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David Lederer
Das Lesen der Geschichte
3. Die These
[133] Grob gesagt gibt es zwei Arten von Geschichtsbüchern - Nachschlagewerke und darstellende Monographien. Im Unterschied zu einem Nachschlagewerk präsentiert eine darstellende Monographie eine These - eine zugrundegelegte Hypothese - die in dem Buch vertreten bzw. entwickelt wird. Das vielbändige, von Otto Brunner herausgegebene Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe beispielsweise ist zweifellos ein großartiges Nachschlagewerk für eine Vielzahl historischer Begriffe, aber genau aus diesem Grund ist zweifelhaft, ob es jemals jemanden geben wird, der es zur Gänze liest. Eine These ist eine Antriebskraft, die zentrale Interpretationsdynamik, die das Werk vorantreibt. Sie verwandelt eine Monographie in ein Stück wissenschaftliche Literatur als dem Gegenteil eines Telefonbuches voller unverarbeiteter Daten. Dies ist der Grund, warum Michelet auch heute noch als historische Monographie gelesen wird. Wenn Sie als Leser die These des Autors nicht erkennen können, stimmt etwas nicht. Jede gute historische Darstellung stellt ihre Intention klar heraus, möglichst in der Einleitung. Ist die These unklar, krankt vermutlich auch der Rest des Buches an mangelnder Klarheit. Brillante Autoren vermitteln ihre Botschaft mit Leichtigkeit, und die genialsten Thesen sind die einfachsten. Natürlich können komplexe oder vielfältige Thesen ebenso nützlich, wenn auch kaum ebenso eingängig sein. Jeder Autor, der etwas taugt, weiß, daß eine unklare oder uninteressante Eingangsthese den cleveren Leser dazu verleiten wird, das Buch wegzulegen.
Die Einleitung kann viele Dinge enthalten, vor allem sollte sie aber das zentrale Argument des Buches offenlegen. Daneben kann sie die Herangehensweise oder die theoretischen Grundlagen, auf denen das Buch basiert, er- [134] läutern, oder einen Überblick über den Kapitelablauf geben. Der Textkörper schließlich sollte ausreichend Beweismaterial liefern, um den Leser Schritt für Schritt durch eine die Eingangsthese weiterentwickelnde, logisch aufgebaute Argumentation auf das Fazit hinzuführen. Wenn Sie bei dem Fazit angelangt sind, sollte ein klar und zu Ihrer Zufriedenheit markierter Weg von A bis Z hinter Ihnen liegen. Das Schlußkapitel sollte nun die Eingangsthese und die Belege im Text wiederholen. Manchen Geschichtsbüchern gelingen Übergänge nahtloser als anderen, manche verwenden zur Entwicklung des Arguments eine starrere Argumentationsstruktur. Wie auch immer man es angeht, das Schlußkapitel sollte die verschiedenen Aspekte nochmals zusammenbringen und den Leser für seine Geduld mit klaren Ergebnissen belohnen. Dann ist es an Ihnen zu beurteilen, ob dem Autor sein Anliegen geglückt oder mißlungen ist.
Wenden wir uns nochmals Michelet zu, um dies an einem Beispiel zu illustrieren. Seine zentrale These taucht, als direkte Anspielung auf den Titel, in knappen Worten in der ersten Zeile der Einleitung auf: "Sprenger sagt schon im 15. Jahrhundert: 'Man sage Ketzerei der Hexen, und niemals der Hexenmeister; diese letzteren sind nicht von großer Bedeutung.' - Ein anderer Schriftsteller unter Ludwig XIII sagt: 'Auf einen Zauberer kamen zehntausend Zauberinnen" [Michelet, 19]. Im Anschluß hieran preist Michelet Frauen als Trägerinnen natürlicher Magie. Ihr Wissen sei schließlich in der Aufklärung von den Fesseln des Aberglaubens befreit und in der Folge von Physikern und Medizinern, den rechtmäßigen - wenn auch undankbaren - Erben des "Empirismus des Volkes, den man Hexenwesen nannte" [Michelet, 178-183], zu den Naturwissenschaften und der Medizin weiterent- [135] wickelt worden. Für Michelet war die Hexenverbrennung ein Ergebnis des neiderfüllten Konkurrenzkampfes zwischen Priestern und Frauen um medizinische Behandlung: "Der Priester ahnt gar wohl, daß die Gefahr, der Feind, die furchtbare Rivalität ihm in derjenigen entsteht, die er sich den Anschein gibt zu verachten, in der Priesterin der Natur ... Tausend Jahre hindurch war die Hexe der einzige Arzt des Volkes" [Michelet, 20]. In seinem Vorwort verortet Barthes die Quelle weiblichen Wissens in der erotischen Macht der Frauen, die ihren Ursprung in dem männlichen Staunen über den Menstruationszyklus habe. Das Blut der Frau sei - nach Michelet in der Interpretation von Barthes - die mystische Verbindung von männlicher Ergebenheit und natürlicher Magie und damit Grund für die Anbetung von Frauen als Priesterinnen und Muttergöttinnen in Naturreligionen - ein Volksbrauch, der von dem zölibatären christlichen Klerus bekämpfte werde. Der Neid der Kleriker habe bestimmt, daß Frauen dasselbe Schicksal erleiden mußten wie "Millionen" von Häretikern, Juden und Indianern, den anderen nonkonformistischen Märtyrern des Mittelalters [Michelet, 236].
Die These der Hexe ist eine Antwort auf die auf dauerhaftes Forschungsinteresse stoßende Frage der Hexenverfolgung im frühneuzeitlichen Europa. Zweifellos war Michelet weder der erste, der die Anzahl der Opfer zusammenstellte, noch der letzte, der auf das Überwiegen von weiblichen Opfern hinwies. Schon im 18. Jahrhundert schätzte der Aufklärer Voltaire (1694-1778), daß 100 000 Frauen als Hexen umgebracht worden seien. Der Quedlinburger Stadtsyndikus Gottfried Christian Voigt (1740-1791) kam 1783 auf eine lächerlich übertriebene Anzahl von 9 000 000 Opfern [Behringer 1998, 667]. Seine unsinnige These verfolgt uns bis heute: im 19. Jahrhundert wurde sie von der protestantischen Propaganda des Kulturkampfes aufgegriffen und tauchte im 20. Jahrhundert schließlich im Rahmen der nationalsozialistischen Ideologisierung eines vulgären neuheidnischen Feminismus wieder auf.
Die ernsthaftere Forschung der jüngeren Zeit zeigt wichtige Fortschritte in der Aufstellung plausiblerer Thesen über die sozialen und kulturellen Ängste, die von weiblicher Sexualität ausgelöst wurden und Zeitgenossen beiderlei Geschlechts dazu veranlaßten, Frauen als Hexen anzuklagen. Mehrere neue und wichtige Thesen wurden von Historikern aufgestellt: daß die Hexenprozesse des 16. Jahrhunderts im Unterschied zu ihren mittelalterlichen Vorläufern eine neue Ebene der Schärfe erreichten, die sie als spezifisch moderne Verfolgungen identifizierbar machen; daß das Verbrechen der Hexerei zwar geschlechtsbezogen, aber nicht geschlechtsspezifisch war [Larner, 87]; daß es große Unterschiede in Verfolgungsmustern verschiedener Perioden gab - so zeigt zum Beispiel die Tatsache, daß eine bedeutende Anzahl junger Landstreicher Anfang des 18. Jahrhunderts einer neuen Anklagewelle zum Opfer fiel [Behringer 1997], eine Verschiebung geschlechtsspezifischer Zuordnungen in manchen Gebieten. Die Schätzungen über die Anzahl der Opfer sind in den letzten Jahren ebenfalls einer genauen Prüfung unterzogen worden. Glaubwürdige Forscher liefern konservative Schätzungen zwischen 30 000 und 100 000 Opfern - obwohl dies, wenn man die geringere Gesamtbevölkerung Europas im 16. und 17. Jahrhunderts betrachtet, immer noch horrende Zahlen sind [Wiesner, 291]. Auch die Rolle der Kirche und der Inquisition wurde von Forschern neu untersucht, da die Quellen darauf hinweisen, daß die überwiegende Anzahl der Hexenverdäch- [136] tigungen aus dem Volk kam - erstaunlicherweise neigten die Herrschenden dazu, eher bremsend auf illegale Forderungen nach Lynchjustiz in Dorfgemeinschaften einzuwirken [Labouvie; Behringer 1997]. Michelets Ideen über Frauen und Naturmagie müssen im Kontext des breiteren historischen Diskurses über die Beziehungen zwischen Geschlecht, Religion und Hexereiverdacht in verschiedenen Zeitperioden neu betrachtet werden. Eine solche Betrachtung unterstreicht sowohl das Potential wie auch die Schwäche seiner These. Es bleibt zu untersuchen, wie fundiert er tatsächlich seine These mit Beweisen untermauerte.
Bei dieser Zweitveröffentlichung handelt es sich um eine Internet-Adaption des Kapitels "Technik: Das Lesen der Geschichte" im Oldenbourg Geschichte Lehrbuch - Frühe Neuzeit, hg. von Anette Völker-Rasor, München 2000, S. 125-142.
Die Zweitpublikation erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Oldenbourg-Verlags. Für die Reihe "Oldenbourg Geschichte Lehrbuch" gibt es eine eigene Webseite.
Erstellt: 22.03.2006
Zuletzt geändert: 22.03.2006


