Lederer

  / historicum.net / Themen / Hexenforschung / Themen/Texte / Unterrichtsmaterialien

David Lederer  

Das Lesen der Geschichte 

1. Das Buch 

[125] Sie haben sich für ein Seminar in Früher Neuzeit angemeldet, sind bei Ihrem Professor in der Sprechstunde gewesen und haben alle notwendigen Formalitäten für das kommende Semester erledigt. Zusammen mit einigen handouts haben Sie auch eine Themenliste für Referate und Hausarbeiten erhalten. Unter den Themen ist eines, das Sie besonders anzieht: der Hexenwahn im frühneuzeitlichen Europa. Das scheint exotisch und wesentlich interessanter zu sein als eine Arbeit über Kaiser Karl V. oder die Reformation. Sie haben ja schon Filme gesehen, die die Unterdrückungskampagnen der Kirche und der spanischen Inquisition verdammen. Als die Themenliste herumgereicht wird, entscheiden Sie sich also begeistert für dieses Thema. Ihr Professor schlägt Ihnen vor, Ihre Vorbereitung mit einem Klassiker zu beginnen, dem Werk Die Hexe von Jules Michelet, der weithin als einer der größten französischen Historiker angesehen und für seinen intuitiven und dramatischen Stil bekannt ist. Dieses Buch sollte Ihnen folglich alles sagen, was Sie wissen müssen, oder?

Nicht ganz. Im Gegensatz zur Entspannungslektüre verlangt das Lesen auf Universitätsniveau Zielstrebigkeit. Es ist eine weniger passive, eher aktive Beschäftigung, ein Dialog zwischen Leser und Autor, der spezifische Probleme aufwirft. Zunächst, was ist eigentlich ein Geschichtsbuch? Diese rhetorisch banal wirkende Frage ist wichtiger, als es auf den ersten Blick scheinen mag, und es lohnt sich, vor dem Eintauchen in den Text innezuhalten und einen Moment nachzudenken. Der Wert eines Buches ist abhängig vom Beobachter: Archäologen betrachten antike Bücher als Artefakte; Bibliothekare konservieren sie als Kulturgüter; Historiker analysieren ihren Inhalt als Informationsquelle. Die Bücher, mit denen wir uns hier beschäftigen, nämlich Überlegungen späterer Historikergenerationen über die Vergangenheit, sind "Sekundärliteratur" - im Gegensatz zu Augenzeugenberichten oder Darstellungen zeitgenössischer Autoren, sogenannter "Primärliteratur", die ganz anders zu behandeln ist. Über den wissenschaftlichen Gebrauch hinausgehend sind Geschichtsbücher auch Konsumgüter. Sie werden nicht geschrieben, sondern hergestellt: "Was immer die Autoren tun, sie schreiben keine Bücher. Bücher werden überhaupt nicht geschrieben. Sie werden von Schreibern und anderen Handwerkern, von Mechanikern und Ingenieuren, von Druckerpressen und Maschinen hergestellt." [Chartier 1990, 12] Ebenso wie andere Güter, die für den Markt produziert werden, sind sie für den allgemeinen Gebrauch bestimmt, normalerweise, um damit Gewinn zu erzielen - Verlegen ist ein Geschäft.


Abb. 1

Als Produkte unterliegen Bücher gewissen von der Druckindustrie gesetzten Normen, und Geschichtsbücher bilden hier keine Ausnahme. Sie haben meist einen festen Einband. Schauen Sie sich den Umschlag genau an: Er ist mit dem Ziel gestaltet, eine bestimmte Leserschaft anzusprechen, sei es durch seinen Titel, durch den Ruf des Verlages, oder auch durch eine eingängige Illustration. Betrachten Sie diese Elemente aufmerksam; es lohnt sich schon, über den Titel des Buches nachzudenken. Viele Autoren ringen lange um einen passenden Titel, da dieser die Essenz ihres Buches in wenige Worte fassen soll. Nach Lektüre des Buches sollten Sie wissen, warum ein Autor einen bestimmten Titel gewählt hat. Auch der Verlag ist wichtig; genau wie manche Zeitungen einen seriöseren Ruf genießen als andere, haben auch Verlage unterschiedliche Niveaus und sprechen verschiedene Zielgruppen an. Es gibt wissenschaftliche und Universitätsverla- [126] ge. Sie suchen sich ihre Autoren in strengen Auswahlverfahren aus und konzentrieren ihre Produktion auf wissenschaftliche Werke. Die meisten Verlage leben jedoch von der Produktion für den allgemeinen Markt. Gute Verlage verwenden Material von hoher Qualität, z.B. säurefreies, alterungsbeständiges Papier, Schutzumschlag, Leineneinband; sie sparen nicht am Geld, um sicher zu gehen, daß ihr Produkt Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte wiederholten Gebrauchs übersteht. Einige Verlage geben sich viel Mühe mit der Gestaltung attraktiver Buchumschläge, um auf diese Weise den Verkauf zu fördern.


Abb. 2

Zwischen den Buchdeckeln enthalten Geschichtsbücher normalerweise eine Titelseite, ein Impressum, ein Inhaltsverzeichnis, ein Abkürzungsverzeichnis, ein Vorwort, eine Einleitung, verschiedene Kapitel, eine Zusammenfassung, eine Bibliographie, einen Index und einen Zitatenapparat, bestehend aus Fuß- bzw. Endnoten. Direkt auf den Buchdeckel folgend, sind Titelei und Impressum vor Umwelteinflüssen geschützt. Diese Seiten enthalten alle Informationen, die Sie brauchen, um das Werk korrekt zu zitieren: Autor, Titel, Erscheinungsort und -jahr, Auflage, Übersetzer und Verlag. Ist das Buch nach 1969 erschienen, enthält es eine ISBN (International Standard Book Number), einen zehnziffrigen Code, der die nationale bzw. sprachliche Zuordnung des Buches, sowie Verlag und Titel enthält. Amerikanische Verlage fügen einen Themenindex der Library of Congress hinzu, um Bibliothekaren die Katalogisierung und Lesern die Suche nach Büchern zu bestimmten Themen zu erleichtern.

Danksagungen geben wertvolle Hinweise, welche Organisationen und Einzelpersonen an der Entstehung des Buches beteiligt waren. In manchen Büchern sind gar keine zu finden, manche Autoren nutzen die Gelegenheit unverfroren, um eine öffentliche Erklärung abzugeben, wiederum andere enthüllen Details ihres Privatlebens. Die meisten Danksagungen enthalten Hinweise darauf, wie das Buch zustande kam, wo der Autor recherchierte, welche Institutionen Unterstützung leisteten und welche Einzelpersonen bei der Korrektur und Überarbeitung früherer Entwürfe halfen. Folglich geben uns Danksagungen wichtige Informationen über die Umstände der intellektuellen Entstehung eines Buches. Wenn ein Autor seiner Mutter dankt, ist das möglicherweise einfach ein Zeichen des Respekts dem Elternteil gegenüber. Dankt er einer politischen Partei, steht er dieser Partei vermutlich nahe. Dankt ein Autor schließlich einem privaten Pharmakonzern für ein großzügiges Stipendium für ein Forschungsprojekt in der Medizingeschichte, ist Vorsicht angesagt. 


Abb. 3

Das Inhaltsverzeichnis ist eine wertvolle Orientierungshilfe und verdient besondere Aufmerksamkeit. Es enthüllt die Gliederung, mit Hilfe derer der Autor die zu vermittelnde Informationsmenge zu einem kohärenten Ganzen verarbeitet hat. In älteren Werken und solchen aus bestimmten Ländern - z.B. Frankreich -, befindet es sich am Ende des Buches - so auch im Fall unserer 1974er Ausgabe von Michelets Die Hexe. Wo immer es zu finden ist, man sollte es kurz nach dem Öffnen eines Buches anschauen, da die Einteilung des Buches in Kapitel ähnlich wie der Buchtitel mit der Intention gestaltet ist, dem Leser bestimmte Schlußfolgerungen nahezubringen. Ein Blick auf die einzelnen Kapitel und Unterkapitel vermittelt dem Leser die Strategie des Autors für die Präsentation des Inhalts. Nach einer Betrachtung des Inhaltsverzeichnisses wenden sich erfahrene Leser gleich der Bibliographie zu, bevor [130] sie weiterlesen - im Prinzip fangen sie mit dem Ende des Buches an. Auch der Anfänger profitiert von dieser Strategie, indem er auf das Alter der Sekundärliteratur achtet, nach Autoritäten Ausschau hält, Werke zur späteren Lektüre notiert und sich einen Überblick darüber verschafft, welche Art Primärquellen - wie z.B. Manuskripte, gedruckte Quellen oder Quelleneditionen - verwendet wurden. Das ist der einfachste Weg, mit der ganzen Spannbreite an Primär- und Sekundärliteratur bekannt zu werden, bevor man sich mit der Interpretation des Autors befaßt.

 

Bei dieser Zweitveröffentlichung handelt es sich um eine Internet-Adaption des Kapitels "Technik: Das Lesen der Geschichte" im Oldenbourg Geschichte Lehrbuch - Frühe Neuzeit, hg. von Anette Völker-Rasor, München 2000, S. 125-142.
Die Zweitpublikation erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Oldenbourg-Verlags. Für die Reihe "Oldenbourg Geschichte Lehrbuch" gibt es eine eigene
Webseite.

 

 



Erstellt: 22.03.2006

Zuletzt geändert: 22.03.2006