20. Jahrhundert

Wilhelm Christian Ludwig Dilthey ( 1833-1911 ) 

 


"Die Wissenschaften, welche die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit zu ihrem Gegenstande haben, suchen angestrengter als je zuvor ihren Zusammenhang untereinander und ihre Begründungen. Ursachen, die in dem Zustande der einzelnen positiven Wissenschaften liegen, wirken in dieser Richtung zusammen mit den mächtigeren Antrieben, die aus den Erschütterungen der Gesellschaft seit der Französischen Revolution entspringen. Die Erkenntnis der Kräfte, welche in der Gesellschaft walten, der Ursachen, welche ihre Erschütterungen hervorgebracht haben, der Hilfsmittel eines gesunden Fortschritts, die in ihr vorhanden sind, ist zu einer Lebensfrage für unsere Zivilisation geworden. Daher wächst die Bedeutung der Wissenschaften der Gesellschaft gegenüber denen der Natur."

Gesammelte Schriften, Bd. I, S. 16f. 

 

Stimmen der Forschung

"Sein Bemühen, die Geisteswissenschaften von dem an den Naturwissenschaften orientierten Positivismus zu befreien und ihre methodische Selbstständigkeit zu begründen, gleichzeitig aber sowohl die rein empirische Betrachtungsweise als auch die abstrakte Theorie [.] zu überwinden, trug schließlich wesentlich zur ,Renaissance' der historisch orientierten Wissenschaften an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bei." 

Gustav Schmidt: Wilhelm Dilthey, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.): Deutsche Historiker, Göttingen 1973, S. 541. 

 

"The first systematic attempts to create a new theory of history came between 1883 and 1910 from Wilhelm Dilthey and Wilhelm Windelband. Although Dilthey respected the achievements of sciences, he rejected the attempts to see the world of human phenomena as an analogue to the world of atoms and mechanical forces and to separate strictly the subject and object in all research. He found in the human realm elements which were absent in nature: intentions, purposes, and ends, as well as the actions guided by them. But these elements with suspiciously metaphysical names were for Dilthey not metaphysical at all. They could not be links to or ciphers of a hidden reality, because Dilthey's human world was self-contained, with no gates left open for God or a World Spirit to enter. Thus when Dilthey spoke of Geist, the word came closer to the English word 'mind' than to 'spirit'" 

Ernst Breisach: Historiography. Ancient, Medieval and Modern, Chicago 1983, S. 281. 

 

"Bei kaum einem anderen bedeutenden Philosophen der neueren Zeit sind philosophische Reflexionen über die Bedingungen der Möglichkeit historischer Wissenschaft und eigene historische Arbeit so eng verknüpft wie bei Wilhelm Dilthey. Sein gesamtes, kaum überschaubares wissenschaftliches Lebenswerk zeigt eine enge Verzahnung, ja ein wechselseitiges Verwiesensein von Historie und Systematik. Die Bedeutung, die die Geschichte für Diltheys philosophisches Denken besaß, zeigt sich nicht zuletzt im Titel seines zentralen systematischen Forschungsprogramms. Diltheys philosophisches Ziel war eine Begründung der Wissenschaften des Menschen, der Gesellschaft und der Geschichte. Diese philosophische Grundlegung der Geisteswissenschaften wurde von ihm auch als eine ,Kritik der historischen Vernunft' bezeichnet. Intention dieser Kritik war es, ,die Natur und die Bedingungen des geschichtlichen Bewusstseins zu untersuchen'." 

Hans-Ulrich Lessing: Dilthey als Historiker. Das "Leben Schleiermachers als Paradigma", in: Notker Hammerstein (Hg.): Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988, S. 113. 

 

"Dilthey [.] war mit seinen Arbeiten zur Logik und Hermeneutik der Geisteswissenschaften auch für den Strukturwandel der Geschichtswissenschaft von großer Bedeutung. Er verband Kants Erkenntniskritik mit der Historischen Schule des 19. Jahrhunderts zur ,Kritik der hist. Vernunft', gemeint ist die Analyse der Bedingungen und Verfahren, unter denen sich geschichtliches Bewusstsein lebensweltlich konstituiert." 

Gangolf Hübinger in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 71. 

 

"Wilhelm Dilthey's lifelong ambition was to escape skepticism by providing the same epistemological foundation for our knowledge of the human-historical world. [...] For Dilthey, history assumes the central role among the human sciences because in is view all human manifestations are part of a historical process and should be interpreted, or explained in historical terms. This, combined with his further tenets that different ages and individuals can be understood only by an imaginative assimilation to their specific point of view, and that the historian's point of view is always the product of his own age, amount to historicism, a position with which Dilthey is most commonly associated today." 

Janos Salomon in: Kelly Boyd (Ed.): Encyclopedia of Historians and Historical Writing, Vol. I, London/Chicago 1999, S. 309-310. 

 

19.11.1833 

Geboren in Biebrich bei Wiesbaden als Sohn von Maximilian Dilthey (Kirchenrat und Hofprediger) und Maria Laura, geb. Heuschkel 

1852-1856 

Studium der Theologie in Heidelberg und der Philosophie und Geschichte in Berlin 

1856-1858 

Schuldienst in Berlin 

1864 

Dissertation "De principiis ethices Schleiermacheri" 

1864 

Habilitation "Versuch einer Analyse des moralischen Bewusstseins" 

1866 

Extraordinarius der Philosophie an der Universität zu Basel 

1867-1869 

Professor für Philosophie an der Universität Basel 

1869-1871 

Professor für Philosophie an der Universität Kiel 

1871-1882 

Professor für Philosophie an der Universität Breslau 

1882-1905 

Professor für Philosophie an der Universität Berlin 

01.10.1911 

Gestorben in Seis (Tirol) 

 

Werke (Auswahl)

1864 

De principiis ethices Schleiermacheri (Diss.), Berlin 1864 

1867-1868 

Logik und System der philosophischen Wissenschaften, in: GS, Bd. 20, S. 35-126. 

1870 

Leben Schleiermachers I, Berlin 1870 

1875 

Über das Studium der Geschichte der Wissenschaften vom Menschen, der Gesellschaft und dem Staat, in: GS, Bd. 5, S. 31-89 

1883 

Einleitung in die Geschichtswissenschaften. Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte, Leipzig 1883 

1885-1886 

Logik und Erkenntnistheorie, in: GS, Bd. 20, S. 165-234 

1890/91 

Auffassung und Analyse des Menschen im 15. und 16. Jahrhundert, in: GS, Bd. II, S. 1-89 

1890 

Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt und seinem Recht, in: GS, Bd. 5, S. 90-138 

1892/93 

Das natürliche System der Geisteswissenschaften im 17. Jahrhundert, in: GS, Bd. 2 , S. 90-245 

1905 

Die Jugendgeschichte Hegels, Berlin 1905 

1905 

Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften, in GS, Bd. 7, S. 3-75 

1910 

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, in: GS, Bd. 7, S. 79-188 

1911 

Die Typen der Weltanschauung und ihre Ausbildung in den metaphysischen Systemen, i n: Max Frischeisen-Köhler (Hg.): Philosophie und Religion, Berlin 1911, S. 3-15 

1990-2000 

Gesammelte Schriften, 23 Bde., Göttingen 1990-2000 

 

Sekundärliteratur

Bube, Tobias: Wilhelm Dilthey und die Engländer. Die poetisch-historische Verhinderung eines interkulturellen Transfers von gesellschaftlicher Urteilskraft, in: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache. Intercultural German Studies 28 (2002), S. 139-185. 

Bulhof, Ilse N.: A Hermeneutic Approach to the Study of History and Culture, The Hague 1980. 

Diwald, Hellmut: Wilhelm Dilthey. Erkenntnistheorie und Philosophie der Geschichte, Göttingen 1963. 

Ermarth, Michael: Wilhelm Dilthey. The Critique of Historical Reason, Chicago 1978. 

Herrmann, Ulrich: Bibliographie Wilhelm Dilthey. Quellen und Literatur, Weinheim 1969. 

Herzberg, Guntolf: Historismus. Wort, Begriff, Problem und die philosophische Begründung durch Wilhelm Dilthey, in: Jahrbuch für Geschichte 25 (1982), S. 259-304. 

Johach, Helmut: Handelnder Mensch und objektiver Geist. Zur Theorie der Geistes- und Sozialwissenschaften bei Wilhelm Dilthey, Meisenheim 1974. 

Jolles, Matthijs: Wilhelm Dilthey und die Bedeutung der Kunst für das Leben, in: Werner Conze (Hg.): Deutschland und Europa. Historische Studien zur Völker- und Staatenordnung des Abendlandes. Festschrift für Hans Rothfels, Düsseldorf 1951, S. 355. 

Jung, Matthias: Dilthey zur Einführung, Hamburg 1996. 

Kluback, William: Wilhelm Dilthey's Philosophy of History, New York 1956. 

Kornberg, Jacques: Wilhelm Dilthey on the Self and History. Some Theoretical Roots of Geistesgeschichte, in: Central European History 5 (1972), S. 295-317. 

Kornbichler, Thomas: Deutsche Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert. Wilhelm Dilthey und die Begründung der modernen Geschichtswissenschaft, Pfaffenweiler 1986. 

Müller, Joachim: Dilthey und das Problem der historischen Biographie, in: Archiv für Kulturgeschichte 23 (1933), S. 89-140. 

Müller, Joachim: Der junge Dilthey, in: Archiv für Kulturgeschichte 24 (1934), S. 272. 

Orth, Ernst W. (Hg.): Dilthey und die Philosophie der Gegenwart, Freiburg/München 1985. 

Plantinga, Theodore: Commitment and Historical Understanding. A Critique of Dilthey, in: Fides et Historia 14 (1982), S. 29-36. 

Plantinga, Theodore: Historical Understanding in the Thought of Wilhelm Dilthey, Toronto 1980. 

Rickman, Hans. P.: Wilhelm Dilthey. Pioneer of the Human Studies, London 1979. 

Rickman, Hans P.: Meaning in History. Wilhelm Dilthey's Thoughts in History and Society, London 1961. 

Riedel, Manfred: Diltheys Kritik der begründeten Vernunft, in: Ernst W. Orth (Hg.): Dilthey und die Philosophie der Gegenwart, Freiburg/München 1985, S. 185-210. 

Rodi, Frithjof: Das strukturierte Ganze. Studien zum Werk von Wilhelm Dilthey, Weilerswist 2003. 

Salomon, Janos: Dilthey Wilhelm (1833-1911). German Philosopher and Historian, in: Kelly Boyd (Ed.): Encyclopedia of Historians and Historical Writing, Vol. I, London/Chicago 1999, S. 309-310. 

Thielen, Joachim: Wilhelm Dilthey und die Entwicklung des geschichtlichen Denkens in Deutschland im ausgehenden 19. Jahrhundert, Würzburg 1999. 

Troeltsch, Ernst: Der historische Entwicklungsbegriff in der modernen Geistes- und Lebensphilosophie. Lotze, von Hartmann, Eucken, Nietzsche, Dilthey, in: HZ 122 (1920), S. 377-453. 

Uhle, Reinhard: Wilhelm Dilthey. Ein pädagogisches Porträt, Weinheim 2003. 

 

Links

a) Quellen 

 

Introduction to the Human Sciences 

http://www.marxists.org/reference/subject/philosophy/works/ge/dilthey.htm

Vorwort in englischer Sprache
Anbieter: marxists.org

 

b) Sekundärinformationen 

 

Lexikonartikel 

http://www.bautz.de/bbkl/d/dilthey_w.shtml

Das biographisch-bibliographische Kirchenlexikon - Biografie und besonders Literatur sehr umfangreich
Anbieter: Verlag Traugott Bautz

 

Kurzdarstellung 

http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/dilthey.htm

Kurzer Artikel über die Methode und das Werk Wilhelm Diltheys.
Anbieter: Einladung zur Literaturwissenschaft, ein Projekt der Universität Essen

 

Kurzbiografie 

http://www.dilthey-schule.de/index.php?id=177

Kurzbiografie von Wilhelm Dilthey.
Anbieter: Diltheyschule, Wiesbaden

 

Nachlass 

http://library.byu.edu/~rdh/prmss/a-d/dilthey.html

Nachlassverzeichnis
Anbieter: Harold B. Lee Library, Brigham Young University , Provo , Utah , USA

 

Werkverzeichnis 

http://www.husserlpage.com/dilthey.html#Lebenslauf

Verzeichnis der Werke, auch englischer Übersetzungen
Anbieter: Bob Sandmeyer, University of Kentucky

 

Florian Kiuntke 

15.12.2003 

 



Erstellt: 09.03.2006

Zuletzt geändert: 26.07.2013