20. Jahrhundert

Friedrich Meinecke ( 1862-1954 ) 

 


"Große Geschichtsschreibung entspringt immer aus der werdenden Geschichte selbst, das heißt aus dem Leben, und erhält ihre erste Grundrichtung durch die Lebenskämpfe und Lebensziele, in deren Mitte der Erzähler steht."

Zur Entstehung des Historismus und des Schleiermacherschen Individualitätsgedanken, in: Eberhard Kessel (Hg.): Zur Theorie und Philosophie der Geschichte, Stuttgart 1965 (Werke 4), S. 216. 

 

Stimmen der Forschung

"The tragedy of Friedrich Meinecke subsisted in his inability to come to terms with the course of twentieth-century German history, or better, with the ascendancy of mass politics within this history, in reality the motive power of it." 

Robert A. Pois: Friedrich Meinecke and German Politics in the Twentieth Century, Berkeley u. a. 1972, S. 144. 

 

"Dank eines [...] langen Lebens und einer bis ins hohe Alter bewahrten Fähigkeit, zu den Zeitveränderungen als traditionsbewußter und doch umlernbereiter Historiker Stellung zu nehmen, hat Meinecke jahrzehntelang eine erstaunlich starke, von keinem anderen Neuhistoriker seiner Zeit erreichte Wirkung auf die deutsche Geschichtswissenschaft und auf weite Kreise des gebildeten Bürgertums ausgeübt. Das geschah durch seine drei ideengeschichtlichen Hauptwerke, durch seine Tätigkeit als Herausgeber der Historischen Zeitschrift (1896-1935) und durch seine zahlreichen geschichtstheoretischen und politischen Aufsätze. Beherrschend oder repräsentativ für die deutsche Geschichtswissenschaft wird man aber die Richtung dieses keineswegs autoritären oder auch nur lautstarken Historikers nur nennen, wenn man verdecken möchte, dass die Überzahl seiner Kollegen wissenschaftlich in der herkömmlichen politischen Geschichtsschreibung und politisch im antidemokratischen machtstaatlichen Nationalismus befangen blieb." 

Ernst Schulin in: Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Historiker, Bd. 1, Göttingen 197 3, S. 39. 

 

"Sicherlich kann man nicht erwarten, dass Meinecke heute, [.], noch einen so ungewöhnlich intensiven Eindruck auf seine Leser macht, wie das zu seinen Lebzeiten der Fall war und auch noch weitgehend für meine eigene Studentengeneration galt. Seine Sprache klingt inzwischen recht altmodisch. [.] Ob seine Form der individualisierten Ideengeschichte in gleichem Grade passé ist, möchte ich bezweifeln. Neben anderen Formen wird die eindringliche verstehende Beschäftigung mit der Geistesstruktur einer einzelnen Persönlichkeit immer ihren Wert behalten." 

Ernst Schulin: Friedrich Meinecke in der deutschen Geschichtswissenschaft, in: Michael Erbe (Hg.): Friedrich Meinecke heute, Berlin 1981, S. 46. 

 

"Gewöhnlich wird Meinecke im Vergleich zu anderen deutschen Historikern eine auffallende geistige Weite bescheinigt; Philosophie und Politik bezog er in sein geschichtliches Denken und Forschen ein und war dadurch fähig, die europäische Geistesgeschichte seit Machiavelli zu überblicken. Und was die "messerscharfe Intelligenz" betrifft, so wird sonst eher Meineckes starke Gefühlsbestimmtheit in der Interpretation der Geschichte und der geschichtlichen Persönlichkeiten hervorgehoben; wie er selber das Seelische, das unerklärbare Individuelle gegen den Rationalismus der Aufklärung betonte." 

Ernst Schulin in: Notker Hammerstein (Hg.): Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988, S. 313. 

 

"Seit Beginn der zwanziger Jahre suchte Meinecke in geschichtstheoretischen Erörterungen einen Ausweg aus der ,Krise des Historismus', einer der großen und unmittelbar bewegenden intellektuell-moralischen Streitfragen der Epoche. In seinem geistesgeschichtlichen Alterswerk ,Die Entstehung des Historismus' (1936) verengte er gegenüber Ernst Troeltsch, Otto Hintze und Max Weber das Historismus-Problem in mehrerer Hinsicht. Er reduzierte den Historismus auf eine spezifisch ,deutsche Bewegung', vernachlässigte die tatsächliche, stark von aufklärerischen Impulsen vorangetriebene Wissenschaftsgeschichte ebenso wie die umfassende Ausbreitung des Historismus im Laufe des 19. Jahrhunderts und löste seine Widersprüche idealiter in einem für den Historismus in Anspruch genommenem Goetheschen Geschichtsdenken auf." 

Wolfgang Hardtwig: Über das Studium der Geschichte, München 1990, S. 260. 

 

"[Meinecke] gilt als der Begründer der politischen Ideengeschichte und als wichtiger Vertreter der Geistesgeschichte. Sein Oeuvre reflektiert die Brüche der deutschnationalen Geschichte vom 19. Jahrhundert bis in die Zeit nach dem II. Weltkrieg. [...] Trotz aller Zeitbedingtheit und der prinzipiellen Begrenzungen seiner von der Gesellschaftsgesch. abstrahierenden Ideengesch. sind M.s Analysen u. Skizzen noch heute anregend." 

Bernd Faulenbach in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 202. 

 

"Meineckes unzeitgemäße Weltanschauung - so könnte man zugespitzt formulieren - hat seinen Vernunftrepublikanismus getragen und ihn nach 1945 modern erscheinen lassen. Ist diese Hypothese aufrechtzuerhalten, dann allerdings wird Meinecke weder weiterhin als sich selbst läuternder Gelehrter bewundert, noch als reaktionärer Kulturaristokrat verdammt werden können." 

Stefan Reinecke: Friedrich Meinecke. Persönlichkeit und politisches Denken bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Berlin 1995, S. 59. 

 

"Friedrich Meinecke nimmt in der deutschen Geschichtsschreibung einen besonderen Platz ein, nicht zuletzt wegen seines langen Lebens, das es ihm ermöglichte, die großen geschichtlichen Umwälzungen von 1914 bis 1945 zu kommentieren. Er tat dies im Geiste des 19. Jahrhunderts, mit neuen Deutungen, die diesen Rahmen aber nicht sprengten." 

Mirjana Gross: Von der Antike bis zur Postmoderne: die zeitgenössische Geschichtsschreibung und ihre Wurzeln, Wien u. a. 1998, S. 259. 

 

"Meinecke did not found a school of historiography, but his emphasis on the history of ideas and how they shaped politics influenced generations of scholars in Europe and America . With the advent of the social sciences within historical research and its emphasis on the meticulous analysis of facts, rather than on intuitive understanding or on colorful and atmospheric portrayals, Meinecke`s influence considerably abated. It remains to be seen if his deep insights into history will be rediscovered by the post-modern approaches to history." 

Matthias Zimmer in: Boyd, Kelly (Ed.): Encyclopedia of Historians and Historical Writing, Vol. II, London/Chicago 1999, S. 797. 

 

"Meineckes Ideengeschichte schreckte jedoch wie die übrigen Whig-histories davor zurück, den Schritt der Historisierung soweit zu treiben, dass er die Rahmenbedingungen und Bezugspunkte dieser neuzeitlichen politischen Ideen: Nation und Staat selbst in distanzierter Weise historisierte. Als moralisch-politische Orientierungspunkte blieben sie erhalten." 

Lutz Raphael: Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart, München 2003, S. 166. 

 

Biografie

30.10.1862 

Geboren in Salzwedel als Sohn des Postbeamten Friedrich Ludwig Meinecke und seiner Frau Sophie Julie, geb. Heinemann 

1882 

Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie in Bonn und Berlin 

1885 

Ehe mit Antonie Delhaes, vier Töchter 

1886 

Promotion bei Reinhard Koser zum Thema: "Das sogenannte Stralendorffsche Gutachten und der Jülische Erbfolgestreit von 1609" 

1887 

Eintritt in den Archivdienst 

1893-1896 

Redakteur der "Historischen Zeitung" 

1896 

Habilitation bei Heinrich von Sybel mit einer Studie über den Feldmarschall Hermann von Boyen 

1896-1935 

Herausgeber der "Historischen Zeitschrift" 

1901 

Professor für Geschichte in Straßburg 

1906 

Professor für Geschichte in Freiburg 

1914 

Professor für Geschichte in Berlin 

1928-1934 

Vorsitzender der Historischen Reichskommission 

1932 

Emeritierung 

1948 

Ernennung zum ersten Direktor der Freien Universität Berlin 

1952 

Verleihung des Ordens Pour le mérite 

06.02.1954 

Gestorben in Berlin 

 

Werke (Auswahl)

1886 

Das Stralendorffsche Gutachten und der Jüliche Erbfolgestreit, Diss. Berlin 1886 

1896 

Das Leben des Generalfeldmarschalls Hermann von Boyen, Bd. 1 (1771 bis 1814), Stuttgart 1896 

1906 

Das Zeitalter der deutschen Erhebung 1795-1815, Bielefeld 1906. 

1908 

Weltbürgertum und Nationalstaat. Studie zur Genesis des deutschen Nationalstaats, München 1908 

1913 

Radowitz und die deutsche Revolution, Berlin 1913 

1914 

Die Deutsche Erhebung von 1914. Stuttgart/Berlin 1914 

1918 

Preußen und Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert. Historische und Politische Aufsätze, München 1918 

1924 

Die Idee der Staatsräson in der neueren deutschen Geschichte, München 1924 

1927 

Geschichte des deutsch-englischen Bündnisproblems 1890-1901, München/Berlin 1927 

1936 

Die Entstehung des Historismus. 2. Bde., München 1936 

1939 

Vom geschichtlichen Sinn und vom Sinn der Geschichte, Leipzig 1939 

1940 

Preußisch-deutsche Gestalten und Probleme, Leipzig 1940 

1941 

Erlebtes 1862-1901, Leipzig 1941. 

1941 

Aphorismen und Skizzen zur Geschichte, Leipzig 1941 

1946 

Die deutsche Katastrophe, Wiesbaden 1946 

1948 

Schaffender Spiegel, Stuttgart 1948 

1949 

Straßburg-Freiburg-Berlin, 1901-1919. Erinnerungen, Stuttgart 1949 

1957-1979 

Friedrich Meinecke. Werke, hg. von Hans Herzfeld, 9 Bde., Darmstadt 1957-1979 

 

Sekundärliteratur

Baldini, Enzo A.: La ragion di Stato dopo Meinecke e Croce. Dibattito su recenti pubblicazioni. Atti del Seminario Internazionale di Torino, 21-22 ottobre 1994, Genua 2001. 

Breisach, Ernst A.: Friedrich Meinecke. Comment, in: Hartmut Lehmann/James von Horn Melton (Hgg.): Paths of Continuity: Central European Historiography from the 1930s to the 1950s, Washington D.C. 1994, S. 73-81. 

Erbe, Michael (Hg.): Friedrich Meinecke heute. Bericht über ein Gedenk-Colloquium zu seinem 25. Todestag am 5. und 6. April (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin 31), Berlin 1991. 

Faulenbach, Bernd: Meinecke, Friedrich (1862-1954), in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 202-205. 

Geiss, Immanuel: Kritischer Rückblick auf Friedrich Meinecke, in: Immanuel Geiss: Studien über Geschichte und Geschichtswissenschaft, Frankfurt a. M. 1972, S. 89-107. 

Hofer, Walther: Geschichtsschreibung und Weltanschauung. Gedanken zum Werke Friedrich Meineckes, München 1950. 

Iggers, Georg G.: The German Conception of History: The National Tradition of Historical Thought from Herder to the Present, Middletown 1968. 

Klueting, Harm: "Vernunftrepublikanismus" und "Vertrauensdiktatur". Friedrich Meinecke in der Weimarer Republik, in: HZ 242 (1986), S. 69-98. 

Knudsen, Jonathan B: Friedrich Meinecke (1862-1954), in: Hartmut Lehmann/James von Horn Melton (Hgg.): Paths of Continuity: Central European Historiography from the 1930s to the 1950s, Washington D.C. 1994, S. 49-71. 

Meinecke, Stefan: Friedrich Meinecke. Persönlichkeit und politisches Denken bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Band 90), Freiburg i. Br. 1995. 

Pois, Robert A.: Friedrich Meinecke and German Politics in the Twentieth Century, Los Angeles 1972. 

Rüsen, Jörn: Die Krise des Historismus in unzeitgemäßer Erneuerung - Friedrich Meineckes "Entstehung des Historismus", in: Jörn Rüsen: Konfigurationen des Historismus, Studien zur deutschen Wissenschaftskultur, Frankfurt a. M. 1993, S. 331-356. 

Schmidt, Gustav: Deutscher Historismus und er Übergang zur parlamentarischen Demokratie. Untersuchungen zu den politischen Gedanken von Meinecke, Troeltsch, Max Weber, Lübeck/Hamburg 1964. 

Schulin, Ernst: Friedrich Meinecke: in: Hans Ulrich Wehler (Hg.): Deutsche Historiker I, Göttingen 1971, S. 39-57. 

Schulin, Ernst: Friedrich Meineckes Stellung in der Deutschen Geschichtswissenschaft, in: HZ 230 (1980), S. 3-29. 

Sterling, Richard W.: Ethics in a World of Power: The Political Ideas of Friedrich Meinecke, Princeton 1958. 

Szczekalla, Michael: Meineckes Hume. Naturrecht und Historismus, in: Archiv für Kulturgeschichte 80 (1998), S. 435-452. 

Tessitore, Fulvio: Friedrich Meinecke. Storico delle idee, Florenz 1969. 

Zimmer, Matthias: Meinecke, Friedrich. German Historian, in: Kelly Boyd (Ed.): Encyclopedia of Historians and Historical Writing, Vol. II, London/Chicago 1999, S. 796f. 

 

Links

a) Quellen 

 

(N.N.) 

 

b) Sekundärinformationen 

Historikergalerie 

http://www.geschichte.hu-berlin.de/ifg/galerie/texte/meinecke.htm

Biographischer Eintrag
Anbieter: Rüdiger vom Bruch: Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin

 

Referat 

http://www.wiwi.uni-frankfurt.de/professoren/schefold/docs/meinecke-lang.pdf

Biographie, Analyse seiner Werke unter besonderer Beachtung des Historismusproblems sowie Literaturverzeichnis der Primär- und Sekundärliteratur.
Anbieter: Johannes Gerhardt, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Frankfurt

 

Biografie 

http://www.age-of-the-sage.org/sources/Friedrich_Meinecke.html

Biographie und Darstellung Friedrich Meineckes Werke unter besonderer Gewichtung von "Weltbürgertum und Nationalstaat".
Anbieter: Ein Internetprojekt "age-of-the-sage.org", dass sich mit Mythologie und Weltreligionen beschäftigt

 

Biografie 

http://www.bautz.de/bbkl/m/meinecke_f.shtml

Das biographisch-bibliographische Kirchenlexikon - Biografie und besonders Literatur sehr umfangreich.
Anbieter: Verlag Traugott Bautz

 

Florian Kiuntke , Katja Wilhelm 

10.10.2003 

 



Erstellt: 10.03.2006

Zuletzt geändert: 10.03.2006