19. Jahrhundert

Percy Ernst Schramm ( 1894-1970 ) 

 


"Aber am eindringlichsten sprechen doch die Abzeichen, die einmal die Herrscher als die Verkörperung des mittelalterlichen ,Staates' angelegt haben, um ihre Herrschaft sichtbar zu machen. Diese Herrschaftszeichen können wir sehen; aber sie sprechen damit noch nicht zu uns, und es besteht die Gefahr, daß wir - wenn wir meinen, ihre Sprache zu hören - in sie hineingeheimnissen, was wir selbst meinen. Sie ähneln einer alten Schrift, die wir - wie einstmals die Humanisten, die vor ihnen wieder und wieder befragten Hieroglyphen - deutlich erkennen, aber so lange nicht zu lesen vermögen, bis sie entziffert ist."

Herrschaftszeichen und Staatssymbolik, Einleitung, Bd.1, Stuttgart 1954, S. XXV. 

 

Stimmen der Forschung

"Schramm war in seinen Büchern ein großer Sammler, aber auch ein Virtuose in der Interpretation der gesammelten Objekte und Zeugnisse. Sein wiederholt auch ausgesprochenes Motto lautete: ,Die Denkmale schreiben uns die Art vor, wie sie behandelt werden wollen.' Seine Fähigkeit zur Quellenkritik, zum Bild- und Stilvergleich ließ ihn zum großen Entdecker werden: Die Entschlüsselung der Humbert-Fragmente als programmatische Zeugnisse der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts oder die mit seinen interpretatorischen Möglichkeiten gewonnene, dann durch den Augenschein bestätigte Erkenntnis, dass die Cathedra s. Petri ein Geschenk Karls des Kahlen war, sind solche Entdeckungen. Schramm war schließlich ein Interpret, der große Zusammenhänge, vor allem aber den zeitübergreifenden Wandel von Form und Bedeutung in Längsschnitten durch die Geschichte mit einer höchst erstaunlichen Erkenntnisdichte vor Augen führen konnte." 

Norbert Kamp: Percy Ernst Schramm und die Mittelalterforschung, in: Hartmut Boockmann/Hermann Wellenreuther (Hgg.): Geschichtswissenschaft in Göttingen. Eine Vorlesungsreihe, Göttingen 1987, S. 361. 

 

"Im Mittelpunkt seiner Forschungen und Studien, in enger Verbindung mit der Bibliothek Warburg in Hamburg, steht das Nachleben der Antike im MA und der Einfluß von Byzanz auf das Abendland. Bahnbrechend wirkte eine neue Methodik u. Systematik der Deutung von Bilddenkmälern u. Herrschaftszeichen." 

Wolfgang Stump in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hg.): Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 282-283.

 

"It is in this dominant school of Geistesgeschichte that both Schramm and Kantorowicz were trained. Both were interested in the liturgy and court ideology of kingship. Both wanted to make innovative use of art history as source material. Both had an interest in historical personality, trying to find the dynamic person behind the ideas. This was true expecially of Kantorowicz, but Schramm also sought to do in the grand manner and written in a neo-Victorian mode with verve and eloquence. They had come to these vanguard positions in historical writing by association with two of the vibrant intellectual circles of postwar Weimar Germany - principally the art history school of Aby Warburg , in Schramm's case, and the circle of the poet and visionary Stefan George, in Kantorowicz's." 

Norman F. Cantor: Inventing the Middle Ages. The Lives, Works, and Ideas of the Great Medievalists of the Twentieth Century, New York 1991, S. 83. 

 

"Percy Ernst Schramm was a historian of several trades. He counts as one of the major representatives of study of the medieval state and the founder of systematic research into the iconography of rulership, but also as a leading social historian of the Hanseatic city of Hamburg and - because of his position during World Wor II - one of the foremost experts on wartime German military history." 

János M. Bak in: Kelly Boyd (Hg.): Encyclopedia of Historians and Historical Writing, Bd. II, London/Chicago 1999, S. 1067. 

 

"Schramm tried to describe his own dilemma: He confessed that although he was not a member of the party, he had to ask himself every day how much he agreed with its aims and could never come to a definite answer. One evening he found himself in agreement with the party, while another evening he was critical, and this ambivalence seemed to him typical of German intellectuals of the day. All of this explains why it was not necessary for the Nazi regime to continue the 'purge' of university faculties after the dismissal of Jewish scholars. Only a handful of liberal or religious dissidents deviated from the conservative consensus that prevailed in the profession, although most scholars could hardly conceal their concern about some of the bizarre ideas of history propagated by the Nazis." 

Winfried Schulze: German Historiography, 1930s to 1950s, in: Hartmut Lehmann/James van Horn Melton (Eds.): Paths of Continuity. Central European Historiography from the 1930s to the 1950s, New York u.a. 1994, S. 28. 

 

Biografie

14.10.1894 

Geboren als Sohn von Dr. Max Schramm (Bürgermeister der Stadt Hamburg 1925-1928), im Elternhaus Bekanntschaft mit Aby Warburg 

1914-1918 

Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg 

1919-1922 

Studium in Hamburg, München und Heidelberg, Freiwilliger in den Revolutionskämpfen und bei der Niederschlagung des Kapp-Putsches 

1922 

Dissertation bei Karl Hampe an der Universität Heidelberg, Thema: "Studien zur Geschichte Kaiser Ottos III." 

1924 

Habilitation bei Karl Hampe in Heidelberg, Thema: Kaisertum, Rom und Antike vom Ende des 9. bis zum 12. Jahrhundert 

1924-1926 

Assistent bei Harry Breslau, Mitarbeit am letzten Scriptores-Band der Monumenta Germaniae Historica, Bekanntschaft mit Ernst H. Kantorowicz 

1925 

Heirat 

1929-1963 

Außerordentliche, dann Ordentliche Professur für mittlere und neuere Geschichte in Göttingen 

1933 

Gastprofessur in Princeton 

1934-1937 

Mitglied der SA-Reiterstaffel 

1934 

Reichsgründungsfeier der Universität Göttingen, Kritik am internationalen Engagement Schramms 

1936 

Aufenthalt in England, auf Einladung des Hofes Teilnahme an der englischen Königskrönung 

1939 

Eintritt in die NSDAP 

1939-1945 

Offizier, Führer des Kriegstagebuches der Wehrmacht, enge Kontakte zum Generalhauptquartier (Verfasser von Gutachten) 

1945-1946 

Arbeit für die U.S. Army Historical Division in Versailles 

nach 1945 

Zeitweiser Verlust der Professur aufgrund der Verquickung mit dem Nazi-Regime 

1948 

Anhörung im Zusammenhang mit der Entnazifizierung 

1958 

Orden Pour le Mérite 

1963 

Kanzler des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste  

12.11.70 

Gestorben in Göttingen 

 

Werke (Auswahl)

1922-23 

Das Herrscherbild in der Kunst des frühen Mittelalters, in: Vorträge der Bibliothek Warburg 2 (1922-23), S. 145-224 

1928 

Die deutschen Kaiser und Könige in Bildern ihrer Zeit I. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts (751-1152), 2 Bde., Leipzig 1928 (München 1983) 

1928 

Über Illustrationen zur mittelalterlichen Kulturgeschichte, in: HZ 137 (1928), S. 425-441 

1929 

Kaiser, Rom und Renovatio. Studien und Texte zur Geschichte des römischen Erneuerungsgedankens vom Ende des karolingischen Reiches bis zum Investiturstreit, 2 Bde., Leipzig 1929 (Darmstadt 1992) 

1930 

Die Ordines der mittelalterlichen Kaiserkrönung. Ein Beitrag zur Geschichte des Kaisertums, in: Archiv für Urkundenforschung 11 (1930), S. 285-390 

1937 

Geschichte des englischen Königtums im Lichte der Krönung, Weimar 1937, engl. Oxford 1937 (Köln/Darmstadt 1970) 

1938 

Die Erforschung der mittelalterlichen Symbole. Wege und Methoden, Vorwort zu: Berent Schwineköper: Der Handschuh im Recht, Ämterwesen, Brauch und Volksglauben, Berlin 1938 (Sigmaringen 1981) 

1939 

Der König von Frankreich. Das Wesen der Monarchie vom 9. zum 16. Jahrhundert. Ein Kapitel aus der Geschichte des abendländischen Staates, 2 Bde., Weimar 1939 (Weimar 1960) 

1943 

Hamburg, Deutschland und die Welt. Leistung und Grenzen hanseatischen Bürgertums in der Zeit zwischen Napoleon I. und Bismarck. Ein Kapitel deutscher Geschichte, München 1943 (Hamburg 1952) 

1954-1956 

Herrschaftszeichen und Staatsymbolik. Beiträge zu ihrer Geschichte vom dritten bis zum sechzehnten Jahrhundert, 3 Bde., Stuttgart 1954-1956 

1955 

Kaiser Friedrich II. Herrschaftszeichen (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philologisch-Historische Klasse 3, 36), Göttingen 1955, gemeinsam mit Josef Deér und Olle Källeström 

1958 

Sphaira, Globus, Reichsapfel. Wanderung und Wandlung eines Herrschaftszeichens von Caesar bis Elisabeth II., Stuttgart 1958 

Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Wehrmachtführungsstab), 1940-1945, 8 Bde., Frankfurt 1961-1979, hg. gemeinsam mit Helmut Greiner 

1962 

Hitler als militärischer Führer. Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, Frankfurt a. M. 1962 

1962-1978 

Denkmale der deutschen Könige und Kaiser, 2 Bde., München 1962-1978, gemeinsam mit Florentine Mütherich 

1963-1964 

Neun Generationen. Dreihundert Jahre deutscher "Kulturgeschichte" im Lichte der Schicksale einer Hamburger Bürgerfamilie 1648-1948, 2 Bde., Göttingen 1963-1964 

1967 

Hg. zusammen mit Wolfgang Braunfels: Karl der Große. Lebenswerk und Nachleben, Düsseldorf 1967 

1968-1971 

Kaiser, Könige und Päpste. Gesammelte Aufsätze zur Geschichte des Mittelalters, 5 Bde., Stuttgart 1968-1971 

1969 

Gewinn und Verlust. Die Geschichte der Hamburger Senatorenfamilien Jancquel und Luis (16. bis 19. Jahrhundert). Zwei Beispiele für den wirtschaftlichen und sozialen Wandel in Norddeutschland, Hamburg 1969 

 

Sekundärliteratur

Brandt, Ahasver von: Percy Ernst Schramm (1894-1970), in: Hansische Geschichtsblätter (1971), S. 1-4. 

Cantor, Norman F.: Inventing the Middle Ages. The Lives, Works, and Ideas of the Great Medievalists of the Twentieth Century, Cambridge 1992. 

Classen, Peter/Peter Scheibert (Hgg.): Festschrift Percy Ernst Schramm zu seinem siebzigsten Geburtstag von Schülern und Freunden zugeeignet, 2 Bde., Wiesbaden 1964. 

Damico, Helen/Joseph B. Zavadil (Eds.): Percy Ernst Schramm (1894-1970), in: Medieval Scholarship. Biographical Studies on the Formation of a Discipline, New York/London 1995, S. 147-162. 

Etzemüller, Thomas: Sozialgeschichte als Politische Geschichte. Und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft, München 2001.  

Fahlbusch, Michael: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die "volksdeutschen Forschungsgemeinschaften" von 1931-1945, Baden-Baden 1999.  

Grolle, Joist: Percy Ernst Schramm: ein Sonderfall in der Geschichtsschreibung Hamburgs, in: Zeitschrift des Vereins für hamburgerische Geschichte 81 (1995),S. 23-60.  

Grolle, Joist: Der Hamburger Percy Ernst Schramm. Ein Historiker auf der Suche nach der Wirklichkeit, Hamburg 1989.  

Gussone, Nikolaus: Herrschaftszeichen und Staatssymbolik: zum 100. Geburtstag von Percy Ernst Schramm, Köln 1994.  

Kamp, Norbert: Percy Ernst Schramm und die Mittelalterforschung, in: Hartmut Bookmann (Hg.): Geschichtswissenschaft in Göttingen, Göttingen 1987, S. 344-363.  

Lehmann, Hartmut /James van Horn Melton (Eds.): Paths of Continuity. Central European Historiography from the 1930s to the 1950s, New York u.a. 1994.  

Mali, Joseph: Mythistory. The Making of a Modern Historiography, Chicago 2003. Schönwälder, Karin:
Historiker und Politik: Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt 1992.

Schulze, Winfried: Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945, 2. Aufl. München 1993.  

Schulze, Winfried - Oexle, Otto Gerhard (Hrsg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999.  

Wegeler, Cornelia: ".wir sagen ab der internationalen Gelehrtenrepublik". Altertumswissenschaften und Nationalsozialismus. Das Göttinger Institut für Altertumskunde 1921-1962, Wien 1996. 

 

Links

a) Quellen 

 

(N.N.) 

 

b) Sekundärinformationen 

 

(N.N.) 

 

Florian Kiuntke 

15.12.2003 

 



Erstellt: 10.03.2006

Zuletzt geändert: 10.03.2006