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Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen
Band 4: Heinz Duchhardt:
Balance of Power und Pentarchie. Internationale Beziehungen 1700-1785, Paderborn u.a. 1997
Die internationalen Beziehungen im vorrevolutionären 18. Jahrhundert unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht von denen des vorangehenden Jahrhunderts oder gar denen der folgenden Revolutionsepoche. Der Kreis der selbständig handelnden und zwischenstaatliehe Politik nach ihren je unterschiedlichen Präferenzen gestaltenden Staaten reduzierte sich, ohne daß es innerhalb der sog. "Pentarchie" jemals zu einem wirklich "dirigierenden" Konzert der Großmächte im Sinn einer Lenkung der europäischen Politik gekommen wäre, wie sie nach dem Wiener Kongreß praktiziert wurde. Zwischen den "neuen Großmächten, zu deren StammMitgliedern (Frankreich, Großbritannien, Österreich) sich erst allmählich Rußland und Preußen hinzugesellten, waren grundsätzlich alle Optionen und Koalitionsmöglichkeiten offen, nachdem im sog. renversement des alliances auch die letzten (mentalen) Barrieren zwischen bisher unversöhnlichen Gegnern gefallen waren und der habsburgisch-französische Antagonismus als Strukturelement der internationalen Politik der gesamten Frühen Neuzeit der Vergangenheit angehörte. "Universalmonarchien" des alten Typs waren in einem solchen System etwa gleich starker Großmächte undenkbar geworden; die seit Jahrhunderten perhorreszierte Vision einer alles dominierenden europäischen Supermacht war endgültig einem multipolaren Mächtesystem gewichen, in dem den kleinen oder den aus dem Großmächtestatus wieder zurückgefallenen Staaten - Spanien, Schweden, den Niederlanden - nicht viel mehr als die Funktion einer Staffage blieb.
Neu im Vergleich zum zurückliegenden Jahrhundert war, wie stark Konflikte jenseits der Meere nicht nur nach Europa zurückschlugen, sondern Konflikte hier geradezu erst auslösten, insofern nun eine wirkliche Globalisierung von internationaler Politik einsetzte; neu war, daß die politische Literatur und das Völkerrecht erstmals konsensual getragene säkularisierte Ordnungsvorstellungen (convenance, Europa) entwickelten und instrumentalisierten, um dem alten Kontinent ein Mindestmaß an Stabilität zu verleihen. Die Kriege konnten dennoch kaum reduziert werden, unter anderem deswegen, weil die meisten Großmächte noch keineswegs saturiert waren und Staaten aus dem zweiten Glied wieder Anschluß zu gewinnen suchten. Dabei nahm die Bereitschaft tendenziell zu, Kriege durch ein recht willkürliches "Verschieben" von Territorien beizulegen (oder ihnen - 1. Teilung Polens - durch ein solches proportionales Verschieben sogar zuvorzukommen). Dies war auch ein Punkt, an dem aufgeklärte Kritik an der Willkür der Großmächtepolitik einsetzte - oder an dem Aufklärer geradezu die Weitsicht der Fürsten und Minister mit höchstem Lob bedachten. Das Denken über internationale Politik, ihre Mechanismen und Zwänge, nahm jedenfalls im 18. Jahrhundert sprunghaft zu.
Sachlich kann man die Staatenpolitik des 18. Jahrhunderts unter verschiedenen Perspektiven betrachten und entsprechend strukturieren: dem britisch-französischen Antagonismus, der sich gegenüber Phasen intensiver Zusammenarbeit beider Staaten letztlich als der stärkere Faktor erwies; dem Aufstieg Rußlands zu einer Großmacht, der sich allerdings nicht geradlinig und kontinuierlich vollzog; dem preußisch-österreichischen Dualismus, der die zweite Jahrhunderthälfte durchzog und die internationale Politik strukturierte. Mit ihrer ebenso ambitionierten wie aufwendigen Außenpolitik haben sich die meisten Großmächte und viele Staaten aus dem zweiten Glied - sofern sie sich nicht weitgehend auf sich selbst zurückzogen - deutlich übernommen, so daß am Vorabend der Französischen Revolution eine ganze Reihe von ihnen finanziell mit dem Rücken zur Wand stand. Daß die meisten europäischen Staaten, so oder so, an einem außereuropäischen Emanzipationsprozeß, der Formierung der Vereinigten Staaten von Amerika, aktiven und tätigen Anteil nahmen, brachte in die internationalen Beziehungen eine neue Komponente hinein.
Dem allgemeinen Rahmen des Handbuchs entsprechend, gliedert sich der Band in einen systematischen Teil, der nach den Rahmenbedingungen internationaler Politik und den "Akteuren" fragt, und einen ereignisgeschichtlichen, in dem die folgenden Themen behandelt werden: der Nordische Krieg und der Aufstieg Rußlands; Bündnissysteme und Friedenswahrung im Zeichen der britisch-franzosi-schen Kooperation; Europa unter dem Vorzeichen habsburgisch-bourbonischer Gegensatze und Annäherungen; das renversement des alliances; Konflikte im Zeichen des französisch-britischen Gegensatzes; der österreichisch-preußische Dualismus als Faktor der internationalen Politik; die Türkenkriege. Abschließend wird nach den Möglichkeiten, Grenzen und Zwängen internationaler Politik im 18. Jahrhundert gefragt.




