Band8

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Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen

Band 8: Hans-Jürgen Schröder:
Demokratie und Diktatur im Weltkonflikt. Internationale Beziehungen 1919-1945


Das internationale System erfuhr in den Jahren 1919 bis 1945 dramatische Veränderungen, die sich bereits vor und während des Ersten Weltkrieges abzeichneten: der Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht und die bolschewistische Revolution wiesen endgültig die Richtung zur Globalisierung des Mächtesystems und zum Bedeutungsverlust für die europäischen Staaten. Diese Globalisierung war begleitet von einer Zunahme des Gewichts wirtschaftlicher Faktoren für die Außenpolitik und von der finanzpolitischen Vernetzung der Industriestaaten. Die sich aus der weltweiten ökonomisch-finanziellen Interdependenz ergebenden Abhängigkeiten wirkten faktisch als Relativierung des klassischen Souveränitätsbegriffs, zumal der enge Zusammenhang zwischen militärischer Sicherheit und wirtschaftlicher Macht eines Staates offenkundiger wurde. Hinzu kam, daß der technische Fortschritt neue Möglichkeiten grenzüberschreitender Informationsübertragung (Rundfunk, Film) und damit kulturpolitischer und propagandistischer Einflussnahme eröffnete. Aufgrund der waffentechnischen Entwicklung wuchsen die internationalen Bedrohungspotentiale in eine neue, Aggressoren zunächst begünstigende Dimension hinein.

Die nach dem Ersten Weltkrieg entstandene internationale Ordnung basierte auf einer fundamentalen politischen Instabilität, die von den auf die Erhaltung des Status quo abgestellten friedensvertraglichen Grundlagen ausging. In Europa war die Dauerhaftigkeit des Versailler Systems wegen der ungelösten Problematik des deutsch-französischen Verhältnisses und der fehlenden Einbindung der USA und der Sowjetunion alsbald in Frage gestellt. In Asien vermochte das Washingtoner System keine verläßliche Eindämmung der Seerüstung und der territorialen Expansionsbestrebungen Japans zu gewährleisten. Die politische Labilität wurde im Verlaufe der 1920er Jahre noch verstärkt durch den Mangel an stabilen weltwirtschaftlichen Strukturen. Das Scheitern internationaler Kooperationsansätze zur Lösung der Probleme, die von Reparationen und Kriegsschulden, Währungsschwankungen und fehlenden Regulierungen des Welthandels ausgingen, führte 1929/30 direkt in die Weltwirtschaftskrise, die wiederum eine Verschärfung der politischen Krisenerscheinungen nach sich zog. In Asien zeigte die japanische Expansion in die Mandschurei 1931 die Grenzen der Völkerbundspolitik ebenso wie die Erfolglosigkeit der von den USA auf ökonomischer und moralischer Ebene (Stimson-Doktrin) versuchten Eindämmung; die japanische Aggression erwies sich darüber hinaus als Vorspiel zur Postulierung einer ostasiatischen Monroe-Doktrin. In Europa verstärkte die nach dem Tode Stresemanns 1929 beschleunigte deutsche Revisionspolitik die Erosion des französischen Sicherheitssystems und des auf finanziellen Grundlagen beruhenden französischen Einflusses in Ost- und Südosteuropa. Die nationalsozialistische Machtergreifung in Deutschland 1933 und die internationale Resonanz darauf wirkten, nach einer Übergangszeit, auf diesen mächtepolitischen Prozeß beschleunigend ein, namentlich resultierten sie seit 1934/35 in einer Umorientierung der europäischen Bündnissysteme.

Der fortschreitende Aufbau einer deutschen Hegemonie in Europa und die mit dem "Anschluß" Österreichs eingeleitete territoriale Expansion, die Annexion Abessiniens durch Italien und der erneute japanische Angriff auf China im Jahre 1937 führten dann zu einer Formierung der Gegenkräfte. Seit 1937/39 wurde eine ideologisch und ökonomisch fundierte Gegenfront der westlichen Demokratien etabliert. Sie wurde zunehmend geführt von der amerikanischen Administration, die sich seit dem Amtsantritt Präsident Roosevelts 1933 zunächst auf den Aufbau eines inter-amerikanischen Sicherheitssystems konzentriert und in Übersee mit direkten diplomatischen Aktionen zurückgehalten hatte. Dem "weltpolitischen Dreieck" Deutschland-Italien-Japan trat das transatlantische Dreieck USA-Großbritannien-Kanada entgegen. Der Sowjetunion fiel aus der Perspektive beider Mächtegruppierungen eine primär funktionale Rolle zu, ehe sie sich, nach dem Zwischenspiel des Hitler-Stalin-Pakts 1939, schließlich mit den westlichen Demokratien zur militärischen Zerschlagung des Dritten Reiches zusammenfand.

Die Gegenpolitik der Mächte des transatlantischen Dreiecks beschränkte sich freilich nicht auf die Abwehr der Aggressionen Deutschlands, Japans und Italiens. Mit ihr wurde auch offensiv eine neue Weltordnung vorbereitet, die in Anknüpfung an Vorstellungen Präsident Wilsons auf der Übertragung des demokratischen Prinzips der Gleichheit auf das Staatensystem beruhen sollte. Damit wurde auch eine zunächst eher "indirekte Führungsrolle in der Welt" (Hillgruber) angestrebt. Insbesondere durch den gleichen Zugang zu den Märkten und Rohstoffressourcen der Welt sollte faktisch die Superiorität der Vereinigten Staaten realisiert werden: Hegemonie durch Demokratie, d.h. demokratische Grundprinzipien und Washingtoner globale Führungsrolle wurden eng miteinander verknüpft.

Gestützt auf die materiellen Ressourcen der USA, des "Arsenals der Demokratie", haben die westlichen Demokratien jeden Kompromißfrieden mit den Achsenmächten ausgeschlossen und, zusammen mit der Sowjetunion, deren Niederlage herbeigeführt. Dem globalen Führungsanspruch der USA unterwarfen sich, freilich nur gezwungenermaßen, die britischen Führungseliten, nicht jedoch Stalin. Der machtpolitisch und ideologisch begründete Ost-West-Gegensatz entstand, von Roosevelt so nicht vorhergesehen, bereits während des Zweiten Weltkrieges.