Band1

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Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen

Band 1: Alfred Kohler:
Die spätmittelalterliche Res publica christiana und ihr Zerfall. Internationale Beziehungen 1450-1559


Der Band behandelt die Entwicklung vom Pluralismus der spätmittelalterlichen Staatenwelt bis zu einer wichtigen Etappe des Kampfes um die Hegemonie in Europa. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bildeten die spätmittelalterlichen Staaten zukunftsweisende Neuerungen aus. Dazu gehörte in Italien, aber auch in den Königreichen der Katholischen Könige in Spanien, die Formierung des ständigen Gesandtschaftswesens, in dem ein Schritt zu "vertrauensbildenden Maßnahmen" im Umgang der Fürstenstaaten und Republiken untereinander gesehen werden kann, welche seit dem Frieden von Lodi (1454) erstmals erprobt wurden. Ein frühes Modell ausgleichender Gegensätzlichkeit ist die Pentarchie Italiens, die aus den Republiken Florenz und Venedig, dem Herzogtum Mailand, dem Patrimonium Petri und dem Königreich Neapel bestand; nach ihrem jähen Ende im Zuge der französischen Expansion unter Karl VIII. (seit 1494) wurde Italien zum Objekt im Kampf um die Hegemonie zwischen Frankreich und Habsburg. In diesem Ambiente entstanden die zukunftweisenden Reflexionen Machiavellis über die Grundproblematik fürstlicher Politik. Der Austrag militärischer Konflikte schloß Innovationen im Kriegswesen (Entwicklung der Infanterie und Koordination mit Kavallerie und Artillerie) ein. Dessen ungeachtet stand die europäische Staatenwelt unter dem nachhaltigen Eindruck der osmanischen Kriegsstärke. Die außereuropäische Expansion Spaniens (seit 1492) hatte eine völkerrechtliche Erörterung über den Status und den Umgang mit den indigenen Bevölkerungen Amerikas zur Folge (Las Casas, Gines de Sepülveda, neue Gesetze Karls V. 1542).

Im ersten Teil des Bandes wird die innere Formierung der einzelnen Staaten analysiert. Von allgemein europäischer Bedeutung war die Konsolidierung der westeuropäischen Fürstenstaaten. So stand Frankreichs Entwicklung seit Ludwig XI. im Zeichen eines sich gegen die letzten großen Lehensträger durchsetzenden Königtums. Das nach lehensrechtlicher Unabhängigkeit von Frankreich strebende Burgund ging seinem Höhepunkt und Ende (unter den Herzögen Philipp dem Guten und Karl dem Kühnen) entgegen. Auf der Iberischen Halbinsel kam es zu der folgenreichen dynastischen Vereinigung von Kastilien und Arag6n (Katholische Könige), unter Abwehr der Ambitionen Portugals. Mit der Eroberung Granadas, der letzten muslimischen Herrschaft in Spanien, und dem Beginn der überseeischen Expansion setzte die spanische Monarchie besondere Akzente. In zeitlicher Parallele vollzog sich in England die Restauration des Königtums unter Heinrich VII. nach jahrzehntelangen Kriegen. Doch erst Heinrich VIII. führte England auf die Bühne der europäischen Politik zurück.

Die seit der Bildung der Kalmarer Union bestehende nord(europä)ische Staatengemeinschaft lockerte sich unter dem Vorzeichen des wachsenden Gegensatzes zwischen Dänemark und Schweden, was den Weg zur vollen politischen Selbständigkeit der beiden Länder öffnete. Das Heilige Römische Reich in der Mitte Europas war vom Prozeß der inneren "Verdichtung" geprägt: Reformbestrebungen und die Konstituierung des Reichstages vollzogen sich in der Konfrontation zwischen Kaisertum und Reichsständen. Wesentlich war der Aufstieg des "Hauses Österreich" zur führenden Dynastie Europas infolge einer von Glück begünstigten Heiratspolitik mit Burgund (1477), dem Haus Trastämara in den spanischen Königreichen (seit 1495) und den Jagiellonen in Böhmen und Ungarn (1515). Das Ergebnis dieser habsburgischen Politik war die Kumulation von weitgestreuten Herrschaftsgebieten, die die Grundlage für eine hegemoniale Stellung und eine auf Hegemonie zielende Politik in Europa abgab. Eine neue Komponente europäischer Politik stellte die ständige Bedrohung der österreichischen Länder, Ungarns und Polens sowie der Mittelmeerländer durch das Osmanische Reich dar. Indirekt wirkte die Osmanengefahr auch auf das gesamte Heilige Römische Reich zurück und hatte die Bewilligung von Türkenhilfen seitens der Reichsstände zur Folge, die im Falle der Protestanten nur gegen religionspolitische Zugeständnisse geleistet wurden.

Der zweite Teil des Bandes ist den Abläufen der staatenpolitischen Entwicklung gewidmet. Besonders auffällig sind dabei die Dynamisierung und Erweiterung des innereuropäischen Konfliktpotentials und die Bedrohung durch das Osmanische Reich. Einen ersten Höhepunkt stellte der Konflikt um Burgund (1477-1493) dar. Er war charakteristisch für den sich anbahnenden habsburgisch-französisehen Gegensatz, der 1494 seine Fortsetzung in Italien fand, wo es zur Bündelung der Konflikte um die Vormachtstellung in Europa kam. Die wichtigsten Konfliktparteien waren Frankreich (in Oberitalien und Neapel), Maximilian 1. (in Oberitalien) und die spanischen Könige (in Neapel). Während die Vorherrschaft in Süditalien zugunsten Spaniens entschieden wurde, griff Karl V. später den unentschiedenen Konflikt mit Frankreich wieder auf, um sein Konzept einer Monarchia universalis vor allem hier umzusetzen. Diese irreversible politisch-militärische Auseinandersetzung zwischen der französischen Monarchie unter den Königen Franz 1. und Heinrich II. einerseits und Karl V. andererseits war konstitutiv für die meisten Konflikte in Europa seit 1521, die erst mit dem Frieden von CateauCambrŽsis (1559) zunächst ihr Ende fanden. Die Abwehr der osmanischen Expansionsbestrebungen auf dem Balkan und im Mittelmeer stellte sich als permanente Aufgabe des Kaisers und Reichs dar (Höhepunkte 1529, 1532). Zu gemeinsamen Aktivitäten der wichtigsten europäischen Fürsten und Staaten in den Konflikten mit dem Osmanischen Reich kam es jedoch nicht; statt dessen wurde der Sultan für die französischen Könige ein wichtiger Bündnispartner und Rückhalt im Konflikt mit Habsburg. So hat die osmanische Frage den kaum mehr vorhandenen gemeinsamen Willen der europäischen Fürsten und Staaten weiter geschwächt.