20. Jahrhundert

Hermann Heimpel ( 1901-1988 ) 

 

"Wir gehen nicht von den Problemen zu den Quellen, sondern von den Quellen zu den Problemen. Da wir nun einmal einen in solcher Reichlichkeit wohl einmaligen Quellenstoff aufgedeckt haben, war die Absicht keine andere als die: das uns Überlieferte auszupressen." 

Die Vener von Gmünd und Strassburg 1162 - 1447. Studien und Texte zur Geschichte einer Familie sowie des gelehrten Beamtentums in der Zeit der abendländischen Kirchenspaltung und der Konzilien von Pisa, Konstanz und Basel, Göttingen 1982 , S. 18. 

 

Stimmen der Forschung

"Heimpel mahnte an, was für die Historiker der DDR selbstverständliche Pflicht war. In der Geschichtswissenschaft der DDR wurde nämlich zu Anfang der fünfziger Jahre die selbstkritische Beschäftigung mit dem ,Irrweg der Nation' abgelöst durch eine bewusste Zuwendung zu Themen, die ,echten Patriotismus' hervorrufen sollten. Heimpels Feststellung, dass sich die Geschichtswissenschaft im westlichen Teil Deutschlands ,gleichzeitig durch weltgeschichtliche Extensität und durch landesgeschichtliche Intensität' auszeichne, Fragen nationaler Art hingegen ausspare, wertete Leo Stern als ,das klare Eingeständnis der Krise der bürgerlichen Geschichtsschreibung der Gegenwart'." 

Klaus Schreiner: Wissenschaft von der Geschichte des Mittelalters nach 1945. Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Mittelalterforschung im geteilten Deutschland, in: Ernst Schulin/Elisabeth Müller-Luckner (Hgg.): Deutsche Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1965), München 1989, S. 96-97. 

 

"Er war einer der führenden Mediävisten seiner Generation, der vielfach anregend wirkte, auch für die Organisation der deutschen Geschichte." 

Wolfgang Stump in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 130. 

 

"An Heimpel, dem begnadeten Dozenten und Wissenschaftler, ist dessen stupende Gelehrsamkeit zu rühmen, ebenso, daß er persönlich stets gedankliche wie fachliche Integrität wahren wollte. Dennoch hat sein Werk die nationalsozialistische Eroberungspolitik wirksam unterstützt. Erst nachträglich hat er sein Versagen eingestanden." 

Winfried Schulze/Gerd Helm/Thomas Ott: Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Beobachtungen und Überlegungen zu einer Debatte, in: Winfried Schulze/Otto G. Oexle (Hgg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999, S. 11-48, S. 21.

 

"Er gehörte seit Beginn der fünfziger Jahre bis zu seiner Emeritierung (1966) zu den bekanntesten, einflußreichsten und am höchsten angesehenen Geisteswissenschaftlern der Bundesrepublik Deutschland. [...] Alles, was ihn hinsichtlich Ausstrahlung, Begabung, Biographie und Charakter einst dafür ausgezeichnet hat, ließ ihn jetzt zum bevorzugten Opfer einer sogenannten ,Vatermord'-Kampagne werden, die freilich wie auch sonst bei der NS-Aufarbeitung weniger von  ,Söhnen' und ,Töchtern' als (mit deren Rückendeckung?) von ,Enkeln' betrieben wird. Diese werden damit vielleicht Karriere machen (einige sind wirklich Opportunisten, was Heimpel nie war), aber gewiß nicht zur erstrebten Unabhängigkeit von ihren ,Vätern' gelangen." 

Hans Erich Troje: Hermann Heimpel (1901-1988), http://www.jura.uni-frankfurt.de/Troje/Heimpel.html [1999], 30.12.2003. 

 

"[.] in den politisch-historischen Deutungen des zeitgeschichtlichen Geschehens blieb Heimpel vielfach beim alten. Hatte er 1933 die Deutschen in ihrer Geschichte als die seit Jahrhunderten leidenden Opfer Frankreichs und seiner imperialistischen Ausdehnungspolitik dargestellt (womit nun aber das ,Dritte Reich' ein Ende gemacht habe), so seien gleichwohl die Deutschen auch nach 1933 Opfer geblieben, wie Heimpel in seiner in den 1950er Jahren gehaltenen Vorlesung ,Deutsche Geschichte' mit Überlegungen über ,das Volk von Weimar' (d.h. der Weimarer Republik) und das Volk von Nürnberg' (d.h. die Teilnehmer an den Reichsparteitagen der NSDAP) den Göttinger Studenten erläuterte [.]" 

Otto G. Oexle in: Von der völkischen Geschichte zur modernen Sozialgeschichte, in: Heinz Duchhardt/Gerhard May (Hgg.): Geschichtswissenschaft um 1950, Mainz 2002, S. 30. 

 

Biografie

19.09.1901 

Geboren in München als Sohn eines Bahningenieur 

1920-1924 

Studium der Geschichte in München und Freiburg i. Br. 

1920 

Kampf im "Freicorps Epp" im Ruhrgebiet 

08.11.23 

Anwesend bei Hitlers Putschversuch im Bürgerbräukeller in München 

1924 

Promotion in Freiburg i. Br. bei Georg von Below über das Thema "Das Gewerbe der Stadt Regensburg von den Anfängen bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts" 

1924-1927 

Wissenschaftlicher Assistent an der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg i. Br. 

1927 

Habilitation in Freiburg i. Br. bei Heinrich Finke und Georg von Below über das Thema "König Sigismund und Venedig" 

1927-1931 

Privatdozent in Freiburg i. Br. 

1931 

Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Freiburg i. Br. 

1934 

Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Leipzig 

1936 

Mitglied der Historischen Kommission der Sächsischen Akademie der Wissenschaften 

1941 

Professor für Geschichte an der Universität Straßburg, mit Verlust der Universität Straßburg ohne Amt 

1945-1946 

Entnazifizierungsverfahren, ein Ruf an die Universität München scheitert 

1946 

Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica 

1950-1966 

Professor für Geschichte an der Universität Göttingen  

1953 

Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz 

1956-1971 

Erster Leiter des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen 

23.12.1988 

Gestorben in Göttingen 

 

Werke (Auswahl)

1926 

Das Gewerbe der Stadt Regensburg im Mittelalter, Stuttgart 1926 

1932 

Dietrich von Niem (1340-1418), Münster 1932 

1933 

Deutschlands Mittelalter, Deutschlands Schicksal. 2 Reden ,
Freiburg i. Br. 1933 (Freiburg i. Br. 1935)

1937 

Bemerkungen zur Geschichte König Heinrichs des Ersten, Leipzig 1937 

1941 

Deutsches Mittelalter, Leipzig 1941 

1942 

Kaiser Friedrich Barbarossa und die Wende der staufischen Zeit. Rede 1942, Straßburg 1942 

1943 

Karl der Kühne und Deutschland, in: Elsaß-Lothringisches Jahrbuch 21 (1943), S. 2-54 

1951 

Nürnberg und das Reich des Mittelalters. Festrede zur Neunhundertjahrfeier der Stadt Nürnberg gehalten am 16. Juli 1950, München 1951 

1951 

Der Mensch in seiner Gegenwart, Göttingen 1951 

1952 

Mittelalter und Nürnberger Prozeß, Münster 1952 

1954 

Gedanken zu einer Selbstbesinnung der Deutschen, Göttingen 1954 

1954 

Schuld und Aufgabe der Universität, Göttingen 1954 

1954 

Der Mensch in seiner Gegenwart. Sieben historische Essais, Göttingen 1954 

1956 

Probleme und Problematik der Hochschulreform. Einleitung zu der von der ständigen Konferenz der Kultusminister und der Westdeutschen Rektorenkonferenz vom 19. bis 22. Okt. 1955 in Bad Honnef abgehaltenen Hochschulreformtagung, Göttingen 1956 (Göttingen 1962) 

1956 

Über den Tod für das Vaterland, Hannover (Landeszentrale für Heimatdienst in Niedersachsen) 1956 

1956 

Kapitulation vor der Geschichte? Gedanken zur Zeit, Göttingen 1956 

1957 

Deutschland im späteren Mittelalter, Konstanz 1957 

1957 

Der Mensch in seiner Gegenwart. Acht historische Essais, Göttingen 1957 

1957 

Die großen Deutschen, 5 Bde., hg. von Hermann Heimpel/Theodor Heuss/Benno Reifenberg, Berlin 1957 

1958 

Hg.: Deutsche Reichstagsakten. Ältere Reihe, Göttingen 1958 

1958 

Minima academica, Göttingen 1958 

1959 

Über Geschichte und Geschichtswissenschaft in unserer Zeit, Göttingen 1959 

1960 

Kapitulation vor der Geschichte? Gedanken zur Zeit, Göttingen 1960 

1961 

Aus der Geschichte der deutschen Geschichtsvereine, Göttingen 1961 

1961 

Geschichte des Max-Planck-Instituts für Geschichte, in: Jahrbuch der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V. (1961), S. 316-338 

1962 

Zwei Historiker. Friedrich Christoph Dahlmann, Jacob Burckhardt, Göttingen 1962 

1963 

Die Federschnur. Wasserrecht und Fischrecht in der "Reformation Kaiser Siegmunds", Köln 1963 

1963 

Geschichtsvereine einst und jetzt. Vortrag gehalten am Tag der 70. Wiederkehr der Gründung des Geschichtsvereins für Göttingen und Umgebung (19. November 1962), Göttingen 1963 

1965 

Weltgeschichtliche Betrachtungen, Frankfurt a. M. 1965 

1969 

Drei Inquisitionsverfahren aus dem Jahre 1425. Akten der Prozesse gegen die deutschen Hussiten Johannes Drändorf und Peter Turnau sowie gegen Drändorfs Diener Martin Borchard, Göttingen 1969 

1969 

Zwei Wormser Inquisitionen aus den Jahren 1421 und 1422, Göttingen 1969 

1973 

Konrad von Soest und Job Vener, Verfasser und Bearbeiter der Heidelberger Postillen (Glossen), zu der Berufung des Konzils von Pisa. Zum Regierungsstil am Hofe König Ruprechts von der Pfalz, Münster 1973 

1978 

Die Vener von Gmünd und Strassburg (1162-1447), Versuch einer Familiengeschichte aus Wiener Handschriften, Wien 1978 

1982 

Die Vener von Gmünd und Strassburg 1162 - 1447. Studien und Texte zur Geschichte einer Familie sowie des gelehrten Beamtentums in der Zeit der abendländischen Kirchenspaltung und der Konzilien von Pisa, Konstanz und Basel, Göttingen 1982 

1986 

Der Neubeginn der Georgia Augusta zum Wintersemester 1945/46. Akademische Feier zur Erinnerung an die Wiedereröffnung der Georgia Augusta vor 40 Jahren am 29. November 1985 im zentralen Hörsaalgebäude der Georg-August-Universität Göttingen, Göttingen 1986 

1995 

Hermann Heimpel: Aspekte. Alte und neue Texte, hg. v. Sabine Krüger , Göttingen 1995 

 

Sekundärliteratur

Bookmann, Hartmut: Der Historiker Hermann Heimpel, Göttingen 1990.  

Duchhardt, Heinz: Arnold Berney (1897-1943), Köln 1993.  

Esch, Arnold: "Denken und doch schauen, schauen und doch denken". Zum Tode von Hermann Heimpel, in: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (Hg.): Jahrbuch 1988, S. 153.  

Fleckstein, Josef: Hermann Heimpel. 19. September 1901-23. Dezember 1988, Göttingen 1991. 

Fleckstein, Josef: In memoriam Hermann Heimpel. Gedenkfeier am 23. Juni 1989 in der Aula der Georg-August-Universität, Göttingen 1989.  

Fuhrmann, Horst: Hermann Heimpel. 19.9.1901-23.12.1988, in Bayerische Akademie der Wissenschaften (Hg.): Jahrbuch 1990, S. 204-210.  

Hauck, Karl: Von einer spätantiken Randkultur zum karolingischen Europa. Hermann Hampel zum 19. September 1966 gewidmet, Berlin 1967.  

Iggers, Georg G.: Ernst Schulin, Hermann Heimpel und die deutsche Nationalgeschichtsschreibung, in: Central European History 33 (2000), S. 131-135.  

Koller, Heinrich: Nachruf auf Hermann Heimpel, Mainz 1989.  

Matthiesen, Michael: Verlorene Identität. Der Historiker Arnold Berney und seine Freiburger Kollegen 1923-1938, Göttingen 1998. 

Maurer, Helmut: Herrmann Heimpel und Theodor Mayer. Über zwei sich kreuzende Lebenswege, in: Johannes Mötsch (Hg.): Ein Eifler für Rheinland-Pfalz. Festschrift für Franz-Josef Heyen zum 75. Geburtstag am 02.Mai 2003, Mainz 2003, S. 673-687.  

Schulin, Ernst: Hermann Heimpel und die deutsche Nationalgeschichtsschreibung. Vorgetragen am 14. Februar 1997, Heidelberg 1999. Wieacker, Franz: Hermann Heimpel zum 70. Geburtstag. Zwei Reden, Göttingen 1971. 

 

Links

a) Quellen 

 

Vorlesungen  

http://www.jura.uni-frankfurt.de/Troje/Heimpel.html

Texte aus Vorlesungen von Hermann Heimpel von 1933.
Anbieter: Prof. Dr. jur. Hans Erich Troje, Professur für Römisches Recht, Deutsche Rechtsgeschichte, Rechtstheorie und Bürgerliches Recht an der Universität Frankfurt a.M.

 

b) Sekundärinformationen  

 

Essay  

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/BEITRAG/essays/SoKl0901.html

Essay zum 100. Geburtstag Hermann Heimpels, besonders über dessen Umgang mit dem Nationalsozialismus.
Anbieter: Klaus P. Sommer, H-soz-kult

 

Diskussion  

http://www.jura.uni-frankfurt.de/Troje/Heimpel.html

Text zu Heimpels Rolle im Dritten Reich
Anbieter: Hans Erich Troje, Professur für Römisches Recht, Deutsche Rechtsgeschichte, Rechtstheorie und Bürgerliches Recht an der Universität Frankfurt a. M.

 

Diskussion  

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/BEITRAG/essays/GrKl0901.html

Eine Stellungnahme von Klaus Graf zur Würdigung Heimpels anlässlich seines 100. Geburtstags.
Anbieter: Klaus Graf, Humanities. Sozial- und Kulturgeschichte, Humboldt-Universität Berlin

 

Florian Kiuntke 

20.10.2003 

 



Erstellt: 10.03.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006