Hauptsiedlungsregionen

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Stefan Litt

Hauptsiedlungsregionen der Juden in Europa 

 

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In Abhängigkeit von obrigkeitlichen Rahmenbedingungen, aber auch wirtschaftlicher und religiös-sozialer Attraktivität verteilten sich die Siedlungsschwerpunkte der Juden sehr ungleich über Europa. Die wichtigsten darunter, deren Bevölkerungsstärke mindestens im vier- bis fünfstelligen Bereich vermutet wird, sollen hier vorgestellt werden. (Auf die Nennung von Zahlen wird dabei verzichtet, da diese in den zumeist nur geschätzten Angaben stark variieren.) Vorab sei jedoch explizit auf die Leerräume hingewiesen: Westeuropa mit Spanien und Portugal, Frankreich bis auf seine heutigen östlichen Regionen, England bis 1656 und weitgehend Skandinavien. 

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Im Alten Reich konzentrierte sich die jüdische Siedlung auf zwei Schwerpunkte. Böhmen, Mähren und Österreich stellten als zusammenhängende Siedlungszone einen davon, in dem gleich mehrere der wichtigen und großen Gemeinden zu finden waren: Prag, Wien und Nikolsburg in Mähren. Dazwischen existierten eine Reihe von kleineren Gemeinden, die besonders in Böhmen und Mähren ein dichtes Netzwerk bildeten. 


Abb. 1: Memorbuch Fürth

 

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Die zweite Region reicht von Worms im Westen über Hessen, Schwaben und Franken bis in den Südwesten von Thüringen. Sie zeichnet sich politisch v.a. aus durch die Nähe zum Kaiser und ist geprägt durch eine ungeheure Vielzahl von kleinen Landgemeinden. Doch auch alle überregional bedeutenden urbanen jüdischen Gemeinden (Worms, Friedberg, Frankfurt, Fulda), z.T. mit kontinuierlicher Besiedlung seit dem Mittelalter, lagen in dieser Zone. Sie dienten als Kristallisationskerne für die allmähliche demographische Konsolidierung und den Wiederaufbau gemeindlicher Strukturen seit etwa 1570. In den Territorien nordöstlich dieses Siedlungsgürtels konnten sich über weite Teile der Frühen Neuzeit keine oder erst allmählich wie in Brandenburg seit 1671 wieder Juden niederlassen. 


Abb. 2: Türsturz

 


Abb. 3: Tefillinbeutel

 

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Die Besiedlung weiterer Gebiete des Reiches nahm meist aus dieser Kernzone ihren Ausgangspunkt und orientierte sich nicht zuletzt an den wirtschaftlichen Schwerpunktverlagerungen der Frühen Neuzeit nach Norden. Hier entstanden, allen voran im Raum Hamburg, neu oder nach längerer Unterbrechung wieder besiedelte Räume in den Territorien der Bistümer Münster, Paderborn und Hildesheim, den Herzogtümern Braunschweig-Lüneburg, Oldenburg und Schleswig-Holstein mit einer Reihe von kleineren und einigen größeren Gemeinden. Die Siedlungsdichte blieb jedoch hinter der der Kernzone zurück. 

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Im Westen und Südwesten des Reiches lebten Juden z.T. in räumlicher Kontinuität zum Mittelalter im Kerngebiet des Kurfürstentums Köln, in der Kurpfalz und in größeren Siedlungsbereichen im Elsass und in Lothringen; in Metz, seit 1552 französisch besetzt und nach 1648 endgültig zu Frankreich gehörig, entstand eine große und blühende jüdische Gemeinde. 

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In einem gewissen räumlichen und personellen Zusammenhang zum nordwestlichen Teil des Reiches stehen die Niederlande, in die vor allem aus Deutschland und später auch aus Polen und Böhmen aschkenasische Juden einwanderten. Hier entstand die größte jüdische Gemeinde Europas im 18. Jahrhundert: Amsterdam. Bereits einige Jahrzehnte vor den ersten Aschkenasen waren "maranos", zwangsgetaufte Juden ursprünglich aus Spanien und Portugal in die Vereinigten Provinzen der Niederlande gekommen und hatten dort nach ihrer Rückkehr zum Judentum ebenfalls eine Reihe von größeren Gemeinden gegründet (Amsterdam, Den Haag), die besonders durch ihre ökonomische Potenz Bedeutung erlangten. Aus ihren Reihen rekrutierten sich die Kaufleute, denen es durch ihre politischen Kontakte seit 1656 gelang, eine Wiederzulassung der Juden in England zu erreichen. 


Abb. 4: Brief

 

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Der bedeutendste jüdische Siedlungskomplex lag jedoch in Osteuropa, vor allem in Polen. Besonders die Regionen Podolien und Wolhynien wiesen eine bemerkenswerte Dichte von kleineren, mittleren und größeren jüdischen Gemeinden auf, wie sie sonst kaum in Europa anzutreffen war. Zu Polen gehörten mit Krakau und Posen auch einige der wichtigsten Zentren der aschkenasischen Geisteswelt, die durch ihre nach Westen ziehenden Schüler großen Einfluss auf die mitteleuropäischen Gemeinden ausübten. Teile dieser großen Bevölkerungsgruppe wanderten seit der Mitte des 17. Jahrhunderts nach Mittel- und Westeuropa ab und schlossen sich den dortigen Gemeinden an. Dennoch blieben die polnischen Juden auch weiterhin eine der größten jüdischen Populationen in Europa. 

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Die Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) hatte Auswirkungen bis nach Italien: Auch aus Sizilien und Sardinien, die der spanischen Krone unterstanden, wurden die Juden ausgewiesen; es folgten, nach der Angliederung, die aus dem Königreich Neapel. Jüdische Siedlung in Italien beschränkte sich also seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf den nördlichen Teil der Halbinsel, wohin sowohl aschkenasische Siedler von jenseits der Alpen als auch sefardische aus dem spanischen und portugiesischen Raum einwanderten. Es gab eine Reihe von bedeutenden, z.T. "multikulturell" zusammengesetzter Gemeinden. Zu nennen sind hier Rom, Pisa, Ancona, Venedig, Padua, Ferrara, Mantua und Livorno. 


Abb. 5: Sefer Mizwot Gadol

 


Abb. 6: Dinim ve-Seder

 

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Jüdische Zentren im Südosten Europas, vor allem in Rumänien, entstanden im Wesentlichen seit den Chmelnicki-Pogromen in Polen und dem Ersten Nordischen Krieg in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts folgte eine weitere Immigrationswelle, die zur Gründung neuer Gemeinden Anlass gab bzw. ältere stark anwachsen ließ. Im südlichen Teil des Balkans - also schon im Osmanischen Reich - fanden sich jüdische Gemeinden mit teils größerer Bedeutung wie Thessaloniki und Istanbul, die durch die verhältnismäßig tolerante Umwelt eine ganz andere Wertigkeit erreichen konnten als die im übrigen Europa. Auch sie wiesen eine relativ heterogene, aus unterschiedlichen jüdischen Kulturen zusammengesetzte Population auf, darunter prominent sefardische, ursprünglich von der iberischen Halbinsel stammende Immigranten. 

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Litt, Stefan: Hauptsiedlungsregionen der Juden in Europa, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1153/

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Erstellt: 02.02.2006

Zuletzt geändert: 02.02.2006