Band2

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Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen

Band 2: Hein Schilling:
Konfessionalisierung und Staatsinteressen. Internationale Beziehungen 1559-1659


Das Jahrhundert zwischen der Abdankung Karls V. 1556 und der Neuordnung des europäischen Mächtesystems im Westfälischen (1648), Pyrenäen- (1659) und Olivaer Frieden (1660) war das konfessionelle Zeitalter Europas. Es war einerseits gekennzeichnet durch die Fortsetzung der im späten Mittelalter und in der Reformationsepoche beginnenden Verdichtung und Formierung bei gleichzeitigem Eintreten in eine Zeit demographischer und wirtschaftlicher Krisenerscheinungen, andererseits der Intensivierung des - vor allem transatlantischen - Überseehandels. Insbesondere trat die Staatsbildung in eine neue, durch die Konfessionalisierung und die enge Verzahnung von politischer und kirchlich-religiöser Formierung und Intensivierung geprägte Phase ein. Die Allianz zwischen frühmodernen Staaten und den neuzeitlichen Konfessionskirchen verlieh der kirchlichen wie der politischen Ordnung zusätzliche Konzentration im Innern und nach außen Selbstbehauptungswillen und Abgrenzungsdynamik.

Die internationalen Beziehungen dieser Epoche waren durch eine deutliche Zunahme der seit dem späten Mittelalter aufziehenden Konflikte und Kriege gekennzeichnet. Das waren einerseits innere und äußere Staatenbildungskriege (Johannes Burkhardt), andererseits Glaubenskriege. Beide Kriegstypen müssen strukturell in engem Zusammenhang gesehen werden. Charakteristisch ist desweiteren, daß diese europäischen Kriege durch die neu aufgezogene Konkurrenz zwischen alten und neuen Kolonialmächten erstmals ansatzweise über den Kontinent auch nach Übersee hinausgriffen.

Da in Europa weiterhin der Fürstenstaat vorherrschte und die innere Staatsbildung ebenso wie die äußere Machtentfaltung im wesentlichen durch die Krongewalt bestimmt waren, spielten Dynastie, dynastische Allianzen oder Gegensätze sowie innerdynastische Spaltungen für die Gestaltung von internationaler Politik eine hervorragende Rolle. Jedoch wurde im Zuge der inneren Staatsbildung das unabhängig von den dynastischen Inhabern der Krongewalt definierbare und definierte machtpolitische Interesse der einzelnen Staaten (ragione di statu)für deren Handeln im internationalen System immer wichtiger. Für Handelsstaaten wie England oder Republiken wie Venedig, die Eidgenossenschaft und die Niederlande wurden außenpolitisch aber auch zunehmend Wirtschafts- und Handelsinteressen bestimmend. Vor allem in den Jahrzehnten um 1600 sorgte der konfessionelle Faktor für zusätzliche Dynamik in den internationalen Beziehungen: in der Diplomatie spielten kirchliche Netze und Kommunikationswege ebenso eine Rolle wie konfessionelle Loyalität und Identität; die eschatologische Deutung mächtepolitischer Gegensätze und eine mächtige Konfessionspropaganda überlagerten am Vorabend und in den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges alle anderen Argumentationsstränge und wirkten konflikttreibend. Schließlich läßt sich in Ansätzen so etwas wie eine innere Systemlogik der internationalen Beziehungen ausmachen: das Netz diplomatischer Beziehungen verdichtete sich; das Spiel von Allianzen und Gegenallianzen wurde immer wichtiger; Vorgänge an einem Punkt des Systems riefen unmittelbar Reaktionen an einem anderen hervor. Das läßt sich unter anderem an der Rolle der Osmanen als außereuropäischer Teilnehmer am frühneuzeitlichen Mächtespiel ablesen.

Dem Charakter des Zeitalters entsprachen zentrale Ereignisse dynastischer, konfessioneller und kriegerischer Natur: die 1556 vorgenommene Aufgabenteilung zwischen dem deutschen und dem spanischen Zweig des Hauses Habsburg; die damit vollzogene Abkehr vom Universalismus der mittelalterlichen und karolinisch-neuzeitlichen Kaiseridee hin zu einer partikularen Machteordnung, in der es nun konkret um die Realisierung oder Verhinderung der spanischhabsburgischen Hegemonie ging; die Bildung konfessionell bestimmter außenpolitischer Allianzen; der in den nordöstlichen Randzonen Europas sich entwickelnde Kampf um das mächtepolitische Vakuum im Baltikum und um das Dominium Maris Baltici zwischen Schweden, Polen, Dänemark und zeitweilig bereits Rußland; die Beendigung der türkischen Seeherrschaft im Mittelmeer (Lepanto 1571) und, nach weiteren Türkenkriegen auf dem Balkan, der Übergang zu einem bis in die 1660er Jahre immer wieder verlängerten Waffenstillstand zwischen Kaiser und Sultan; das Ringen um die Weltmeere und den Anteil am Kolonialhandel.

Im Dreißigjährigen Krieg flossen west- und mitteleuropäische mit den nord- und osteuropäischen Konfliktlinien zusammen. Spanien, das den Kampf mit England um die Vorherrschaft im Ostatlantik und im Kanal 1588 verlor (Desaster der Armada), blieb als Inhaber der Kronen von Neapel, Sizilien und Mailand in das Mächtespiel der italienischen Pentarchie eingebunden und suchte auch über die für den Transport von Truppen und Geld nach Norden wichtige "Spanische Straße" seine Position in den Niederlanden zu festigen. Zur Sicherung der Alpenpässe kämpfte es mit der Graubündener Schweizer Republik um das Veltlin und schloß 1639 den Vertrag von Mailand, mit dem die katholische Macht erstmals konfessionelle Erwägungen hintanstellte, um mit einer protestantischen Macht ihre Staatsinteressen gegen Frankreich zu sichern.

Frankreich, das nach dem letzten der frühen Kriege gegen Habsburg (1556-1559) sich selbst durch Religions- und Bürgerkriege auf Generationen hin mächtepolitisch lähmte und nur unter Heinrich IV. als anti-habsburgischer Allianzpartner Englands, der Niederlande und protestantischer Reichsfürsten kurzfristig aktiv wurde, kehrte über sein Engagement in der westlichen Alpenregion ins europäische Mächtespiel zurück - mit noch geringem Erfolg in Graubünden, dann aber als Sieger im Mantuaer Erbfolgekrieg (1628-1631). Richelieu erklärte Spanien 1635 formell den Krieg und trat damit zugleich in den Dreißigjährigen Krieg ein. Über den Frieden von Münster mit Kaiser und Reich, der ihm wichtige, ausbaufähige Rechte im Elsaß brachte, und den Pyrenäen-Frieden, der neben kleineren territorialen Gewinnen die durch ein Ehebündnis abgesicherte Annäherung an den alten Rivalen Spanien und die Möglichkeit einer Trennung der beiden Habsburger Linien einschloß, stieg Frankreich anstelle Spaniens zur westeuropäischen Vormacht auf.

Im Norden und Nordosten baute sich in einer Reihe zunächst regionaler, sich teilweise überlappender Konflikte zwischen Dänemark, Schweden, Rußland und Polen die neuzeitliche Mächtekonstellation auf, in der zuerst Schweden, seit dem 18. Jahrhundert dann Rußland dominierte. Mit der Landung schwedischer Truppen unter König Gustav II. Adolf am 26. Juni 1630 auf der Insel Usedom wurde dieser nordosteuropäische Konflikt zu einem Teil des Dreißigjährigen Krieges, des ersten Konflikts mit einem gesamteuropäischen Charakter. Und es bedurfte des ersten gesamteuropäischen Friedens-kongresses von Münster und Osnabrück, zusammen mit den anschließenden spanisch-französischen Verhandlungen in den Pyrenäen und dem Treffen der Nordostmächte in Oliva, um diesen Konflikt zu beenden und das internationale System Europas auf die neue Basis einer ebenso politisch wie völkerrechtlich fundierten Friedens- und Mächteordnung zu stellen.