19. Jahrhundert

Friedrich Carl von Savigny ( 1779-1861 ) 

 


"So ist jeder Mensch zugleich zu denken als Glied einer Familie, eines Volkes, eines Staates, jedes Zeitalter eines Volkes als die Fortsetzung und Entwicklung aller vergangenen Zeiten. [...] Ist aber Dieses, so bringt nicht jedes Zeitalter für sich und willkürlich seine Welt hervor, sondern es thut Dieses in unauflöslicher Gemeinschaft mit der ganzen Vergangenheit. [...] Die Geschichte ist dann nicht mehr blos Beispielsammlung, sondern der einzige Weg zur wahren Erkenntnis unsers eigenen Zustands."

Zweck der Zeitschrift, 110f. 

 

Stimmen der Forschung

"Als er im Jahre 1861 im Alter von 82 Jahren starb, hatte er lange genug gelebt, um die historische Methode auf allen Gebieten der Rechtswissenschaft angewandt zu sehen und als größter Jurist des Jahrhunderts von ganz Europa anerkannt zu sein." 

George P. Gooch: Geschichte und Geschichtsschreiber im 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1964, S. 64. 

 

" Im Grunde ist Savigny's Wissenschaftsverständnis ein ungemein verfeinert literargeschichtliches, dem der historische Nachvollzug der schriftlichen Rechtstraditionen und Rechtswirkungsgeschichte entscheidendes Prinzip ist. " 

Notker Hammerstein: Der Anteil des 18. Jahrhunderts an historischen Schulen des 19. Jahrhunderts, in: Karl Hammer/Jürgen Voss (Hgg.): Historische Forschung im 18. Jahrhundert. Organisation - Zielsetzung - Ergebnis, Bonn 1976 , S. 448. 

 

"Friedrich K. von Savigny traced the survival and the changes of Roman law from antiquity into the Middle Ages and showed that it, too, had had to change in conformity with life or it would have died. These ties between law, life, and Volk dated from the very beginning of all law as it developed originally from customs and only much later through judicial decisions. Not lawgivers but silently operating powers instituted law." 

Ernst Breisach: Historiography. Ancient, Medieval and Modern, Chicago 1983, S. 230. 

 

"Der reinen, praxisfeindlichen Wissenschaft mit Leib und Seele zugeneigt, verlegte sich Savigny auf Textkritik, Archivatur und Interpretation alter Quellen des Römischen Rechts. Bezeichnend wenig ist von seinen Untersuchungen für das heutige Recht wirksam geworden. [.] Ohne Glanz und Gloria verschwand sein Lebenswerk in den Bibliotheken." 

Iris Denneler: Friedrich Karl von Savigny, Berlin 1985, S. 8f. 

 

"Der Preis aber, den eine solche historisch-systematische Rechtstheorie zu bezahlen hat, sind gerade die unhistorischen und dogmatischen Annahmen, von welchen sie uneingestandenermaßen ausgeht: die theistisch-mystische Fundierung des Rechts, die Voraussetzung eines übergeschichtlichen, der Geschichte zugrunde liegenden, nicht aufzeigbaren und inhaltlich unbestimmten Entwicklungsprinzips und einer ungeschichtlichen, sich in der Geschichte manifestierenden ,höheren Notwendigkeit'." 

Aliki Lavranu: Historizität und Verbindlichkeit von Werten. Zu Gustav Hugos Rechtsphilosophie und zu Friedrich Carl von Savignys Rechtslehre, Göttingen 1996, S. 354. 

 

"Seine Methode war die historische. Etwas spezifischer müsste man sagen: Savigny gibt der Jurisprudenz eine doppelte Orientierung für Gegenstand und Methode auf. Sie muß zugleich historisch (oder positiv, konkret, faktenbezogen, zufällig) und philosophisch (oder absolut, systematisch, allgemein, notwendig) sein. Diesen Anspruch prägte er seiner Epoche ein in vier wesentlichen, noch heute grundlegenden und nachgedruckten Werken ( Besitz 1803, Beruf 1804, Geschichte 1815ff, System 1840ff), als Lehrer und Vorbild mehrerer Juristengenerationen und als führender Wissenschaftspolitiker." 

Joachim Rückert: Fälle und Fallen in der neueren Methodik des Zivilrechts seit Savigny, Baden-Baden 1997, S. 32-33. 

 

"Reformziel der Historischen Schule ist die Förderung des selbstständigen Rechtsdenkens aufgrund einheimischer und römischer Quellentexte. Doch diese Denkschulung wird schon bald dem Romantizismus und Nationalismus der Zeitgenossen weichen. Die Historie beugt sich damit dem populären Postulat, die nationale Identität Deutschlands (also Kultur und Eigenart des eigenen Volkes) durch die Geschichte zu legitimieren. Die Autonomie des geschichtlichen Rechtsdenkens wird der nationalen Legitimationsfunktion geopfert und die Geschichtswissenschaft zur Magd nationalpolitischer Interessen. Besonders deutlich kommt dieser Sachverhalt in den gegensätzlichen Positionen der politisierenden Professoren der germanistischen und romanistischen Schulen seit Mitte des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck." 

Marcel Senn: Rechtsgeschichte - ein kulturhistorischer Grundriss. Mit Bildern, Karten, Schemen, Register, Biografien und Chronologie, Zürich 1999, S. 247-248. 

 

"Die historische Rechtsschule setzt an die Stelle des dualistischen Rechtsbegriffs der Aufklärungsjuristen einen einheitlichen. Recht ist immer positives Recht. Aber das positive Recht entsteht nicht, wie nach der Lehre des späten 17. und des 18. Jahrhunderts, durch den Willen des Gesetzgebers, sondern nach der berühmten Formulierung Friedrich Carl von Savignys "erst durch Sitte und Volksglaube, dann durch Jurisprudenz ., überall also durch innere, stillwirkende Kräfte, nicht durch die Willkühr eines Gesetzgebers". Ursprung des Rechts ist also, auch bei anderen Theoretikern der historischen Schule, das Bewusstsein des Volkes, der "Volksgeist". Erst auf einer späteren Entwicklungsstufe treten Gesetzgebung und Rechtswissenschaft hinzu. [.] Dieser Rechtsbegriff, neben dem allerdings die alten Begriffe noch fortleben oder neu begründet werden, spiegelt die politischen und geistigen Gegebenheiten des frühen 19. Jahrhunderts wider. Er widersetzt sich der seit Hobbes durchgedrungenen und auch die französische Revolution beherrschenden Vorstellung, dass der Staat willkürlich und beliebig Recht produzieren könne und ist so ein Element der ,Restauration' zwischen 1810 und 1848." 

Jan Schröder: Recht als Wissenschaft. Geschichte der juristischen Methode vom Humanismus bis zur historischen Schule (1500-1850), München 2001, S. 192-193. 

 

"Die Intensität der Wirkung Savignys ist so gewaltig, dass mit seinem Auftreten eine neue Epoche beginnt. [.] Die mittelalterlichen Anbauten der Glossatoren und Kommentatoren werden nicht nur als quellenwidrig, sondern auch als sachwidrig zurückgewiesen. Was bleibt ist das Recht Justitians. Damit war ein puristischer Charakter der Methode angedeutet, der sich von größter Bedeutung erweisen sollte." 

Stephan Meder: Rechtsgeschichte. Eine Einführung, Köln u. a. 2002, S. 238. 

 

Biografie

21.02.1779 

Geboren in Frankfurt a. M. als Sohn von Christian Karl Ludwig von Savigny (Regierungsrat, protestantisch) und Philippine Henriette, geb. Groos 

1791 

Vollwaise nach dem Tod beider Eltern 

1795-1797 

Studium der Rechtsgeschichte in Marburg und Göttingen 

1799 

Studienreise durch Sachsen (Weimar, Jena): Bekanntschaft mit Friedrich Creuzer, Clemens Brentano und dessen Schwestern, Achim von Arnim sowie den Gebrüdern Grimm 

1800 

Promotion über das Thema: "De concursu delictorum formali" an der Universität Marburg 

1800-1803 

 

Privatdozent für Römisches Recht in Frankfurt a. M. 

1803 

Habilitation 

1804 

Heirat mit Kunigunde Brentano (katholisch), der Sohn Karl Friedrich wird Diplomat 

1804 

Studienreise durch europäische Bibliotheken, Bekanntschaft mit Goethe 

1808-1810 

Professor für Römisches Recht in Landshut 

1810-1842 

Professor für Römisches Recht in Berlin 

1812 

Rektor der Universität als Nachfolger von Johann Gottlieb Fichte 

1817 

Mitglied im preußischen Staatsrat 

1819 

Geheimer Oberrevisionsrat im Revisions- und Kassenhof für die preußische Rheinprovinz 

1826 

Berufung in die preußische Gesetzesrevisionskommission 

1842 

Verleihung des Ordens Pour le Mérite und Ernennung zum Preußischer Minister für die Revision der Verfassung 

1847 

Ernennung zum Präsidenten des Staatsrats und des Gesamtministeriums 

1848 

Rücktritt auf Grund der Revolution 

1855 

Verleihung des Schwarzen Adlerordens 

1859 

Ernennung zum Mitglied des preußischen Herrenhauses auf Lebenszeit 

25.10.1861 

Gestorben in Berlin 

 

Werke (Auswahl)

1803 

Recht des Besitzes. Eine civilistische Abhandlung, Gießen 1803 ( Aalen 1990 ) 

1814 

Vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, Heidelberg 1814 (Goldbach 1997) 

1815ff. 

Herausgeber der Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft, 1815 ff. (heute unter dem Titel: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte) 

1815-1831 

Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter, 6 Bde., Heidelberg 1815-1831 (Goldbach 2001) 

1836 

Beitrag zur Rechtsgeschichte des Adels im neueren Europa, Berlin 1836 

1840-1849 

System des heutigen römischen Rechts, 8 Bde., Berlin 1840-1849 (Aalen 1975) 

1850 

Vermischte Schriften, 5 Bde., Berlin 1850 (Aalen 1981) 

1851-1853 

Das Obligationenrecht als Theil des heutigen römischen Rechts, 2 Bde., Berlin 1851-1853 (Aalen 1981) 

 

Sekundärliteratur

Arnswaldt, Wolf-Christian von: Savigny als Strafrechtspraktiker: Ministerium für die Gesetzrevision (1842-1848), Baden-Baden 2003. 

Baums, Theodor: Die Einführung der Gefährdungshaftung durch Friedrich Carl von Savigny, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Germanistische Abteilung 104 (1987), S. 277. 

Coing, Helmut: Savigny und die deutsche Privatrechtswissenschaft, in: Ius Commune 8, 1979, S. 9-23. 

Creuzer, Friedrich: Briefe Friedrich Creuzers an Savigny, Berlin 1972. 

Denneler, Iris: Karl Friedrich von Savigny, Berlin 1985.  

Gmür, Rudolf: Savigny und die Entwicklung der Rechtswissenschaft, Münster 1962.  

Gmür, Rudolf: Idealismus, Jurisprudenz und Politik bei Friedrich Carl von Savigny, in: Der Staat. Zeitschrift für Staatslehre, Öffentliches Recht und Verfassungsgeschichte 25 (1986), S. 608. 

Hall, Wolfgang van: Savigny als Praktiker: Die Staatsratsgutachten (1817-1842), Diss., Kiel 1981. 

Kawakami, Rinitsu: Die Begründung des "neuen" gelehrten Rechts durch Savigny. Das Entstehen einer nationalen Rechtswissenschaft, in: Zeitschrift der Savigny Stiftung für Rechtsgeschichte: Romanistische Abteilung 98 (1981), S. 303-337. 

Kriechbaum, Maximiliane: Römisches Recht und Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Die Entdeckung einer ideologischen Linie von Melanchthon zu Savigny?, in: Ius Commune 19 (1992), S. 237-253. 

Manigk, Alfred: Savigny und der Modernismus im Recht, Aalen 1974. 

Marini, Giuliano: Friedrich Carl von Savigny, Neapel 1976 

Moscati, Laura: Savigny in Italien, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 19 (1997), S. 17-30. 

Motte, Olivier: Savigny et la France, Bern 1983. 

Rothacker, Erich T.: Savigny, Grimm, Ranke. Ein Beitrag zur Frage nach dem Zusammenhang der Historischen Schule, in: HZ 128 (1923), S. 415-445.  

Rückert, Joachim: Idealismus, Jurisprudenz und Politik bei Friedrich Carl von Savigny, Ebelsbach 1984. 

Schröder, Horst: Friedrich Karl von Savigny. Geschichte und Rechtsdenken beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus in Deutschland, Frankfurt/New York 1984. 

Schultzenstein, Siegfried: Friedrich Karl von Savigny, Berlin 1930. 

Stoll, Adolf: Friedrich Karl von Savigny, 3 Bde., Berlin 1927-1939. 

Süchting, Gerald: Geschichtlichkeit des Rechts bei Friedrich Carl von Savigny, in: Rechtstheorie. Zeitschrift für Logik, Methodenlehre, Kybernetik und Soziologie des Rechts 26 (1995), S. 365-386. 

Strauch, Dieter: Recht, Gesetz und Staat bei Friedrich Carl von Savigny, Bonn 1960.  

Weber, Heinz Peter: Die Bibliothek des Juristen Friedrich Carl von Savigny in der Universitätsbibliothek Bonn, Bonn 1971. 

Zimmermann, Reinhard: Savigny's Legacy. Legal History, Comparative Law and the Emergence of a European Legal Science, in: Law Quarterly Review 112 (1996), S. 576-605. 

 

Links

a) Quellen 

 

Originalquellen 

http://savigny.ub.uni-marburg.de/db/
Eingescannte Originalmanuskripte der Werke und Briefe Savignys aus seinem Nachlasses.
Anbieter: Universitätsbibliothek Marburg

 

Beitrag 

http://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/
Volltext des Aufsatzes: Beitrag zur Rechtsgeschichte des Adels im neueren Europa
Anbieter: Bibliotheca Augustana, Fachhochschule Augsburg

 

b) Sekundärinformationen  

 

Lexikoneintrag 

http://www.bautz.de/bbkl/s/s1/savigny_f_c.shtml
Das biographisch-bibliographische Kirchenlexikon - Biografie und besonders Literatur sehr umfangreich.
Anbieter: Verlag Traugott Bautz

 

Nachlass 

http://savigny.ub.uni-marburg.de/
Homepage der Nachlassverwaltung von Savigny'.
Anbieter: Universitätsbibliothek Marburg

 

Savigny-Bibliothek 

http://www.ulb.uni-bonn.de/die-ulb/profil/sammlungen/historische-bibliotheken/savigny-bibliothek
Beschreibung der Geschichte der Savigny-Bibliothek an der Universität in Bonn, die 1959 von der Familie von Savigny an die Universität in Bonn verkauft wurde.
Anbieter: Universitäts- und Landesbibliothek Bonn

 

Kurzbiografie 

http://www.savigny.de/
Kurzbiografie des Lebenswegs von Savigny, unterteilt in verschiedene Lebensabschnitte.
Anbieter: Ralf Pagels

 

Radiobeitrag 

http://www.annette-wilmes.de/oton/oton2.htm
Aufzeichnung einer Radiosendung zu Leben und Werk
Anbieter: SFB/ORB

 

Florian Kiuntke 

20.07.2003 

 



Erstellt: 03.03.2006

Zuletzt geändert: 06.08.2013