19. Jahrhundert

Alexis Clérel de Tocqueville ( 1805-1859 ) 

 


"Die Französische Revolution wird allen, die nur sie allein betrachten wollen, ein dunkles Rätsel bleiben; in den Zeiten, die ihr vorangehen, hat man das einzige Licht zu suchen, das sie aufzuhellen vermag. Ohne ein klares Bild der alten Gesellschaft, ihrer Gesetze, ihrer Fehler, ihrer Vorurteile, ihrer Erbärmlichkeiten und ihrer Größe wird man nie begreifen, was die Franzosen während der sechzig Jahre, die dem Sturze jener alten Gesellschaft folgten, getan haben; aber dieses Bild würde noch nicht genügen, wenn es sich nicht auch auf das Naturell unserer Nation erstreckte."

Der alte Staat und die Revolution, Reinbek 1969, S. 179f. (zuerst L'Ancien Régime et la Révolution, Paris 1856) 

 

Stimmen der Forschung

"Where others had seen a radical contradiction between Monarchy and the Revolution, Tocqueville saw a logical continuation. The Ancien Régime was largely centralised; the Revolution centralised administration still further. The Ancien Régime had destroyed the greater part of feudalism; the Revolution destroyed the rest. Neither cared for liberty. The driving principle of the Revolution was equality, and it was equality before the law which the Monarchy had been striving to establish in ist long struggle with feudalism." 

George Peabody Gooch: History and Historians in the Nineteenth Century, London /New York/Toronto 1952, S. 220. 

 

"Tocquevilles [.] großartige Erkenntnis der Kontinuität von Ancien Régime und Revolution (Zentralismus der französischen Staatsentwicklung in Monarchie, Jacobinischer Diktatur und Napoleon; Intendanten und Präfekten) schuf eine erste geniale Leistung wissenschaftlicher Objektivität durch streng disziplinierten Erkenntniswillen." 

Hans Herzfeld: Die moderne Welt 1789-1945, 1. Teil, Braunschweig 1952, S. 12.

 

"Kein französischer Historiker und politischer Denker des neunzehnten Jahrhunderts ist uns zeitnäher als Alexis de Tocqueville. Denn man sieht heute in ihm den ,Propheten des Massenzeitalters', der schon vor hundert Jahren den großen geschichtlichen Prozeß einer Demokratisierung der Gesellschaft in Staat, Wirtschaft und Kultur, den wir jetzt in aller Deutlichkeit vor unseren Augen sich abspielen sehen, erkannt hat." 

Heinz-Otto Sieburg: Deutschland und Frankreich in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts (1848-1871), Bd. 2, Wiesbaden 1958, S. 49f. 

 

"Alexis de Tocqueville ist von allen französischen Historikern des 19. Jahrhunderts wohl der einzige, dessen Werk bis heute unvermindert lebendig geblieben ist. [...] Neben Jacob Burckhardt ist nun Tocqueville der zwar nicht alleinige, aber faszinierendste ,Prophet des Massenzeitalters' gewesen; sein sozialkritisches Sensorium erscheint um so schärfer und reiner, als Tocqueville aller bloßen Illusionen bar war. Was die romantisch-liberale Generation seiner Zeitgenossen begeisterte, ließ ihn kühl; als Mittler zweier Epochen war er nicht zum Repräsentanten irgendeiner Richtung geschaffen, sondern blieb im Grunde ein Einsamer - mochte er um seiner Leistungen auch noch so respektiert sein." 

Peter Stadler: Geschichtsschreibung und historisches Denken in Frankreich 1789-1871, Zürich 1958, S. 229. 

 

"Die Geschichtsphilosophie Tocquevilles ist weder fortschrittlich im Sinne Comtes noch optimistisch und katastrophenverkündend nach Marxscher Art. [...] Lebte Tocqueville heute, so sagte er wohl, daß sich die Geschichte notwendig in einem bestimmten Sinne, nämlich in Richtung auf die demokratischen Gesellschaften entwickele. Sie habe aber keinen von vorneherein festgelegten Sinn, wenn man unter diesem Wort die Verwirklichung der menschlichen Berufung verstehe. Als Folge zahlreicher Ursachen können die demokratischen Gesellschaften, zu denen die zukünftige Entwicklung hintendiert, von liberalem oder aber auch von despotischem Geist erfüllt sein." 

Raymond Aron: Hauptströmungen des modernen soziologischen Denkens, Bd. 2, Reinbek 1979, S. 10. 

 

"He was not interested in economic questions. He assumed too readily that the difficulties and hardships of the peasantry were the results merely of the survival of feudal tenures and the manorial system; he knew nothing of the 'feudal reaction', in effect a commercialization and distortion of feudalism, which most modern historians have detected during the last Decades of the old regime. For him the agrarian picture was dominated by the small peasant landowner; other groups such as the tenant farmer and the agricultural labourer, whose difficulties were more purely and brutally economic, received little of his attention. Above all he was unfair to the French monarchy. His view of it as hungering for power for its own sake ignored completely the fact that France had to maintain her position in a competitive statesystem and that for this a strong monarchy, acting through a large bureaucracy and powerful armed forces, was essential." 

Matthew Smith Anderson : Historians and eighteenth-century Europe 1715-1789, Oxford 1979, S. 23. 

 

"Das durch die Gleichheit der Bedingungen entfesselte Wohlstandsstreben und der in seinem Gefolge auftretende Individualismus sollen durch die spirituelle, intellektuelle, gewohnheitsmäßige und institutionelle Ausrichtung der Bürger auf die Freiheit gemäßigt und in freiheitsfördernde Bahnen gelenkt werden. Diese Zielsetzung weist einmal auf den Vorrang politischer Freiheit im Denken Tocquevilles hin; mit der Betonung dieses Primats der Freiheit gegenüber dem Wohlstandsstreben deutet Tocqueville aber auch ein Primat der Politik gegenüber der Ökonomie an, das über den höheren Rang des Gutes Freiheit hinausgeht. Politische Freiheit ist eine Voraussetzung für Wohlstandsstreben und Reichtum und nicht umgekehrt, wie dies ein moderner Topos meist undebattiert behauptet, ihre Folge." 

Michael Hereth: Alexis de Tocqueville. Die Gefährdung der Freiheit in der Demokratie, Baden-Baden 1979, S. 60. 

 

"Tocqueville's work has stood the test of time though, not surprisingly, modern historians have been able to point out errors and omissions. He assumed that administrative practice was everywhere the same as in those ,généralités' which he had closely studied. He failed to appreciate that the eighteenth-century ,intendant' was not necessarily or even normally ,a man of humble birth' and that the nobility was closing its ranks and regaining a measure of political importance. [...] His outstanding merits lie in his sense of the continuity of history and his appreciation that causation can seldom, if ever, be attributed to a single factor." 

Joan Taylor in: John Cannon u.a. (Hg.): The Blackwell Dictionary of Historians, Oxford 1988, S. 415. 

 

"Tocqueville thought that the essence of history (of providential nature) was the progressive development of equality. Democracy - meaning an increasingly pronounced equality of social conditions - represented the objective direction, which could not be resisted, of human evolution. The essential problem remained, however, the relationship between democracy and liberty - the key, in fact, to his entire philosophical, political, and historical system. Democracy could be associated with liberty, but at the same time it could give rise to totalitarian or tyrannical systems incomparably more dangerous than the absolutism of the past, systems whose appearance was facilitated by the growing uniformity of society and the disappearance of the ,intermediary powers'" 

Lucien Boia in: ders. (Hg.): Great Historians of the Modern Age, New York u.a. 1991, S. 268. 

 

"Tocqueville zeigte, aufgrund intensiver Archivforschung, die historische Kontinuität jenseits des politischen Umbruchs auf: In Staat und Institutionen vollendete die Französische Revolution das Werk der französischen Monarchie, die Zentralisierung. Das war eine völlig neue Sicht der Revolution, die bisher als totaler Bruch mit dem Alten betrachtet worden war. Tocquevilles Werk, in dem historische und soziologische Betrachtungsweisen eng verbunden sind, hat die weitere Geschichtsschreibung tief beeinflußt und spielt noch heute eine wichtige Rolle in der wissenschaftlichen Debatte über die Französische Revolution." 

Beate Gödde-Baumanns in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 2002, S. 338. 

 

Biografie

29.07.1805 

Geboren in Verneuil-sur-Seine als dritter Sohn des Herve-Bonaventure Clérel de Tocqueville und der Louise de Tocqueville, geb. Le Peletier de Rosanbo 

1820-1824 

Höhere Schule und Còllege in Metz, Studium der Rhetorik und der Philosophie 

1825-1827 

Umzug nach Paris und Studium der Rechtswissenschaft 

1827 

Anstellung als ,juge auditeur' am Gericht von Versailles 

1828 

Bekanntschaft mit Gustave de Beaumont und Mary Motley, die er 1835 heiratet 

1829-1830 

Geschichtsstudien, Besuch der Vorlesungen François Guizots an der Pariser Sorbonne 

1830 

Nach Promotion ,juge suppleant' in Versailles 

1831-1832 

Mit Beaumont Reise in die USA zum Studium des Strafsystems, nach Rückkehr Aufgabe des Richteramts 

1833 

Preis der Académie Française für "Du système pénitentiaire aux États-Unis" 

1836 

Preis der Académie Française für den im Vorjahr erschienenen 1. Band "De la démocratie en Amérique" 

Seit 1837 

Mitglied der Académie des Sciences morales et politiques 

1839-1848 

Mitglied der Kammer 

1841 

Wahl in die Académie Française 

1844 

Zeitungsprojekt "Le Commerce" 

1848-1851 

Abgeordneter der Nationalversammlung 

1849 

Für einige Monate Außenminister 

1851 

Nach dem Staatsstreich Napoleons III. Rückzug aus der Politik 

16.04.1859 

Tocqueville stirbt in Cannes 

 

Werke (Auswahl)

1832 

(mit de Beaumont, Gustave:) Du système pénitentiaire aux Etats-Unis et de son application en France, Paris 1832 

1835-1840 

De la démocratie en Amérique, 2 Bde., Paris 1835-1840 

1846 

Histoire philosophique du règne de Louis XV, 2 Bde., Paris 1846 

1850 

Coup d'oil philosophique sur le règne de Louis XVI, Paris 1850 

1851 

Souvenirs, Paris 1851 

1856 

L'Ancien Régime et la Révolution, Paris 1856 (dt. Der alte Staat und die Revolution, Reinbek 1969) 

1860-1865 

De Beaumont, Gustave (Hg.): Ouvres complètes, 9 Bde., Paris 1860-1865 

1951ff. 

Mayer, Jakob Peter (Hg.): Ouvres complètes, Paris 1951ff. 

1959ff. 

Mayer, Jakob Peter (Hg.): Werke und Briefe, 8 Bde., Stuttgart 1959ff. 

1967 

Landshut, Siegfried (Hg.): Das Zeitalter der Gleichheit, Auswahl aus dem Gesamtwerk, Köln/Opladen 1967 

 

Sekundärliteratur

Amiel, Anne: Le vocabulaire de Tocqueville, Paris 2002.  

Anderson, Matthew Smith: Historians and eighteenth-century Europa 1715-1789, Oxford 1979. 

Aron, Raymond: Hauptströmungen des klassischen soziologischen Denkens, 2 Bde., Reinbek 1979. 

Birnbaum, Pierre: Sociologie de Tocqueville, Paris 1970.  

Boesche, Roger: The Strange Liberalism of Alexis de Tocqueville, Ithaca 1987.  

Boia, Lucien: Art. "Tocqueville, Alexis de", in: ders. (Hg.): Great Historians of the Modern Age, New York u.a. 1991, S. 267-268.  

Drescher, Seymour: Dilemmas of Democracy. Tocqueville and Modernization, Pittsburgh 1968. 

Eisenstadt, Abraham S. (Hg.): Reconsidering Tocqueville's Democracy in America , New Brunswick 1988.  

Gödde-Baumanns, Beate: Art. "Tocqueville, Alexis de", in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 2002², S. 337f.  

Gooch, George Peabody: History and Historians in the Nineteenth Century, London /New York/ Toronto 1952, S. 218-221.  

Hereth, Michael: Alexis de Tocqueville. Die Gefährdung der Freiheit in der Demokratie, Baden-Baden 1979.  

Ders./Jutta Hoeffken (Hg.): Alexis de Tocqueville. Zur Politik in der Demokratie, Baden-Baden 1981. 

Herr, Rudolf: Tocqueville and the old Régime, Princeton/NJ. 1962.  

Herzfeld, Hans: Die moderne Welt 1789-1945, 1. Teil, Braunschweig 1952.  

Jardin, André: Alexis de Tocqueville (1805-1859), Paris 1984.  

Keslassy, Eric: Le libéralisme de Tocqueville à l'épreuve du paupérisme, Paris 2000.  

Lively, Jack: Social and Political Thought of Alexis de Tocqueville, Oxford 1962.  

Manent, Pierre: Tocqueville et la nature de la démocratie, Paris 1982.  

Mayer, Jakob Peter: Prophet of the Mass Age, London 1939.  

Ders.: Alexis de Tocqueville: A Biographical Study in Political Science, New York 1960.  

Nantet, Jacques: Tocqueville, Paris 1971.  

Pisa, Karl: Alexis de Tocqueville, Stuttgart 1984.  

Redier, Antoine: Comme disait Monsieur de Tocqueville, Paris 1925.  

Robien, G. de: Tocqueville, Paris 2000.  

Sieburg, Heinz-Otto: Deutschland und Frankreich in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts (1848-1871), Bd. 2, Wiesbaden 1958.  

Stadler, Peter: Geschichtsschreibung und historisches Denken in Frankreich 1789-1871, Zürich 1958. 

Taylor, Joan: Art. "Tocqueville, Alexis de", in: John Cannon u.a. (Hg.): The Blackwell Dictionary of Historians, Oxford 1988, S. 413-415.  

Université de Caen (Hg.): L'actualité de Tocqueville, Cahiers de philosophie politique et juridique, No. 19, Caen 1991.  

Vossler, Otto: Alexis de Tocqueville. Freiheit und Gleichheit, Frankfurt/Main 1973. 

 

Links

a) Quellen  

 

Rapport fait au nom de la Commission chargée d'examiner la proposition de M. de Tracy, relative aux esclaves des colonies par M. Alexis de Tocqueville, Paris 1839 

 http://visualiseur.bnf.fr/CadresFenetre?O=NUMM-84506&M=notice&Y=Image

Anbieter: Gallica (Bibliothèque nationale de France).  

 

De la démocratie en Amérique  

http://visualiseur.bnf.fr/Visualiseur?Destination=Gallica&O=NUMM-37007

http://visualiseur.bnf.fr/Visualiseur?Destination=Gallica&O=NUMM-37008

http://visualiseur.bnf.fr/Visualiseur?Destination=Gallica&O=NUMM-37009

http://visualiseur.bnf.fr/Visualiseur?Destination=Gallica&O=NUMM-37010

Anbieter: Gallica (Bibliothèque nationale de France).  

 

Democracy in America  

http://xroads.virginia.edu/~HYPER/DETOC/toc_indx.html

Anbieter: University of Virginia .  

 

L'Ancien Régime et la Révolution  

http://visualiseur.bnf.fr/Visualiseur?Destination=Gallica&O=NUMM-39207

Anbieter: Gallica (Bibliothèque nationale de France). 

 

b) Sekundärinformationen  

 

E-Journal  

http://www.utpjournals.com/The-Tocqueville-Review.html

E-Journal der "Société Tocqueville"Université de Toronto/Kanada und Paris
Anbieter: Université de Toronto.

 

Dokumentation  

http://www.tocqueville.org

Biografie, Bibliographie, E-Texte (Quellen und Sekundärliteratur)
Anbieter: C-SPAN, USA.

 

Dokumentation  

http://www.ifrance.com/tocqueville/

Biografie, Bibliographie, E-Texte (Quellen und Sekundärliteratur), Interpretationen
Anbieter: Eric Keslassy.

 

Kurzbiografie  

http://www.academie-francaise.fr/les-immortels/alexis-de-tocqueville

Kurzbiografie und Bibliographie
Anbieter: Académie Fran ç aise.

 

Kurzbiografie  

http://www.cvm.qc.ca/encephi/contenu/philoso/tocqueville.htm

Kurzbiografie, Ausschnitte aus "De la démocratie en Amérique" (E-Text)
Anbieter: André Lacroix, Cégep du Vieux Montréal.

 

Essay  

http://www.newcriterion.com/articles.cfm/tocqueville-kimball-2305

Roger Kimball: Tocqueville today (aus: The New Criterion, Vol. 19, No. 3, November 2000)
Anbieter: The New Criterion online, New York .

 

Essay  

http://agora.qc.ca/textes/chevrier23.html

Marc Chevrier: Une grande oubliée: la société civile. Essai de définition avec Tocqueville (aus: L'Agora, vol. 6, no. 4, juillet-août 1999)
Anbieter: L'Encyclopédie de L'Agora, Quebec/Kanada.

 

Essay  

http://www.chez.com/bibelec/publications/histoire/AncienRegime_Revolution.html

Vincent Mennuet über "L'Ancien Régime et la Révolution"
Anbieter: Bibliothèque Electronique des Etudiants, Paris 1999.

 

Carl-Josef Virnich 

10.04.2004 

 



Erstellt: 03.03.2006

Zuletzt geändert: 06.08.2013