Band7

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Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen

Band 7: Jost Dülffer:
Imperialismus und Weltkrieg. Internationale Beziehungen 1878-1918


Im Zeitalter des Imperialismus änderte sich die Form der Expansion vornehmlich der europäischen Mächte. Technologische Neuerungen von der Malariabekämpfung über die Dampfschiffahrt bis zu verstärkten Leistungen von Artillerie und Handfeuerwaffen schufen die Bedingungen für die Durchsetzung territorialer europäischer Herrschaft auf dem Erdball, welche jedoch die bisherigen Formen indirekter Penetration nicht verschwinden ließ. Das Eindringen von Europäern in weite Teile Afrikas, Asiens, Ozeaniens sowie in Mittel-und Südamerika schuf vielmehr in vielen Fällen Abhängigkeiten von Eliten traditioneller Staaten von Europäern. Hinzu kam zumal in den niedergehenden Reichen wie dem Osmanischen Reich oder China die finanzimperialistische Abhängigkeit, die den Vorwand für direkte Herrschaft liefern konnte. Dennoch blieben Süd- und Mittelamerika, weite Teile Asiens (vor allem China) frei von direkter kolonialer Herrschaft. Diese erwies sich jedoch gegenüber materiellen Kosten-Nutzen-Kalkülen in der Regel als ausgesprochen kostspielig und erfüllte sozialintegrative Ziele in den Metropolen zwar in unterschiedlicher Weise, aber in der Regel doch mit geringerem Erfolg als erwartet.

Die imperialistische Expansion verstärkte alte und schuf neue Rivalitäten zwischen den europäischen Staaten in Übersee. Das sich verschärfende Wettrüsten zur See bildete somit eine der Ausdrucksformen vor allem europäischer Großmächte. Jedoch wurden imperiale Konflikte in den meisten Fällen unterhalb der Kriegsschwelle gelöst.

Mit der Ausbreitung des europäischen Staatensystems zur Vormacht der Welt erweiterte sich zugleich der Kreis der Hauptakteure. Neben die europäischen Großmächte Großbritannien, Rußland, Frankreich, Deutsches Reich und Österreich-Ungarn (sowie zum Teil Italien) traten bis zur Jahrhundertwende mit den USA und Japan neue Akteure, die zumindest auf dem amerikanischen Doppelkontinent bzw. in Ostasien dazu beitrugen, daß neben dem europäischen Staatensystem zwei weitere Subsysteme im neuartigen Weltstaatensystem entstanden.

War zu Zeiten des Berliner Kongresses 1878 das europäische Staatensystem im Kern zwischen den Mächten noch offen und am stärksten vom britisch-russischen Weltgegensatz geprägt, so schufen die Bündnisabschlüsse der Mächte zwischen den Jahren 1879 und 1894 eine Militarisierung der Staatenwelt schon in Friedenszeiten. Die Polarisierung des Staatensystems Deutsches Reich/Österreich-Ungarn versus Frankreich/Rußland/Großbritannien setzte sich, wenn auch nicht ohne Alternativen, bis unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg fort. Nach einer Dominanz materieller Rüstungen wurden seit 1904/05 die Landrüstungen Europas zunächst bilateral gegeneinander verstärkt. Internationale Krisen in Europa wurden daneben zunehmend von militärischen Vorbeugemaßnahmen begleitet, die schließlich auch mittel- und langfristig in ein einzigartiges Wettrüsten seit 1912 mündeten.

Der Erste Weltkrieg setzte somit eine ungeheure Vernichtungsmaschinerie zunächst der europäischen Großmächte untereinander in Gang, die mental wie materiell vorbereitet war, jedoch alle Vorkriegserwartungen an einen allgemeinen Krieg als leichtfertige Annahmen erwies. Dennoch mobilisierten die europäischen Gesellschaften während des Ersten Weltkrieges durch Hoffnungen, Haß und Repressionen gleichermaßen mentale Durchhaltekräfte, die in Verbindung mit materieller Mobilisierung von Ressourcen den Krieg totaler machten, jedoch zugleich das europäische Staatensystem durch Überbeanspruchung seiner Kräfte aus dem Zentrum der Weltpolitik entfernten. Die Kriegsbeteiligung der USA seit 1917 stellte deren Durchbruch zur Weltmacht dar, die durch die russische Revolution des gleichen Jahres einen nunmehr auch gesellschaftspolitisch charakterisierten Antagonismus zwischen beiden Mächten entstehen ließ, der die folgenden siebzig Jahre über einen der Grundfaktoren internationaler Politik darstellte.