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Dissertationsprojekte – Beschreibungen
Gunther Ding:
Die Internationale Rüstungskooperation im Kontext der bundesdeutsch-britischen Beziehungen von 1963 bis 1969
Daniel Möckli:
Speaking with One Voice? The Rise and Decline of European Political Cooperation, 1969-1974
Roland Popp:
US-amerikanisch-iranische Beziehungen vor dem Hintergrund der Neuordnung der Golfregion 1963-1973
Urban Vahsen:
Die Entwicklungspolitik der Europäischen Gemeinschaft gegenüber Afrika 1958 - 1975
Stefan Wunsch:
Der europäische Kongreß - Rolle und Funktion in der internationalen Politik von 1856 bis 1870/71
Zwischen Innerer Sicherheit und Außenpolitik. Staatliche Reaktionen in Deutschland, Österreich und den Niederlanden auf transnational operierende Terroristen (1972-1975)
Die Debatte um den ‚Neuen Terrorismus’ nach 2001 ist gleichzeitig eine Aufforderung an Historiker, den ‚alten Terrorismus’ wissenschaftlich greifbar zu machen. Während sich die Politikwissenschaft etwa seit den 1970er Jahren um Modelle und Aspekte des Terrorismus bemüht, ist die historische Terrorismusforschung, zumal in Deutschland, immer noch Pionierarbeit.
Die Untersuchung staatlicher Reaktionen in Deutschland, Österreich und den Niederlanden auf transnational operierende Terroristen ist vergleichend angelegt. Dabei sollen staatliche Reaktionen auf transnationale Anschläge mit Anschlägen nationaler Ausprägung kontrastiert und zu Reaktionen im benachbarten Ausland in Bezug gesetzt werden. Der Zeitraum der Untersuchung wird von den prominenten Anschlägen auf die Olympischen Spiele 1972 in München und dem Anschlag auf die OPEC-Konferenz 1975 in Wien begrenzt. Dieser Zeitraum ist kennzeichnend für den Beginn des modernen transnationalen Terrorismus, aber auch für umfassende gesellschaftliche Wandlungsprozesse in Westeuropa. Nicht zuletzt muss die angestrebte Arbeit daher auch nach Zusammenhängen zwischen terroristischen Ereignissen und dem Umbruch der frühen 1970er Jahre fragen.
Als Fallbeispiele wurden jeweils Anschläge ausgewählt, die eine Verhandlungsoption beinhalteten und somit die staatlichen Akteure zu einer Positionierung zwangen. Erhoben werden sollen die Daten vor allem anhand von Archivalien in den entsprechenden Ländern, insbesondere stehen hier die Krisenstabsakten sowie die der obersten Regierungsbehörden im Vordergrund. Ganz bewusst geht es dabei nicht darum, eine homogene Tätergruppe heranzuziehen, sondern vielmehr die Vielfältigkeit terroristischer Gruppierungen und Anschlagsformen herauszustellen, die das staatliche Gewaltmonopol in gleicher Art in Frage stellte.
Die Untersuchung der Reaktionen auf verschiedene Terrorismen im westeuropäischen Vergleich verspricht neben der Erschließung von Ereignis- und Nationalgeschichte auch Erkenntnisse in übergeordneten Ebenen. Erstens stellt sich die Frage nach länderübergreifenden Lernprozessen. Wie wurden Anschläge im Nachbarland wahrgenommen, welche Schlüsse daraus gezogen? Zweitens muss transnationaler Terrorismus der 1970er Jahre auch in Bezug zur Détente- und KSZE-Phase des Kalten Kriegs gesetzt werden. War transnationaler, Ost-West-Grenzen überschreitender Terrorismus womöglich eine Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln? Drittens muss untersucht werden, inwieweit diese Kette hoch emotionaler, aber nur kurzfristiger ‚Terrorismusschocks’ zusammen mit anderen ökonomischen und ökologischen Erschütterungen der frühen 1970er Jahre zu einem grundlegenden Wandel hin zu westeuropäischen Unsicherheitsgesellschaften führte.
Die Internationale Rüstungskooperation im Kontext der bundesdeutsch-britischen Beziehungen von 1963 bis 1969
Die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik im Jahre 1955 wurde zuallererst mittels älterer amerikanischer und britischer Waffensysteme erreicht. Hiernach versuchte die bundesdeutsche Rüstungsindustrie ihre Selbständigkeit wiederzuerlangen, indem sie sich zuerst durch Lizenznachbauten technologisches Basiswissen aneignete und daraufhin in kleineren bilateralen Kooperationsprojekten auch fortschrittliche Managementverfahren im Produktionsablauf der Industrie erlernte.
Die britische Rüstungsindustrie, vor allem ihre Flugzeugindustrie, gehörte dagegen seit dem Zweiten Weltkrieg zur Weltspitze. Amerikanische Firmen wurden jedoch im Verlauf der 50er Jahre eine immer ernstzunehmendere Konkurrenz, der sich die britische Industrie nicht alleine erwehren konnte. Unter diesen Voraussetzungen kam es zu einer Annäherung Großbritanniens und der Bundesrepublik hinsichtlich einzelner Rüstungsprojekte. Der Schlüssel zu Zukunftstechnologien und daher das Hauptaugenmerk der Regierungen konzentrierte sich aber auf die Flugzeug- und Raumfahrtindustrie. Deren Hauptprojekt war das Mehrzweckkampfflugzeug "Tornado".
An diesem Projekt sollen die bilateralen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien aufgezeigt werden. Inwieweit wirkte dieses Waffensystem auf das politische Verhältnis beider Staaten ein und umgekehrt? Brachte es den europäischen Einigungsprozeß voran oder wirkten die internen Konflikte hemmend? Wie standen Frankreich und die USA zu diesem trilateralen (Bundesrepublik, Großbritannien, Italien) Großprojekt, das als Meilenstein der europäischen Rüstungskooperation angepriesen wurde?
Um diesen Fragen nachgehen zu können, wird zuerst die allgemeine Praxis der internationalen Rüstungskooperation beschrieben. Daraufhin erfolgt eine Beschreibung der bundesdeutschen und der britischen Flugzeugindustrie, wobei Verbindungsansätze beider Firmenkomplexe dargelegt werden. Nur unter Berücksichtigung der allgemeinen politischen Lage und der internationalen Beziehungen wird die dabei angewandte Vorgehensweise beider Staaten verständlich. Der Großteil meiner Arbeit wird aber den Verlauf der Verhandlungen um das Waffensystem "Tornado" begleiten.
Speaking with One Voice? The Rise and Decline of European Political Cooperation, 1969-1974
The Ph.D. thesis examines the beginnings of European foreign policy coordination between 1969 and 1974. It argues that European Political Cooperation (EPC) in this formative period was remarkably successful but mainly because of transatlantic differences as to the EC-Nine's role in the world became quasi-paralyzed by 1974. The thesis comprises three parts: the intra-European debates 1969-72 as to the purpose, scope, and institutional design of a European foreign policy; the "rise" of EPC in 1973, with common European policies vis-à-vis détente in Europe (CSCE), the Arab-Israeli conflict (October War 1973), and the US (Kissinger's 'Year of Europe' initiative); and the "decline" of EPC in 1974, with European-American strains over the Nine's Middle East and energy policy and their first Declaration on European Identity culminating in EPC's first major crisis and new Atlantic consultative procedures. Thematically, the project brings together European Integration History and Cold War Studies. With its multinational approach, it qualifies as International History, focusing on France (Pompidou presidency), West Germany (Brandt-Scheel government), and Great Britain (Heath government).
US-amerikanisch-iranische Beziehungen vor dem Hintergrund der Neuordnung der Golfregion 1963-1973
Ziel des Projektes ist die geschichtswissenschaftliche Untersuchung einer bisher vernachlässigten Phase der US-amerikanisch-iranischen Beziehungen. Die Jahre zwischen 1963 und 1973 sind entscheidend für das Verständnis der späteren Entwicklungen im Verhältnis zwischen beiden Staaten einerseits und für die entstehende politische Ordnung der Region des Persischen Golfes andererseits. Im Mittelpunkt des Themas steht die Kooperation zwischen dem Iran und den USA bei der Bewältigung der durch den britischen Rückzug "East of Suez" entstandenen Probleme. Die Energiepolitik der US-Administrationen und der Ölkonzerne sowie Fragen der "Modernisierung" des Irans - insbesondere in militärischer Hinsicht - stehen dabei mit dem Prozeß der Ablösung britischer Macht in enger Wechselwirkung. Sowohl US-amerikanische wie iranische Konzeptionen für die Sicherung der Stabilität der Großregion angesichts der perzipierten Bedrohung durch die UdSSR und ihre "Klientelstaaten" im Nahen und Mittleren Osten sollen eingehend untersucht werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Frage, inwieweit die Gegensätzlichkeit dieser Konzeptionen Auswirkungen auf die bilateralen Beziehungen zwischen beiden Staaten und auf die letztendliche Gestaltung der regionalen Neuordnung hatte.
Ausgehend von der Annahme, daß die Vorstellungen der Handelnden vom Funktionieren internationaler Politik und der Struktur des internationalen Systems entscheidenden Einfluß auf die "Decision-Making-Prozesse" ausüben, soll ein besonderer Schwerpunkt in methodischer Hinsicht bei der Analyse der unterschiedlichen Ordnungsansätze der Akteure im Rahmen ihrer jeweiligen "belief systems" liegen. Diese Perzeptionen werden keineswegs nur als subjektiv, ausschließlich auf der Akteursebene verortet verstanden - vielmehr werden diese als in großem Maße strukturell konditioniert, durch die Gegebenheiten des internationalen Systems oder auch kulturelle Faktoren, und in der Regel habitualisiert begriffen. Im angerissenen Kontext wäre z.B. zu fragen, inwieweit die Überzeugung vieler US-amerikanischer Akteure, daß auf die Aufgabe der britischen Vormacht im Persischen Golf bevorzugt mit der Konstruktion einer (notfalls zu schaffenden) "hegemonialen" Regionalmacht ("Pillars Approach") zu antworten sei, Resultat einer spezifischen Perzeption des internationalen Systems oder der Bewertung regionaler Eigenheiten war.
Die sicherheitspolitische Dimension der internationalen Umweltpolitik in Europa: Grenzen – Möglichkeiten – Tendenzen. Das Beispiel Deutschland, England und USA 1965 bis 1975.
Die Jahre 1965 bis 1975 umschreiben die Phase, in der sich die in Europa und den USA aufkommende Umweltdiskussion in eine umfangreiche europäische wie internationale Umweltdebatte transformierte. Ziel der Dissertation ist es, das Aufeinandertreffen von umwelt- und sicherheitspolitischen Interessen auf europäischer und internationaler Ebene anhand der BRD, Großbritanniens und den USA für die Jahre 1965 bis 1975 zu untersuchen.
Die Dissertation fragt dabei nach der Genese einer sicherheitspolitischen Dimension in der Frühphase der internationalen Umweltpolitik in Europa. „Umweltsicherheit“ wird hier als „Sicherung der Umwelt“ im Sinne der heute gängigen Nachhaltigkeitsdefinition des Brundtland-Berichts von 1987 verstanden. Vor diesem Hintergrund setzt der Hauptteil der Dissertation den Staat ins Zentrum der Betrachtung und begreift „Umweltsicherheit“ als integralen Bestandteil der nationalen staatlichen Sicherheit.
Der Arbeit liegt ein erweiterter Sicherheitsbegriff zugrunde, der durch ein Spannungsfeld von vier Faktoren definiert ist. Diese zentralen Analyseelemente sind Staat, Bedrohung, Ökosystem und Wohlbefinden der Bevölkerung verbunden mit der Aufrechterhaltung der staatlich-funktionellen Integrität. Die Gravitationszentren der Betrachtung sind demnach die Staaten und deren nationale Sicherheit, womit die Studie auf der Betrachtung der staatlichen Umweltpolitik aufruht. Politische, ökonomische oder militärische Faktoren werden definitorisch nur dann als Aspekte der Umweltsicherheit eingestuft, wenn sie nicht selbst sicherheitspolitischen Ursprungs sind. Daher sind ausschließlich Faktoren mit einem nonconventional character Untersuchungsgegenstand.
Im Zentrum der Betrachtung stehen Deutschland, England und die USA. Auf der Ebene von EG, NATO, UN und KSZE werden die nationalen Positionen der drei Staaten in der Umweltdebatte reflektiert und analysiert, um so eine Beurteilung und Einordnung der sicherheitspolitischen Dimension der internationalen Umweltpolitik zu leisten. Die Reflexionsebenen entsprechen einem Koordinatensystem der internationalen Umweltdiskussion, innerhalb dessen die Debatte und die Kommunikation der Umweltpolitik als sicherheitspolitisches „issue“ zu eruieren sein werden. Dabei wird nicht primär das Resultat der Umweltpolitik in Form von Verträgen und Abkommen ins Zentrum der Betrachtung gestellt. Vielmehr sollen die Politisierungsprozesse untersucht werden, die der Umweltdebatte bei der Europäisierung der Umweltpolitik eine sicherheitspolitische Dimension verliehen haben könnten. EG, NATO, UN und erste KSZE werden hier als dynamische Interaktions- und Kommunikationsräume verstanden, innerhalb derer die Umweltdebatte, so die Annahme, erstmals eine sicherheitspolitische Funktion entwickelte.
Gleichzeitig werden die Möglichkeiten, Grenzen und Tendenzen in der Umweltschutzdiskussion beleuchtet, die einerseits amerikanische, deutsche und britische Impulse auf die europäische und supranationale Ebene, andererseits Anstöße und Rückwirkungen von internationaler Seite auf die jeweilige nationalstaatliche Ebene besaßen. Damit verwoben ist die Frage nach den Beweggründen der US-Administration, Umweltpolitik auf internationaler Ebene voranzutreiben.
Die Dissertation prüft für beide Leitentwicklungen – Europäisierung der Umweltpolitik und internationales US-Engagement in der Umweltthematik – die Haltbarkeit der These einer sicherheitspolitisch motivierten europäischen bzw. amerikanischen Umweltpolitik. Die interne und externe Einbettung dieser These in den Ost-West-Konflikt ist unter dieser Prämisse unumgänglich.
Die Arbeit ordnet sich in die Forschungen zur historischen europäischen Integrationswissenschaft ein. Sie ist Teil der multilateralen und -perspektivischen Ansätze zur transatlantisch-europäischen Sicherheitsintegration, die über einen exklusiven Europa-Ansatz hinausgeht und damit das Forschungsbild wesentlich vervollständigt.
Nation und Europa. Politische Eliten, kollektive Identitäten und die Geschichte der europäischen Integration 1949 bis 1957
Der Einfluss kollektiver Identitäten auf den Prozess der europäischen Integration steht im Zentrum dieser Untersuchung. Heuristischer Ausgangspunkt ist zum einen die doppelte Charakterisierung kollektiver Identität als kulturelles System sowie als Formation kognitiver Schemata und zum anderen das Postulat, dass erst auf Grundlage solcher Identitäten politische Interessen formuliert und konkrete Politik ausgehandelt werden können.
Im Fokus steht ein Teil der politischen Eliten Westeuropas, nämlich die Abgeordneten, welche von den nationalen Parlamenten in die parlamentarischen Versammlungen auf europäischer Ebene (insbesondere in die Beratende Versammlung des Europarates und die Gemeinsame Versammlung der Montanunion) delegiert wurden. Von 1949 bis 1957, in einer Zeitspanne also, welche man, was die europäischen Einigungsbemühungen anbetrifft, als "experimentelle Phase" apostrophieren könnte, saßen in diesen parlamentarischen Versammlungen über 600 Delegierte - oftmals herausragende Vertreter ihrer nationalen Fraktionen, welche in ihrer Gesamtheit eine äußerst aussagekräftige Stichprobe der politischen Eliten ihrer Zeit darstellen.
Die kollektiven Identitäten werden nun analysiert, indem die Plenardebatten dieser Versammlungen ausgewertet und darauf fußend ein multilateraler Vergleich angestellt wird. Die Überprüfung der hierbei entwickelten Thesen wird anhand gezielt ausgewählter Nachlässe von Debattenteilnehmern vorgenommen. Die leitenden Fragen lauten: Wie verteilten sich Identifikationen und Loyalitäten auf die Konstrukte Nation und Europa? Welche inneren europäischen Gemeinsamkeiten wurden wahrgenommen? Wie wurden die Strukturen des Weltstaatensystems perzipiert? Welche Institutionen und Themen, Orientierungen und Wertehaltungen stellten sich als konstitutiv für die nationalen Identitäten dar? Inwieweit handelte es sich hierbei um nationale Spezifika, wieweit gab es Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen nationalen Identitäten? Und schließlich: Welche zeitlichen Verlaufsformen sind zu alledem festzustellen?
Die Antworten auf diese Fragen sollen helfen, die Entwicklungsspielräume, die der westeuropäische Integrationsprozess in seiner frühen Phase besaß, welche aber zeitlich weit darüber hinausweisen, zu charakterisieren.
Die Entwicklungspolitik der Europäischen Gemeinschaft gegenüber Afrika 1958 - 1975
Die Ursprünge der Entwicklungspolitik der EG gegenüber den Entwicklungsländern in Schwarzafrika gehen auf die Römischen Verträge von 1957 zurück. Auf Initiative der französischen Regierung wurden die Kolonien Frankreichs, Belgiens und Italiens mit der EWG assoziiert. Die EG-Entwicklungspolitik schaffte sich von Beginn an ein zweigleisiges Instrumentarium: Handelspräferenzen und Entwicklungshilfe. Daher wurden eine Art Freihandelszone geschaffen und ein Europäischer Entwicklungsfonds eingerichtet. Nachdem die Kolonien zwischen 1960 und 1962 politisch unabhängig geworden waren, wurde die Assoziierungspolitik 1963 mit dem ersten Abkommen von Yaoundé, das 1969 mit dem zweiten Yaoundé-Abkommen fortgesetzt wurde, auf eine neue Grundlage gestellt. Die Assoziierungspolitik trat 1975 mit dem ersten Abkommen von Lomé, dem aufgrund des Beitritts Großbritanniens zur EWG nun auch die Commonwealth-Staaten angehörten, in eine neue Phase. Dieses Abkommen galt als Modell für die internationale Entwicklungskoopera-tion, weil es wesentlichen Forderungen der Dritten Welt nach einer Neuen Weltwirt-schaftsordnung Rechnung getragen zu haben schien.
Ziel der Dissertation ist es, die historische Dimension der Europäischen Entwicklungspolitik aus einer metropolitanen Perspektive zu erfassen. Die Europäische Entwicklungspolitik stellt sich auf dieser Ebene als Kompromiß konfligierender Interessen und Haltungen der EWG-Institutionen und der einzelnen Mitgliedstaaten dar. Daher soll die supranationale Perspektive um eine nationalstaatliche Perspektive erweitert werden, die exemplarisch über Frankreich und die BRD zu erschließen ist.
Eine archivgestützte Analyse soll die Erkenntnisse bisheriger sozialwissenschaftlicher Untersuchungen zu dem Thema vertiefen und Wissenslücken schließen. Zudem ermöglicht sie, Thesen der bisherigen Forschung zu verifizieren oder zu falsifizieren. Ergänzend wird ein diskursanalytisches Verfahren dazu beitragen, die normative Dimension von Entwicklungs-politik zu analysieren.
Während ein Ausblick auf das erste Lomé-Abkommen gegeben werden soll, soll der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Assoziierungspolitik der Römischen Verträge und der beiden Yaoundé-Abkommen liegen. Diese Eingrenzung des Untersuchungszeitraums gründet nicht zuletzt auf der Quellenlage, sie läßt sich aber auch damit begründen, daß mit Lomé die Entwicklungspolitik der EG in eine neue Phase trat.
Als Zeitpunkt der Fertigstellung wird der Dezember 2003 in Aussicht genommen.
stefan.wunsch(at)netcologne.de
Der europäische Kongreß - Rolle und Funktion in der internationalen Politik von 1856 bis 1870/71
In der von zahlreichen Konflikten geprägten internationalen Politik der fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts gab es eine Reihe intensiver Versuche, einen Kongreß der europäischen Großmächte einzuberufen. Diese von der Forschung zu sehr vernachlässigten Vorgänge sind bislang noch nicht im Zusammenhang untersucht worden, was das weit vorangeschrittene Dissertationsprojekt über die Rolle und Funktion der Kongreßpläne in den fünfzehn Jahren zwischen dem Pariser Frieden von 1856 und der Gründung des Deutschen Reiches 1871 auf quellengesättigter Grundlage leisten wird. Dabei geht es zum einen um die Rekonstruktion und Analyse der einzelnen Kongreßpläne, zum anderen um die Motive und Ziele ihrer Befürworter, d.h. um die Instrumentalisierung der Kongreßidee, wie auch danach gefragt wird, was es mit den massiven Widerständen gegen die Vorhaben auf sich hat. Schließlich wird die Frage behandelt, welche Gründe und Bedingungen für das Scheitern der Kongreßpläne auszumachen sind.
Die Studie stellt somit auch einen Beitrag zur Diskussion über Verfall und Funktionsfähigkeit des Europäischen Konzerts dar. Die Untersuchung der Kongreßvorhaben ermöglicht es, diesen wesentlichen Aspekt des insbesondere ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu beobachtenden Strukturwandels der internationalen Politik und des europäischen Staatensystems klarer als bisher zu analysieren. Es zeigt sich dabei einerseits, daß das "politische Europa" auch in der von der Wirkmächtigkeit der forces profondes (Pierre Renouvin) charakterisierten Phase des Übergangs zur "nationalegoistischen Realpolitik" nicht einfach "tot" war, denn gewisse Bemühungen staatlicher Akteure um kooperative Konfliktregulierung und um Synergieeffekte in der internationalen Politik sind in den Kongreßvorhaben durchaus zu erkennen. Sie lassen sich auch in Kategorien des internationalen Institutionalismus oder eines internationalen Regimes begreifen. Andererseits können anhand der Widerstände gegen die Kongreßpläne jedoch die Grenzen der Bemühungen um multilaterale Politik aufgezeigt werden. Bei einer Betrachtung des internationalen Systems ist der Verfall des Europäischen Konzerts somit als ein Prozeß von längerer Dauer einzuordnen.
Erstellt: 07.03.2006
Zuletzt geändert: 19.03.2007




