19. Jahrhundert

Heinrich von Treitschke ( 1834-1896 ) 

 


"Der darstellende Historiker muß, sobald er seinen Rohstoff gesammelt hat, von dem späteren auf das Früherer zurückschließen und sich in aller Stille fragen: welche dieser ungezählten Ereignisse, von denen er doch nur einen Ausschnitt geben kann, wahrhaft fördernd oder hemmend auf die neuen Gestaltungen des Lebens eingewirkt haben; dann erst kann er mit Klarheit das Wesentliche nach der Zeitfolge erzählen. [...] So wenig sich die Geschichte als ein dialektischer Prozeß verstehen läßt, ebensowenig kann der allerwirklichste Wille, der auf Erden besteht, der Wille des Staates, verdrängt werden durch die unbestimmte Vorstellung einer allumfassenden Volksseele oder die leibhaftige Persönlichkeit der handelnden Männer durch die mehr oder minder abstrakten Begriffe von sozialen Gegensätzen oder wirtschaftlichen Interessen."

Die Aufgabe des Geschichtsschreibers. Vorbemerkung bei Übernahme der Redaktion der Historischen Zeitschrift, in: HZ 76 (1896), S. 1-4. 

 

Stimmen der Forschung

"While his books were gathering dust as unread classics, his teachings lived on in the opinions of the bulk of the students who had been flocking to his classes. Theses men, numbering many thousends, constituted a substantial sector of the diplomats, jedges, and administrators, the lawyers, teachers and writers, the politicians and economists of the Wilehlmian eras, and the thoughts he had implanted in their minds during their most impressionable years continued through them to exert their influence on public affairs." 

Andreas Dorpalen: Heinrich von Treitschke, New Haven 1957, S. 292. 

 

"Treitschke hat als Historiker keine Schule zu bilden vermocht; die unheilvolle wirkung auf die politischen und sozialen Vorstellungen seiner akademischen Hörer und eines Teils der nachfolgenden Generationen kann nicht bestritten werden, aber die notwendige Untersuchung dieses Aspekts seines Nachlebens darf den Blick auf die Gesamtpersönlichkeit im Zusammenhang mit der deutschen Einigung nicht verschleiern." 

Walter Bußmann: Treitschke. Sein Welt- und Geschichtsbild, Göttingen 2 1981, S. XVIII. 

 

"T. verstand sich in gleichem Maße als Historiker und politischer Wissenschaftler; [...]. Wissenschaftliche Politik war für ihn in dreifacher Weise angewandte Geschichte": Sie sollte anhand der historischen Staatenwelt die ,Grundbegriffe des Staates' erkennen, die Eigenart der Völker erforschen und nicht zuletzt ,historische Gesetze' finden und ,moralische Imperative' aufstellen[.]. T. hat sich nie den Regeln methodisch strenger Forschung gebeugt. Er verfocht seine nationalpädagogischen Ziele in z. T. blendender Essayistik und mit großer öffentlicher Resonanz. Mit seiner antisemitischen, antisozialistischen und anglophonen Grundhaltung trug er zugleich dazu bei, dass sich entsprechende Feindbilder im dt. Bürgertum zunehmend verankerten." 

Gangolf Hübinger in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 319-320. 

 

"Als Vertreter der Rassentheorie bemühte er sich, andere Völker als minderwertig darzustellen und die preußische Politik als Ausdruck der überlegenen deutschen Rasseneigenschaften zu feiern. Nach der Vereinigung Deutschlands [1870/71] war Treitschke der einflußreichste Ideologe des deutschen Imperialismus, der Vorläufer des Strebens nach Weltpolitik und Welteinfluss Deutschlands, der Verfechter antidemokratischer Auffassungen." 

Mirjana Gross: Von der Antike bis zur Postmoderne: die zeitgenössische Geschichtsschreibung und ihre Wurzeln,Wien u. a. 1998, S. 161. 

 

"Eine realistische Einschätzung wird zu folgendem Ergebnis kommen: Treitschkes Werk steht zunächst auf dem Boden deutschen liberalen Denkens, trägt aber seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts zur Diskreditierung der Grundwerte liberalen Denkens [.] bei. Sein jugendlicher Idealismus erstarrt im Alter zur reaktionären engstirnigen Ideologie und bereitet dem Ultranationalismus - bis hin zum Exzeß des Nationalsozialismus - geistig den Weg; [.] Historische Redlichkeit gebietet es trotz alledem, Treitschkes persönliche Wahrhaftigkeit, seine kantige Persönlichkeit und die Darstellungskraft seiner Geschichtsschreibung wie ihre singuläre ,Urteilsfreude' zu würdigen; seine oszillierende Mischung aus Quellenforschung und Parteilichkeit bleibt in der Tat eine Herausforderung für jeden Historiker, der seine Aufgabe ernst nimmt." 

Ulrich Langer: Heinrich von Treitschke: politische Biografie eines deutschen Nationalisten, Düsseldorf 1998, S. 388. 

 

Biografie

15.09.1834 

Geboren in Dresden als Sohn von Eduard Heinrich von Treitschke (Offizier) und Marie, geb. Oppen 

1851-1853 

Studium der Geschichte, Staatswissenschaft, Kameralwissenschaften in Bonn und Leipzig 

1854 

Promotion bei Wilhelm Roscher in Tübingen, Thema: "Quibusnam operis vera conficiantur bona" 

1858 

Mitarbeit an den "Preußischen Jahrbüchern" 

1858 

Habilitation bei Wilhelm Roscher in Leipzig, Thema: "Die Gesellschaftswissenschaft. Ein kritischer Versuch" 

1859 

Privatdozent in Leipzig 

1862 

Zugleich Dozent der Nationalökonomie an der Landeswirtschaftlichen Akademie in Plagwitz 

1863 

Bruch mit seinem Hauptpublikationsorgan den "Preußischen Jahrbüchern" 

1863 

Professor für Staatswissenschaft in Freiburg 

1866 

Professor für Geschichte und Politik in Kiel 

1866-1889 

Herausgeber der "Preußischen Jahrbücher" zusammen mit Hans Delbrück 

1867 

Wechsel an die Universität Heidelberg, Ehe mit Emma von Bodmann, 3 Kinder 

1871-1884 

Zunächst nationalliberaler, ab 1878 parteiloser Abgeordneter im Reichstag 

1874 

Professor für Geschichte und Politik in Berlin als Nachfolger Rankes 

1879-1881 

"Berliner Antisemitismusstreit" 

1886 

nach Rankes Tod "Historiograph des preußischen Staates" 

1895-1896 

Herausgeber der "Historischen Zeitschrift" 

28.04.1896 

Gestorben in Berlin 

 

Werke (Auswahl)

1856 

Vaterländische Gedichte, Berlin 1856 

1859 

Die Gesellschaftswissenschaft. Ein kritischer Versuch, Leipzig 1859 (Darmstadt 1980)  

1862/1871  

Das deutsche Ordensland Preußen, PJbb X (1862), S. 95-151, überarb. in: Historische und politische Aufsätze, Bd. 2 (1871), S. 1-76  

1865  

Historische und politische Aufsätze vernehmlich zur neuesten deutschen Geschichte, Leipzig 1865  

1866  

Die Zukunft der norddeutschen Mittelstaaten, Berlin 1866  

1870  

Was fordern wir von Frankreich?, Berlin 1870  

1870/1886  

Cavour, in: Historische und politische Aufsätze. Neue Folge. Erster Theil, Leipzig (1870), S. 349-494, überarb. in: Historische und politische Aufsätze, Bd. 2 (1886), S. 243-402  

1871-1884  

Reden im Deutschen Reichstage: 1871-1884, Leipzig 1896  

1874  

Der Socialismus und seine Gönner, PJbb XXXIV (1874), S. 67-110 und 248-301  

1874  

Zehn Jahre deutscher Kämpfe, 1865-1874: Schriften zur Tagespolitik, 2 Bde., Berlin 1874 (Berlin 1913) 

1875  

Der Socialismus und seine Gönner, Berlin 1875  

1879 

Unsere Aussichten, in: PJbb XLIV (1879), S. 559-576  

1879-1894  

Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert, 5 Bde., Leipzig 1879-1894 (Königstein i.Ts. u. a. 1981)  

1880 

Ein Wort unser Judenthum, Berlin 1880  

1896  

Deutsche Kämpfe. Neue Folge, Schriften zur Tagespolitik, Leipzig 1896  

1911-1913  

Politik, 2 Bde., Leipzig 1911-1913  

1929  

Aufsätze, Reden und Briefe, hg. von Karl Martin Schiller, Meersburg 1929 

 

Sekundärliteratur

Baumgarten, Hermann: Treitschke's Deutsche Geschichte, Straßburg 1883.  

Biefang, Andreas: Der Streit um T.s »Deutsche Geschichte« 1882/83. Zur Spaltung des Nationalliberalismus und der Etablierung eines national-konservativen Geschichtsbildes, in: HZ 262 (1996), S. 391-422.  

Boehlich, Walter (Hg.): Der Berliner Antisemitismusstreit, Frankfurt a.M. 1965  

Bußmann, Walter: Treitschke. Sein Welt- und Geschichtsbild, 2. Aufl., Göttingen 1981.  

Bußmann, Walter: Treitschke als Politiker, in: HZ 177 (1954), S. 249-279.  

Crampen, Wilhelm: Der Machtstaatsgedanke bei Heinrich von Treitschke, Köln 1967.  

Davis, Henry W. C. : The Political Thought of Heinrich von Treitschke, London 1914.  

Dorpalen, Andreas: Heinrich von Treitschke, New Haven 1957.  

Fisch, Stefan: Erzählweisen des Historikers, Heinrich von Treitschke und Thomas Nipperdey, in: Gedenkschrift T. Nipperdey, München 1993, S. 54-62.  

Fromm, Eberhard: Heinrich von Treitschke. Vom Liberalen zum Ultra-Konservativen, in: Berlinische Monatsschrift 5 (1996), S. 41-45.  

Hallgarten, George W.F.: Heinrich von Treitschke. The Role of the ,Outsider' in German Political Thought, in: History 36 (1951), S. 227-243.  

Haltern, Utz: Droysen - Sybel - Treitschke, in: HZ 259 (1994), S. 89-102.  

Hübinger, Gangolf: Treitschke, Heinrich von (1834-1896), in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 319-320.  

Iggers, Georg: Heinrich von Treitschke, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Deutsche Historiker, Bd. 2, Göttingen 1971, S. 66-80.  

Iggers, Georg G.: Heinrich von Treitschke, in: Lucian Boia (Hg.): Great Historians of the Modern Age, New York a.o. 1991, 318 f.  

Krieger, Karsten: Der "Berliner Antisemitismusstreit", 2 Bde., München 2003.  

Langer, Ulrich: Heinrich von Treitschke. Politische Biographie eines deutschen Nationalisten, Düsseldorf 1998.  

Meinecke, Friedrich: Heinrich von Treitschke, München u. a. 1896.  

Metz, Karl Heinz: Grundformen historiographischen Denkens. Dargestellt an Ranke, Treitschke und Lamprecht, München 1979, S. 237-423.  

Rebenich, Stefan: Wider die Antisemiten: Mommsen und Treitschke, in: ders.: Theodor Mommsen und Alfred Harnack, Berlin u. a. 1997, S. 346-364.  

Reinhardt, Rudolf: Heinrich Treitschke und die Säkularisation, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 101 (1990), S. 371-373. 

Reuchlin, Hermann: Zur neuesten Geschichte Italiens. Mit besonderer Rücksicht auf Treitschkes Cavour, in: HZ 23 (1870), S. 384-394.  

Schleier, Hans: Sybel und Treitschke. Antidemokratismus und Militarismus im historisch-politischen Denken grossbourgeoiser Geschichtsideologen, Berlin (Ost) 1965 .  

Schmoller, Gustav: Gedächtnisrede auf Heinrich von Sybel und Heinrich von Treitschke, Berlin 1896. 

 

Links

a) Quellen  

 

Politik  

http://www.cooper.edu/humanities/core/hss3/h_vontreitschke.html

Die Einführung zu "Politik" von Treitschke in englischer Sprache.
Anbieter: The Cooper Union for the Advancement of Science and Art , New York

 

Kolonien  

http://www.zum.de/psm/imperialismus/treitschke.php

Auszüge aus der "Politik" zu den deutschen Kolonien.
Anbieter: psm-data Geschichte, privates Internet-Projekt,
angehängt an die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e. V.

 

b) Sekundärinformationen  

 

Lexikoneintrag  

http://www.bautz.de/bbkl/t/treitschke_h.shtml

Das biographisch-bibliographische Kirchenlexikon - Biografie und besonders Literatur sehr umfangreich.
Anbieter: Verlag Traugott Bautz

 

Historikergalerie  

http://www.geschichte.hu-berlin.de/ifg/galerie/texte/treitsc2.htm

Komprimierte Informationen über Leben und Werk Treitschkes.
Anbieter: Rüdiger vom Bruch, Institut für Geschichte, Humboldt Universität Berlin

 

Nachlass  

http://library.byu.edu/~rdh/prmss/t-z/treitsch.html

Verzeichnis der Standorte des Werknachlass Heinrich von Treitschkes.
Anbieter: Harold B. Lee Library, Brigham Young University , UT

 

Lexikonartikel  

http://www.preussen-chronik.de/person_jsp/key=person_heinrich+von_treitschke.html

Ein Lexikonartikel über Heinrich von Treitschke im Rahmen des Projekts "Preussen-Chronik".
Anbieter: preussen-chronik.de, Rundfunk Berlin-Brandenburg

 

Bibliografie  

http://www.ub.uni-konstanz.de/kops/volltexte/2001/642/

Bibliografie des Werkes Heinrich von Treitschkes als pdf-Datei.
Anbieter: Bibliothek der Universität Konstanz

 

http://www.bbaw.de/bibliothek/digital/struktur/autoren/treitsch/literatur.pdf

Umfassende PDF – Version 

Florian Kiuntke, Verena Keilen 

02.03.2003 

 



Erstellt: 03.03.2006

Zuletzt geändert: 06.08.2013