20. Jahrhundert

Christian Matthias Theodor Mommsen ( 1817-1903 ) 

 


"... und es ist eine gefährliche und schädliche Illusion, wenn der Professor der Geschichte meint, in der Weise Historiker bilden zu können, wie Philologen oder Mathematiker allerdings auf der Universität ausgebildet werden können. Mit mehr Recht als von diesen kann man es von dem Historiker sagen, daß er nicht gebildet wird, sondern geboren, nicht erzogen wird, sondern sich erzieht."

Rede bei Antritt des Rektorats (15. Oktober 1874), in: Wolfgang Hardtwig (Hg.): Über das Studium der Geschichte, München 1990, S. 191. 

 

Stimmen der Forschung

"Mommsen und Ranke stehen gemeinsam an der Spitze der Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts. Rankes Werk ist fast durchweg darstellende Geschichte, Mommsen hingegen verdankt seinen Ruhm nicht allein seiner Meisterschaft in der Beschreibung, sondern auch seinem Beitrag zum Verständnis von Institutionen und der Herausgabe von Inschriften und Quellen. Beide waren einzigartig in ihrer großen Produktivität und der Verbindung kritischer Methoden mit einer synthetischen Geschichtsauffassung. Beide waren die verehrten Lehrer von Generationen von Studenten, und beide wurden alt genug, um ihre unumstrittene Vorrangstellung zu erleben. Mommsens Veröffentlichungen erstrecken sich über einen Zeitraum von über sechzig Jahren. Seine Frühwerke zeigen keine Spur von Unreife, seine Spätwerke nichts von einem Abstieg. Ihm allein gelang die volle Assimilierung und Wiedergabe der römischen Kultur, um die sich seit Scaliger so viele Forscher bemüht hatten. Vor Mommsen war die römische Geschichte genauso unzulänglich wie die europäische Geschichte der Neuzeit vor Ranke." 

George P. Gooch in: ders.: Geschichte und Geschichtsschreiber im 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1964, S. 534-535. 

 

"Die Eigenschaften, die er für einen Historiker für unentbehrlich hielt - juristische, sprachliche und literarische Kenntnisse sowie rasche Auffassungsgabe und eingeborene Genialität, die in der Verzweigtheit der Geschichte Bedeutung und Zusammenhänge erkennt - besaß er selber in einem Ausmaß, das kein anderer moderner Historiker übertroffen hat." 

Fritz Stern (Hg.): Geschichte und Geschichtsschreibung. Texte von Voltaire bis zur Gegenwart, München 1966, S. 195. 

 

"Auf die kürzeste Formel gebracht, erscheint Mommsens Lebensweg in dreifacher Weise exemplarisch: Niebuhrs Wegweisungen folgend, hat Mommsen in der Altertumswissenschaft das Zeitalter des kritischen Realismus eröffnet und durch eine Arbeitsleistung ohnegleichen unser Wissen vom alten Rom gewaltig vermehrt; auch als Gelehrter, als Professor in des Wortes ursprünglicher Bedeutung, hat er sein politisches Temperament niemals verleugnet und die 'Römische Geschichte' zu einem Werk politischer Pädagogik im Sinne seiner liberalen und nationalen Ideale gestaltet; er hat es, wie wenige Historiker, verstanden, der Geschichtsschreibung in der großen, unvergänglichen Literatur einen Platz zu erobern (Nobel-Preis 1902)." 

Albert Wucher in: Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Historiker, Bd. 1, Göttingen 1973 S. 383. 

 

"Mommsen als Geschichtsschreiber ist eine im höchsten Grade eigentümliche, um nicht zu sagen befremdliche Größe. In einem langen Leben von sechsundachtzig Jahren, das bis zum Bersten mit Arbeiten seiner Feder angefüllt ist, erschien er nur ein einziges Mal in der Gestalt des Geschichtsschreibers, als Autor seiner auch heute noch nicht vergessenen Römischen Geschichte. Daß Historiker in der Ruhmeshalle des menschlichen Geistes einen hervorragenden Platz einnehmen, ist ohnehin, sieht man von den antiken Klassikern ab, recht ungewöhnlich. […] Daß ein berühmter Historiker nur ein einziges Mal zur Geschichtsschreibung ansetzt, dann die diesem Geschäft gewidmete Feder wieder weglegt, und trotzdem gleich durch den ersten Versuch ein weithin berühmter Mann wird, ist etwas schier Einmaliges […]" 

Alfred Heuss in: Notker Hammerstein: Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988, S. 37. 

 

"Die Generation der heute Lehrenden und Lernenden sieht Mommsen freilich anders als seine Zeitgenossen. Die berühmte 'Römische Geschichte' ist zu einem klassischen Stück deutscher Kunstprosa geworden, aber keineswegs mehr Allgemeinbesitz des deutschen Bürgertums. Das starke politische Engagement Mommsens dagegen, das ihm zu seinen Lebzeiten so oft verdacht wurde, findet größeres Verständnis in einer Zeit, welche feststellen kann, dass Mommsen manche Fehlentwicklungen der deutschen Politik richtiger voraussah als seine einstigen optimistischen Widersacher. Das Werk des Forschers und des Gelehrten endlich behielt auch aus der Distanz seine fundamentale Bedeutung, die von Mommsen inaugurierten Projekte des wissenschaftlichen Großbetriebs beschäftigen die Spezialisten zum Teil noch heute, der Schatten seines Wirkens reicht bis in die Gegenwart." 

Karl Christ: Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker der Neuzeit, Darmstadt 1989, S. 84. 

 

"Wie alle großen Geschichtsschreiber, so brachte auch M. wesentlich seine Person mit ein, so dass seine Fragen, Begriffe und Sichtweisen nicht immer mehr die unsrigen sein und von uns oft nur schwer verstanden werden können. Auch ist die Forschung erheblich fortgeschritten. Insofern ist M.s Darstellung veraltet. Sie enthält aber doch auch so zahlreiche kluge Urteile und Beobachtungen (auch gegen heutige Irrtümer!), dass sie nicht nur der hohen Kunstform, sondern auch ihres Inhalts wegen weiterhin sehr lesenswert ist." 

Hartmut Wolff in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 216f. 

 

"Mommsens wissenschaftliche und organisatorische Leistung ist unerreicht. Die Erforschung der römischen Geschichte baut auf seinem Lebenswerk auf. Die von ihm initiierten Großprojekte der Berliner Akademie, die zum Teil heute noch nicht abgeschlossen sind, bieten die unverzichtbare Quellengrundlage für eine Vielzahl althistorischer Studien. Die fruchtbare Auseinandersetzung mit dem eindrucksvollen Bild, das er von der römischen Geschichte und vom römischen Staatsrecht gezeichnet hat, dauert an. Sein Eintreten für nationale und internationale Kooperation ist richtungweisend." 

Stefan Rebenich: Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2002, S. 232. 

 

Biografie

30.11.1817 

Geboren in Garding (Schleswig) als Sohn von Jens Mommsen (Pfarrer) und Sophie Elisabeth, geb. Krumbhaar 

1834-1843 

Studium der Rechtswissenschaften und Philologie in Kiel 

1843 

Promotion bei Georg Christian Burchardi, Thema: "Ad legem de scribis et viatoribus et De auctoritate" 

1844-1847 

Stipendium des dänischen Königs für epigraphische Forschungen in Italien 

1848 

Journalist bei der "Schleswig-Holsteinischen Zeitung" 

1848 

Professor für Römisches Recht in Leipzig 

1851 

Aberkennung der Professur (Kritik am Verfassungserlass des sächsischen Königs) 

1852 

Professor für Recht an der Universität in Zürich 

1854 

Ordinarius an der Universität Breslau 

1854 

Heirat mit Marie Auguste Reimer, 16 Kinder 

1858 

Berufung an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin 

1861-1888 

Professor für Römische Geschichte in Berlin 

1863-1866 

Abgeordneter der "Deutschen Fortschrittspartei" im preußischen Abgeordnetenhaus 

1870/71 

Ausschluss aus der "Société nationale de Antiquaires de France" 

1873-1879 

Abgeordneter der Nationalliberalen im preußischen Abgeordnetenhaus 

1874/75 

Rektor der Berliner Universität 

1879 

Berliner Antisemitismusstreit: Kritik an Heinrich von Treitschke an dessen Warnungen vor einem gefährlichen Einfluss des Judentums in Deutschland 

1881 

Beleidigungsklage von Bismarck gegen Mommsen, Freispruch 

1881-1884 

Mitglied des Reichstags für die Linksliberalen ("Secessionisten") 

1902 

Nobelpreis für Literatur 

01.11.1903 

Gestorben in Charlottenburg 

 

Werke (Auswahl)

1852 

Herausgeber der "Inscriptiones regni Neapolitani Latinae", Leipzig 1852 

1843 

De collegiis et sodaliciis Romanorum. Accedit inscriptio Lanuvina, Kiel 1843 

1843 

(Zusammen mit Theodor Strom) Liederbuch dreier Freunde, Kiel 1843 

1844 

Die römischen Tribus. In Administrativer Beziehung, Altona 1844 

1849 

Die Grundrechte des deutschen Volkes. Mit Belehrungen und Erläuterungen, Leipzig 1849 

1850 

Über das römische Münzwesen, Leipzig 1850 

1854-1856 

Römische Geschichte, 3 Bde., Leipzig 1854-1856 (München 2001) 

1858ff 

Herausgeber der Quellensammlung "Corpus Inscriptiorum Latinarum", Berlin 1858ff. 

1860 

Geschichte des römischen Münzwesens, Berlin 1860 (Graz 1956) 

1864 

Römische Forschungen, Berlin 1864 

1871 

Letters on the War Between Germany and France, London 1871 

1871-1888 

Römisches Staatsrecht, Leipzig 1871-1888 (Göttingen 1998) 

1880 

Auch ein Wort über unser Judenthum, Berlin 1880 

1893 

Abriss des römischen Staatsrechts, Leipzig 1893 

1885 

Römische Geschichte, Bd. 5, Die Provinzen. Von Caesar bis Diocletian, Berlin 1885 

1899 

Römisches Strafrecht, Leipzig 1899 (Aalen 1990) 

1905-1913 

Gesammelte Schriften, 8 Bde., Berlin 1905-1913 (Berlin 1965) 

 

Sekundärliteratur

Behne, Frank: Heinrich Siber und das Römische Staatsrecht von Theodor Mommsen. Ein Beitrag zur Rezeptionsgeschichte Mommsens im 20. Jahrhundert, Hildesheim/New York 1999. 

Berding, Helmut: Theodor Mommsen. Das Problem der Geschichtsschreibung, in: Peter Alter, Wolfgang J. Mommsen, Thomas Nipperdey (Hgg.): Geschichte und politisches Handeln. Studien zu europäischen Denkern der Neuzeit. Theodor Schieder zum Gedächtnis, Stuttgart 1985, S. 234-260. 

Christ, Karl: Theodor Mommsen: Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker der Neuzeit, Darmstadt 1972. 

Demandt, Alexander: Mommsens ungeschriebene Kaisergeschichte, in: Jahrbuch der Berliner Wissenschaftlichen Gesellschaft 1983, Berlin 1984, S. 147-161. 

Demandt, Alexander: Mommsen in Berlin, in: Wolfgang Treue/Karlfried Gründer (Hg.): Wissenschaftspolitik in Berlin. Minister, Beamte, Ratgeber, Berlin 1987, S. 149-173. 

Demandt, Alexander: Mommsen zum Niedergang Roms, in: HZ 261 (1995), S. 23-49. Di Iorio, Antonino:
Theodor Mommsen nel Sannio antico. Atti del Convegno di Studi, Pietrabbondante, 7 novembre 1998, Rom 1999.

Gizewski, Christian: Ein nötiger Rekonstruktionsversuch. Theodor Mommsens Römische Kaisergeschichte, in: HZ 259 (1994), S. 109-118. 

Heuss, Alfred: Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert, Kiel 1956. 

Heuss, Alfred: Theodor Mommsen als Geschichtsschreiber, in: Notker Hammerstein (Hg.): Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988, S. 37-95. 

Kuczynski, Jürgen: Theodor Mommsen. Porträt eines Gesellschaftswissenschaftlers (Studien zur Geschichte der Gesellschaftswissenschaften 9), Berlin 1978. 

Momigliano, Arnoldo: Wege in die Alte Welt, Frankfurt a. M. 1995. 

Rebenich, Stefan: Theodor Mommsen und Adolf Harnack. Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Berlin 1997. 

Rebenich, Stefan: Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2002. 

Southard, Robert F.: Mommsen, Theodor. German Historian of the Ancient World, in: Kelly Boyd (Hg.): Encyclopedia of Historians and Historical Writing, Bd. 2, London/Chicago 1999, S. 827f. 

Weber, Wilhelm: Theodor Mommsen. Zum Gedächtnis seines 25. Todestages, Stuttgart 1929. 

Wickert, Lothar: Theodor Mommsen. Eine Biographie, 4 Bde., Frankfurt a. M. 1959-1980. 

Wolff, Hartmut: Mommsen, Theodor (1817-1903), in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.):  Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 215-217.

Wucher, Albert: Theodor Mommsen. Geschichtsschreibung und Politik, Göttingen 1956. 

Zangemeister, Karl u. a. (Hg.): Theodor Mommsen als Schriftsteller. Ein Verzeichnis seiner Schriften, Hildesheim 2000. 

 

Links

a) Quellen 

 

(N.N.) 

 

b) Sekundärinformationen 

 

Nachlass 

http://dichterwiki.lib.byu.edu/index.php5/Mommsen,_Theodor,_1817-1903

Verzeichnis der Archive, in denen Originale und Korrespondenz von Theodor Mommsen erhältlich sind.
Anbieter: Harold B. Lee Library, Brigham Young Universität

 

Lebenslauf 

http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/MommsenTheodor/

Tabellarischer Lebenslauf von Theodor Mommsen.
Anbieter: Deutsches Historisches Museum, Berlin

 

Familie 

http://www.mommsen.de

Die Homepage der Familie Mommsen mit Informationen und Stammbaum rund um Theodor Mommsen.
Anbieter: Jens Mommsen

 

Historikergalerie 

http://www.geschichte.hu-berlin.de/ifg/galerie/texte/mommsen.htm

Komprimierte Informationen über Leben und Werk Mommsens.
Anbieter: Rüdiger vom Bruch, Institut für Geschichte, Humboldt Universität Berlin

 

Lesetexte 

http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Auditorium/Historik/Mommsen.htm

Ausgewählte Texte zu Mommsens Historikkonzept mit Literaturangabe und kurzer Besprechung.
Anbieter: Projekt "Alte Geschichte im WWW", Fakultät 1 Geisteswissenschaften, Technische Universität Berlin

 

Rezension 

http://research.ncl.ac.uk/histos/documents/1997.RD04RebenichHeussTheodorMommsen188191.pdf

Rezension von Alfred Heuss: Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert durch in englischer Sprache.
Anbieter: Stefan Rebenich

 

Museum 

http://www.museen-sh.de/Museum/DE-MUS-051716

Informationen zum Museum in Mommsens Geburtshaus in Garding.
Anbieter: Museumsverband Schleswig-Holstein e. V.

 

Jubiläum  

http://www.mommsen-initiative.de/

Online-Angebot der Mommsen-Initiative des Landes Schleswig-Holstein u.a. mit Terminen und Informationen rund um den 100sten Todestag Mommsens.
Anbieter: Mommsen-Initiative Schleswig Holstein in Zusammenarbeit mit HIP (Historiker in der Praxis, Universität Kiel)

 

Heimatstadt 

http://www.garding.de/mommsen.html

Informationen rund um das Leben des Historikers und Schriftstellers Theodor Mommsen.
Anbieter: Stadt Garding in Zusammenarbeit mit HIP

 

Nobelpreis 

http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1902/

Online-Angebot des Nobelpreis-Komitees mit Informationen rund um Theodor Mommsen und seiner Preisverleihung.
Anbieter: Nobelpreis-Komitee, Schweden

 

Lexikonartikel http://emuseum.mnsu.edu/information/biography/klmno/mommsen_theodor.html

Lexikonartikel über Theodor Mommsen in englischer Sprache.
Anbieter: Emuseum, Minnesota State University

 

Florian Kiuntke 

21.09.2003 

 



Erstellt: 10.03.2006

Zuletzt geändert: 31.07.2013