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David Lederer
Das Lesen der Geschichte
2. Der Autor
[130] Wenn Sie schließlich eine Vorstellung davon haben, wovon das Buch handelt, bleibt eine wichtige Frage offen - wer ist sein Autor? Obwohl sie manchmal als objektive Faktensammlungen präsentiert werden, enthalten Geschichtsbücher doch ein beträchtliches Maß an Interpretation. Manche Studenten möchten sich gern mit "ihrem" Buch identifizieren, während andere die im Buch vorgebrachten Thesen sofort ablehnen. Beide Extrempositionen sind die Folge eines ungerechtfertigten Gefühls eigener Unzulänglichkeit, wenn man mit dem Werk eines Spezialisten konfrontiert wird. Lassen Sie sich von Berufsbezeichnungen und Ehrentiteln nicht ohne weiteres einschüchtern. Ein Institut kann aus zwei Personen in einer Dachkammer bestehen, und um als internationale Persönlichkeit zu gelten reicht es, wenn man in Salzburg und Berchtesgaden anerkannt ist. Auf der anderen Seite sollte natürlich die kritische Beschäftigung mit einem Autor nicht mit Verachtung einhergehen. Ihre Aufgabe ist weder das Hochloben noch das Begraben des Historikers, sondern vielmehr das Verstehen und die Kritik an seinem Werk. Ebenso wie Mediziner, Astrophysiker - und Sie - sind auch Historiker nur Menschen. Auch als gut ausgebildete Experten haben sie doch ihre Eigenarten und Steckenpferde. Wenn Sie ein Buch wirklich verstehen wollen, ist es sicher sinnvoll, etwas über die Person, die es geschrieben hat, zu wissen. Durch Beschäftigung mit dem Hintergrund eines Autors können Sie wichtige kritische Einblicke in sein Werk gewinnen. Man darf nicht vergessen, daß das Verfassen eines Buches harte Arbeit ist und wenige Leute sich solche Mühe ohne guten Grund - sei es persönliches Interesse am Thema oder ein gewisser Grad an Eigennutz - machen. Historiker sind in ihrer Arbeit besonders oft von politischen, ideologischen oder moralischen Grundeinstellungen bestimmt.
Kehren wir zu Ihrem Referatsthema zurück und untersuchen, welche Auswirkungen die Überzeugungen eines Autors haben können. In seiner Einleitung zu Die Hexe zeichnet Michelet ein zärtliches, erotisches Bild von Frauen als Trägerinnen geheimnisvollen Wissens und klagt die mittelalterliche machtbesessene Kirche an, sie unrechtmäßig zu verfolgen: "Die Hexe ist ein Verbrechen der Kirche." [Michelet, 23]. Michelets Biographie enthüllt uns, daß er liberal-demokratisches Gedankengut mit einer tiefen Antipathie gegen die katholische Kirche Frankreichs im 19. Jahrhundert verband. Genaueres Nachforschen bringt zum Vorschein, daß Michelet 14 Jahre vor dem Erscheinen der Hexe von den Jesuiten zensiert wurde und in der Folge seine öffentlichen Vorlesungen einstellen mußte. Da er sich weigerte, dem pro-katholischen zweiten Empire 1852 die Treue zu schwören, verlor er schließlich alle seine Posten. Sein späteres Leben brachte eine weitere grundlegende Verschiebung seines Erkenntnisinteresses mit sich, hin zur Naturgeschichte (L'Oiseau, 1856; L'Insecte, 1858; La Mer, 1861; La Montagne, 1868) und sinnlichen [132] Themen mit Frauen im Mittelpunkt (L'Amour, 1858; La Femme, 1860). Die Hexe steht direkt in dieser naturalistischen Tradition der Frauenverehrung. Diese Schaffensphase zeigt den Einfluß seiner zweiten Heirat mit der dreißig Jahre jüngeren Athénaïse Mialaret im Jahr 1849. Betrachtet man seine Ansichten zu Religion und Natur ebenso wie seine spätere Neigung zur Erotik also vor dem Hintergrund seiner politischen Überzeugungen, seines beruflichen Mißgeschicks und seiner Liebschaften, so machen sie wesentlich mehr Sinn. Solcherart biographische Informationen über Autoren finden sich in zahlreichen Nachschlagewerken, von Enzyklopädien und Einzelbiographien bis zum Who's Who. In Michelets Fall kann man beispielsweise die zweibändige Biographie von Gabriel Monod oder auch Editionen seiner eigenen Korrespondenz heranziehen. Zudem enthält die 1974er Ausgabe der Hexe ein Vorwort des bekannten französischen Literaturkritikers Roland Barthes, der Die Hexe im Kontext von Michelets Leben und Werk analysiert. Dennoch sollte man sich auch hier des Charakters der Quelle bewußt sein: Barthes' strukturalistische Interpretation hebt besonders hervor, daß Michelet eine sich verändernde Klassenstruktur und die entmenschlichenden Folgen der Geldwirtschaft anprangere. Hintergrund dieser Interpretation ist Barthes' sozialkritisches Engagement in Frankreich während der Aufstände der 60er Jahre. Natürlich ginge es zu weit, einem der beiden Autoren - Michelet in bezug auf die Hexenjagd oder Barthes in bezug auf Michelet - ein zynisches Verdrehen der Fakten aus politischen Gründen vorzuwerfen. Nur der naive Leser aber würde die Person des Autors ignorieren und annehmen, daß historisches Arbeiten in einem Vakuum stattfindet. Die Gültigkeit eines Argumentes wird nicht [133] notwendigerweise von der Tatsache beeinträchtigt, daß es auf bestimmte wissenschaftliche Traditionen zurückgreift und von spezifischen Interessensgruppen beeinflußt ist, auch wenn es sicher von diesen gefärbt ist [Novick, Bourdieu].Mein Anliegen ist es keinesfalls, eine allgemeine Kultur des Mißtrauens der Leser gegenüber Historikern und ihren Beweggründen zu fördern, wie es postmoderne Wissenschaftler versucht haben [Evans, 107f.] - ganz im Gegenteil. Ich will vielmehr Sie als Leser zu kritischen Bewertungen und gesunder Skepsis ermutigen. Ein Geschichtsbuch hat einen jahre- oder sogar jahrzehntelangen Recherche- und Schreibprozeß hinter sich, es muß hohen Ansprüchen im Hinblick auf logische Konsistenz und Quellennachweis genügen - ganz zu schweigen von literarischem Stil - und schließlich einer strengen Beurteilung durch andere Wissenschaftler standhalten, bevor es von einem Verleger akzeptiert wird. Nicht jede Doktorarbeit wird publiziert; viele landen in Trotzkys sprichwörtlicher Mülltonne der Geschichte. Nichtsdestoweniger, scheuen Sie sich nicht davor, Ihrem eigenen Urteilsvermögen zu trauen. Und nutzen Sie jede Gelegenheit, sich eine begründete Meinung zu bilden, anstatt sich ohne weiteres von dem überzeugen zu lassen, was nach einer autoritativen "Fakten"darstellung eines berühmten Autors aussieht. Die Betonung liegt dabei auf begründeter Meinung, und dies bürdet dem Leser die Last der Verantwortung auf, Zeit und Energie aufzuwenden, kritisch zu denken und hinter die "Fakten" zu schauen, um die hinter der Interpretation stehende Person zu entdecken. Der Lohn des Lesers ist ein tiefergehendes Verständnis des Themas und der Handwerkskunst des Historikers [z.B. Bloch].
Bei dieser Zweitveröffentlichung handelt es sich um eine Internet-Adaption des Kapitels "Technik: Das Lesen der Geschichte" im Oldenbourg Geschichte Lehrbuch - Frühe Neuzeit, hg. von Anette Völker-Rasor, München 2000, S. 125-142.
Die Zweitpublikation erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Oldenbourg-Verlags. Für die Reihe "Oldenbourg Geschichte Lehrbuch" gibt es eine eigene Webseite.
Erstellt: 22.03.2006
Zuletzt geändert: 22.03.2006



