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Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen
Band 9: Franz Knipping:
Die Welt im Kalten Krieg. Internationale Beziehungen 1945-1990
Die dem Zweiten Weltkrieg folgenden viereinhalb Jahrzehnte waren beherrscht vom Ost-West-Konflikt, der in erster Linie zwischen zwei Supermächten ausgetragen wurde: den Vereinigten Staaten von Amerika, die, gestützt auf überragende wirtschaftliche Stärke und die Verfügung über die Atombombe, aus dem Krieg als die erste Vormacht der Welt hervorgegangen waren; und der Sowjetunion, die, nachdem sie die schwerste Last des Krieges getragen hatte, hochgerüstet und mit enormen wirtschaftlichen Potentialen nach Gleichrangigkeit mit den USA strebte. Beide Seiten stützten sich dabei auf einen Kreis von Verbündeten, die im Westen zum Teil an eine frühere Großmachtrolle anzuknüpfen suchten (England und Frankreich, während die Bundesrepublik und Japan politische hinter wirtschaftliche Ambitionen zurückstellten), im Osten in die Abhängigkeit von Satellitenstaaten gerieten.
Der Ost-West-Konflikt wirkte für die internationalen Beziehungen insgesamt "disziplinierend", indem er weltweit eine Vielzahl von ursprünglich unverbundenen Vorgängen und Entwicklungen mehr oder weniger stark in seinen Bannkreis zog. Dazu gehörten vor allem die Ausgestaltung der Beziehungen zwischen der jeweiligen Vormacht und den mit ihr verbündeten größeren und kleineren Mächten sowie der Beziehungen dieser untereinander und mit anderen Staaten; die weltweite Bewegung zur Befreiung von kolonialer Abhängigkeit und Formierung der Staaten der "Dritten Welt", die sich, ideologisch aufgeladen, im Zeichen neuartiger Nord-Süd-und Süd-Süd-Beziehungen vollzog; die stark erweiterte Tätigkeit internationaler Regierungsorganisationen für Konfliktbehandlung oder Zusammenarbeit, die als zusätzliche Akteure mit globalen (UNO, IWF u.a.) oder regionalen (NATO, EG, OAS u.a.) Zuständigkeiten in die internationalen Beziehungen insgesamt eine neuartige Komplexität brachten (von den zahlenmäßig ebenfalls stark anwachsenden Nicht-Regierungsorganisationen ganz abgesehen).
Verglichen mit den pluralen Staatensystemen, die vor 1945 bestanden und sich seit 1990 neu entwickeln, erscheint der Kalte Krieg in mancher Hinsicht als Zeit einer vom "Gleichgewicht des Schreckens" gestützten Systemstabilität, in der die Mächtebeziehungen sich nur zähflüssig bewegten oder gänzlich erstarrten. Tatsächlich lieferten sich aber die beiden machtpolitisch führenden Supermächte in globalem Maßstab einen an Dramatik kaum zu überbietenden Wettkampf der Systeme, der, ungeachtet der auf beiden Seiten gepflegten Rhetorik über "friedliche Koexistenz", auf eine Entscheidung drängte, auf "kaltem" Wege bis an den Rand der direkten Konfrontation, in "heißer" Form in Stellvertreterkonflikten, die in dritten Staaten ausgetragen wurden. Dabei wechselten sich, mit Rückwirkungen auf die Gesamtheit der internationalen Beziehungen, Phasen der Hochspannung mit Zeiten der Entspannung ab, jeweils ausgelöst durch strukturelle Veränderungen oder durch Lernprozesse im Gefolge von Krisen: Berlin-Blockade 1948/49, Koreakrieg 1950, der Tod Stalins 1953, der ungarische Aufstand 1956, die zweite Berlinkrise 1958 bis 1962, Kubakrise 1962, der Vietnamkrieg, das Eintreten Chinas in die Weltpolitik und die dadurch bewirkte Erweiterung der Bipolarität, der sowjetische Einfall in Afghanistan 1979/80, die SALT-Verträge, das SDI-Projekt. Insgesamt betrachtet, entwickelte sich der Kalte Krieg in Ostasien vergleichsweise mit größerer Intensität, während er in Europa durch die Teilung Deutschlands und Berlins am augenfälligsten war. Im wesentlichen aus geopolitischen und ideologischen Motiven entstanden und gespeist, wurde er am Ende entschieden durch die Ökonomie, die in der Sowjetunion die Last des Wettrüstens nicht mehr zu tragen vermochte.
Unter dem Spannungsbogen des Ost-West-Konflikts waren die internationalen Beziehungen des Zeitalters gekennzeichnet durch eine stürmisch voranschreitende Globalisierung von Aktionen und Informationen; durch die Entwicklung atomarer und konventioneller Waffensysteme von unvorstellbarer Vernichtungskraft, deren weltweite Verbreitung sich immer schwerer kontrollieren ließ; durch die Entwicklung immer leistungsfähigerer Systeme der Telekommunikation und der Informatik, die die Welt tendenziell schrumpfen ließen; durch die Erschließung neuer Verkehrswege einschließlich der Weltraumfahrt; durch den Aufschwung internationaler Kulturpolitik im Schatten der Ideologisierung in Ost und West; durch ein beunruhigendes Anwachsen des internationalen Terrorismus; vor allem aber durch die beherrschende Rolle der internationalen Wirtschafts- und Finanzbeziehungen, die zu gravierenden mächtepolitischen Verschiebungen führen konnten (z.B. Ölkrise von 1973), auch zu neuen Formen der Abhängigkeit (Entwicklungshilfe), die die hergebrachten Strukturen der internationalen Politik zunehmend in Frage stellten, nicht nur das traditionelle Rollenverständnis der Diplomaten, sondern in manchen Bereichen auch die Rolle des Staates als des maßgebenden Akteurs in den internationalen Beziehungen selbst.




