Band5

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Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen

Band 5: Michael Erbe:
Revolutionäre Erschütterung und erneuertes Gleichgewicht. Internationale Beziehungen 1785-1830, Paderborn 2004.


Der Band behandelt einen Zeitraum, in dem die zwischenstaatlichen Beziehungen infolge der Revolution in Frankreich und der sich daraus ergebenden kriegerischen Verwicklungen und politischen Erschütterungen in äußerst heftige Bewegung gerieten. Nach der relativen, durch komplizierte Schritte und diplomatische Winkelzüge der sog. Kabinettspolitik immer wieder aufs neue hergestellten Stabilität im Miteinander der Staaten des Ancien Régime, kam es vor allem infolge der napoleonischen Hegemonialpolitik zu einem förmlichen Umsturz des internationalen Systems, der zwar in erster Linie Europa betraf, aber auch auf die übrige Welt nicht ohne Auswirkungen blieb. Dem Scheitern Napoleons folgte ab 1814/15 eine neue Phase der Stabilität durch die Wiederherstellung der früheren "Pentarchie" der europäischen Großmächte, wobei die auf dem Wiener Kongreß agierenden Staatsmänner an die Idee des politischen Gleichgewichts aus der Zeit vor 1789 anknüpften. Behandelt wird zudem das "Krisenmanagement" im Geist des Wiener Kongresses durch die Großmächte - ob sie nun zur Heiligen Allianz gehörten oder nicht - bis zum Vorabend der Erhebungen des Jahres 1830 in Frankreich, Belgien und Polen.

Ausgangspunkt ist die von internationalen Krisen einigermaßen bereinigte Situation Mitte der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts, nach dem Abschluß des britischamerikanischen Friedensvertrags von Versailles (1783), der Gründung des Deutschen Fürstenbundes (1785) und der britisch-französischen Handelsvereinbarungen von 1786. Diese Situation schien trotz der Auseinandersetzungen um den Krieg Rußlands und Österreichs gegen das Osmanische Reich 1787/91 Bestand zu haben, als die Kriegserklärung Frankreichs gegen Österreich im Frühjahr 1792 einen innereuropäischen Konflikt heraufbeschwor, der mit kurzen Unterbrechungen bis 1814 anhielt und erst ein Jahr später endgültig beigelegt werden konnte. Dadurch wurde die Landkarte Europas in einer Weise verändert, wie dies wohl seit der Zeit der Karolinger nicht mehr geschehen war, vor allem durch die grundlegende territoriale "Flurbereinigung" in Deutschland und Italien, ohne die die späteren Nationalstaatsbildungen dort kaum möglich gewesen wären. Darüber hinaus wurde in dieser Zeit das Schicksal Polens als selbständiges Staatswesen besiegelt: auch der Wiener Kongreß machte die Teilungen von 1793 und 1795 nicht rückgängig, sondern bestätigte sie. Die Zeit nach 1815 steht vor allem unter dem Vorzeichen der Eindämmung des immer noch wegen seiner expansiven Ziele gefürchteten Frankreich, gegen das die britische Außenpolitik das - freilich kurzlebige - Königreich der Vereinten Niederlande ins Leben rief und den größten Teil des linksrheinischen Deutschland gegen den ursprünglichen Willen Berlins der Krone Preußen überantwortete. Während der bourbonischen Restauration hat sich die von Paris aus betriebene Außenpolitik freilich in das Konzept des Wiener Kongresses eingefügt, ja alles daran gesetzt, die dort fixierte Neuordnung mit aufrechtzuerhalten. Somit wurde von allen kontinentalen Großmächten auch die Unterdrückung liberaler wie nationaler Bewegungen, die das neue System zu gefährden drohten, betrieben. Dieses System wurde durch die Freiheitsbewegung der Griechen und durch die Unabhängigkeitsbewegung in Mittel und Südamerika zwar tangiert, aber weder erschüttert noch infrage gestellt.

Die territorialen Veränderungen werden im einzelnen geschildert und kartographisch illustriert, vor allem aber wird auf die neuen Kräfte eingegangen, die das Geflecht der internationalen Beziehungen bestimmten. Hierzu gehört einmal die erheblich gesteigerte Bedeutung des diplomatischen Dienstes. Seit den Revolutionskriegen kam kein Staatswesen, kamen vor allem die Großmächte nicht mehr ohne auswärtige Vertretungen mit entsprechend geschultem Personal aus. Der erhöhten Bedeutung des Diplomatenwesens trug u.a. das auf dem Wiener Kongreß getroffene Rangreglement Rechnung. - Zum zweiten erhielten seit der von Napoleon 1806 gegen die Briten verhängten Kontinentalsperre wirtschaftspolitische Maßnahmen eine bislang so nicht gekannte Wichtigkeit: Wirtschafts, d.h. vor allem Handels- und Zollpolitik, wurde zu einem der Hauptmittel, um Machtinteressen durchzusetzen. Die Wirtschaftspolitik spielte aber auch im Inneren insofern eine wesentlich wichtigere Rolle als früher, als die Aufhebung von Binnenzollschranken sowie Infrastrukturmaßnahmen etwa im Straßen-, Kanal- und Hafenausbau nicht nur der inneren Wohlfahrt dienen, sondern auch die Steuerkraft soweit steigern sollten, daß die staatlichen Aufwendungen für die Heeres und Flottenrüstung aufgebracht werden konnten.

Dies wiederum steht in engem Zusammenhang mit entscheidenden Neuerungen im Kriegswesen. Die bewaffneten Konflikte zwischen den europäischen Mächten zwischen 1792 und 1814/15 haben nicht nur die öffentlichen Finanzen aufs äußerste strapaziert und Schulden verursacht, die noch Jahrzehnte später abgetragen werden mußten, sondern sie haben auch die Bevölkerung in einem viel größeren Ausmaß als früher direkt am Kriegsgeschehen beteiligt. Die Notwendigkeit, große und zugleich schlagkräftige Heere aufzustellen, machte den - 1830 noch längst nicht abgeschlossenen - Übergang von in langen Jahren gut trainierten Berufsarmeen zu modernen Massenheeren erforderlich. Zugleich leiteten die zwischen Valmy und Waterloo insgesamt acht Koalitionskriege einen grundlegenden Wandel der Landkriegstaktik ein, als deren unbestrittener Meister sich Napoleon Bonaparte erwies, bis er am Volkskrieg in Spanien und an den Weiten Rußlands scheiterte. - Hinzu trat die erhöhte Bedeutung der Kriegsmarine. Wie bereits im 17. Jahrhundert Ludwig XIV., so scheiterte auch Napoleon mit seinen Hegemonialbestrebungen nicht zuletzt daran, daß es ihm nicht gelang, eine der britischen ebenbürtige Flotte aufzubauen, obwohl ihm sowohl der niederländische wie der spanische Schiffsraum zu Gebote stand. Der eigentliche Wendepunkt der napoleonischen Weltmachtpolitik war die katastrophale Niederlage in der Seeschlacht von Trafalgar.

Die Geschichte der internationalen Beziehungen zwischen 1785 und 1830 zeigt einmal mehr, daß sich eine - wie immer geartete - Hegemonie mit dem Wesen und der Tradition des europäischen Staatensystems nicht vertriigt. Es war der fundamentale Irrtum Napoleons, daß er dies verkannte, obwohl sich während seiner Regierung mehrfach Möglichkeiten boten, zu einem - wenn auch von Grund auf neugeordneten - Gleichgewicht der europäischen Großmächte zurückzukehren, zumal man auf dem Kontinent an einem starken Frankreich gegenüber der immer bedrohlicher werdenden Macht Rußlands interessiert war. Die Lehre, die aus den Konflikten zwischen 1792 und 1814/15 gezogen wurde, war die Grundlage für die Schaffung einer erneuerten Friedensordnung, die rund ein halbes Jahrhundert Bestand haben sollte, freilich um den Preis jener politischen Ideen und Bewegungen, die von der Französischen Revolution freigesetzt und durch ihren Vollstrecker über fast ganz Europa verbreitet wurden: persönliche Freiheit, Gleichheit, politische Mitbestimmung aller sowie Selbstverwirklichung von sich untereinander eng verbunden fühlenden Völkern in einem gemeinsamen, "nationalen" Staatswesen.