Rezeption

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Barbara Schier 

Hexenwahn und Hexenverfolgung 

Rezeption und politische Zurichtung eines kulturwissenschaftlichen Themas im Dritten Reich [*]

[Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1990, S. 43-115] 

Einleitung 

Hexen- und Zaubereivorstellungen waren seit jeher in zahlreichen Kulturen verbreitet, sie waren "Bestandteil derjenigen Weltanschauung, welche der Menschheit durch ihre Religion vermittelt worden ist".[1] Der Begriff "Hexe" ist ein aus verschiedensten Quellen gespeister Sammelbegriff,[2] der unterschiedliche Vorstellungen umfaßt, welche getrennt voneinander unter den orientalischen und den europäischen Kulturvölkern vorhanden waren. Hexen wurden in den jeweiligen Kulturen entweder geduldet, benutzt, oder aber gefürchtet, isoliert, verfolgt und auch getötet, aber erst seit dem ausgehenden Mittelalter an der Schwelle zur Neuzeit, und nur in bestimmten Regionen Mitteleuropas, wurden sie Opfer von Massenverfolgungen und Massentötungen, nachdem man ihnen vorher den 'Prozeß' gemacht hatte.[3]

1. Unterschiedliche Hexenwahn-Interpretationen als zeittypisches Phänomen 

1.1 Popularisierung des Themas 

Es gibt eine Fülle von Literatur über Hexen und Hexenprozesse,[4] hervorragende kulturhistorische und juristische Werke, aber auch eine Vielzahl unseriöser Publikationen.[5] In neuerer Zeit hat die Zahl der Veröffentlichungen drastisch zugenommen, Hexen und Hexenverfolgung ist gängiges Modethema geworden, vor allem auch dadurch, daß die neue Frauenbewegung es zu einem ihrer favorisierten Themen gemacht hat. Zeitschriften berichten immer erneut über Hexen früher und heute, in der "Club-Zwei"-Diskussion des Österreichischen Fernsehens ORF wurde das Thema schon dreimal variiert, wobei Vertreter(-innen) der Hexenforschung ebenso wie moderne Hexen und Zauberer zu Wort kamen. Es fällt auf, daß verschiedene Gruppierungen von Hexenvorstellungen im Sinne des o.g. Sammelbegriffs häufig vermischt werden - das Phänomen wird spektakulär begriffen -, weshalb Erika Wisselinck, Frauenforscherin und Journalistin, ihren Zugang zum Thema präzisiert: "Ich spreche nie von Hexen, sondern von den als Hexen verfolgten Frauen".[6] Ein weiteres Beispiel für die Popularität des Themas ist die Tatsache, daß Sammeleditionen bekannter historischer Schriften vom Versandbuchhandel "jetzt besonders preiswert!" angeboten werden.[7] Von den zahlreichen Hexenausstellungen sei besonders die erste größere erwähnt, vom Hamburger Museum für Völkerkunde 1979 veranstaltet, mit dem Titel "Hexen".[8] Sie setzte Zeichen und "wirkte meinungsbildend", einmal, weil sie in zahlreichen Städten gezeigt wurde, zum anderen, weil die Tafeln der Ausstellung an kleinere Ausstellungen, alternative oder Frauenbuchhandlungen ausgeliehen wurden.[9] Im Juli 1987 zeigte man in Saarbrücken die Ausstellung "Hexenwelten. Magie und Imagination vom 16.-20. Jahrhundert"; sie war als Wanderausstellung konzipiert; der Sozialhistoriker Richard van Dülmen gab den Katalog dazu heraus. Schließlich wurde im gleichen Jahr die große Steirische Landesausstellung "Hexen und Zauberer. Die große Verfolgung - ein europäisches Phänomen in der Steiermark" auf der Riegersburg veranstaltet; wegen des ungewöhnlichen Besucherandrangs ist sie zur Dauerausstellung erklärt worden. Über die großen Hexenausstellungen gehen die Meinungen auseinander. Einerseits sind sie Spiegel eines breiten Publikumsinteresses, was wiederum Anstoß für die Forschung sein kann, andererseits sind sie Spektakel. Publikumswirksame Gruseleffekte, besenreitende Hexen-Püppchen für das Besucherkind, 'Hexenschnitzel' und 'Zauberteller' im dazugehörigen Restaurant (in der Steiermark) machen sie als Ziel eines Familienausflugs attraktiv. Die begleitenden Kataloge bzw. die darin enthaltenen Aufsätze sind um sachliche Aufklärung bemüht; häufig besser als die Ausstellungen selbst, zeigen sie das breite Spektrum der Hexenforschung.[10]

1.2 Lage der Forschung 

Noch 1977 schrieb der Historiker Gerhard Schormann: "Für Historiker an deutschen Universitäten sind Hexenprozesse bis heute kein Gegenstand intensiver Forschung."[11] Hexenforschung wird aber gegenwärtig zunehmend auch an deutschen Universitäten betrieben.[12] Seit dem Forschungsüberblick von Schormann aus dem Jahre 1977 fehlt bis heute eine neuere Gesamtübersicht.[13] Unter dem Titel "Die Hexen der Neuzeit. Studien zur Sozialgeschichte eines kulturellen Deutungsmusters" gab Claudia Honegger 1978 Auszüge aus einigen wichtigen deutschen, englischen und französischen Publikationen (letztere in Übersetzungen) heraus. Sie beabsichtigte mit der Auswahl einen Überblick über die bisherigen ideengeschichtlichen, sozialgeschichtlichen und anthropologischen Deutungsversuche innerhalb der Hexenforschung und stellt bei allen "mit Ausnahme der[45]letzten - von einer Frau vorgelegten -"[14] fest, daß sie "die Geschichte der großen Verfolgungen" verzerren "durch ihre obstinate Weigerung, die Hexen zuallererst als Frauen wahrzunehmen".[15] Trotz dieser Einschränkung, die Honegger als Vertreterin der neuen Frauenbewegung ausweist, sind die Auszüge aus den Arbeiten von sieben verschiedenen Hexenforschern, die Vergleiche ermöglichen, überaus informativ, zumal Honegger eine Theorie kultureller Deutungsmuster voranstellt und bei den Strukturwandlungen der mittelalterlichen Gesellschaft die gesellschaftliche Rolle der Frauen betont - ein neuer frauenspezifischer Forschungsansatz.

Die Art und Weise, wie Hexenforschung betrieben wird, welche Interpretationen wann und von wem erstellt wurden, beschäftigt auch andere Hexenforscher.
Der Sozialhistoriker Richard van Dülmen und der Historiker Gerhard Schormann gruppieren die bisherigen Interpretationsversuche nach Deutungsinhalten. Van Dülmen nennt drei Gruppen, wovon die älteste "das nächtliche Treiben" (der Hexen) als " Wahngebilde" ausweist, in das "volkstümlicher Aberglaube einging, das aber dominant von den Theologen beider Konfessionen produziert worden sei".[16] Joseph Hansen[17] sei der wichtigste Vertreter dieser Interpretationsrichtung. Die zweite Interpretation "sieht im Hexensabbat Reste heidnischer Kulte, die durch die Hexenverfolgung vernichtet wurden". Hauptvertreterin dieser Deutung sei Margaret Murray[18], differenzierter Carlo Ginzburg[19], interessant, aber problematisch Hans Peter Duerr.[20]

Schormann ordnet dieser Gruppe, die er "Archaische Kulte" überschreibt, außer Margaret Murray und Carlo Ginzburg noch Gerald B. Gardner[21] und Werner und Annemarie Leibbrand zu,[22] und, "stellvertretend für viele", die wie die genannten Autoren unzulässige "weitreichende Verallgemeinerungen" vornahmen, Will-Erich Peuckert,[23] der von "Weiberschwärmen" schreibt, deren "orgiastisches Treiben unter den Händen der Scholastik zur Lehre von der Teufelsbuhlschaft wurde."[24] Der nach van Dülmen dritte Interpretationsansatz sieht im Sabbat "den Ort einer Verschwörung von Frauen gegen Ordnung und Vernunft".[25] Teufelskult sei der "Protest gegen die patriarchalische Gesellschaft" gewesen. Vertreter sind bei ihm Jules Michelet,[26] Ines Brenner und Gisela Morgenthal.[27] Schormanns dritte Gruppierung ist mit "Feldzug gegen das weibliche Geschlecht" überschrieben (sämtliche Hervorhebungen von B.S.). Er ordnet dieser Gruppe den Autor Nikolaus Paulus[28] zu, der sich mit der Rolle der Frau in der Geschichte des Hexenwahns beschäftigte und die kulturkampfgeprägten Argumente protestantischer Autoren, am Hexenwahn sei die "weiberfeindliche" Haltung "mittelalterlicher Theologen und Mönche" schuld,[29] zu widerlegen versucht.[30] Der Engländer Keith Thomas[31] ist der Ansicht, die alten Frauen hätten eine Bevölkerungsgruppe verkörpert, "die im Gefolge sozialer Umwälzungen" eine Belastung darstellte; William Monter[32] dagegen meint, daß sich die Verfolgungen vor allem gegen allein lebende Frauen richteten, "those who lived apart from the direct male control of husbands or fathers".[33] Die Veröffentlichungen der neuen Frauenbewegung nennt Schormann unergiebig, weil die Verfasserinnen sich weigerten, Akten zu lesen,[34] Claudia Honegger wolle das Thema Hexenverfolgung zudem noch vor "archivarischer Geschichtsschreibung" retten.[35]

Schormann nennt noch zwei weitere Gruppen von Erklärungsversuchen: Sozialdisziplinierung und Instrument der Glaubenskämpfe. Den Autor R. A. Horsley[36] ordnet er der ersten Gruppe zu, dessen Titelfrage: "Who Were the Witches?" beantwortet werde mit der Feststellung: "wise women". Die Unterdrückung der "Heilpraktikerinnen" sei "einer der ersten Kämpfe in der langen Geschichte männlicher Unterdrückung heilkundiger Frauen", daran sei maßgeblich die neue europäische Ärzteschaft beteiligt gewesen.[37] Es habe tatsächlich - nach Schormann - ein Vorgehen gegen Segnerei, Beschwörungen und dergleichen heilkundliche Maßnahmen gegeben, das berechtige aber nicht zu unzulässigen Verallgemeinerungen, "zu einer Aussage über die Hexenprozesse schlechthin".[38] Das gelte auch für die These der Hebammenverfolgung, wobei er Gabriele Becker[39] anführt. Robert Muchembled[40] verfechte die These der "Hexenprozesse als Instrument der Zerstörung einer ländlichen Volkskultur"; absolutistische Herrschaft und militanter Konfessionalismus hätten eine Kultur unter der christlichen Oberfläche zu bekämpfen versucht - das Ergebnis dieses Kampfes seien angepaßte, manipulierbare Menschen.[41]
Zusammenfassend schreibt Schorman, daß Hexenprozesse zwar als Instrument der Sozialdisziplinierung verwendbar seien, "aber ob und wie sie im Alten Reich dazu verwendet wurden, ist nicht bekannt".[42]

Die These, daß Hexenverfolgung Instrument der Glaubenskämpfe gewesen sei, vertreten nach[46]Schormann die Autoren Soldan[43] (Hexen und Protestantismus sollten ausgerottet werden!) und H. R. Trevor-Roper:[44] fast jeder "örtlich begrenzte Ausbruch von Hexenwahn" sei "auf die Aggression einer Religion auf die andere zurückzuführen".[45] F. Heinz[46] greift diese These in seiner Dissertation auf, H. Lehmann[47] schließt sich dem an, Schormann widerlegt die Theorie weitgehend und verweist auf die "grundsätzliche Übereinstimmung der Konfessionen im Kampf gegen die Hexen", räumt allerdings ein, daß in der Zeit verschärfter konfessioneller Auseinandersetzungen im letzten Viertel des 16. Jhs. und in der ersten Hälfte des 17. Jhs. "die Verfolgung der 'Hexen' als einer besonderen Art von Ketzern" begünstigt gewesen sei.[48] Auch wenn die These "Instrument der Glaubenskämpfe" mit frühabsolutistischen Bestrebungen verknüpft wird, so sei auch diese Interpretation problematisch.[49]

Schormann wendet sich vor allem gegen Generalisierungen. Empirisch überprüfbar seien immer nur Teilbereiche, die Steuermechanismen für Krisen und Aggressionen seien selten bekannt. Die weitere Forschung habe noch zahlreiche Fragen zu beantworten. Die Antworten seien mit Sicherheit "denjenigen zu 'rationalistisch', [...] die in archaischen Kulten, Geheimbünden oder weiblichen Widerstandsbewegungen die Erklärung suchen."[50] Als überholt gilt der Ansatz amerikanischer Psychiatrie-Historiker, "bei Hexen habe es sich in der Hauptsache um psychiatrische Fälle gehandelt"; G. Zilboorg vertrat diese Ansicht 1935, in Deutschland O. Snell bereits 1891.[51] Nicht unerwähnt bleiben soll der bevölkerungsstatistische Ansatz des Sozialwissenschaftlers G. Heinsohn und des Wirtschaftswissenschaftlers O. Steiger "Die Vernichtung der weisen Frauen". Bei den Historikern stieß das Buch auf scharfe Kritik.[52] Hexenverfolgung als "systematisches Kalkül zur Ausrottung des weiblichen Wissens über Geburtenkontrolle" zu interpretieren, zeuge von "pseudowissenschaftlicher Machart" und täusche "über die fehlende Quellenkenntnis der Autoren" und ihre völlig unhaltbaren Vorstellungen von "politischer Manipulierbarkeit der gesamten Elementarstrukturen der frühen Neuzeit" hinweg. Von einer Pressekampagne zum "feministischen Kultbuch hochgejubelt",[53] "erlebte das Buch als Paperback mindestens fünf Auflagen und hegt mittlerweile als ergänztes Taschenbuch in zweiter Auflage vor",[54] obgleich sich inzwischen auch Historikerinnen kritisch damit auseinandersetzten.[55] Als zeittypische Interpretation fand und findet das Buch bei einem feministisch engagierten Laienpublikum begeisterte Aufnahme. Die von Schormann und van Dülmen vorgenommenen Interpretationsgruppierungen geben nur einen ungefähren Überblick über die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten. "Derzeitige Interessen konzentrieren sich" hauptsächlich - nach van Dülmen - "auf die soziokulturellen Ursachen der Hexenverfolgung und die soziale Funktion des Hexenwahns".[56]

Beim Vergleich gegenwärtiger Forschungsansätze mit denen des 19. Jhs. erscheint mir ein Sekundäraspekt interessant: Die einzelnen Deutungsversuche des spätmittelalterlichen Hexenwahns sind zeittypisch, d.h. sie spiegeln Auffassungen der Zeit ihrer Entstehung wider, Geschichtsauffassungen dieser Zeit, politische und philosophische Grundhaltungen, die nicht nur mit der Person des sie publizierenden Autors zu erklären sind, sondern darüber hinausweisen und gesellschaftspolitische Relevanz erhalten. Die Werke zweier Historiker der älteren deutschen Hexenforschung sind bis heute wichtigste und umfangreichste Quellen- und Datensammlung: Wilhelm Gottlieb Soldans "Geschichte der Hexenprozesse" 1843, (später bearbeitet von H. Heppe und M. Bauer) und Joseph Hansens "Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter und die Entstehung der großen Hexenverfolgung" 1900.[57] Beide Autoren interpretieren Hexenwahn aus einer "vehement antiklerikalen"[58] Position bei gleichzeitiger Hinwendung zum einfachen Volke, was sie als Vertreter einer Kulturgeschichtsschreibung ausweist, die seit der Revolution 1848 zunehmend von der auf "Haupt- und Staatsaktionen"[59] ausgerichteten deutschen Geschichtswissenschaft verdrängt wurde.[60]

Der französische Schriftsteller Jules Michelet,[61] Vertreter der "romantischen Historiographie", der sich in seinem Buch "Die Hexe" 1863 dem "schweigenden und unterdrückten Volke zuwandte",[62] ist von den Ereignissen der Französischen Revolution sicherlich nicht unberührt geblieben, wenn er schreibt: "Die Inquisition kam gerade recht, um das Land zu terrorisieren, die Rebellengeister zu brechen, als Hexenmeister heute diejenigen zu verbrennen, die morgen vielleicht Aufrührer geworden wären; [...]".[63] Vielleicht gäbe es auch für die von der Engländerin Margaret Murray 1921 vorgelegte Theorie eines Hexenkultes als alte vorchristliche Religion in Westeuropa eine auf die zwanziger Jahre bezogene und die weibliche Autorenschaft berücksichtigen-[47]de Erklärung. Dem soll hier nicht weiter nachgegangen werden.

Auffällig ist, daß zwischen den genannten Veröffentlichungen des 19. Jhs. bzw. der Jahrhundertwende und der Flut der Veröffentlichungen seit den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts eine deutliche Lücke klafft. Die Titel in den dreißiger und vierziger Jahren sind spärlich, Erika Wisselinck[64] nennt sie ideologisiert und belegt das mit einem Titel von Mathilde Ludendorff: Christliche Grausamkeit an Deutschen Frauen.[65] Schormann verweist auf ein interessantes Phänomen zur Hexenforschung: Im Dritten Reich wurde durch Heinrich Himmler, Reichsführer SS, der "die größte, nicht kriegsbedingte Massentötung in Deutschland"[66] geleitet hat, die Einrichtung eines Hexen-Sonderkommandos veranlaßt, das eine ausgedehnte Materialsammlung aus Quellen und Literatur über Hexenprozesse zusammenstellte; das Archiv befindet sich heute in Polen. Diese Information und die vorausgegangene Überlegung waren mir Anlaß, mich mit der Interpretation des Themas im Dritten Reich zu befassen, ein Gebiet, das bisher offensichtlich noch weitgehend unbearbeitet ist, und worüber keine Sekundärliteratur zu finden war.

2. Fragestellung und Vorgehensweise[67]

Bei der Betrachtung der einschlägigen Literatur zum Thema fallen zwei Dinge auf: Die Mehrzahl der Veröffentlichungen - es sind Monographien verschiedensten Umfangs - datieren aus der Zeit von 1930-1937, und ihre Autoren, Herausgeber bzw. Verleger stehen in verschiedenen weltanschaulichen Lagern, als da sind: die völkisch-nordische Bewegung, Rosenberg nahestehend (Adolf Klein Verlag Leipzig als Herausgeber der Zeitschrift "Nordische Stimmen" und der Schriftenreihe "Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken") und die Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland, sowie einige katholische Verlage. Die Autoren sind in der Mehrzahl Wissenschaftler: Volkskundler, Nordisten, Religionswissenschaftler, Juristen, aber auch Frauen aus rechtsgerichteten deutsch-völkischen Bewegungen. Durch Querverweise und Fußnoten (insbesondere beim 'Schrifttum' der nordischen Bewegung) wird man auf ein Ereignis hingewiesen, das der Interpretation von Hexenwesen und Zauberei einen besonderen Akzent verliehen haben muß: den sogenannten Streit um Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts"[68] als Teil des Weltanschauungskampfes[69] der frühen dreißiger Jahre. Es wird von der Annahme ausgegangen, daß das Thema Hexenwahn/Hexenverfolgung für den Weltanschauungskampf, den die Nationalsozialisten zu einer ihrer Aufgaben gemacht hatten, von Bedeutung gewesen sei. So wie die meisten Gesamtdarstellungen zum Thema Hexen (Soldan ausgenommen) vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg "mehr oder weniger vom Kulturkampf und seinen Ausläufern geprägt" wurden,[70] so kann angenommen werden, daß der neuerliche Kulturkampf (im Dritten Reich) sich wiederum dieses Themas bedienen würde. Es ergeben sich folgende Fragestellungen:

1. Welche Rolle spielte das Thema Hexenwahn/Hexenverfolgung in der Weltanschauungsauseinandersetzung im Dritten Reich? 

2. Wer waren die Autoren, die sich dem Thema zuwandten? Stand eine politische Institution hinter ihnen, in deren Sinne sie bewußt arbeiteten? 

3. Gab es Gemeinsamkeiten bei den Autoren, die Grund und Anlaß gewesen sein könnten, das Thema Hexenwahn zu interpretieren? 

4. Werden durch Argumentationsgemeinsamkeiten bzw. -differenzen politische Absichten erkennbar? 

5. Welche Erwartungen und praktischen Folgen waren mit der Interpretation und politischen Zurichtung dieses Themas verbunden? 

Aufgrund der Problemstellung - Verknüpfung der Hexenwahninterpretationen mit dem Weltanschauungskampf - ergab sich die Notwendigkeit der Quellensichtung unter diesen beiden Gesichtspunkten. Wegen der schon erwähnten Hinweise auf den "Mythus-Streit" in den Monographien wurde die Literatur zum Weltanschauungskampf durchgesehen: einmal, um die Relevanz der Hexenwahn-Thematik dort festzustellen, zum anderen, um den Weltanschauungskampf an sich, seine Breitenwirkung, Dauer, Konsequenz beurteilen zu können. Wichtigste Arbeit dazu war mir die Dissertation von Raimund Baumgärtner "Weltanschauungskampf im Dritten Reich", weil sie die Auseinandersetzung Alfred Rosenbergs mit den Kirchen und speziell die Wirkungen des "Mythus des 20. Jahrhunderts" thematisiert. Reinhard Bollmus' Arbeit "Das Amt Rosenberg und seine Gegner" wurde vergleichend herangezogen, zumal er in der Beurteilung der Wirkungen des "Mythus" zu anderen Ergebnissen kommt als Baumgärtner. Das Thema Hexenwahn wird von Baumgärtner explizit bei Rosenberg und in der katholischen Ge-[48]genschrift zum "Mythus" dargestellt, bei Bollmus ist es nicht direkt angesprochen, wohl aber wird Rosenbergs Quelle für die Hexenwahn-Interpretation kritisch beleuchtet. Im Münchner Institut für Zeitgeschichte fand sich unter der Rubrik "Kirchenkampf" einiges zum Thema, desgleichen in der Bibliothek der evangelischen Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Zeitgeschichte der Universität München; hier gab es einen beträchtlichen Stock "grauen Schrifttums" zum Kirchenkampf, außerdem kirchliche Zeitschriften aus der Zeit, zu denen es im entsprechenden Schrifttum der Nationalsozialisten Querverweise gab.

Hinweise von Zeitzeugen - "Hexen" sei für die Nazis kein Thema gewesen, das hätten eher die neuheidnischen Bewegungen abgehandelt - und die Tatsache, daß maßgebliche Monographien aus Publikationsorganen der nordischen Bewegung stammen, waren Anlaß, Zeitungen und Zeitschriften der Deutschen Glaubensbewegung und der völkisch-nordischen Bewegung durchzusehen. Hier fanden sich die wichtigsten Beiträge zu Hexenwahn und Hexenverfolgung, so daß diese Zeitschriften und die Schriftenreihe zur Materialbasis der vorliegenden Untersuchung wurden und die vorangegangene Fragestellung entscheidend beeinflußten. 

Bernhard Kummer, Schriftleiter der Zeitschrift "Nordische Stimmen" und Herausgeber der schon erwähnten Schriftenreihe, hatte offensichtlich eine besondere Affinität zum Thema Hexenwahn. Er gab drei Monographien heraus, ohne allerdings selbst eine größere Publikation beizusteuern. Seine diversen Zeitschriftenartikel wurden auf Bezüge zur Thematik durchgesehen. Dabei wurde eine Wissenschaftskontroverse zwischen ihm und dem Germanisten Otto Höfler entdeckt, die sich zwar vordergründig mit Männerbünden und einem unterschiedlichen Germanenbild befaßt, aber weitgehend (von Kummers Seite aus) über die Hexenproblematik abgehandelt wird. Höflers "hexenbekämpfende Männerbünde" - in germanischer Frühzeit angesiedelt - sind nicht mehr ins Rosenbergsche Kirchenkampfschema einzuordnen. Der Frankfurter Germanist Klaus von See gibt in zwei Aufsätzen aus den Jahren 1983 und 1984 wertvolle wissenschaftsgeschichtliche Hinweise zur Klärung auch dieses Phänomens. 

Im März 1988 veranstaltete die Katholische Akademie der Diözese Rottenburg in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH) eine Tagung in Stuttgart-Hohenheim mit dem Thema "Himmlers Hexenkartothek - das Interesse des Nationalsozialismus an der Hexenverfolgung". Sie befaßte sich mit den schon erwähnten Archivbeständen des Himmlerschen Sonderkommandos H. Aufgrund der auf der Tagung vorgestellten Forschungsarbeiten einiger Historiker ergab sich die Möglichkeit, Fotokopien theoretischer Arbeiten zum Thema aus eben dieser Kartothek (die das Bundesarchiv auf Mikrofilmen abgelichtet erwarb) in Koblenz zu bestellen. Während die bisher angesprochenen Quellen sich auf Rosenbergs Kirchenkampf beziehen, lassen sich aus letzteren Quellen die Auffassungen wichtiger Dienststellen unter Himmler ablesen. Ergänzende Literatur dazu, auch Dokumentenauszüge, bietet Josef Ackermann: Heinrich Himmler als Ideologe, Göttingen 1970. Aus dem Berlin Document Center wurde Material über einen Mitarbeiter des SS-Ahnenerbes und Autor eines Hexenwahn-Aufsatzes bezogen, außerdem wurden in der Zeitschrift des SS-Ahnenerbes "Germanien" Artikel zum Thema gefunden, die eine spezielle, von Rosenberg abweichende Darstellung bieten. Schließlich überließen mir Freunde Zeitschriften-Originale aus den dreißiger Jahren, in denen das Thema zu parteiamtlichen Schulungszwecken abgehandelt war. Im Hinblick auf die Themenstellung wurde eine strikte Reduzierung der Quellen angestrebt; es werden nur die Schriften einbezogen, aus denen die Absicht einer politischen Zurichtung ablesbar wird, mit dem Schwerpunkt Hexenwahn vor dem Hintergrund der Weltanschauungsdebatte, wobei es keine Rolle spielt, ob die Autoren von einer defensiven oder offensiven Position aus argumentieren, oder sich auf die Position vorurteilsfreier Wissenschaft zurückzuziehen vorgeben. Die zahlreichen Regionalstudien,[71] die in dieser Zeit veröffentlicht wurden, werden nicht berücksichtigt. Für Aussagen zur Rezeption des Themas allgemein sind sie sicherlich von Bedeutung, ihre Einbeziehung würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Die Eingrenzung des Themas auf den Zusammenhang mit Weltanschauungskampf ist durch die Materiallage gerechtfertigt. Die ausgewählten Monographien werden relativ breit und beschreibend dargestellt. Es soll die Möglichkeit gegeben werden, anhand der von den Verfassern benutzten Argumentationsmuster, der Wortwahl und sich wiederholender Schwerpunkte die Charakteristika einer Themeninterpretation in der Zeit des Dritten Reiches vor dem speziellen zeitgeschichtlichen Hintergrund zu erkennen. Übergeordnete Zusammenhänge, mögliche Erwartungen der Autoren und[49]letztlich die Folgen einer Entwicklung, in die auch Interpreten eines kulturwissenschaftlichen Themas aktiv eingriffen, soll das Schlußkapitel zeigen. Die Monographien wurden nach dem Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung geordnet.

I. Hexenwahn und Weltanschauungskampf 

1. Die Wurzeln des Hexenwahns und der Hexenverfolgung - eine Kontroverse zwischen Alfred Rosenberg und der katholischen Kirche 

Alfred Rosenberg greift im kirchengeschichtlichen Teil seines Buches "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" (Erstausgabe 1930) u.a. das Thema "Hexenwahn und Hexenverfolgung" auf und vertritt eine eigenwillige Auffassung von deren Wurzeln. Nachdem der "Mythus" aufgrund seiner weltanschaulichen Grundhaltung zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzungen wurde - wobei insbesondere die katholische Kirche mit ihren "Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts" (1934) Zeichen setzte -, werden gerade die kirchengeschichtlichen Angaben des "Mythus" "als dessen Kernstück"[72] besonders sorgfältig geprüft und widerlegt. Die Verfasser der "Studien" vertreten eine grundsätzlich andere Auffassung von den Ursprüngen des Hexenwahns als Rosenberg. In zahlreiche Schriften von kirchlicher Seite wie auch von Seiten der Rosenberg-Anhänger, die das Thema in den dreißiger Jahren explizit behandelten, ging die Debatte mit ein. Ein Thema wurde politisiert, erhielt eine Brisanz, die nur aus den politischen Positionen zweier weltanschaulicher Gegner - Rosenberg und die katholische Kirche - zu erklären ist. Konträre Auffassungen über die Ursprünge des Hexenwahns gab es - wie angemerkt - schon häufig; auch Jacob Grimm und Soldan/Heppe hatten unterschiedliche Erklärungen für die Herkunft des Wahns und Polemiken wurden im Wissenschaftsbereich ebenfalls schon ausgetragen.[73] Jetzt aber waren neue Akzente gesetzt, weil eine wissenschaftliche Kontroverse in eine grundlegende Weltanschauungsauseinandersetzung hineingenommen und damit auf eine politische Ebene gehoben wurde, und das wiederum ist in der Person und Stellung Rosenbergs begründet. Die Monographien zum Thema, die in der fraglichen Zeit entstanden, nehmen zwangsläufig Partei für die eine oder andere Auffassung.

Nachdem die Frage nach den Ursprüngen des Hexenwahns, obwohl ungeklärt, heute für die Forschung nicht mehr relevant ist, können die Interpretationsergebnisse Rosenbergs sowie die der Verfasser der "Studien" und aller weiteren Autoren jener Zeit weder verifiziert noch falsifiziert werden. Das Hauptinteresse dieser Arbeit ist ein zeitgeschichtliches: weniger das Quellenmaterial, auf das sich die einzelnen stützen, als vielmehr die Rolle, die die Arbeiten und ihre Verfasser innerhalb des zeitpolitischen Milieus spielten, ist Gegenstand des Interesses.

Die Person Rosenberg, sein Buch "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" und die dadurch ausgelöste Weltanschauungskontroverse sind der zeitpolitische Hintergrund, in den die Hexenwahn-Diskussion als kleiner Teilbereich weitgespannter Auseinandersetzungen eingebettet ist. Dieser Hintergrund soll vorab dargestellt werden. Eine stichpunktartige biographische Übersicht über Rosenbergs politischen Werdegang, sein "Mythus" in Relation zu dessen Auswirkungen und eine Reihung von Ereignissen in dichter zeitlicher Abfolge vom Juli 1933 bis Oktober 1934 geben ein Zeitbild von der Entstehung des Weltanschauungskampfes, auf das hier nicht verzichtet werden kann. Erst durch Kenntnis des politischen Umfeldes können die Hexenwahn-Interpretationen die ihnen gebührende Bewertung erfahren; abstrahiert davon ist ihr wissenschaftlicher Wert durchaus umstritten. Weil sie aber Aufschlüsse über die Zeit ihrer Entstehung geben, kulturelle wie politische, indem die Autoren die Gegenwartsbezüge deutlich ansprechen, ist ihre Untersuchung angezeigt. Andererseits geben auch die Interpretationen in ihrem Kontext (Verlag, Art der Publikation) Aufschlüsse über Autoren und ihre Intentionen. Ein kleiner kulturwissenschaftlicher Randbereich - Hexenforschung - erhält damit Indikator-Funktion und aufgrund dessen Bedeutung. 

Es wird von der These ausgegangen, daß Rosenbergs "Mythus" das Thema Hexenwahn aktualisierte. Deshalb soll über die Beziehung von Inhalt und Wirkung des "Mythus" vorab einiges zur Klärung gesagt werden, zumal die Meinungen darüber sehr geteilt waren. Lange Zeit galt der "Mythus" als das Buch, das niemand gelesen hatte. Bollmus, dessen verdienstvolles Werk "Das Amt Rosenberg und seine Gegner" 1970 erschien, hält die Auflagenhöhe des "Mythus" keineswegs für ein Indiz tatsächlicher Leserschaft, "das Buch fand vornehmlich als repräsentatives Geschenk bei Staats- und Parteifeiern Verwendung", für "Leute wie Hitler und die meisten NSDAP-Funktionäre wäre es 'zu schwer verständlich geschrieben'",[74] außerdem sei[50]es "vor der Machtergreifung von wissenschaftlicher Seite nicht diskutiert und nur in antisemitischen Fachkreisen besprochen "worden".[75] Daraus, und aus der Tatsache, daß während des Nürnberger Prozesses die meisten der dort angeklagten Parteiführer und Minister zugaben, das Werk nicht gelesen zu haben, schlußfolgert Bollmus, daß es wohl nur Rosenberg für einen "Jahrhunderterfolg" hielt.[76] Die neueren Forschungen dagegen - und hier ist vor allem der schon erwähnte Raimund Baumgärtner zu nennen und der sich stark auf ihn beziehende evangelische Theologe Klaus Scholder - kommen zu der Auffassung, daß die Wirkungen des "Mythus" auf die kleineren und mittleren Funktionäre der Partei und der Organisationen, auf Lehrer und Beamte, auf "die Gruppen, die das System am nachhaltigsten trugen",[77] ein ganz erheblicher gewesen sei.

Die Inhalte des "Mythus" - nach Baumgärtner "die unverhüllte Kampfansage an christliche Überzeugungen", die erkennbar mache, "daß die politische Organisation nur Teil einer Bewegung war, die die Veränderung der kulturellen und geistigen Landschaft als Zukunftsplan auf ihre Fahnen geschrieben hatte",[78] die letztlich von den Kirchen als drohende Veränderung auch bestehender religiöser Strukturen begriffen wurde - diese Inhalte bleiben ungefährlich, wenn das Buch keine Leser findet. Die Kirchen sind aber offensichtlich davon ausgegangen, daß durch die Verbreitung des "Mythus", durch die Schulungen in vielen Bereichen, die Inhalte gefährlich werden könnten. Der entstehende Weltanschauungskampf ist das Ergebnis von Erwartungen und Befürchtungen, die mit dem Rosenbergschen "Mythus" verbunden waren.

2. Alfred Rosenberg und "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" (1930) 

Alfred Rosenberg, geboren 1893 in Reval, (hingerichtet 1946 in Nürnberg), Studium der Architektur in Riga und Moskau, seit 1918 in Deutschland, trat kurz nach Hitler der DAP (Vorläuferin der NSDAP) bei und wurde, nachdem er sich durch antisemitische Publikationen einen Namen gemacht hatte, 1921 Chefredakteur des "Völkischen Beobachters" (seit 1938 Herausgeber). Als Teilnehmer am Hitler-Putsch (9.11.1923) gehörte er zum engen Kreis der "Männer der ersten Stunde" und versuchte sich in der Folgezeit als "Chefideologe der Partei" zu profilieren.[79] Seit 1930 nationalsozialistischer Abgeordneter, seit 1933 Reichsleiter der NSDAP und Leiter des Außenpolitischen Amtes, wird Rosenberg 1934 zum 'Überwacher der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP' ernannt. 1941 macht ihn Hitler zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete.[80] In all seinen Funktionen gerät Rosenberg in Rivalität zu anderen Parteiinstitutionen oder Personen; er war "in all seinen Rollen eine typische Figur im Kompetenzgestrüpp der von Hitler absichtsvoll gepflegten 'Polykratie' des Dritten Reiches".[81] Im Jahre 1930 veröffentlichte Rosenberg sein Buch "Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit",[82] eine dickleibige, schwer lesbare Auseinandersetzung mit dem Christentum als einem "römisch-syrisch-jüdisch-alpinen Mythus des Chaotischen, Gebrochenen und Zersetzten",[83] dem er den neuen Mythus des Blutes gegenüberstellt als Ansatz einer neuen Religion. Das grundlegende Dogma des Buches ist von Gobineau und Chamberlain abgeleitet: die Ideologie der Rassenseele und eine Geschichtsbetrachtung, "wonach alle Kämpfe der Vergangenheit und der Zukunft Auseinandersetzungen zwischen Blut und Blut und Rasse und Rasse sind".[84] Seit dem Mittelalter stünden sich zwei Mächte gegenüber: das die "physische und geistige Unterwerfung" fordernde Papsttum und das "Gewissensfreiheit, Glaubensfreiheit und Nation" vertretende germanische Volkstum. Mit dem "Mythus des 20. Jahrhunderts" beabsichtigte Rosenberg eine Festigung der ideologischen Front in den Reihen der NSDAP und proklamierte die Revolution der Weltanschauung von unten her.[85]

2.1 Die Auswirkungen des "Mythus" 

Der "Mythus" war, wie Hitlers "Mein Kampf", Lehr- und Prüfungsprogramm der Adolf-Hitler-Schulen, der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, sämtlicher Schulungseinrichtungen der Partei und lag in Büchereien und Organisationen aus. Er wurde in Schulungskursen erläutert und in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt und rezensiert.[86] Weil andere ideologische Schriften zur Zeit des Aufstiegs der NSDAP fehlten, wurde er neben Hitlers "Mein Kampf" zur 'zweiten Bibel' der Bewegung hochstilisiert.[87] Die jungen Führer und Führerinnen der NSDAP, der Hitlerjugend, des Arbeitsdienstes und der Frauenschaft sahen in Rosenberg "den Interpreten und Künder ihres Glaubens", den "strahlenden Helden ihrer Welt-[51]anschauung".[88] Und noch eine andere Gruppe, die eine neue deutsch-völkische Religion propagierte, sah im "Mythus" eine Zusammenfassung ihrer Glaubensinhalte: die deutschgläubige Bewegung.[89] Sie hoffte durch ihr Bekenntnis zu Rosenberg auf Anerkennung als "gleichberechtigte dritte Konfession neben Protestanten und Katholiken".[90] Vor 1933 "ein Bündel hoffnungslos zerstrittener Gruppen und Vereine",[91] hatte sich aus deren Mehrheit 1933 die "Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Glaubensbewegung" konstituiert, angeführt von dem Tübinger Religionswissenschaftler Wilhelm Hauer und dem nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Graf Ernst zu Reventlow.[92] Ein Zitat von Kurt Hütten, der die Deutsche Glaubensbewegung[93] und ihre Geschichte aus protestantischer Sicht 1935 schildert, macht deutlich, welche Rolle Rosenbergs "Mythus" für die Deutsche Glaubensbewegung offensichtlich spielte:

"Es gibt zahlenmäßig nicht erfaßbare Schichten in unserem Volk, die zwar den Kirchen äußerlich noch angehören, aber in Wirklichkeit bewußt oder unbewußt unter dem bestimmenden Einfluß des Deutschglaubens stehen. Hier ist vor allem auf Rosenbergs 'Mythus des 20. Jahrhunderts' hinzuweisen, der eine ungeheure Massenwirkung ausübt. Das Buch dient weithin in den Gliederungen der NSDAP als Schulungsgrundlage. In unzähligen Zeitungsaufsätzen und Vorträgen werden die in ihm niedergelegten Gedanken ausgemünzt und weiterverbreitet. Insbesondere in der Jugend hat das Buch begeisterte Zustimmung gefunden. Die großen, mit überzeugender Eindringlichkeit durchgeführten Linien, das Pathos und die Farbigkeit der Darstellung, die Anziehungskraft der Gedanken, bestechende Formulierungen, eine umfassende Schau und eine unwiderlegbare wissenschaftliche Beweisführung mögen dazu beigetragen haben, daß dieses Buch geradezu die Bibel der deutschgläubigen Bewegung geworden ist."[94]

2.2 Der Kirchenkampf 

Am 20.7.1933 wurde das zwischen dem Heiligen Stuhl und der Reichsregierung beschlossene Reichskonkordat unterzeichnet. Das Konkordat verschaffte dem Hitler-Regime einen immensen außen- und innenpolitischen Prestigegewinn, sicherte andererseits den Katholiken die Freiheit ihres Bekenntnisses und die öffentliche Ausübung der katholischen Religion zu. Zugeständnisse von kirchlicher Seite waren: die Bischofsernennung erst nach Unbedenklichkeitserklärung durch den Reichsstatthalter[95] und die Preisgabe der gewerkschaftlichen und politischen Organisationen des deutschen Katholizismus (Selbstauflösung des Zentrums und der Bayrischen Volkspartei).[96] Angesichts der fortschreitenden totalitären Gleichschaltungsbestrebungen des Regimes versuchte der Vatikan dem drohenden Kirchenkampf durch das Konkordat zu begegnen,[97] einseitige Verstöße gegen das Konkordat von seiten der Nazis, vor allem aber die verstärkte propagandistische Aktivität zur Verbreitung der Inhalte des "Mythus", verschärften dagegen den Kirchenkampf.

Erste wichtige Markierung der beginnenden Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit dem "Mythus" und mit den 'neuheidnischen' Bewegungen (wozu auch die DG gehörte) waren die Adventspredigten des Münchner Erzbischofs, Michael Kardinal von Faulhaber, gehalten im Dezember 1933 in St. Michael, München, danach veröffentlicht.[98] (Die Adventspredigten werden in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um Germanentum und Hexenverfolgung häufig zitiert). Im darauffolgenden Januar 1934 kamen auf einer Tagung der neugegründeten "Gesellschaft für germanische Ur- und Vorgeschichte" in Berlin fast alle wichtigen Vertreter der DG zu Wort: der Leipziger Philosoph Ernst Bergmann, der Tübinger Indologe Wilhelm Hauer, der niederländische Vor- und Frühgeschichtler Hermann Wirth und dessen Schüler Johannes von Leers.[99] Katholische Beobachter der Tagung sprachen ihr "'Bedeutung von weitesten Ausmaßen'" zu, "über tausend Personen hätten ständig teilgenommen".[100] Am 31.1.1934 wurde Alfred Rosenberg (auf Vorschlag des Stabsleiters der Politischen Organisation, Dr. Robert Ley) mit der Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der Partei und aller gleichgeschalteter Verbände sowie des Amtes 'Kraft durch Freude' beauftragt. Das Interesse an Rosenbergs "Mythus" stieg danach sprunghaft an. Die Kirchen waren aufs höchste beunruhigt, mußten sie doch fürchten, "daß der 'Mythus' - entgegen seinem vom Verfasser behaupteten persönlichen Charakter (Hervorhebung B.S.) - in Zukunft offiziell zur Grundlage der gesamten weltanschaulichen Schulung der Partei werden würde",[101] und daß die DG ihre Hoffnung auf Anerkennung als dritte Konfession erfüllt bekäme, gemäß "Mythus"-Zitat: "Die Sehnsucht, der nordischen Rassenseele im Zeichen des Volksmythus ihre Form als Deutsche Kirche zu geben, das ist mit die größte Aufgabe des Jahrhunderts".[102] Heute weiß man - vor allem aufgrund der Arbeiten von Bollmus - daß diese Befürchtungen zu Unrecht bestanden und Rosenberg seine Ernennung eher einer zufälligen, kurzzeitigen innerparteilichen Interessenkonstellation verdankte[103] und "zu keiner Zeit eindeutig bestimmtes Weisungsrecht in weltanschaulichen Fragen" besaß.[104]

[52]Wie ernst die katholische Kirche die Situation einschätzte, geht aus der versuchten Intervention des Kardinals Schulte bei Hitler in bezug auf Rosenberg und vor allem den "Mythus" hervor. Schulte protokollierte die Unterredung vom 7.2.1934 (unvollständig erhalten), woraus hervorgeht, daß sich Hitler vom "Mythus" distanzierte, sich aber andererseits zu Rosenberg als "unserem Parteidogmatiker" bekannte.[105] Schultes Briefbericht an den Vatikan benutzte den Ausdruck "Umschwung";[106] er hat sich offensichtlich mit dem vatikanischen Schritt gekreuzt, denn am selben Tag, dem 7.2.1934, setzte der Vatikan den "Mythus" auf den Index librorum prohibitorum,[107] die seit dem 16. Jh. bestehende Liste verbotener Bücher, zusammen mit dem Buch des Leipziger Philosophen Ernst Bergman "Deutsche Nationalkirche" (1933). Das Heilige Offizium hat dazu - entgegen seiner Gewohnheit - eine Begründung der Entscheidung veröffentlicht und erklärt, daß beide Verfasser die Fundamente christlicher Religion leugneten und die Einführung einer neuen Religion forderten.[108] Matthes Ziegler, Volkskundler und Chef des Amtes für weltanschauliche Information im Amt Rosenberg, schreibt in den Nationalsozialistischen Monatsheften (NSMH) dazu:

"(...) Die feierliche Verdammung dieses Buches ["Mythus"] war trotz aller Beteuerungen nicht in erster Linie eine Schutzmaßnahme gegen irgendeine Privatarbeit, sondern die formelle und symbolische Kampfansage an die nationalsozialistische Weltanschauung, zu deren Treuhänder und Wächter Alfred Rosenberg im zweiten Jahr der nationalsozialistischen Revolution ernannt worden war. Diese Indizierung gab gleichzeitig die praktische Handhabe, um unter dem Vorwand einer Glaubensverteidigung gegen den Privatmann Alfred Rosenberg auf allen Gebieten der Kultur die Geschütze in Stellung bringen zu können, die gar bald das Vernichtungsfeuer gegen die Grundfesten der nationalsozialistischen Weltanschauung überhaupt aus allen Kalibern eröffnen sollten."[109]

Die kirchliche Öffentlichkeit wurde auf die "Mythus"-Auseinandersetzung, die nun verstärkt einsetzt, nicht "durch das Bischofskollektiv", sondern "durch die Oberhirten im einzelnen" aufmerksam gemacht.[110] Nachdem die "Flut antikirchlicher, antichristlicher Propaganda" immer mehr angestiegen war, antworteten jetzt die Kirchen.[111] Sie begriffen den "Mythus" und seinen Anspruch, Weltanschauung sein zu wollen, als "Übergriff auf ihr ureigenes Territorium", lehnten das Rassemoment in Verbindung mit Religion und Sittlichkeit als Irrlehre ab und bezeichneten die 'Religion des Blutes' als unüberbrückbaren Widerspruch zum christlichen Glauben.[112]
Unter dem Stichwort 'Neuheidentum' begann eine Rosenberg-Debatte auf den Bischofskonferenzen, der eine massive Kampagne in Form von Vorträgen, Exerzitien, Artikeln in Kirchenblättern und von der Kanzel herab gegen die "Irrlehre des 'Mythus'" folgte.[113]

Eine der wichtigsten und meist beachteten Auseinandersetzungen mit dem "Mythus" aber bot die Schrift "Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts", 1934 als Beilage des "Kirchlichen Anzeigers" für die Erzdiözese Köln herausgegeben. Nach dem Kriege gab einer der Verfasser, Wilhelm Neuss, Professor für Kirchen- und Kulturgeschichte, über die Entstehung der Schrift Auskunft. Durch die NS-Pflichtschulungskurse an der Bonner Universität, denen Rosenbergs "Mythus" zugrundelag, wurde Neuss erst im Sommer 1933 auf das Buch aufmerksam und erkannte, daß hier ein "systematischer Versuch der Aufpeitschung nationalen Sinnes durch gewissenlose Fälschung und Verdrehung" vorlag, daß die "Unwissenschaftlichkeit des Buches" dringend einer Widerlegung, vor allem aus kirchenhistorischer Sicht, bedurfte.[114] Seine Intervention bei der Kölner Kurie führte im März 1934 zur Gründung der "Abwehrstelle gegen nationalsozialistische, antichristliche Propaganda" unter Leitung von Josef Teusch, Kaplan von St. Kolumba.[115] Die Abwehrstelle sammelte systematisch antichristliches NS-Schrifttum; kleinere Schriften, gegen die NS-Propaganda gerichtet, wurden verfaßt und durch kirchliche Buchstände oder an den Kirchentüren verteilt. Neuss schätzt die Zahl der von der Abwehrstelle verbreiteten Broschüren auf ca. 17 Millionen.[116] Mit Abstand wichtigste Arbeit der Abwehrstelle aber war die schon erwähnte Publikation "Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts". Neuss hatte als Autoren Freunde aus dem Kreis der Bonner Theologen, "Spezialisten verschiedener Disziplinen", gewinnen können. Man beschloß, aus berechtigter Angst vor Beschlagnahmung, die "Studien" den unter Konkordatsschutz stehenden "Kirchlichen Anzeigern" der verschiedenen Diözesen beizugeben und auf Namensnennung der Autoren, wegen zu befürchtender Repressalien, zu verzichten.[117] Neuss selbst verfaßte den kirchengeschichtlichen Teil der "Studien", mithin auch die Widerlegung Rosenbergscher Theorien zum Hexenwahn. Es gelang den Herausgebern in letzter Minute, nachdem Kardinal Schulte Bedenken gegen das Unternehmen angemeldet hatte, Clemens August Graf von Galen (den 'Löwen von Münster') für die Schirmherrschaft zu gewinnen. Der Verlag J. P. Bachern in Köln übernahm den Druck, Vorausbestellungen sicherten die Grundauflage von 15.000 Exemplaren,[53]Paralleldrucke in Würzburg, München, Berlin und Breslau kamen hinzu.[118]

Die erste Ausgabe der "Studien" erfolgte im Oktober 1934, im Dezember desselben Jahres wurde eine verbesserte Auflage herausgegeben. Als Rosenberg 1935 auf die "Studien" mit seiner "Dunkelmänner"-Schrift antwortete, wurde ein um einen Epilog erweiterter Nachdruck gestartet.[119] Die "Studien" sind wissenschaftlich abgefaßt, mit Anmerkungen und einem Personen- und Sachregister versehen. Sie fassen das bei Rosenberg verstreut Gesagte systematisch zusammen und widerlegen es.[120] Neuss sagt über die "Studien", sie seien "1934 und 1935 vielleicht das gelesenste Buch in Deutschland"[121] gewesen und die "wichtigste Aktion des breitangelegten systematischen Widerstands der Kölner Abwehrstelle gegen die Überfremdung deutschen Geistes durch nationalsozialistisches Gedankengut".[122] Matthes Ziegler schreibt in den NSMH:

"Die 'Studien' sind ohne Zweifel weitaus die umfassendst angelegte und geschickteste sämtlicher Gegenschriften gegen den 'Mythus' und haben, da sie mit der Anmaßung strenger Wissenschaftlichkeit geschrieben sind, in gewissen Kreisen ihre Wirkung nicht verfehlt. Es sind dieselben Kreise, die das Phantom einer falschverstandenen objektiven und sogenannten voraussetzungslosen Wissenschaft zwar stur gegen den Nationalsozialismus verteidigen, die sich jedoch bedenkenlos und instinktlos, heute wie ehedem, in das geistige Schlepptau konfessioneller Interessenpolitik nehmen lassen."[123]

Im kirchengeschichtlichen Teil des "Mythus" spielt der Hexenwahn eine nicht unerhebliche Rolle; weil Quellen und Darstellung gleichermaßen fragwürdig sind, bietet sich für Neuss eine willkommene Gelegenheit, Rosenberg gerade hier gründlich zu widerlegen. 

3. Hexenwahn in Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts" 

Rosenberg bezieht sich in seiner Darstellung und Erklärung von Hexenwahn auf das Buch des Historikers Albert Grünwedel "Tusca" (Leipzig 1922) und stellt eine Verbindung zwischen dem römischen Papsttum und den Etruskern her. Der Papst sei der "unmittelbare Nachfolger des etruskischen Haruspex"[124] und habe kultische Praktiken, die Verbindung zum späteren Hexenwesen erkennen ließen, von daher übernommen. Die Etrusker hätten den griechischen Sonnenmythos aufgenommen, aus dem die tuskischen Priester asiatische Magie gemacht hätten: "Hexenwesen, verbunden mit Päderastie, Selbstbegattung, Knabenmord, magische Aneignung der Kraft des Gemordeten durch den Priestermörder [...]".[125] Ein rituell gemordeter Knabe sei zum Böckchen geworden. "Hier ist der Ursprung des gehörnten Phantoms einerseits, des bockköpfigen Teufels andererseits, dessen Auftreten in der Hexenliteratur bis zu den Volkssagen hinab bisher völlig rätselhaft war."[126] "Hexen konnten Jünglinge für Geld zu dieser Hingabe veranlassen, um dann in Flammen zum Himmel zu steigen, ein neues Zeugnis für die Urheimat des Hexenwahns und des Satanismus auf europäischem Boden."[127] Der magischen Zauberei und einer gewalttätigen Priesterschaft setzten die Römer - nach Rosenberg - ihr hartes römisches Recht entgegen, ihren großartigen römischen Senat; mit dem Schwert säuberten sie Italien von den Etruskern, aber den Haruspex und die Auguren konnte Rom nicht überwinden.[128]

"Der Haruspex siegte, der römische Papst erhob sich als sein unmittelbarer Nachfolger, während die Tempelherrschaft, das Kardinalskollegium, eine Mischung von Priestertum der Etrusko-Syro-Vorderasiaten und der Juden mit dem nordischen Senat darstellt. Auf diesen etruskischen Haruspex geht dann auch 'unsere' mittelalterliche Weltanschauung zurück, jener furchtbare Zauberglaube, jener Hexenwahn, dem Millionen des Abendlandes zum Opfer gefallen sind, der auch durchaus nicht mit dem 'Hexenhammer' ausgestorben ist, sondern in der kirchlichen Literatur von heute noch lustig weiterlebt, jeden Tag bereit, offen hervorzubrechen; jener Spuk, der die nordisch-gotischen Kathedralen verunstaltet und über eine natürliche Groteske weit hinausgeht."[129]

An anderer Stelle vergleicht Rosenberg den römischen Papst "mit dem Medizinmann als dämonische Figur", 

"[...] dessen Gebet Regen bringt oder verkündet, dessen Fluch tötet, der mit Gott (oder den Göttern) einen Vertrag geschlossen hat, und ihn (oder sie) zu allem zwingen oder doch beeinflussen kann durch zauberhafte Gebräuche. Der Medizinmann als dämonische Figur kann selbständiges Denken seiner Anhänger ebensowenig brauchen wie ehrbewußtes Handeln. Er muß folgerichtig, um seine Stellung zu sichern, das eine wie das andere mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auszuschalten bemüht sein. Er muß alle allzu menschlichen Ängste und hysterischen Anlagen großzüchten; er muß Hexenwahn und Dämonenzauber predigen; er muß mit Index, Feuer und Schwert alles Forschen unterbinden, das zu anderen Ergebnissen führen kann, oder gar zur Befreiung vom dem ganzen, vom Medizinmann gelehrten Weltbild. Den Versuch schildern, die zauberhaft dämonische Weltauffassung des Medizinmannes weltpolitisch durchzusetzen, heißt römische Dogmen- und Kirchengeschichte schreiben."[130]

Rosenberg bezeichnet an anderer Stelle das Christentum als typisch für das "rasselose, wüste Rom", dem es mit seiner Sünden- und Gnadenlehre entgegenkäme.[131] "Sündengefühl als notwendige Begleiterscheinung physischer Bastardisierung"[132] sei weder den alten Indern noch den Germanen des Tacitus bekannt gewesen. Zwei Welten hätten das 'mittelalterliche Herz des nordisch bedingten Men-[54]sehen' zerrissen: "[...] die vorderasiatisch schreckhafte, von der Kirche gezüchtete Vorstellung der grausamen Unterwelt" und die Sehnsucht, "frei, grad und gesund" zu sein. "Nur soweit er frei ist, kann der Germane schöpferisch sein und nur wo der Hexenwahn nicht herrschte, entstanden Zentren europäischer Kultur."[133] "Lehrkonzile, Inquisition und Scheiterhaufen zwecks Seelenvernichtung einzuführen, blieb der Kirche in ihrer paulinisch-augustinischen Form vorbehalten. Die klassisch-nordische Antike kannte derlei nicht, und die germanische Welt hat sich gleichfalls stets gegen dieses syrische Wesen empört."[134]

4. Hexen- und Teufelswahn in den katholischen "Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts" (1934) 

Ziel der "Studien" war es, das von Rosenberg entworfene Geschichtsbild im Sinne der katholischen Kirche zu korrigieren. Als Teil seines Kapitels "Das christliche Altertum", setzt sich Neuss, als der Verfasser des kirchengeschichtlichen Teils, über acht Seiten mit dem Rosenbergschen Bild von Hexenglauben und Teufelswahn auseinander. Er zitiert ausführlich aus dem "Mythus", da seine katholische Leserschaft das indizierte Buch nicht lesen durfte und widerlegt Rosenbergs Behauptungen. Albert Grünwedels Buch "Tusca", das Rosenberg seiner Theorie des europäischen Hexenwahns weitgehend zugrunde legte, weist Neuss als "fixe Idee" des "sonst sehr geschätzten Autors" aus, als "peinlichen Irrtum, den die Wissenschaft aus Rücksicht auf den Verfasser bisher totschwieg". "Die scheußlichen sexuellen Perversitäten, die er [Grünwedel] festgestellt zu haben glaubt, finden sich daher nicht bei den Etruskern, sondern sind leider das Ergebnis seiner Einbildungen."[135] Gustav Herbig habe in einem Aufsatz für die Sitzungsberichte der Münchener Akademie der Wissenschaften die absolute Unwissenschaftlichkeit des Grünwedelschen Aufsatzes im einzelnen aufgedeckt, bestätigt von dem Berliner Orientalisten Wilhelm Schubart. Niemand habe sich bisher rühmen können, das Rätsel der etruskischen Sprache gelöst zu haben, dennoch stütze sich Rosenberg auf die "Irrtümer eines von fixen Ideen Getäuschten, der einen Herd der Unsittlichkeit und Gemeinheit in Italien entdeckt zu haben sich einbildete", und findet so "eine rassische Unterlage für alle beliebigen, nun mehr kühn als etruskisch, etruskisch-syrisch, asiatisch, phönizisch usw. bezeichneten Scheußlichkeiten, die im Papsttum und in der katholischen Kirche aus der rassischen Weiterentwicklung" fortdauern sollen.[136]

"Den Etruskern wird von R. auch die Einführung des Hexenwahns in die Schuhe geschoben, weil sich so die Anheftung auch dieser Schuld an das Papsttum leichter machen läßt, das diesen etruskischen Wahn in das Mittelalter verpflanzt habe. Das Germanentum sei von sich aus frei von ihm gewesen. Wie ist die Wirklichkeit? Der Glaube an Hexen war im Orient und im Abendlande, insbesondere auch bei den Kelten und den alten Germanen verbreitet."[137]

Neuss verweist auf das 'Edictum Rothari' (Rothar, langobard. König 637-652), worin die Tötung von Hexen verboten wird und mit Geldstrafen, je nach dem Stande des Töters, belegt wird, "weil 'ein Christ nicht glauben dürfe, daß es Hexen gebe, und daß ein Weib einen Menschen lebendig verschlingen könne', was also von den heidnischen Langobarden offensichtlich geglaubt wurde (Mon.Germ. Leg.IV, ed. Pertz, p. 87)", und auf die "Capitulatio de partibus Saxoniae" Karls d. Gr., die anordnet, daß, falls jemand glauben solle, daß ein Mann oder eine Frau eine Hexe (striga) sei und Menschen fresse, und deshalb die vermeintliche Hexe selbst verbrennt und ihr Fleisch ißt, des Todes schuldig sei (Mon.Germ.Leg. II,I, 1, p. 68). Der Verfasser der "Studien" folgert daraus, daß bei den Sachsen nicht nur der Hexenglaube lebendig gewesen sei, sondern daß man die Hexen auch verbrannt und ihr gebratenes Fleisch verzehrt habe.[138] "Die Kirche hat gegen den Hexenwahn zunächst mit lobenswertem Eifer gekämpft. [...] Im sogen. Canon episcopi, einem fränkischen Synodalstatut des 9. Jahrhunderts", wurden die Priester gemahnt, "gegen den von den Weibern selbst verbreiteten Wahn", "nächtlicherweise [...] zum Dienste der heidnischen Göttin Diana", auf bestimmten Tieren reitend auszufahren, aufzutreten.[139] Neuss bezieht sich auf Lily Weiser-Aall, wenn er schreibt, daß es noch im 19. Jh. in Schweden Frauen gegeben habe, "die sich als Hexen ausgaben und auf dem Bocksberg gewesen sein wollten".

"Mit Recht macht Weiser-Aall, der [!] von diesem schwedischen Wahn berichtet in seinem großen Artikel über die Hexen im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. III (1930) Sp. 1827-1920, darauf aufmerksam, daß gerade die Geschichte des Hexenglaubens bei den nordischen Völkern, wo er auf keine Weise etwa aus römischer Ansteckung erklärt werden kann, zeigt, wie sehr der Hexenglaube in der germanischen Tradition selbst Zuhause ist. Auch das Verbrennen der Hexen ist altgermanische Sitte, nicht anders eben als die Unschädlichmachung des weiblichen und auch des männlichen Zauberers, dessen Machenschaften man fürchtet [...]." 

Der folgende Absatz soll in ganzer Länge übernommen werden, weil sich die Kritiker der "Stu-[55]dien" gerade auf diese Formulierungen immer wieder beziehen:

"Die Männer der Kirche haben leider nach und nach vor dem Glauben an die Hexen kapituliert, vor allem in den deutschen Ländern, bis schließlich die deutschen Inquisitoren Jacob Sprenger und Heinrich Institoris 1484 sogar von Papst Innozenz VIII. die erbetene Anerkennung ihrer Zuständigkeit in ihrem Vorgehen gegen die vermeintliche schlimme Tätigkeit der Hexen erlangten und den schmählichen Hexenhammer verfaßten. Der Hexenwahn ist also nicht von Etrurien oder Rom nach Deutschland gekommen, sondern leider altgermanisches Volksgut, das nicht standhaft genug von der Kirche bekämpft worden ist. Daher ist der Wahn auch am schlimmsten in Deutschland nach der Glaubenstrennung aufgeblüht, Luther, Zwingli, Calvin haben ihm in gleicher Weise gehuldigt; auch das protestantische England, die skandinavischen Reiche und die protestantischen Einwandererstaaten Nordamerikas haben eine scharfe Hexenverfolgung getrieben, während man in Rom zwar die ganz allgemein gewordene Überzeugung von der Möglichkeit des Teufelsbündnisses der Hexen und seiner Benutzung zu schädigenden Taten nicht abgelehnt, sie aber in Theorie und Praxis immerhin nur mit einer unverkennbaren Vorsicht zugelassen hat. Deshalb auch nur ganz wenige Hexenprozesse in Rom und ihr völliges Aufhören dort im 17. Jahrhundert, während in Deutschland der unselige Wahn noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts seine Opfer forderte."[140]

Und zur Rolle der Dämonen, die von der Gegenseite (den Rosenberg und der Germanenkunde verpflichteten Autoren) wesentlich anders dargestellt wurde, schreibt Neuss: 

"Die biblische Lehre von den gefallenen Engeln, den bösen Geistern, ist in der ganzen antiken Welt mit den vorchristlichen populären Vorstellungen von den Dämonen zusammengetroffen. Einem Geschlechte, das für so viele Krankheiten und Naturkatastrophen nicht die natürliche Erklärung hatte wie wir, war der Glaube an die Wirksamkeit der Dämonen etwas ganz selbstverständliches geworden. Weil er aber so ganz allgemein und selbstverständlich war, konnte es gar nicht anders kommen, als daß er noch lange fortlebte und mit der christlichen Lehre von sündig gewordenen reinen Geistern sich in mannigfacher Weise verband und diese Lehre oft genug in schlimmster Weise vergröberte oder ganz entstellte. Nicht das Christentum hat die Furcht vor den Dämonen geschaffen, sondern diese Furcht war da."[141]

Mit dem Hexenglauben habe sich auch ein bedauerlicher Glaube an Teufelsspuk breitgemacht, aber die Geschichte des Aberglaubens bei germanischen und nichtgermanischen Völkern zeige, "daß die Diener der Kirche ganz außerhalb der Geistesart ihrer Zeit hätten stehen müssen, wenn sie von allen Spukängsten hätten frei sein sollen".[142]

5. Alfred Millers und Alfred Rosenbergs Gegenschriften zu den "Studien" (1935) 

Rosenberg war von den "Studien" und vor allem dem Vorwurf der Unrichtigkeit und Unwissenschaftlichkeit des "Mythus" so überrascht, daß er sich "Rat bei anderen holen mußte".[143] Er wandte sich an den Germanisten und Schriftsteller Alfred Miller, den Herausgeber der völkischen Zeitschrift "Flammenzeichen", bekannt als "Verfasser von Schriften nicht nur gegen Juden, sondern vor allem gegen den Katholizismus".[144] Rosenberg bat ihn unter Hinweis auf dessen "ausgedehntes Archiv" um eine Gegendarstellung. Miller meldete Bedenken an, meinte, daß gerade gegen den kirchengeschichtlichen Teil der "Studien" "nicht viel zu machen" sei, willigte aber dennoch ein, weil Rosenberg ihm als Gegenleistung eine größere Auflage der zu erstellenden Schrift versprach.[145] In Rosenbergs Tagebuchaufzeichnungen vom 26.12.1934 liest es sich etwas anders:

"Mein 'Mythus' hat jetzt 250.000 Stück Auflage, ein Jahrhunderterfolg. Rom hat deshalb alle Kräfte mobilisiert und die 'Studien zum Mythus des 20. Jahrhunderts' herausgegeben, um mich wissenschaftlich zu erledigen. Geschrieben mit bekannten Tricks, im Grunde frech und fadenscheinig. Ich habe bereits 60 Seiten Entgegnung diktiert. Baeumler[146] will in den Weihnachtsferien auch eine Broschüre schreiben, Miller in Celle ebenfalls. Erster von historischer Höhe, der zweite hauptsächlich über das heute bereits als germanisch bezeichnete Hexenwesen."[147]

Der letzte Halbsatz Rosenbergs erweckt den Eindruck, als habe er von den seit Jacob Grimm existierenden zwei Auffassungen über den Ursprung des Hexenwahns nichts gewußt und halte das "als germanisch bezeichnete Hexenwesen" für eine Erfindung seiner weltanschaulichen Gegner. 1935 erschien im Verlag Theodor Fritsch, Leipzig, Millers Broschüre "'Wissenschaft' im Dienste der Dunkelmänner". Sie enthält ein größeres Kapitel über Hexenwahn (26 Seiten bei einer Gesamtseitenzahl von 165). Obgleich Rosenberg verpflichtet, übernimmt Miller in seinem Hexenkapitel nicht die Etrusker-These Rosenbergs. Einleitend beklagt Miller unter Verweis auf Kardinal Faulhaber, daß diejenigen, die die untrennbare Einheit von Deutschtum und Christentum betonen, es sich offensichtlich zum Vorsatz gemacht haben, die vorgeschichtliche und die geschichtliche Vergangenheit des Germanentums mit vielen "recht dunklen Schatten zu zeichnen".[148] Das gelte auch für die Verfasser der "Studien", die den Hexenwahn "als altgermanisches Volksgut", von der Kirche nicht standhaft genug bekämpft, darstellen. Niemand bestreite in geschichtlicher und vorgeschichtlicher Zeit die Vorstellung von Unholdinnen bei den Germanen, aber die römische Kirche habe "diesem Glauben verstärkte Nahrung, neuen Auftrieb gegeben", ja sie habe für einen noch viel schlimmeren Hexenwahn den Boden bereitet,[149] weil sie die Götter der Heiden dämonisierte. Sie gestand ihnen damit, "anstatt ihre Bedeutung zu verneinen, Da-[56]seinswirklichkeit, ja sogar eine gewisse Bedeutung zu". Die verlangte Abschwörung erhielte den Glauben an die, die man beseitigen wollte, wach;[150] die in den Bußbüchern aufgeführten zauberischen Praktiken befestigten den Glauben an die Realität von Hexerei und Zauberei. Der "nach Osten weisende Ursprung des Wahns" wird mit Hansens "Zauberwahn" belegt,[151] der romanische Ursprung mit Paul Herrmann.[152] Die Geringachtung der Frau und die durch die Kirchenväter (Augustinus) verbreitete Lehre der Möglichkeit fleischlichen Verkehrs von Frauen mit Dämonen, Faunen und Silvanen[153] habe ein übriges getan, um den Teufelsglauben zu stärken; schließlich habe die Umwandlung heidnischer Bräuche in christliche die Menschen zusätzlich verängstigt, "da man das Reich und die Macht der heidnischen und christlichen Dämonen vertauschte. Die Folge davon waren die berüchtigten Hexenprozesse."[154] Ein Heidentum, entstanden als Mischung widerstreitender Elemente, nicht mehr identisch mit dem germanischen Heidentum, entartet durch eingeschleppte orientalische Einflüsse, wäre von der katholischen Kirche vergeblich bekämpft worden, "weil sie selber Trägerin der Mischung und Entartung war".[155] Die schlimmste Scheußlichkeit der Kulturgeschichte, der schlimmste Irrwahn, dem "nicht nur die Menschheit, sondern eine Religion und Kirche jahrhundertelang ergeben waren", läge begründet "in der Tragik der Überfremdung germanischen Wesens. Keine ernste Geschichtsschreibung einer späteren Zeit wird Rom je von dieser Schuld freisprechen können."[156] Miller beschließt das Kapitel mit einem Hansen-Zitat, das der christlichen Kirche die Schuld zuweist an der vollständigen Entgleisung menschlichen Geistes, die zur hartnäckigen und grausamen Massenverfolgung angeblicher Hexen führte.[157]

Im selben Jahr wie Miller veröffentlichte Rosenberg seine Schrift "An die Dunkelmänner unserer Zeit. Eine Antwort auf die Angriffe gegen den 'Mythus des 20. Jahrhunderts'".[158] Sie erschien ebenfalls im Hoheneichen Verlag, erreichte bis zum Jahre 1941 33 Auflagen und war offensichtlich von den Anhängern Rosenbergs sehnlichst erwartet worden. Matthes Ziegler schrieb in den NSMH eine Vorankündigung unter der Überschrift "Rosenberg antwortet!". Er beschreibt die Situation vor Erscheinen der "Dunkelmänner"-Schrift folgendermaßen:

"Und die römische Presse ging in ihrer einfältigen Dreistigkeit bereits soweit, Alfred Rosenberg wohlwollend vorzuschlagen, sein Buch [gemeint ist der "Mythus"] doch wenigsten aus dem Handel zu ziehen, nachdem sich bereits die ganze Welt in seiner Beurteilung einig sei. Aber trotz dieser 'Siegesstimmung' ließ sich doch die große Enttäuschung nicht verbergen über den tatsächlichen Mißerfolg der ganzen Aktion. Rosenbergs Werk geht in immer neuen Auflagen durch das Land und hat heute schon viele Millionen in seinen Bann geschlagen, und die Wirkung der 'Studien' ist verpufft und befindet sich in jähem Abklingen. Auf allen Gegnern aber lastet die quälende Frage: Was wird Rosenberg tun? Warum wehrt er sich nicht? Warum setzt er nicht seine Machtmittel ein? Warum geht er nicht vor gegen einzelne Todesmutige, denen die unsichtbare Märtyrerkrone bereits auf dem Haupte leuchtet? Und warum antwortet er nicht?"'[59]

Im Kapitel "Der römische Hexenwahn" greift Rosenberg gleich zu Anfang seine Behauptung aus dem "Mythus" wieder auf, daß das ganze Zauberwesen von der Gründung der römischen Kirche bis in die Gegenwart hineinreiche und so lange bestehen bleiben würde, wie die römische Kirche selbst besteht, denn sie herrsche nicht durch Einsicht, Vernunft und Ergebung in das Naturgeschehen, sondern durch "Aufpeitschung aller Einbildungskräfte", durch "hypnotisierende Einwirkung von der Wiege bis zum Grabe" auf die Angstzustände des Menschen. 

Als "eine Höhe der Anmaßungen der sogenannten 'Studien'" bezeichnet Rosenberg "die dreiste Behauptung, das ganze Hexenwesen sei eigentlich im germanischen Charakter begründet".[160] Allein schon anhand des umfangreichen Werkes des Jesuiten Graf Paul von Hoensbroech (1852-1923)[161] "Der Jesuitenorden" könne man das widerlegen. Hoensbroech habe den sogenannten germanischen Hexenwahn als eine durch den Jesuitenorden planmäßig durch Jahrhunderte großgezüchtete Erscheinung dargestellt. Die anonymen Verfasser der "Studien" würden ihn als davongelaufenen Jesuiten sicherlich der Unwissenschaftlichkeit zeihen, behauptet Rosenberg. Andere jesuitische Autoren erbrächten den Beweis für die erbarmungslose Brutalität, mit der die katholische Kirche vorgegangen sei, selbst wenn sie dabei ganze Landstriche entvölkert habe.[162]

"Es wird die Aufgabe einer wirklich deutschen Geschichtsforschung sein, einmal festzustellen, wieviel Mütter des deutschen Volkes die jesuitischen Inquisitoren und der jesuitisch-römische Hexenwahn dahingerafft haben, da selbst die Jesuiten feststellen mußten, daß ganze Dörfer Bayerns, dort wo sie wirkten, entvölkert wurden!"[163]

Die Jesuiten Paul Laymann, Jeremias Drexel und Georg Gaar werden von Rosenberg zitiert, weil sie die Hexenverfolgung auf das alttestamentarische Gebot beziehen: "die Zauberer sollst du nicht leben lassen"; Fazit: "[...] das Alte Testament als Kron- und Urzeuge für das Recht der Hexenverfol-[57]gung und die unfehlbaren Päpste als Schirmherren der Ausrottung des germanischen Menschentums". Das Suchen nach "kosmischer Gesetzlichkeit" über "symbolhafte Darstellung" sei "stets das Kennzeichen des nordischen Menschen gewesen, sei es als forschender Grieche, sei es als forschender Europäer". Die "zauberhafte Magie des Morgenlandes und Afrikas" stehe dieser Auffassung "schnurstracks entgegen" und alles, "was mit Ablässen, Fegfeuer, Gebet, Hexenwahn und Zauberdingen zu tun hat, [sei] eine unmittelbare Fortführung orientalischen Denkens".[164] Für die Beendigung des Hexenwahns bietet Rosenberg folgende Erklärung an:

"Wenn später die Protestanten noch lange dem Hexenwahn folgten, so ist das nicht etwa eine Entlastung für die römische Kirche, sondern zeigt, wie sehr eine jahrtausendelang herrschende Dämonie, gestützt auf politische Gewaltherrschaft, die Seelen der Menschen vergiften konnte. Schon nach kurzer Zeit aber, nach Abwerfen der fremden Herrschaft, rührte sich in ganz Europa das Denken und Forschen, und je mehr dieser urgermanische Forschungsdrang sich durchsetzen konnte, um so mehr verschwand die blutige Spur der Hexenjahrhunderte, und immer mehr zurückgedrängt wurde dieser infernalische Versuch, der Verkrüpplung und Ängstigung der Seele der Europäer."[165]

Dämonenlos sei das Hildebrandslied, das Nibelungenlied, das Gudrunslied, aber je mehr sich das dämonengläubige Papsttum festigte, um so stärker seien die Auswirkungen des Alten Testaments, des Etruskertums und des römischen Völkerchaos. Die Jahrhunderte zwischen 1300 und 1750 seien gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung einer Hexen und Ketzer mordenden Dämonie mit der Naturforschung, Kunstgestaltung und arteigenen Lebensweise der europäischen Völker.[166] Aus einem Aufsatz, erschienen in der Zeitschrift "Bücherkunde"[167] (Hausblatt des Amtes Rosenberg), zitiert Rosenberg über drei Seiten. Die "Studien" werden dort als obskures Pamphlet bezeichnet. Die von den "deutschen Fachgelehrten" versuchte Erklärung für den Ursprung des Hexenwahns sei unmöglich, da nach der "auch heutigentags von Rom durchaus anerkannten Lehre" eine Frau nur zur Hexe würde, wenn "sie sich dem Teufel leibhaftig und körperlich vermählt", der Teufel aber sei "als unentbehrliches Requisit der Erbsünde" erst durch das Christentum eingeführt worden.

"[...] unsere Altvorderen [waren] in geschlechtlicher Beziehung viel zu sauber, dachten viel zu hoch von ihren Frauen und Töchtern, als daß so perverse Gemeinheiten in ihren Hirnen hätten Raum finden können, wie sie die christliche Hexenlehre nun leider enthält".[168]

Der gleiche (anonyme) Autor fragt an anderer Stelle: "Ist denn der schmähliche 'Hexenhammer' auf den Index der von Rom verbotenen Bücher gesetzt worden, auf dem doch Rosenbergs 'Mythus' steht?"[169] Abschließend zitiert Rosenberg aus dem Buch des katholischen Historikers Theodor Steinbüchel "Christliches Mittelalter", Leipzig 1935, der Augustin und Thomas von Aquin anlastet, den Verkehr der Gottessöhne mit den Menschentöchtern (Gen. 6.4) nicht auf die Engel bezogen, und somit ein Motiv geschaffen zu haben, das dem Dämonen- und Hexenglauben ihrer Zeit entgegenkam.[170]

"Was in dem Hexenglauben von Kirche und Staat bis weit über das Mittelalter hinaus der Frau angetan worden ist, ist kein Ruhmestitel der Kirchen- und Weltgeschichte. Es ist geeignet aller romantischen Verklärung der mittelalterlichen Welt zu steuern. Es beweist evident, wie die Kultureinheit des Mittelalters vom alten Aberglauben in Verbindung mit christlichem Teufelsglauben gefährdet war."

Rosenberg schreibt abschließend: 

"Die anonymen Verfasser der 'Studien' hätten den aussichtslosen Kampf für eine aussichtslose Sache nicht beginnen sollen. Den Afrikaner Augustinus wird wohl auch der verwegenste 'Historiker' nicht als germanisch hinzustellen wagen, und er ist also Hauptzeuge für das ganze Hexen- und Teufelswesen des Mittelalters in Verbindung auch mit altetruskischen Vorstellungen."[171]

II. Monographien zum Thema Hexenwahn in der Folge der Rosenbergschen Kontroverse mit der Kirche 

1. Hexenwahn-Interpretationen von deutschvölkischen Frauen 

1.1 Christliche Grausamkeit an Deutschen Frauen. Zwei Aufsätze von Dr. Mathilde Ludendorff und W. v. d. Cammer (1934) 

Rosenberg erhielt bei der Thematisierung der historischen Hexenverfolgung und des Hexenwahns unerwartete Schützenhilfe aus einer Ecke, von wo er es weder gewünscht noch erwartet hatte, von Frauen aus rechtsgerichteten deutsch-völkischen Bewegungen. 

Eine der ersten Monographien zum Thema nach 1933 gab Dr. Mathilde Ludendorff (1877-1966) bereits im Jahre 1934 heraus, wohl weniger als Zugeständnis an Rosenberg als 'in eigener Sache'. Der Titel signalisiert starke Ideologisierung, befaßt sich aber vorrangig beschreibend mit Fallbeispielen. Die Schrift wird deshalb im Rahmen dieser Arbeit nur zusammenfassend einbezogen, wobei versucht wird, die ideologischen Elemente zu extrahieren. Mathilde Ludendorff war zusammen mit ihrem Mann, General Erich Ludendorff, Haupt einer Bewegung, die als die "zahlenmäßig wohl größte völ-[58]kische Organisation"[172] bezeichnet werden kann. (Der Ludendorffsche 'Tannenbergbund' galt als politisch orientiert, das 'Deutschvolk' als weltanschaulich-religiös.[173]) Als Autorin zahlreicher Schriften weltanschaulichen Inhalts und obskurer polemischer Schriften, "in denen sie okkulte Mächte für den Tod großer Deutscher verantwortlich macht",[174] war sie im Dritten Reich bereits umstritten.[175]

Mathilde Ludendorffs Schrift zur Hexenthematik trägt den Titel "Christliche Grausamkeit an Deutschen Frauen" (17 Seiten). Sie besteht aus zwei Aufsätzen, einem von W. v. d. Cammer (Pseudonym von Walter Löhde) "Hexenwahn und Hexenprozeß", und einem von ihr selbst verfaßten, "Hexenmarterung durch protestantische Geistliche".[176] Während der Aufsatz Cammers unter Anführung von Beispielen den Kampf beider christlicher Kirchen im Bündnis mit der Wissenschaft "gegen das geheime Reich des Satans" darstellt[177] und für Überwindung von "vernunftwidrigen Wunder und Glaubenslehren", Astrologie, Okkultismus und Geisterseherei in der Gegenwart votiert, ist Mathilde Ludendorffs Aufsatz deutlich kirchen-kampforientiert.

M. Ludendorff betont die Aktualität von Hexenglauben, weil Hexen- und Teufelsaberglaube für Priester aller christlichen Konfessionen nach wie vor verbindlich sei, nach den Aufforderungen der Bibel: "Die Zauberer sollst du umbringen." Unter Bezugnahme auf die antisemitische Zeitschrift "Der Hammer"[178] behauptet Ludendorff, "daß viele Aussprüche von kirchlicher Seite [...] bezeugen, daß 'leider' nur heute das Foltern und Verbrennen vermeintlicher Hexen und Zauberer erschwert, aber an sich eine recht heilsame Sache und höchste Gerechtigkeit" sei.[179] Anhand eines Fallbeispiels von 1617-1619 - das der Bürgermeistersfrau Barbara Meihin aus Neustadt-Bernburg - will Ludendorff einmal die Rolle der protestantischen Geistlichkeit beleuchten, die "an Eifer und Grausamkeit den Katholiken nicht allzusehr nachstand",[180] zum anderen betonen, daß sich die Verfolgung besonders auf die "hochwertigen Frauen" erstreckt habe, solche, die "durch einen besonderen Lebenswandel, durch außerordentliche Geistesgaben und einen überragenden Einfluß auf ihre Mitmenschen [...] ein mehr als gewöhnliches Ansehen genossen".[181] Ludendorff beschließt den Aufsatz mit dem Verweis auf ihre Werke, deren "Erkenntnisse die Tatsachen der menschlichen Seelengesetze zum ersten Male restlos deuten können", ohne Annahme von Teufelswirken. Sie warnt alle diejenigen, die das "Zeitalter des wüstesten Aberglaubens" die 'Blütezeit des deutschen Volkes' nennen, daß sie damit die "Rückkehr von Mord- und Folterrechten" ermöglichen helfen. Eine solche "Rückkehr" befürchtet Ludendorff nur von seiten beider Kirchen und plädiert für Befreiung vom Teufelsglauben der Bibel, wie vom Christentum überhaupt. Am Ende der Schrift wird für weitere Titel geworben unter der Überschrift "Schluß mit dem Teufelsaberglauben! Nie wieder Hexenwahn!" (alle Ludendorff Verlag) Die Titel verweisen auf historische Themen, mehr aber noch auf den Kulturkampf der dreißiger Jahre.[182]

1.2 Friederike Müller-Reimerdes: Der christliche Hexenwahn. Gedanken zum religiösen Freiheitskampf der deutschen Frau (1935) 

Im Jahre 1935 erschien in der schon erwähnten Schriftenreihe des Leipziger Adolf Klein Verlags "Reden und Aufsätze zum nordischen Gedanken" eine weitere Monographie zum Thema, wiederum von einer Frau verfaßt, Friederike Müller-Reimerdes: Der christliche Hexenwahn. Gedanken zum religiösen Freiheitskampf der deutschen Frau; bestehend aus drei Teilen (65 S.).[183] Über die Autorin war nichts weiter zu ermitteln, als daß sie mehrfach in der Zeitschrift "Nordische Stimmen", herausgegeben ebenfalls im Adolf Klein Verlag, publizierte.

Da die Aktivitäten der Frauen der nordischen Bewegung nicht organisatorisch, sondern nur über ihre Publikationen in der erwähnten Zeitschrift und der Schriftenreihe nachgewiesen werden können, erscheint es sinnvoll, die Intentionen des Verlags, so wie er sich selbst als Sprachrohr der nordischen Bewegung darstellt, als übergeordnet verbindlich für die dort publizierenden Autoren, mithin auch die Frauen, vorzustellen. Der "junge Verlag Adolf Klein Leipzig [...] stellt seine Werke in den Dienst des nordischen Gedankens. Allseitig bricht im deutschen Menschen, überdrüssig des Ästhetischen, des schillernden Intellektualismus und der zerfasernden Analytik das nordische Lebensgefühl hindurch". "In Arbeitsgemeinschaft mit Frauen, die auf den Anruf ihres artgebundenen Gewissens hin dem nordischen Gedanken dienen", will der Verlag "dem nordischen Schrifttum eine Heim- und Pflegestätte schaffen, um über dem wiedererwachten nordischen Gewissen und dessen Richtung zu wachen". Der deutsche Mensch entdecke, daß "die Sünde wider sein[59]arteigenes Blut und seinen arteigenen Geist die erste Ursache aller Not" sei. Durch die "Gewinnung der arteigenen Richtung sei für den Menschen die Voraussetzung für den Neubau seines Reiches und seiner Gesittung geschaffen und damit nähere sich auch der seit Bismarck nie unterbrochene Kulturkampf seinem entscheidenden Höhepunkt". "Jenseits des niederen Streits der Klassen, Parteien und Konfessionen stehend", sollen die 'Nordischen Stimmen' "den nordischen Funken, wo er auch glühen mag, zur hell brennenden Flamme entfachen" (Fußnote: "Regelmäßige Rubriken: Zum Kulturkampf - zu neuen Büchern").[184] Die Autoren sind mithin dem Dienste am "arteigenen Gewissen" und dem Kulturkampf verpflichtet, der zum Weltanschauungskampf modifiziert wurde. Bei den weiblichen Autoren spielt der Weltanschauungskampf, verbunden mit Gleichberechtigungsvorstellungen, eine entscheidende Rolle. Von einer Vermeidung des "niederen Streits der Konfessionen" kann keine Rede sein, denn die weltanschauliche Position, oftmals das Bekenntnis zur Deutschen Glaubensbewegung, wird in den Aufsätzen mit dargestellt, auch wenn sich der Herausgeber der Schriftenreihe, Bernhard Kummer, von einer Gleichsetzung von nordischer Bewegung und Deutscher Glaubensbewegung distanziert und den "nichtorganisatorischen" Charakter der ersteren betont.[185] Allen publizierenden Frauen gemeinsam ist die Beschäftigung mit den Themen germanisches Erbe, Frauengeschichte. Kaum eine läßt den Verweis auf den Frauenmassenmord durch die Inquisition aus, alle betonen die frauenfeindliche Haltung der christlichen Kirche, die bis in die Gegenwart anhalte, alle drücken ihre Hoffnungen auf Gleichberechtigung im "neuen Reich" des Nationalsozialismus aus, und keine bleibt den Hinweis auf Kummers Buch "Midgards Untergang" schuldig, für alle offensichtlich wichtigste Quelle ihres positiven Germaninnenbildes. Frieda Reimerdes (wie sie die meisten ihrer Artikel unterzeichnet) vertritt eine radikal feministische Position "auf rassischer Grundlage" und setzt sich auch mit anstehenden Weltanschauungsproblemen politischer Art couragiert auseinander. So verurteilte sie 1934 vehement das Bekenntnis des Nationalsozialismus zum "positiven Christentum" als eine für die spätere Zeit verhängnisvolle Entwicklung für die "deutsche" Revolution. Am schwersten seien davon die Frauen betroffen, und es sei ebenso beschämend wie verhängnisvoll, daß sich der größte Teil der deutschen Frauen wenig oder gar nicht mit der Geschichte ihres Geschlechts innerhalb der christlichen Kirchen beschäftigt habe, denn nur so sei es zu erklären, daß Millionen deutscher Frauen sich gleichzeitig zum Nationalsozialismus und zum positiven Christentum bekennen würden.[186] Reimerdes sah es deshalb wohl als ihre Aufgabe an, durch Darstellung eines Teils von Frauengeschichte, nämlich der Auswirkungen von Teufelsglauben und Hexenwahn auf das "religiöse Schicksal" der deutschen Frauen, aufklärerisch zu wirken und einen Kampfruf an alle nordisch bewußten Frauen daran zu knüpfen, sich aus der "Unterstellung unter ein artwidriges Sittengesetz" zu befreien.[187] Ihre Aufsätze bezeichnet Reimerdes als "hiebfeste Waffen", die neben der "heldischen Gesinnung" den deutschen Frauen bei ihrem "Freiheitskampf" helfen sollen.[188] Den Freiheitskampf begreift sie nicht nur als gegen die Kirchen gerichtet, wenn sie schreibt: "Noch erkennt kein deutsches Eherecht die bei unseren vorchristlichen Ahnen herrschende Ebenbürtigkeit der ehelichen Gemeinschaft an, und noch immer macht ein fremdes Sittengesetz, das die orientalisch-jüdische Unterbewertung der Frau anerkennt, die doppelte Moral und die Prostitution möglich."[189]

"Am haltlosesten erscheint den um ihre artgemäße Stellung kämpfenden Frauen der Hinweis, daß sie um des Gesamtwohls des deutschen Volkes willen ihre eigenen 'egoistischen' Sonderwünsche beiseite zu stellen hätten. Dieser Vorwurf kann nur von Menschen gemacht werden, die es noch nicht begreifen wollen oder können, daß eine Zurückführung deutschen Volkslebens zu seinem rassischen Wesensgrunde nur möglich ist bei germanischer Frauenwertung, bei Gleichstellung beider Geschlechter und bei einem sich ergänzenden Zusammenwirken ihrer gottgewollten Wesensverschiedenheit." [190]

Im ersten Teil ihres Aufsatzes "Über den christlichen Teufelsglauben" schildert Reimerdes den Dämonenglauben als "Erziehungsmittel dogmatisch festgelegter Priesterkirchen sämtlicher hochstehenden Religionen zur Festigung von Herrschaft". Diese "religiöse Entartung" entmündige das Volk religiös und führe zur Abhängigkeit über Verängstigung. Die Entartung sei orientalischen Ursprungs und über Israel schließlich auch in die junge christliche Kirche gelangt.[191] Bei den Germanen habe die christliche Kirche wohl Zauber- und Dämonenglauben vorgefunden, die Figur des Teufels aber sei so fremd gewesen, daß der gotische Bischof Wulfila bei seiner Bibelübersetzung kein gotisches Wort für Teufel (und auch für Sünde) zur Verfügung hatte.[192] Obgleich die christliche Kirche in den ersten Jahrhunderten Hexen- und Dämonenglauben als Hirngespinste bekämpft habe, hätten "Kirchenväter" schließlich den Glauben an Zaube-[60]rei und Dämonen in die Doktrin aufgenommen. Mit der Dualität von gut und böse, Gott und Satan, geht Reimerdes großzügig um, indem sie behauptet, daß eine skrupellose Priesterschaft dem Teufel, als dem Inbegriff alles Naturwidrigen und Häßlichen, eine Macht zusprach, "die Gottes Allmacht aufhob, da sie erfolgreich durchzusetzen vermochte, was Gott nicht will". Eine skrupellose Priesterschaft verteile die verängstigten Gläubigen willkürlich auf Himmel und Hölle, "als Bevollmächtigte eines Gottes, der ohne sie weder Erde noch Menschen regieren, noch sich seines teuflischen Widersachers erwehren konnte".[193] Die Frau, als "Ursacherin des Sündenfalls", hätte aufgrund der sündigen Disposition besonders zu leiden gehabt, sie wäre als potentielle Buhlerin des Teufels betrachtet worden. Besonders die deutschen Frauen, die bei ihren vorchristlichen Ahnen hohe religiöse Bewertung erfahren hätten, seien bei "der Umwertung aller ihrer artgesetzlichen Werte in tiefe seelische und sittliche Verelendung" gefallen. "Dazu kommt, daß der Teufelsglaube und der Hexenwahn in Deutschland zum Deckmantel der Gegenreformation gegen die vom Teufel angezettelte Ketzerei mißbraucht wurden."[194] "Blonde Frauen und Mütter, die Trägerinnen nordischen Rasseerbgutes wurden ausgerottet", beschämend aber sei vor allem die Tatsache,

"daß der deutsche Mann unter den Einwirkungen rassewidriger Weltanschauung sein artgemäßes Heldentum, das einst nur gleichwertige Frauen ertragen konnte, mit orientalischem Mannestum vertauscht hatte, das zu seiner Wertentfaltung den Hintergrund verachteten und erniedrigten Frauentums bedurfte! Diese völlige Entartung deutschen Mannestums machte es schließlich möglich, daß der schlimmste Schlag, der einem Todesstreiche aus blutiger Henk