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David Lederer
Das Lesen der Geschichte
5. Ihr Urteil
[140] Nun da das Buch zu Ende ist, fängt Ihre Arbeit erst wirklich an. Nicht nur ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, über den Inhalt des Buches nachzudenken, seine Argumente abzuwägen und zu einem Urteil zu kommen, eine noch wichtigere Aufgabe steht Ihnen bevor - die Erstellung einer Zusammenfassung des Buches für Ihr Referat oder Ihre Hausarbeit. Dieser Schritt muß jedoch nicht entmutigend sein, wenn Sie Ihre eigenen Gedanken ernst nehmen und sich selbst in die Rolle eines professionellen Rezensenten versetzen. Dies wird Ihnen nicht nur helfen, den Text in sinnvoller Weise zusammenzufassen, sondern auch, einen Ordner für zukünftiges Nachschlagen anzulegen. Sind Sie den bisher erläuterten Schritten gefolgt, haben Sie schon ein Grundgerüst für die Rezension. Ziehen Sie als Vorbild irgendeine wissenschaftliche Zeitung heran: zum Beispiel die Historische Zeitschrift, das Flaggschiff der deutschen Historikerzunft, oder die Zeitschrift für historische Forschung, eine auf die Frühe Neuzeit spezialisierte Zeitschrift. Zeitschriftenrezensionen zeigen Ihnen nicht nur, welche Informationen von Historikern als relevant erachtet werden, vielleicht [141] finden Sie sogar eine Rezension des Buches, das Sie gerade gelesen haben. Manchmal ist es nützlich, die zurückliegenden Ausgaben einer Zeitschrift zu durchsuchen. In der Regel sollte man sich die mehr als ein Jahr nach der Herausgabe der betreffenden Monographie erschienenen Bände ansehen. Ein Gesamtverzeichnis der Rezensionen - national wie international - liegt allerdings vor mit der IBR, der Internationalen Bibliographie der Rezensionen wissenschaftlicher Literatur. Halbjährlich erscheinen hiervon vier Bände, die in sich in vier Teile gegliedert sind: Sie finden ein Sachverzeichnis, ein Schlagwortverzeichnis und die Aufgliederung nach besprochenen Werken wie nach Rezensenten [Internationale Bibliographie].
Buchrezensionen beginnen meist mit den grundlegendsten bibliographischen Informationen: Autor, Titel, Erscheinungsjahr und -ort, Seitenanzahl. Ein kurzer Abschnitt beschreibt die technischen Details des Buches: Inhalt, Kapitelanzahl, Titel und zentrale These. In einem weiteren Abschnitt ist der Inhalt der Einleitung, der einzelnen Kapitel und des Fazits kurz zusammengefasst. Im Folgenden beurteilt der Rezensent die Verwendung des Quellenmaterials, Theorie und Methodik des Autors und legt schließlich seine eigene Meinung über das Buch als Ganzes dar. Wie lang sollte Ihre Rezension sein? Eine schwierige Frage, aber: auf keinen Fall zu lang. Konzentrieren Sie sich auf den allgemeinen Eindruck und tappen Sie nicht in die Falle, den Wald vor lauter Bäumen zu übersehen. Oft genug passiert es, daß man ein Buch aus der Bibliothek ausleiht und feststellen muß, daß der vorherige Benutzer so gut wie den ganzen Inhalt des Buches unterstrichen hat, von der ersten bis zur letzten Zeile. Das ist nicht nur Vandalismus, sondern auch eine wirklich sinnlose Aktion. Niemand erwartet von Ihnen, den Inhalt eines Buches unverarbeitet wiederzugeben. Gerade der Schritt der Verarbeitung ist es, der von Ihnen in der Vorbereitung für mündliche und schriftliche Prüfungen erwartet wird. Achten Sie darauf, daß Sie bzw. Ihre Zuhörer sich nicht im Dschungel der Details verlieren, versuchen Sie nicht, den gesamten Inhalt des Buches zu erzählen. Lesen Sie zügig; behalten Sie die Hauptargumente der einzelnen Kapitel im Hinterkopf und konzentrieren Sie sich auf das Buch als Ganzes - seine These, seine Methode, die zugrundegelegte Theorie und das herangezogene Belegmaterial. Natürlich ist es wichtig, bestimmte Informationen zu notieren, wenn Sie aber jede einzelne Seite auflisten, haben Sie den Zweck der Übung verfehlt und kommen womöglich nie zu einem Ende.
Schließlich noch zwei Dinge. Erstens: Wenn Sie das Buch beendet haben, sollte die Bedeutung des Titels einigermaßen klar sein. Den Versuch ist es auf jeden Fall wert, den Inhalt des Buches in ein oder zwei kurzen, den Titel näher erklärenden Sätzen zu umschreiben. Zweitens, und dies ist in der abschließenden Analyse vielleicht sogar am wichtigsten: Hat Ihnen das Buch gefallen? Hat es Sie, als Leser, angesprochen? Warum oder warum nicht? Auch das Lesen hat eine Geschichte, und Historiker des Lesens haben mehrfach gezeigt, daß Lesen eine aktive kulturelle Aneignung darstellt - keine zwei Leser entwickeln genau den gleichen Eindruck von einem Buch [Ginzburg 81f.; Greenblatt 1994, 12-17]. Neben den objektiven Fakten, die Sie erwähnen müssen, ist auch Ihre subjektive Meinung sehr wichtig. Was hat der Autor geschrieben, das Ihnen gefallen hat? Was hätte der Autor sonst noch tun können, um die Lektüre des Buches für Sie lohnender zu machen? Diese Fragen werden Ihre Zuhörer sicherlich interessieren, sowohl Ihre [142] Kommilitonen, die es möglicherweise von Ihrer Einschätzung abhängig machen, ob Sie das Buch selbst lesen, wie auch gerade Ihren Professor. Vielleicht ist eben dies der Grund, warum man Ihnen Michelets Die Hexe empfohlen hat: um zu wissen, was ein anderer darüber denkt, und ist, wie alle ernsthaften Historiker, sehr daran interessiert, einen kritischen Dialog mit Ihnen, dem Leser, einzugehen.
(Original in deutscher Übersetzung von Sonja Levsen)
Bei dieser Zweitveröffentlichung handelt es sich um eine Internet-Adaption des Kapitels "Technik: Das Lesen der Geschichte" im Oldenbourg Geschichte Lehrbuch - Frühe Neuzeit, hg. von Anette Völker-Rasor, München 2000, S. 125-142.
Die Zweitpublikation erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Oldenbourg-Verlags. Für die Reihe "Oldenbourg Geschichte Lehrbuch" gibt es eine eigene Webseite.
Erstellt: 22.03.2006
Zuletzt geändert: 22.03.2006


