Lederer

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David Lederer 

Das Lesen der Geschichte 

4. Theorien und Methoden 

[136] Um eine wissenschaftliche These zu belegen, sammeln Autoren Fakten und interpretieren sie als Beweise für ihr Argument. Neueren, gegenteiligen Behauptungen zum Trotz existieren historische Fakten tatsächlich unabhängig von ihrer Interpretation. So ist zum Beispiel die Verbrennung von Frauen als Hexen im frühneuzeitlichen Europa ein Faktum. Was es beweist, ist jedoch abhängig davon, wie der Autor die Fakten interpretiert. Michelet interpretiert eine Anzahl Beispiele als Beweisfälle für die Schuld der Kirche an den Hexenverfolgungen. Seine Interpretation ist zu einem großen Teil abhängig von seinem allgemeinen Geschichtskonzept, also von einer bestimmten Theorie, während die Interpretationsmethoden, mit denen er sich den Quellen nähert, teilweise von den ihm zur Verfügung stehenden Quellenarten selbst abhängig sind. Einer der meistverbreiteten Fehler in der Bewertung einer wissenschaftlichen These ist die Verwechslung von Theorie und Methode, zwei verschiedenen, wenn auch manchmal zusammenhängenden Prinzipien wissenschaftlicher Analyse. Alle Historiker, sei es bewußt oder unbewußt, konsequent oder inkonsequent, dogmatisch oder eklektisch, gehen an die Quellen mit irgendeiner Art theoretischen und methodischen Grundgerüsts heran. Theorie bezeichnet einen Satz philosophischer oder logischer Prinzipien bzw. ein System, auf das der Historiker seine These gründet, z.B. auf eine aristotelische, feministische, malthusianische oder marxistische Theorie. Für Michelet, den romantischen Liberalen des 19. Jahrhunderts, stand die Naturmagie der Hexen für das Aufbegehren des proto-nationalistischen Widerstandes gegen die universalistische römische Kirche. Roland Barthes, der linksintellektuelle Strukturalist der 1960er, interpretiert das Hexenphänomen als das Aufbegehren des egalitären Klassen- und Geschlechtsbewußtseins gegen die kapitalistische Unterdrückung: "... etwas taucht auf in der Geschichte, das die Beziehungen der Menschen verändert, Eigentum in Ausbeutung verwandelt, das Band zwischen dem Leibeigenen und dem Feudalherren jeder Menschlichkeit entleert: das Gold" [Michelet, 6]. Eine Theorie ist ein interessantes und nützliches Werkzeug wissenschaftlicher Analyse, so lange sie nicht bestimmte Schlußfolgerungen erzwingt.

Methode ist etwas anderes als Theorie und für Historiker die wichtigste Vermittlungsinstanz zur Untermauerung der Glaubwürdigkeit jeglicher wissenschaftlichen These. "Die historische Methode gründet sich auf die von Ranke niedergelegten und seitdem auf vielfältige Weise ausgearbeiteten Regeln der Verifikation." [Evans, 127] Methodik ist, einfach gesagt, die konsequente Anwendung gleichförmiger Prinzipien zur Bewertung historischer Quellen. Die angewandte Methodik steht in enger Verbindung mit den zur Untermauerung einer These verwendeten Quellentypen [137] und geht mit diesen ein Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit ein. Es gibt unendlich viele verschiedene Methoden. Zwei offensichtliche Kategorien sind die der qualitativen Analyse, einer subjektiven Auswertung beschreibender Primärquellen, und die der quantitativen Analyse, der Auswertung serieller Quellen auf statistischer Basis. Diese zwei Kategorien können noch weiter unterteilt werden. Einerseits kann zum Beispiel eine qualitative Analyse, die sich mit normativen Quellen wie Gesetzen, religiösen Geboten oder moralischen Regeln beschäftigt, nicht einfach davon ausgehen, daß normative Verhaltenscodes jemals in praktisches Handeln umgesetzt werden.

Auf der anderen Seite ziehen Sozialhistoriker, die sich mit der Hexenverfolgung beschäftigen, heute regelmäßig Kriminalakten, wie zum Beispiel unter Folter abgelegte Zeugnisse, heran, um die weite Verbreitung normabweichenden Verhaltens aufzuzeigen. Dennoch negieren Kriminaluntersuchungen in sich nicht die Existenz von Normen, sondern weisen vielmehr darauf hin, daß vermutete Normüberschreitungen in der Praxis bestraft wurden. Michelets Analyse ist mit Ausnahme der Erwähnung von "Millionen" Opfern rein qualitativ, da er sich auf normative, gedruckte Primärquellen vor allem theologischer Natur konzentriert. Voigts Rechenexperiment, mit dem er das Ziel verfolgt, eine Gesamtzahl der Opfer der Hexenverfolgung anhand von dreißig Prozeßberichten, die er im Quedlinburger Stadtarchiv gefunden hatte, aufzustellen, ist rein quantitativ. Ob ihre Methoden und folglich ihre Interpretationen sich als fehlerhaft erweisen, ändert nichts an dieser Kategorisierung. 

[138] Hierin liegt für den kritischen Leser die Bedeutung des Zitatenapparates, da der Historiker in den Zitaten seine Quellen offenbart. Und hierin liegt auch der Unterschied zwischen historischen Fakten und geschichtswissenschaftlicher Interpretation. Gemäß den Regeln der Geschichtswissenschaft wird von dem Historiker verlangt, mit Hilfe einer bestimmten Methode eine Referenz zu den Fakten, die er oder sie interpretiert, herzustellen. Jedem Leser sollte es möglich sein, den faktischen Inhalt der Information zu verifizieren, indem man die Zitate überprüft. Ebenso wie in anderen Wissenschaften, seien es Naturwissenschaften oder Geisteswissenschaften, kommt es vor, daß Beweismaterial gezielt erfunden oder verfälscht wird, und es ist die Aufgabe der wissenschaftlichen Gemeinschaft, Betrüger zu entlarven. Viel problematischer sind jedoch Fehlinterpretationen, methodisch fehlerhaftes Vorgehen, ungenügendes Beweismaterial für eine These oder ähnliche Probleme, da diese oft auf einer subjektiven Interpretation der Quellen beruhen. Solche Mängel aufzuzeigen ist die Kernaufgabe wissenschaftlicher Kritik, da es keine einzig richtige Interpretation eines vergangenen Ereignisses gibt, sondern verschiedene mögliche Interpretationen. Geschichtswissenschaft ist ein Dialog, und die Historikerzunft führt regelmäßige Debatten in Fachzeitschriften: Geschichte selbst ist ein konstanter, nie endender Dialog. Auch wenn es aber keine einzig richtige Interpretation der Tatsachen gibt, so gibt es doch Interpretationen, die offensichtlich falsch sind. Wissenschaftliche Thesen zu widerlegen ist eine traditionelle Aufgabe der wissenschaftlichen Gemeinschaft.


Abb. 1

Was für Quellentypen zieht Michelet heran, um seine These einer klerikalen Verschwörung zum Zweck der Verfolgung weiblicher Aus- [140] übung von Naturmagie zu unterstützen? Auskunft gibt hier ein Blick auf seine Fußnoten, die am Ende des Buches erscheinen. Insgesamt neun detaillierte Fußnoten finden sich, relativ wenig im Vergleich zu neueren historischen Arbeiten, die meist Hunderte enthalten. Der Großteil der Fußnoten ist nicht viel mehr als eine Aufstellung von Vermutungen mit nur vagem Quellenbezug, meist nur auf Sekundärtexte antiklerikaler Autoren der Aufklärung verweisend. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, daß Michelet die ganze Periode bis zum 17. Jahrhundert durchgängig als Mittelalter bezeichnet, da dies einem verbreiteten Vorurteil unter Autoren der Aufklärung entspricht. Der eigentliche Quellenbezug ist auf gedruckte theologische Texte beschränkt. Nun ist diese Methode zwar unzweifelhaft vertretbar, aber sie ist sehr stark auf eine theologische Interpretation ausgerichtet. Folglich ist es kaum verwunderlich, wenn seine Untersuchung theologischer Anprangerung der Hexerei und antikirchlicher Traktate zu dem Bild einer in die modernen Hexenverfolgungen verwickelten mittelalterlichen Kirche führt.


Abb. 2

Erwähnenswert ist, daß Michelet in der Originalausgabe von 1862 auch Illustrationen als nicht traditionelle, aber gleichermaßen gültige Quellen herangezogen hatte. Dennoch ist auch hier wieder wichtig, daß der Leser den Illustrationen mit Vorbehalt begegnet, sie nicht für das annimmt, was sie zu sein vorgeben, sondern sie kritisch untersucht. In Michelets Fall ist die Verwendung von Illustrationen als Belegmaterial äußerst irreführend, da es sich bei den Illustrationen gar nicht um Primärquellen handelt. Vielmehr hatte Michelet eine Reihe von Zeichnungen zu den Themen seines Buches in Auftrag gegeben und so im Endeffekt im 19. Jahrhundert Belegmaterial geschaffen, um seine Ansichten über Hexereiglauben in zurückliegenden Jahrhunderten zu stützen. Diese - von ihm wohlbedachte - Methode kommt der Erfindung von Belegmaterial gleich und ist völlig fehl am Platz. Die im 19. Jahrhundert entstandenen Illustrationen sagen uns wesentlich mehr darüber, was Michelet und seine Zeitgenossen über Hexerei dachten, als was die Menschen im 16. und 17. Jahrhundert tatsächlich glaubten. Ihre Verwendung ist ein Paradebeispiel für das Überstülpen einer eigenen Lieblingsthese über die Vergangenheit, und diskreditiert diese These, so interessant sie auch sein mag.

 

Bei dieser Zweitveröffentlichung handelt es sich um eine Internet-Adaption des Kapitels "Technik: Das Lesen der Geschichte" im Oldenbourg Geschichte Lehrbuch - Frühe Neuzeit, hg. von Anette Völker-Rasor, München 2000, S. 125-142.
Die Zweitpublikation erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Oldenbourg-Verlags. Für die Reihe "Oldenbourg Geschichte Lehrbuch" gibt es eine eigene
Webseite.

 



Erstellt: 22.03.2006

Zuletzt geändert: 22.03.2006