecht. Schöpferische Unruhe in der Geschichtswissenschaft, in: Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Jahrbuch 1996, S. 72-75.
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Karl Lamprecht: Kulturgeschichtsschreibung zwischen Wissenschaft und Politik, Göttingen 1984.
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Schorn-Schütte, Luise: Lamprecht, Karl Nathanael (1856-1915), in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 175.
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a) Quellen
(N.N.)
b) Sekundärinformationen
Tabellarischer Lebenslauf
Ausführlicher Lebenslauf in tabellarischer Form.
Anbieter: Jessen, der Geburtsort Karl Lamprechts
Kurzartikel
http://www.fraenger.net/per_lamprecht.html
Kurzer Überblicksartikel über Leben und Werk von Karl Lamprecht.
Anbieter: Wilhelm-Fraenger-Gesellschaft
Überblicksdarstellung
http://www.geschichtskultur-online.de/hl1.php?nr=15
Kurzinformationen zu Leben, wissenschaftliches Wirken und Literatur rund um Lamprecht.
Anbieter: Thomas E. Fischer
E-Text
http://www.uni-bamberg.de/sowi/bevoelkerung/dfg_methstr.htm
Aufsatz über den Volksbegriff bei Karl Lamprecht.
Anbieter: Josef Schmidt, Lehrstuhl für Bevölkerungsentwicklung an der Universität Bamberg
Biografie
http://www.bautz.de/bbkl/l/lamprecht_k_g.shtml
Das biographisch-bibliographische Kirchenlexikon - Biografie und besonders Literatur sehr umfangreich.
Anbieter: Verlag Traugott Bautz
Lamprecht-Gesellschaft
http://www.uni-leipzig.de/~zhs/KLG/klgindex.htm
kein Material zu Lamprecht, dafür aber Verweise auf Veranstaltungen zu Lamprecht
Anbieter: Karl-Lamprecht-Gesellschaft e.V., Leipzig
Florian Kiuntke
17.10.2003
Erstellt: 03.03.2006
Zuletzt geändert: 03.03.2006
Index
- Adams, Herbert Baxter
- Bancroft, George
- Beard, Charles Austin
- Becker, Carl Lotus
- Benjamin, Walter
- Bloch, Marc
- Bossuet, Jacques
- Bourdieu, Pierre
- Braudel, Fernand
- Burckhardt, Jacob
- Burgess, John William
- Comte, Auguste
- Croce, Benedetto
- Dilthey, Wilhelm Christian Ludwig
- Droysen, Johann Gustav
- Elias, Norbert
- Foucault, Michel
- Gierke, Otto Friedrich von
- Gramsci, Antonio
- Heimpel, Hermann
- Hintze, Otto
- Kantorowicz, Ernst Hartwig
- La Blache, Paul Vidal de
- Lamprecht, Karl
- Macaulay, Thomas Babington
- Marx, Karl
- Meinecke, Friedrich
- Mignet, François
- Mommsen, Christian Matthias Theodor
- Montaigne, Michel Eyquem de
- Montesquieu, Charles
- Niebuhr, Barthold Georg
- Nietzsche, Friedrich
- Pirenne, Henri
- Rabelais, François
- Ranke, Franz Leopold von
- Rousseau, Jean-Jacques
- Savigny, Friedrich Carl von
- Schlözer, August Ludwig
- Schramm, Percy Ernst
- Taine, Hippolyte
- Tocqueville, Alexis Clérel de
- Treitschke, Heinrich von
- Troeltsch, Ernst
- Voltaire
- Weber, Max


