Band6

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Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen

Band 6: Winfried Baumgart:
Europäisches Konzert und nationale Bewegung. Internationale Beziehungen 1830-1878, Paderborn u.a. 1999.


Der Band beginnt mit dem Jahr 1830, dem Jahr der Julirevolution in Frankreich, die eine Welle von nationalen Revolutionen in Mitteleuropa auslöste und die kurze Spanne der internationalen Restauration und Reaktion nach dem Wiener Kongreß - das "Metternichsche System" - als vollends brüchig erwies. 1878 als Schlußpunkt des Bandes markiert das Ende der orientalischen Krise, die 1875 auf dem Balkan einsetzte und nach dem türkisch-russischen Krieg 1877 auf dem Berliner Kongreß vorläufig gelöst wurde.

Die bewegenden Kräfte im 19. Jahrhundert, soweit sie die internationalen Beziehungen prägten und umgestalteten, waren die Bevölkerungsexplosion überall auf der Welt, die zu Wanderungsbewegungen über die nationalen Grenzen hinaus führte; der Siegeszug der Industrialisierung, die von England ausging, sich über West- und Mitteleuropa ausbreitete, auch Osteuropa allmählich erfaßte und kraft der Dominanz Europas auf den gesamten Erdball ausstrahlte, den Verkehr und die Transportbedingungen auf der Welt radikal umgestaltete, dadurch den Außenhandel revolutionierte und überhaupt erst eine Weltwirtschaft im eigentlichen Sinne des Wortes ermöglichte und schließlich die technischen Bedingungen der Kriegführung gewaltig erweiterte; dann der Nationalismus, der sowohl zu Einigungsbildungen in der italienischen und deutschen Staatenwelt als auch zu Auflösungserscheinungen in den übernational strukturierten Vielvölkerreichen Türkei, Österreich und Rußland führte; schließlich der Liberalismus, der die Mitsprache des Bürgertums nicht nur in der Innen-, sondern auch in der Außenpolitik und somit in den internationalen Beziehungen forderte.

Neben diesen dynamischen Kräften werden die Institutionen, welche die internationalen Beziehungen betrieben, untersucht: die Außenministerien und der diplomatische Dienst der fünf europäischen Großmächte England, Frankreich, Rußland, Österreich und Preußen sowie der USA; sodann die Prinzipien, nach denen diese Großmächte ihre Beziehungen untereinander gestalteten: das vom 18. Jahrhundert übernommene Prinzip des "Gleichgewichts der Kräfte" und die für das 19. Jahrhundert spezifische Weiterentwicklung im "Europäischen Konzert". Dabei wird sichtbar, daß die klassische Wirksamkeit des Konzerts nur bis zur Jahrhundertmitte reichte, und daß das Konzert durch die Revolutionen von 1848/49 und den Krimkrieg weitgehend ausgehöhlt wurde. Obwohl aber mit einer neuen Generation von Staatsmännern wie Schwarzenberg, Cavour, Gortschakov und Bismarck nunmehr der staatliche Egoismus beherrschend wurde, blieb das Konzert und das in ihm sich widerspiegelnde Solidaritätsgefühl und - handeln der Mächte in Restbeständen erhalten, wie zuletzt der Berliner Kongreß von 1878 zeigte.

In einem weiteren Teil werden die Grundzüge der Außenpolitik der fünf europäischen Großmächte in den 50 Jahren nach 1830 skizziert. In der englischen Außenpolitik dominierte der Versuch, auf dem europäischen Kontinent ein Gleichgewicht der Kräfte zu erhalten, um die eigene Vorherrschaft im Welthandel und in Übersee (im Empire) abzuschirmen. Die russische Außenpolitik war bis zur Jahrhundertmitte geprägt von dem Bestreben, die konservative Ordnung von 1815 zu erhalten; nach dem verlorenen Krimkrieg mußte sich Rußland auf die Erneuerung im Innern konzentrieren. Die französische Außenpolitik läßt sich in eine relativ ruhige Phase unter dem Julikönigtum und in eine unruhige Phase im Zweiten Kaiserreich einteilen. Die österreichische Außenpolitik war auf Erhaltung des gefährdeten Vielvölkerreichs ausgerichtet. Preußen schwamm im in den ersten drei Jahrzehnten nach 1830 im Fahrwasser der russischen Außenpolitik, bis es unter Bismarck eine außerordentliche Dynamik in den internationalen Beziehungen entfaltete.

In einem dritten Teil werden die wichtigsten Ereignisse in den Beziehungen der europäischen Mächte untereinander behandelt. Er setzt ein mit den Revolutionen von 1830 in Frankreich, Belgien und Polen. Es werden dann unter anderem die orientalische Frage und die ägyptische Krise zwischen 1830 und 1841 skizziert; der Sonderbundkrieg in der Schweiz, die Revolutionen von 1848/49 in Europa, der Krimkrieg, der französisch-österreichische Krieg und die Einigung Italiens 1859-61 und die deutschen Eimgungskriege. Er endet mit der neuen orientalischen Krise von 1875 bis 1878.

Obwohl Europa im 19. Jahrhundert noch unbestritten das Zentrum der Welt war, traten die anderen Kontinente nun doch verstärkt in den Bannkreis der internationalen (d.h. im Kern immer noch europäischen) Beziehungen ein: der asiatische Kontinent mit der Öffnung Chinas und Japans mehr leidend als mitgestaltend; der amerikanische Kontinent, der Norden (die USA) stärker als der Süden (Lateinamerika), bereits mithandelnd und selbständig Außenpolitik treibend. Diesen beiden Kontinenten sowie der Kolonialpolitik der europäischen Mächte auf der ganzen Welt ist das abschließende Kapitel gewidmet.