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Sabine Seidel
"Kindermund tut (nicht immer) Wahrheit kund"
Betrachtung zur Rolle der Kinder in europäischen Hexenprozessen (unter Berücksichtigung südosteuropäiscner Magievorstellungen)
Diplomarbeit an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz. 2003
Inhaltsverzeichnis
2. HEXENWAHN - SOZIALE UND GESELLSCHAFTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN
2.1. Kindheit in der frühen Neuzeit
2.2. Armut in der frühen Neuzeit
2.3. Auswirkungen auf die Hexenverfolgung
3.1.1. Kinderopfer in der Geschichte
3.2. Kinderopfer im Hexenglauben
3.2.2. Hexensalben aus Kinderleichen
3.3.1. Handlungen der Hexenhebammen
3.4.1. Fallstudie Pfarrer Gregor Agricola
4.2. Gründe für die Anschuldigung
4.3. Woher stammt das Gedankengut der Kinder?
4.5. Reaktionen der Öffentlichkeit
4.5.1. Kindermund tut (nicht immer) Wahrheit kund
5.1. Entstehung des Glaubens an Kinderhexen
5.2.1. Aussage einer Vierjährigen
5.2.2. Aussage der 10-jährigen Entgen Lenart
5.2.3. Aussage des 11 - 12-jährigen Peter von Rodenkirchen
5.2.4. Hexenprozesse gegen Kindergruppen
5.2.4.1. Der Zauberer-Jackl-Prozess
5.2.4.2. Hexenbubenprozess von Braunau
5.2.4.3. Kinderhexenprozesse in Freising
a) Folter und Todesstrafe bei Kindern
5.3. Reaktionen der Familienmitglieder
6. HEXENFAMILIE - FAMILIE IN HEXENPROZESSEN
6.2. Mütter als Lehrmeisterinnen
6.3. Reaktionen der Familienangehörigen
6.3.1. Rückhalt in der Familie
6.3.1.1. Fallbeispiel: Rebekka Lemp
6.3.2. Distanzierte Haltung der Familienmitglieder
6.4.1. Fallbeispiel: Familie Händl
6.5. Auswirkungen auf hinterbliebene Kinder
III. Anmerkungen (zu den angegebenen Internetadressen)
Hexen - wer kennt sie nicht? Schon als kleines Kind machen wir ihre Bekanntschaft in den diversen Märchen, allen voran in "Hänsel und Gretel" der Gebrüder Grimm. Hier begegnet uns die Hexe in Form einer alten, gebrechlichen und doch stets hämisch grinsenden Frau, meist mit Buckel, die obligatorische schwarze Katze auf der Schulter, langen knorrigen Fingern mit überlangen Fingernägeln, großer gebogener Nase, auf der sich zumeist auch noch eine Warze befindet, nur darauf wartend, die Kinder, welche aus Armut von den Eltern im Wald ausgesetzt wurden, endlich fressen zu können, und welche im Endeffekt selbst im Ofen landet. Auf den ersten Blick einfach nur ein Märchen, welches viele Klischees aufweist. Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, dass auch schon in diesen kurzen Beschreibungen Elemente enthalten sind, welche den Hexenwahn Ende des 15. Jahrhunderts entflammen ließen. So waren es ursprünglich in erster Linie alte Frauen, die ihm zum Opfer fielen. Auch sagte man Hexen nach, Kinder zu töten und zum Teil auf dem Hexensabbat als besondere Leckerbissen zu verspeisen, und nicht zuletzt wurden die Taten der Hexen dadurch bestraft, dass sie bei lebendigem Leibe verbrannt wurden. Auch die Armut, welche in diesem Märchen zwischen den Zeilen durchschimmert, war einer jener sozialen Hintergründe, welche den Hexenwahn unter anderem mitbeeinflussten.
Diese Arbeit widmet sich jedoch weniger den Hexen an sich, sondern untersucht vorrangig die Rolle von Kindern in den Hexenprozessen, welche keineswegs nur als die armen Opfer angesehen werden dürfen, deren Seelen schon bei der Geburt dem Teufel von den sogenannten Hexenhebammen geweiht wurden, welche in Heinrich Kramers "Hexenhammer" als die Schlimmsten unter ihnen angeprangert wurden. Hierauf soll unter anderem im dritten Kapitel eingegangen werden, wobei sich diese Arbeit, wie jene der meisten anderen Historiker auch, gegen die These von Heinsohn und Steiger wendet, derzufolge die Verfolgung der Hebammen vor allem eine politisch und ökonomisch motivierte Kampagne gegen die Geburtenkontrolle war. Neben den Hebammen soll in diesem Kapitel auch ein zweiter Berufsstand untersucht werden, welchem ebenfalls die Möglichkeit vorgeworfen wurde, schon kleinste Kinder dem Teufel zu weihen. Die Rede ist hier von den Geistlichen, welchen nachgesagt wurde, dass sie Kinder nicht im Namen Gottes, sondern im Namen des Teufels taufen würden. Es wird sich im Weiteren zeigen, dass nicht nur Hebammen und Geistliche der Kinderopfer wegen angeklagt wurden, sondern, dass sich Kinderopfer in vielen Aussagen finden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Kinderopfer neben der Teilnahme am Hexensabbat, Abfall von Gott, Schadenszauber, Teufelsbuhlschaft und Hexenflug zu den stetigen Anklagepunkten gehörten und sich in allen Ländern wieder finden. Man warf den Angeklagten vor, aus den Knochen der Kinder Salben zuzubereiten, welche es den Hexen ermöglichen sollten, zu ihren jeweiligen Treffen, dem Hexensabbat, zu fliegen, oder auch zu verhindern, dass Hexen, selbst unter der Folter, Geständnisse ablegten, da man den diversen Salben zuschrieb, Hexen schmerzunempfindlich zu machen.
Ab Ende des 16. Jahrhunderts begannen Kinder schließlich auch eine aktive Rolle in Hexenprozessen zu spielen, da sich Peter Binsfeld in seinem Werk "Tractatus de confessionibus maleficiorum et sagarum" zum ersten Mal mit der Frage beschäftigte, ob Kinder als rechtskräftige Zeugen vor Gericht aussagen durften und schließlich zu dem Ergebnis kam, dass es sich bei Hexenprozessen um ein "crimen exceptum", also um ein Ausnahmeverbrechen, handelte und daher auch Kinder als Zeugen vor Gericht zugelassen werden sollten. Man erhoffte sich von ihren Aussagen vor allem Informationen, welche man von Erwachsenen nicht erhalten würde. Binsfeld ahnte jedoch vermutlich kaum, welche Macht er damit in die Hände beziehungsweise vielmehr in den Mund der Kinder legte, wie das wohl berühmteste Beispiel, die Salemer Hexenprozesse, eindrucksvoll zeigt. Trotz entlastender Beweise für die angeklagten Frauen glaubte das Gericht in erster Linie den kreischenden und hysterischen Mädchen, welche in der Nähe angeblicher Hexen Krämpfe bekamen und sogar in Ohnmacht fielen. Interessant hierbei erscheint, dass Kinder nicht davor zurückschreckten, selbst eigene Familienmitglieder vor Gericht der Hexerei zu bezichtigen. Welche Rolle hierbei die einzelnen Familiensituationen und sozialen Verhältnisse spielten, soll in einem eigenen Kapitel, welches die sozialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zum Inhalt hat, untersucht werden und später in einem vierten Kapitel, in welchem die Rolle der Kinder als Ankläger behandelt wird, eingebunden werden. Viele Familien mussten laufend gegen den Hunger ankämpfen, weshalb Kinder schon früh gezwungen wurden für sich selbst zu sorgen. Viele Kinder waren Halbwaisen und lebten bei Stiefmüttern beziehungsweise -vätern. Die Erziehung war meist sehr streng, so dass zum Teil Rachemotive bei der Beschuldigung eine Rolle gespielt haben dürften.
Die letzte Station der Kinder in Hexenprozessen bildete ihre Rolle als Beschuldigte, welche im fünften Kapitel behandelt wird. Auffällig bei den so genannten Kinderhexenprozessen ist, dass es sich hierbei vor allem um Kinder der untersten sozialen Schicht, jene der Bettler, gehandelt hat. So war der österreichische Zauberer-Jackl-Prozess ein reiner Bettlerbuben-Prozess. Die kleinsten Kinder hatten noch eine geringe Chance mit dem Leben davon zu kommen, doch auch die Strafen und Folgen für sie waren für das heutige Verständnis mehr als grausam. So mussten sie beispielsweise zur Abschreckung und eigenen Läuterung der Hinrichtung von Familienmitgliedern oder Freunden beiwohnen, was sich wohl kaum positiv auf die Seele und den Charakter des Kindes ausgewirkt haben dürfte. Die Gründe, wie es zum Glauben an Kinderhexen kam, und die Reaktionen der betroffenen Eltern sollen hier ebenfalls behandelt werden.
Nicht selten kam es jedoch auch vor, dass ganze Familien wegen Hexerei hingerichtet wurden, denn wenn eine Frau als Hexe verurteilt wurde, ging man davon aus, dass sie die Hexenkunst ihren Nachkommen gelehrt hatte. Ein gutes Beispiel für die Hinrichtung einer ganzen Familie stellt der Fall der Familie Händl (Mutter - Vater - fünf Kinder) im Zusammenhang mit dem Zauberer-Jackl-Prozess dar. Zuerst wurden jene Kinder verhört, von denen man annahm, dass sie am leichtesten gestehen und damit ihre übrige Familie belasten würden. Durch diese Belastung hatten die anderen Mitglieder keine Chance mehr dem Tode zu entkommen, auch wenn sie sogar unter der Folter, wie im Falle des 16-jährigen Sohnes, lange Zeit auf ihrer Unschuld beharrten. Bis auf die zwei jüngsten Kinder wurden alle Mitglieder der Familie hingerichtet. Aus diesem Grund soll auch ein Blick auf so genannte Hexenfamilien geworfen werden. Des Weiteren soll untersucht werden, welches Schicksal Kinder zu erleiden hatten, deren Eltern und / oder Geschwister verbrannt wurden, sie selber jedoch am Leben blieben.
Die Aufteilung der vorgenannten Kapitel in Opfer - Ankläger - Beschuldigte ergibt sich durch die historische Entwicklung des Hexenwahns, da Kinder, wie bereits erwähnt, bis Ende des 16. Jahrhunderts ausschließlich eine passive Rolle spielten und ab dem 17. Jahrhundert auch aktiv am Prozessverlauf, entweder als Ankläger oder später auch als Beschuldigte, beteiligt waren. Diese Rollen werden in erster Linie anhand bereits vorliegender Quelleneditionen, insbesondere von Joseph Hansen[1], Eduard Hoffmann-Krayer[2], Wolfgang Behringer[3] sowie Jürgen Macha[4] dargestellt.
Hansens Quellen und Untersuchungen enthalten unter anderem Chroniken, diverse Gesetzestexte sowie zeitgenössische Literatur. Behringer übermittelt zusätzlich ein "Fragstuckh auf alle Articul, in welchen die Hexen vnd vnholden auf das allerbequemist möge Examinirt werden"[5] und stellt im Anschluss auch die "Responsoria" im Prozess gegen Barbara Kurzhalßin dar.[6] Weiters überliefert Behringer den bekannten und erschütternden Brief des Johannes Junius an seine Tochter Veronika[7] - um nur einige Auszüge zu nennen. Neben diesen Quelleneditionen wurden als Primärliteratur noch diverse Quellen aus dem Internet herangezogen. All diese Quellen wurden vor allem im Hinblick auf Kinder in Hexenprozessen durchgesehen. Anhand des gefilterten Materials, unterstützt durch einschlägige Sekundärliteratur, soll versucht werden, einen Überblick über die Rolle der Kinder in den Hexenprozessen zu geben.
Als Arbeitsthese liegt hierbei Evelyn Heinemanns psychoanalytische Studie "Hexen und Hexenangst" zugrunde, welche von der These ausgeht, dass zwischen Zeugen und Angeklagten stets Konflikte bestanden, "die zu heftigen Aggressionen führten, wobei die angeklagte Frau in der Regel benachteiligt und ungerecht behandelt worden war, so daß man deren Rache fürchtete. [...] Die Zeugenaussagen konzentrierten sich demzufolge auch darauf, der Angeklagten einen plausiblen Grund für die Rache nachzuweisen."[8] Die beschuldigte Person war selten eine Fremde, und man stand meist in irgendeiner persönlichen Beziehung zu ihr. Paradoxerweise ging man bei der Anklage meist davon aus, dass die Hexe einen berechtigten Groll hegte und nicht aus bloßer Rachsucht agierte, sondern vielmehr ein klares Unrecht ahndete. "Das Opfer interpretierte [nun] ein zufälliges Ereignis, wie das Einschlagen eines Blitzes, als von der Hexe erzeugten Schaden, weil er einen Schaden von der Hexe aufgrund seines eigenen, unmoralischen Verhaltens erwartete."[9] In Anlehnung an diese These soll in gegenständlicher Arbeit untersucht werden, ob dies auch für Anschuldigungen durch Kinder gilt beziehungsweise ob sie überhaupt verallgemeinert werden kann. Unter Erwachsenen scheint es plausibel, dass sich stets Gründe finden ließen, welche die genannte These bestätigen. Es ist jedoch fraglich, ob auch Kinder ihre Anschuldigungen aus Angst vor Sanktionen ihres eigenen unmoralischen Verhaltens vorbrachten.
In dieser Arbeit erfolgt keine zeitliche Einschränkung des Themas, da dies durch die historische Entwicklung der Rolle, welche Kinder in den Hexenprozessen spielten, nicht möglich wäre. Eine territoriale Einschränkung erfolgt lediglich auf die Hexenprozesse in Europa, da die nordamerikanischen Salemer Prozesse bereits gut aufgearbeitet sind.[10] Durch das ansonsten weite territoriale Gebiet soll versucht werden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Hexenprozessen beziehungsweise der Rolle der Kinder in den einzelnen Ländern aufzuzeigen.[11]
Besonderes Augenmerk soll bei der nachfolgenden Untersuchung auf anthropologische Aspekte gelegt werden, wofür sich Hexenprozesse in besonderer Weise eignen, da "individuelles und kollektives Unglück mit Hexereibeschuldigungen erklärt [wurde], indem man die 'verantwortlichen' menschlichen Akteure in der unmittelbaren Umgebung aufspürte und den geschädigten Parteien dadurch Wiedergutmachung zuteil werden ließ, daß man die Gemeinschaft von 'Hexen' reinigte, die gegen die Normen des Zusammenlebens verstießen."[12] Hierfür eignen sich in erster Linie die Verhörprotokolle, welche von Jürgen Macha und Wolfgang Herborn in hervorragender Weise bearbeitet wurden, da zwischen den Zeilen zum Teil die Verzweiflung sowohl der Beschuldigten als auch der Ankläger deutlich wird, denn anders wäre es wohl kaum zu erklären, dass eine Frau fordern könne, eine als Hexe Angeklagte, "welche solches gethan gottes vergessen, vnd ihro ge:/walt vnd vnrecht gethan, vnd wan sie ein solche Per:/sohn, were sie wehrt daß man sie mit gludigen Zan:/gen außer einander riße."[13] Durch diverse Fallbeispiele wird versucht, individuelles Schicksal aufzuzeigen, um damit das Verständnis für das Leid der Menschen jener Zeit zu verbessern.
Obwohl es mittlerweile also bereits mehrere Quelleneditionen gibt und die Erforschung des Phänomens der Hexenverfolgung auf eine lange Tradition zurückweisen kann - schon die Dämonologen versuchten in ihren Traktaten beziehungsweise Flugschriften auf historische Vorläufer zurückzugreifen - "waren die Historiker geneigt, diese 'bedauerliche Verirrung des menschlichen Geistes' als eine Erscheinung an der Peripherie der historischen Entwicklung zu betrachten, als eine Fußnote der Geschichte."[14] So waren es in erster Linie Theologen, Juristen, Mediziner, Soziologen sowie Ethnologen, die sich mit diesem Thema beschäftigten. Die ältere deutsche Hexenforschung ging dabei von der Annahme aus, "daß sich Hexenprozesse und -verfolgungen wie in einem breiten Strom seit dem Spätmittelalter bis zum Beginn der Aufklärung dahinzogen."[15] Außerdem erfolgte die Darstellung der Hexenprozesse meist nur im Rahmen der Heimatforschung. Zu den Vertretern der älteren deutschen Hexenforschung zählen unter anderem Sigmund von Riezler[16], Joseph Hansen[17] sowie Soldan-Heppe[18], deren Arbeiten noch heute als Standardwerke angesehen werden.
Seit den 1960er Jahren begann die Erforschung der Geschichte der Hexenverfolgung immer mehr ins Zentrum der Historiographie zu rücken, so dass man nicht nur von einem Paradigmenwechsel, sondern auch von einem eigenen Forschungszweig sprechen kann. Viele Anstöße kamen hierbei aus England, Amerika und Frankreich. So erscheint es auch nicht zufällig, dass gerade die Arbeit des US-Amerikaners Midelfort, "Witchhunting in Southwestern Germany"[19], als grundlegend angesehen werden kann, in welcher nunmehr im Gegensatz zur älteren Forschung, die sich vor allem auf die Herrscher beziehungsweise die Beamtenschaft konzentrierte, die von den Verfahren betroffenen Menschen in den Blickpunkt der Forschung gerückt wurden. Die neuere Forschung erkannte weiters, dass die Hexenprozesse großen örtlichen und zeitlichen Schwankungen unterworfen waren. Die internationale Hexenforschung ist sich heute weitgehend darüber einig, dass der Höhepunkt der Hexenverfolgung in Europa auf die Zeit zwischen 1560 und 1630 anzusetzen ist. Nichtsdestotrotz muss jedoch auch festgehalten werden, dass Hexen nicht nur ein Phänomen der Neuzeit sind, sondern dass es sie bereits in der Antike gegeben hat. Eines der neuesten Bücher, welches dies am deutlichsten veranschaulicht, ist jenes im November 2002 erschiene Werk von Daniel Odgen "Magic, witchcraft, and ghosts in Greek and Roman worlds - a sourcebook"[20], in welchem er 300 Texte in neuer Übersetzung ediert und diese "with brief but explicit commentaries"[21] versieht. Dieses Werk enthält nicht nur Texte von Sophokles, Herodot, Platon, Aristoteles, Vergil und Plinius, sondern auch jene weniger bekannter Autoren.
Einen deutlichen Aufschwung erlebte die Hexenforschung in den 1970er Jahren durch interdisziplinäre Arbeiten. Vor allem die Feldforschung der Sozialanthropologen, welche Zauberei und magische Elemente in so genannten primitiven Gesellschaften untersuchten, brachten entscheidende Erkenntnisse. Als einer der wichtigsten Vertreter dieser neuen Richtung ist sicherlich Edgar E. Evans-Pritchard zu nennen, der eine Historisierung der Sozialanthropologie anstrebte und dadurch die Beobachtung vertiefte, "daß besonders in Zeiten sozialer Umwälzungen die Angst vor Zauberei stieg."[22] Zu diesem Ergebnis kam er durch die Analyse der sozialen Funktion von Zaubereivorstellungen innerhalb einer afrikanischen Gesellschaft.[23]
Einen weiteren Meilenstein in der Forschungsgeschichte legte schließlich 1977 Gerhard Schormann, denn "erst seine Forschungen brachten in Umrissen eine Antwort auf die Frage, wann es wo wie viele Prozesse gegeben hat."[24] Weitere Anstöße kamen auch von der Frauenbewegung, von der besonders die Opferrolle der Frauen hervorgehoben wurde. Für die neueste Forschung soll auch auf eine Einrichtung im Internet - das "Forum Hexenforschung"[25] am Server Frühe Neuzeit der Universität München - hingewiesen werden. Neben einer Mailingliste zum wissenschaftlichen Informationsaustausch werden hier Rezensionen der neuesten Literatur veröffentlicht sowie auf entsprechende Veranstaltungen hingewiesen. Die Rubrik E-Texte dient der (Zweit-)Publikation wichtiger Texte der Hexenforschung, welche hier kostenlos abrufbar sind. Das Forum Hexenforschung kooperiert mit dem Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung und stellt damit für jeden, der sich mit diesem Thema beschäftigt ein wichtiges und wertvolles Informationsmittel dar.
Selbstverständlich war auch die österreichische Forschung von den genannten Entwicklungen betroffen, und so legten 1987 vor allem Helfried Valentinitsch[26] und Heide Dienst[27] grundlegende Arbeiten für Österreich vor. Ein weiteres Werk, welches sich mit der Hexenverfolgung in Österreich beschäftigt, stammt von Manfred Tschaikner aus dem Jahre 1992.[28] Als ältere Vertreter der österreichischen Forschung sind Fritz Byloff[29] und Alfred Seebacher-Mesaritsch[30] zu nennen. Zu Letztgenanntem ist zu sagen, dass Seebacher-Mesaritsch kein Historiker war und obwohl er sich "bei der Darstellung der Fakten streng an das Quellenmaterial hielt, erhebt er mit Rücksicht auf literarische Konzessionen, die er der leichteren Lesbarkeit halber einräumen mußte, keinen Anspruch darauf, daß dieser Report als eine die Wissenschaft fördernde Arbeit angesehen werde."[31] Diese "literarischen Konzessionen" bedingen, dass sich der Text zum Teil wie ein Roman liest. Da jedoch auch die verwendeten Quellen wörtlich und der damaligen Schreibung entsprechend wiedergegeben werden, sollte dieses Buch von der Wissenschaft dennoch nicht voreilig abgelehnt werden. Die meisten übrigen Werke, welche sich ebenfalls auf Österreich beziehen, stellen in erster Linie akademische Arbeiten dar und liegen unter anderem von Ulrike Schönleitner[32], Heinz Nagl[33], Sieglinde Gosler[34] und Gerhard Sarman[35] vor. Die letztgenannte Arbeit ist vor allem auch deswegen von Bedeutung, da Sarman in einem zweiten Teil der Arbeit bisher unbekannte Archivalien zum letzten Todesurteil in einem Kärntner Hexenprozess ediert.
Inzwischen ist die Zahl an Monographien sowie die Anzahl entsprechender Aufsätze zur Hexenforschung kaum mehr überschaubar, so dass es mittlerweile schon eine ganze Reihe von Aufsätzen und Sammelrezensionen gibt, welche die Entwicklungsstufen des Forschungszweiges anzeigen. Als einer der ersten erstellte Erik Midelfort 1968 einen Forschungsüberblick und gab damit sozusagen den programmatischen Startschuss, die internationale Literatur zu sichten und einen Forschungszusammenhang herzustellen.[36] Im Jahre 1989 erstellte Wolfgang Behringer einen weiteren Forschungsüberblick[37], in welchem er noch eine ganze Reihe weiterer Sammelrezensionen[38] anführt.
Trotz dieser gewaltigen Flut an Literatur, blieb ein Thema bisher mehr oder weniger von der Forschung ausgespart: Die Rolle der Kinder in den Hexenprozessen. Wurden Kinder in der einschlägigen Literatur überhaupt erwähnt, so spielten sie nur eine periphere Rolle, und kaum jemand interessierte sich für ihr Schicksal. Einzige Ausnahme bildet das Werk von Johann Diefenbach[39], welcher schon 1886 auf die Kinderhexen in Werthheim beziehungsweise Bettingen unter der Überschrift "Die 'inficirte Jugend'" verhältnismäßig ausführlich (Seite 20 - 52) einging. Er erkannte schon früh, dass "wenn ein Vogel, oder eine Gemse im Hochgebirge zur Winterzeit eine Handvoll Schnee ins Rollen bringt, so kann daraus eine Lawine entstehen, welche Thäler verschüttet und zahllose Hütten mit ihren Insassen begräbt" auch "die Aussagen zweier Kinder eine lawinenartige Wirkung hatten, so daß sie zahllose Menschen ins Verderben stürzten."[40] Neben diesem frühen Werk existieren zwei Berichte in Heimatblättern aus den Jahren 1933[41] beziehungsweise 1950[42], welche ebenfalls das Problem der Kinder in Hexenprozessen behandeln. Danach klafft jedoch eine Lücke von rund 40 Jahren, in welcher die Kinderhexen scheinbar in Vergessenheit gerieten, oder von der Forschung nicht beachtet wurden.
Erst Ende der 1980er beziehungsweise in den 1990er Jahren begannen sich einige Forscher auch diesem Thema zu widmen. So wies beispielsweise Wolfgang Behringer 1989 als einer der ersten darauf hin, dass die größte Hexenverfolgung im nordamerikanischen Salem ein reiner Kinderprozess war und betonte damit die entscheidende Rolle, welche Kindern in den Hexenprozessen zukam. Im Gegensatz zu den übrigen Kinderhexenprozessen sind die Salemer Prozesse bereits relativ gut erforscht, so dass schon Gunther Franz bemerkte, "daß es eine große Aufgabe ist, die zahlreichen deutschen Akten wenigstens teilweise zu edieren und sorgfältig zu analysieren", vor allem "wenn man bedenkt, welches Interesse die vom Umfang her begrenzten Prozeßakten von Salem, Massachusetts, in der Geschichtsforschung, Literatur und öffentlichen Meinung gefunden haben."[43] Einige dieser Prozessakten wurden unter anderem von Paul Boyer und Stephen Nissenbaum[44] ediert. Die Behauptung von Gunther Franz lässt sich auch anhand der diversen Fußnoten der einzelnen Aufsätze in Winfried Hergets Werk "Die Salemer Hexenverfolgung"[45] verifizieren. Da in diesem Werk die Hexenprozesse nicht nur per se, sondern auch, wie beispielsweise von Roger Thompson[46] der politische, wirtschaftliche und soziale Kontext oder von Heike Hartrath die Salmer Hexenverfolgung in der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts[47] behandelt werden, gewinnt man einen guten Überblick, welch große Rezeption diese Prozesse nicht nur in der Geschichtsforschung, sondern auch in der Literatur gefunden haben. Eines der neuesten Werke zu den Salemer Prozessen stammt nun von Mirja Leibnitz, in welchem sie die unterschiedlichen Diskurse in den "Salem Witchcraft" untersucht.[48]
Eine solche Aufarbeitung steht für Kinderhexenprozesse in den europäischen Ländern bislang noch aus. Seit den 1990er Jahren begannen sich in Deutschland vor allem Hartwig Weber[49], Rainer Walz[50] und Hans Sebald[51] diesem Thema zu widmen. In Österreich waren im so genannten Zauberer-Jackl-Prozess, der bisher jedoch ausschließlich von Heinz Nagl in seiner Dissertation[52] entsprechend aufgearbeitet wurde, viele Kinder verwickelt. In Deutschland arbeitet nunmehr Claudia Jarzebowski[53] vom Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichte an der Freien Universität Berlin an der Erforschung von Kinderhexenprozessen. Ihrer Meinung nach ist es erstaunlich, dass die Bearbeitung dieses Themas bisher eher ausgespart wurde, da "die Forschung zur Kindheit in jüngerer Zeit einen Paradigmenwechsel vollzogen"[54] und gerade aus der Hexenforschung viele Erkenntnisse über Kindheit in der Frühen Neuzeit gewonnen werden könnten.
Wie gezeigt wurde, spielen Kinder in der Hexenforschung also nach wie vor eine eher unterrepräsentative Rolle, weshalb durch die nachfolgenden Betrachtungen und Analysen in dieser Arbeit ein kleiner Beitrag dazu geleistet werden soll, die Lücke, welche Kinder in der Hexenforschung nach wie vor bilden, zu schließen und gleichzeitig ein Bild von der Situation der Kinder in diesem Bereich zu vermitteln.
2. HEXENWAHN - SOZIALE UND GESELLSCHAFTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN
Mein Kind, gehorche der Zucht deines Vaters,
und verlass nicht das Gebot deiner Mutter.
(Sprüche Salomon 1,8)
2.1. Kindheit in der frühen Neuzeit
Bevor nun auf die Rolle der Kinder in den Hexenprozessen näher eingegangen wird, sollen einige allgemeine Rahmenbedingungen der Kindheit in der frühen Neuzeit geklärt werden. Hierbei ergibt sich jedoch das Problem, dass es für Kindheit in der frühen Neuzeit keinen einheitlichen Begriff und keine klare Auffassung gab. "Eine nach Jahren festgelegte Lebensspanne Kindheit gab es nicht. Ausschlaggebend war, daß Kinder noch nicht voll in einen Arbeitsprozeß integriert waren und als voll verantwortlich - in der Kirche oder vor Gericht - galten. [...] Eine klar gezogene Grenze zum Lebensabschnitt der Jugend kannte man in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit ebenfalls nicht. Das Ende der Lebensspanne Kindheit war folglich nicht punktuell auf ein bestimmtes Alter terminiert. Zudem kommt, daß bis ins 17. Jahrhundert hinein viele Menschen ihr Alter nur ungefähr kannten, so daß häufig das äußere Erscheinungsbild den Ausschlag gab, ob jemand als Kind oder Erwachsener angesehen wurde."[55] Philippe Ariès[56] kommt daher auch zu seiner Kernthese, dass ein Kind früher nichts anderes als ein kleiner Erwachsener war. Seiner Ansicht nach war "die Dauer der Kindheit [...] auf das zarteste Kindesalter beschränkt, d. h. auf die Periode, wo das kleine Wesen nicht ohne fremde Hilfe auskommen kann; das Kind wurde also, kaum daß es sich physisch zurechtfinden konnte, übergangslos zu den Erwachsenen gezählt, es teilte ihre Arbeit und ihre Spiele."[57]
Mittlerweile wird diese These bereits kritisiert, da erwiesen wurde, dass Kinder, zumindest in einem bestimmten Ausmaß, auch in dieser Zeit bereits als Kinder angesehen wurden, wie nicht zuletzt das - aus der späteren Neuzeit - recht zahlreich überlieferte Kinderspielzeug zeigt. Für den Psychohistoriker Lloyd de Mause[58] - er kann neben Philippe Ariès wohl als zweiter Klassiker der Geschichte der Kindheit angesehen werden - war Kindheit in der Neuzeit schlichtweg ein Alptraum. Er meinte: "Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und sexuell mißbraucht werden."[59] Auch diese These gilt heute als überholt, da erwiesen wurde, dass Kinder bei aller Zucht und Strenge in der Erziehung geliebt wurden und man um ihr Wohlergehen besorgt war.[60]
Wie erfolgte nun die Erziehung der Kinder? Selbstverständlich lassen sich hierüber keine generellen Aussagen treffen, da Erziehung, damals wie heute, nicht nur von Stand zu Stand, sondern auch von Familie zu Familie unterschiedlich verlief. "Sicherlich hing die Form der persönlichen Beziehungen entscheidend ab vom sozialen Status der Familie, von der Art des Arbeitszusammenhanges, in dem eine Familie stand, und nicht zuletzt auch von der Kinderzahl. Je kleiner die Zahl der Kinder war, um so mehr konnten sich die Eltern dem einzelnen Kinde widmen."[61] Außerdem wird auch jedes Kind seine Erziehung anders empfunden haben, so dass es sowohl in reichen als auch in armen Familien entweder eine glückliche oder eine unglückliche Kindheit gegeben haben wird. Bezugsperson für das Kind war, zumindest in den ärmeren Familien, in erster Linie die Mutter, jedoch konnten dies auch ebenso gut eine Amme, eine Magd, ein Knecht oder die im Haus lebenden Großeltern sein.[62] Vor allem bei wohlhabenderen Familien war das Ammenwesen weit verbreitet, wobei sich das Ammenwesen in der Neuzeit jedoch deutlich von jenem früherer Jahrhunderte unterschied. "Ammen gab es zu allen Zeiten, aber nur in den herrschenden Schichten, und dort wurden die Ammen üblicherweise ins Haus geholt, sie waren daher eher Kindermädchen und begleiteten den Schützling die ganze Kindheit über. Die Ammen vorhergehender Zeiten waren so ein guter Ersatz für die physiologische Mutter. Dies entspricht aber nicht mehr der neuen Praxis des Ammenwesens in der frühen Neuzeit"[63], meint Evelyn Heinemann, welche das Ammenwesen stark anprangert, da ihrer Meinung nach je nach Jahreszeit 5 - 15 % der Säuglinge auf der Reise starben.
Mal kommt es vor, daß eine Vermittlerin sechs Kinder auf einem kleinen Wägelchen mitnimmt, einschläft und nicht bemerkt, daß ein Baby herunterfällt und, von einem Rad überrollt, stirbt. Mal werden einem Gespannführer sieben Säuglinge anvertraut, von denen er einen verliert, ohne daß man in Erfahrung hätte bringen können, was aus ihm geworden ist. Ein andermal werden drei Neugeborene einer alten Frau anvertraut, die angibt, nicht zu wissen, zu wem sie sie bringen soll.[64]
Auch wenn dies ein sehr extremes Beispiel ist, so wurde das Ammenwesen durchaus auch schon zu damaliger Zeit vehement kritisiert, und Moralisten gaben zu bedenken, dass selbst Tiere ihre Jungen selbst ernähren. Außerdem sei es gefährlich "ein kleines Kind, das noch 'unfertig' sei, durch 'käufliche Milch' zu ernähren; und da anerkanntermaßen' die Natur durch die Nahrung geht', könne womöglich die Identität des Kindes durch eine solche 'Übertragung', die gleichermaßen Körper und Geist berühre, Schaden nehmen."[65]
Generell war die Kindersterblichkeit in der Neuzeit noch sehr hoch. So starben beispielsweise in Oppenheim "von den zwischen 1721 - 1780 geborenen Kindern 49 % vor dem zehnten Lebensjahr, 23,2 % lebten weniger als ein Jahr."[66] Die Überlebenschancen der Kinder waren in erster Linie von den Lebensumständen der Eltern, aber auch vom Zeitpunkt der Geburt (Sommer oder Winter), ihrer Stellung in der Geschwisterreihe und nicht zuletzt von der damals üblichen Wickeltechnik abhängig.
Zunächst zog man dem Säugling ein grobes Hemdchen an, das sich mehrfach kräuselte oder faltete. Darüber schlug man eine Windel, preßte die Arme gegen die Brust und zog unter den Achseln ein Band durch, das Arme und Beine blockierte. Daraufhin wurden Wäsche und Bänder zwischen den Schenkeln zusammengefaltet, und das ganze wurde von den Füßen bis zum Hals so straff wie möglich von einem rundum laufenden Band zusammengeschnürt. Die Säuglinge hatten häufig rote Furchen, Druckstellen und, da sich Urin und Kot nicht vom Körper entfernen konnten, Wundstellen und skofulöse Bläschen.[67]
Dies bedeutet jedoch nicht, dass man sich nicht um das Wohl der Kinder kümmerte. Ganz im Gegenteil, man unternahm in der Regel alles Erdenkliche, um das Leben des Kindes zu erhalten und scheute weder das Geld für einen Arzt noch für eine Wallfahrt. Selbst Wahrsager wurden konsultiert, um das Kind zu heilen. So heißt es beispielsweise auch in einer Anklageschrift: "Es seien nämlich die Eltern des erkrankten Kindes, nachdem sie an underschiedlichen ortern Rath und Mittel gesucht hätten, entlich zu einem Wahrsageren komen/ welcher deutlich für geben/ solches Magtlein also durch Hexen Konst also verzauberet und gequelet sey worden, worauf dann der selbe Wahrsager dem Vater Rath [...] gegeben habe."[68] So berichten auch Ariès und Duby von einem Krankheitsfall in der Familie Scevole de Sainte-Marthe folgendes:
Die tüchtigsten Ärzte wurden an das Krankenbett gerufen, 'aber ihre Bemühungen waren nutzlos; sie gaben die Hoffnung auf seine Heilung auf'. Scevole zählte zu den Menschen, die sich bereits damals nicht mehr mit dem Tod eines kranken Kindes abfinden wollten. 'Da er ein sehr guter Vater und sehr gelehrt war', nahm er die Herausforderung an, trat an die Stelle der Quacksalber, die versagt hatten, und 'machte sich selbst daran, ihn zu heilen. Deshalb forschte er mit großem Eifer nach den ausgefallensten und gelehrtesten Dingen, die Natur und Konstitution von Kindern betrafen. Mit seinem lebhaften, klugen Geist gelang es ihm sogar, in die verborgensten Geheimnisse der Natur einzudringen, und er bediente sich seiner Kenntnisse so vortrefflich, daß er sein Kind dem Tod aus den Armen riß.'[69]
Trotz dieser scheinbar aufopfernd liebevollen Eltern-Kind-Beziehung war die Erziehung der Kinder auch von Zucht und Strenge geprägt. Sobald die Kinder sprechen und laufen gelernt hatten, wurde von ihnen erwartet, sich nach und nach der Hausordnung anzupassen und kleinere Aufgaben zu übernehmen. So mussten sie beispielsweise Vieh, vor allem Gänse und Schweine hüten, im Garten die Blumen gießen, jäten, Raupen vom Kohl lesen oder - vor allem als Mädchen - der Mutter bei der Zubereitung des Essens und den sonstigen Hausarbeiten helfen. Teilweise wurde auch die Mithilfe im väterlichen Betrieb erwartet und so "mußten Mutter und Kinder Papier streichen, daß ihnen die Fingerlein bluteten. [...] Das Schwesterchen [...] mußte fünfjährig schon spinnen"[70]. Dass den Kindern solche Arbeiten meist wenig gefielen, zeigt sich an der Reaktion dieses Schwesterchens. "Als sie einst von einem Reichstag hörte, den der Kaiser ausgeschrieben, und vernahm, daß dort Gesetze beschlossen würden, seufzte sie an ihrem Rocken: 'Ach du lieber Gott, wenn sie doch auch ernstlich verordnen möchten, daß so kleine Mädchen nicht spinnen dürfen.'"[71] In jungen Jahren war die Tätigkeit von Mädchen und Jungen dieselbe. Während jedoch die Tätigkeit in einem bäuerlichen Haushalt recht vielfältig war, "galt die Arbeit der Kinder der Landarmen als stumpfsinnig. Sie wurden vor allem zu den Nebenerwerbstätigkeiten wie etwa Textilarbeiten herangezogen. Es handelte sich zwar auch nur um leichte Arbeiten, aber die Kinder mußten oft den ganzen Tag bei der Arbeit in einem dunklen Raum sitzen. War die vorgeschriebene Arbeit der Kinder auf dem Lande getan, so waren sie die übrige Zeit weitgehend sich selbst überlassen und konnten ihre eigenen Spiele treiben, was für die Sozialisation ebenso bedeutsam war."[72]
Solange es die Temperatur und Witterung erlaubte, spielten Kinder im Freien, wie auch das berühmte Kinderspielbild von Pieter Breughel (der Ältere). zeigt, welches in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien hängt.
Dieses Bild ist vor allem wegen seiner Detailgenauigkeit von Bedeutung. Im Vordergrund sieht man beispielsweise Kinder beim Reifendrehen. Jedoch gab es noch eine Menge anderer beliebter Spiele im Freien - unter anderem das Spiel mit den Murmeln, Ball spielen, Kreisel drehen oder kegeln. "Man haschte, schaukelte, spielte Blindekuh, machte Seifenblasen, lief auf Stelzen, spielte Verstecken, sprang Bock, tanzte Reihen, spielte die goldene und die faule Brücke, führte das Schelmspiel auf, bei dem ein Teil Diebe, der andere die Häscher darstellte, spielte 'Gerad und Ungerad', Platzwechseln, 'Schneider leih mir deine Scheer', 'Herr König, ich diente gern', 'Lachen verhalten' oder 'Gramüseli machen', Knöcheln, Fingerziehen, Hakeln usw."[73] Beliebtestes Spielzeug der Knaben im Freien war jedoch sicherlich das Steckenpferd.
Das Spielen der Kinder außerhalb des Hauses bedeutete für sie auch eine gewisse Loslösung aus der Herrschaft des Vaters, welcher als Hausherr die Gewalt über alle Hausbewohner besaß und vor allem von den Kindern strikten Gehorsam forderte, welcher oftmals auch mit Gewalt erzwungen wurde. Welchen Stellenwert eine Erziehung mittels Rute innehatte, zeigt am besten der folgende Ausspruch:
"Wer seinem Kind der Ruthen spart,
Der haßt sein Suhn nach Feindes Art."[74]
Oder auch:
"Wer sein Kind liebt, der hält es stets unter der Rute,
daß er hernach Freude an ihm erlebe
und nicht an den Türen der Nachbarn anklopfen müsse."[75]
Trotz aller Strenge forderte Martin Luther jedoch auch, sich vor Übertreibungen zu hüten, denn "es sei schlimm, wenn die Kinder den Eltern wegen zu harter Strafen entfremdet würden. Die Liebe und das kindliche Vertrauen müssen bleiben und die Kinder merken, daß die Strafe nicht gern vollzogen wurde, sondern nur zu ihrem Besten."[76]
Die elterliche Erziehung mit der Rute setzte sich auch unter den Lehrern in den Schulen fort, so dass Andreas Reyher in seiner 1642 veröffentlichten Gothaer Schulordnung[77] unter anderem folgendes schrieb:
(36) Was die Disciplin oder Zuechtigung der Kinder anlanget sollen die Praeceptoren nicht sturmisch seyn noch die Kinder übel anfahren, viel weniger immer zuschlagen. Denn wenn die Kinder also nur in tyrannischer Furcht und Schrecken stets oder je offt und viel sitzen muessen so koennen sie nicht allein nicht halb so fleißig auf die Lection achtung geben und geht mit ihrem lernen desto laengsamer von statten; Sondern sie werden auch dem Schulmeister gram und verlieren allen Lust zum lernen.
(37) Darumb sollen die Schulmeister mit ihren Schul-Kindern freundlich und Väterlich umbgehen auch wenn sie eines oder das andre umb seines Verbrechens wille straffen muessen es dennoch also machen, daß die Kinder eine Väterliche Lieb und Treu gegen sich mitten in der Straffe spuehren und mercken koennen.
(38) Sonderlich aber sol allen Schulmeistern mit Ernst verboten seyn, daß sie die Kinder umb des willen nicht schlagen, wenn sie ein Ding noch nicht können, sondern allein, wenn sie es nicht lernen wollen, oder sonst ungehorsamb und muthwillig seyn oder nicht still sitzen wollen, noch auff die Lection acht geben oder fuersetziglich aus der Schule bleiben oder sonst auff der Gassen oder in der Kirchen Bueberey anrichten ...[78]
Trotz dieser Anweisungen für die Lehrer darf jedoch nicht geschlossen werden, dass alle Kinder regelmäßig die Schule besuchten, denn bekanntlich war der Schulbesuch lange Zeit freiwillig, und es stand jedem frei, sein Kind in die Schule zu schicken und es mehr oder weniger lernen zu lassen. Hinzu kommt, dass vor allem Kinder der ländlichen Bevölkerung schwer abkömmlich waren und die Notwendigkeit von lesen, schreiben und rechnen nicht immer einsichtig war. Auch gab es bis zum 18. Jahrhundert kein einheitliches Schulsystem, und es existierten weder klare Lehrpläne noch definierte Lehrstoffe. "Auch an eigens ausgebildeten Lehrkräften fehlte es: der Volksschullehrer entsteht als 'Stand' erst zu Ende des 18. Jahrhunderts; eine Schule zu unterhalten, war oft Nebenbeschäftigung von Handwerkern oder Pfarrern oder ihren Frauen, in deren Räumen sie dann auch oft stattfand." Wenn nun Kinder die Schule besuchten, so hieß dies noch lange nicht, dass alle Schüler anschließend tatsächlich lesen, schreiben und rechnen konnten, denn dies hing wesentlich auch davon ab, wie stark die Eltern den Schulbesuch unterstützten. "Des weiteren konzentrierte sich der Unterricht vor allem auf das Erlernen des Katechismus. Insgesamt stand die Wissensvermittlung nicht unbedingt im Vordergrund: Ziel der Schule war einerseits die Disziplinierung der Schüler, andererseits ihre Erziehung zu christlichen Untertanen."[80] Welch große Rolle die Religion im Unterricht spielte, zeigt sich nicht zuletzt auch an den, von der Schule aus geleiteten, gottesdienstlichen Verpflichtungen der Schüler:
An den Sonn-, Fest-, Feier- und Bußtagen fanden sich, wenn es zum erstenmal zur Haupt- und dann wieder zur Abendpredigt läutete, die Schüler und ihre Lehrer in der Schule ein ('die in winterzeiten zuvor soll eingeheizt werden'). Zuerst wurden die Abwesenden 'fleißig notirt'. Dann trug der Lehrer den Kindern den Predigttext vor. Wenn man 'zusammen leüttete', wurden die Schüler zur Kirche geführt. Die Lehrer sollten die Kinder zuvor zur Anhörung der Predigt ernstlich ermahnen. Mittels 'gleichbaldiger Schläge' (die freilich nicht die andächtige Gemeinde beirren durften) versuchten nun die Präzeptoren zu verhindern, daß die Schüler schwätzten, aßen oder anderen Mutwillen trieben. Nach dem Gottesdienst führte man die Kinder - wieder in der vorigen guten Ordnung - aus der Kirche zurück in die Schule, wo sie alsbald fleißig aus der Predigt examiniert und erneut in Gottes Wort getreulich informiert wurden. 'Die so nichts auss der Predig behaltten, oder sich in derselben ohngepürlich bezeiget, sollen sampt den absentibus [Abwesenden] Montags darauf der gepühr nach ernstlich gezüchtigt vnd abgestrafft werden.'[81]
Auch sollten, nach dem so genannten "Seelenführer" "die Eltern ihre Kinder in christlicher Zucht und Ehren ziehen, das elterliche Haus sollte für die zarten Kindlein die erste Schule und die erste Kirche sein."[82] Außerdem sollte sich der Hausvater nach der Predigt zu Hause mit Frau und Kindern zusammensetzen, um über die Predigt zu sprechen. Er "verhörte sie, was sie in der Predigt gemerkt hätten, und erzählte, was er gemerkt hätte. Er verhörte ihnen auch die zehn Gebote, die sieben Todsünden, das Paternoster und den Glauben."[83] Richard van Dülmen hingegen bezweifelt eine ausgeprägte religiöse Erziehung in den Familien und schreibt: "Wenn wir den zahlreichen Klagen Glauben schenken können, so vermißten viele Geistliche einen christlichen Geist sowohl im Elternhaus wie in der Schule, waren oft erschrocken, wie fern vom religiösen Glauben, besonders in welcher Unkenntnis seiner Lehre, viele Familien lebten."[84] In den meisten Fällen wird sich die religiöse Erziehung wohl in einem Mittelfeld bewegt haben, denn das Tischgebet sowie das Morgen- und Abendgebet waren in allen Familien für die religiöse Sozialisation der Kinder von Bedeutung. Um einer eventuellen mangelhaften religiösen Erziehung in der Familie Abhilfe zu schaffen, wurden eigene Kinderlehren eingerichtet und schloss sich an den Hauptgottesdienst ein eigenes Kinderexamen an. "Das Kinderexamen wurde von zweien der vier Geistlichen aus der Stadt und von zwei Präzeptoren der lateinischen sowie den beiden Schulmeistern der deutschen Schule abgehalten. Der personelle Aufwand macht deutlich, welch große Bedeutung man diesem Unternehmen beimaß."[85]
Selbstverständlich war auch die nun geschilderte Kindheit nicht für alle Stände gleich, denn adelige Kinder erlebten eine vollkommen andere Kindheit, wobei sich sicherlich die Frage stellt, ob diese unbedingt glücklicher gewesen ist. - Da adelige Kinder in den Hexenprozessen jedoch so gut wie keine Rolle spielten, soll auf ihre Kindheit hier nicht weiter eingegangen werden. - Eine sicherlich andere Kindheit erlebten auch Kinder von Bettlern beziehungsweise Kinder, deren Eltern früh verstorben waren und die sich selbst durch Betteleien am Leben erhalten mussten.
Bettler und Bettlerinnen gab es schon immer und wird es vermutlich auch immer geben, nur änderte sich ihr gesellschaftliches Ansehen in den vergangenen Jahrhunderten grundsätzlich, denn "im Mittelalter war das Betteln ein allgemein anerkannter und kaum in Frage gestellter Broterwerb für die Armen. Bettlerinnen und Bettler wurden allgemein toleriert. Die Armen hatten ein religiös motiviertes Recht auf Hilfe und die Reichen eine Pflicht zur Hilfeleistung. Die traditionelle mittelalterliche Almosenvergabe erwartete vom Empfänger der Almosen als Gegenleistung lediglich die Fürbitte für das Seelenheil des Spenders."[86] Dies änderte sich jedoch in der Neuzeit, als Bettler zunehmend mit negativen Begriffen wie zum Beispiel "Müßiggängern" etc. assoziiert beziehungsweise mit dem Bösen generell in Verbindung gebracht wurden. "Die Bevölkerung verband die Ausbreitung von Krankheiten oft mit den Bettlern [...] und reagierte darauf mit Angst vor Ansteckung und Ablehnung der Bettler, bis hin zu Vertreibungen."[87] Um das Anwachsen der "Bettlerheere" zu unterbinden, wurden gesetzliche und polizeiliche Maßnahmen erlassen, das Bettelzeichen eingeführt und jede Gemeinde verpflichtet, selbst für ihre Armen zu sorgen. "Die einheimischen Bedürftigen, die betteln wollten, mussten sich zunächst kirchspielweise (in ihren Pfarrgemeinden) erfassen lassen und sich dann einer Bedürftigkeitsprüfung unterziehen."[88]
Doch was waren die Ursachen der Armut in der Neuzeit? Diese lassen sich in die Ursachen der Armut Einzelner, zu denen unter anderem Krankheit, Alter, Tod der Eltern beziehungsweise des Ehepartners, Verlust der Arbeit und diverse Unglücksfälle zählen, sowie in die Armut Vieler, zu denen Kriege, Seuchen und Hungersnöte gezählt werden können, unterteilen. Verstärkend wirkte, dass die Preise für Nahrungsmittel in der Zeit vom 16. bis zum 17. Jahrhundert um das Dreifache erhöht wurden, während die Löhne in den Städten in der selben Zeit um 50 % zurückgingen.[89] Diese Teuerungen spiegeln sich auch in einem Kölner Schreiben vom 5. März 1586 wieder, in welchem es heißt:
Das getraid oppressiert uns am maisten, gilt der Roggen fl. 8 ½ in fl. 9 das Viertel, Und wird das Brot bei den Beckhen auf 1 ½ das Pfund gebacken. Die armen leuth ligen auf der gassen und sonst für der leuth thuer mit Betlen, das einer sein haus thuer schier nit dorff öffnen, strackhs erfinden sich 3 oder 4 der armen leuth dorfür Und bitten so kleglichen, das es einen stain erbarmen mag.[90]
Hinzu kamen klimatisch bedingte Missernten, deren Folgewirkung ein verringerter Bedarf an Arbeitskräften war, so dass das Gesinde bei Missernten mit Entlassung rechnen musste, womit sich der Teufelskreis zu schließen begann. Die verringerten Ernteerträge hatten auch eine qualitative Verschlechterung der Nahrung zur Folge, was zusammen mit schlechten Wohnverhältnissen, sofern diese überhaupt vorhanden waren, und fehlender Hygiene zu einem Nährboden für Krankheiten und Seuchen wurde, denen viele Menschen zum Opfer fielen. Zurückbleibenden Frauen und Kindern war damit der Abstieg in die Armut meist sicher.
Um die Armut in der Neuzeit etwas zu lindern, wurden durch Stiftungen so genannte Armenhäuser errichtet, welche jedoch den Ärmsten der Armen den Zutritt durch diverse Aufnahmebedingungen wiederum versagten. So beschränkten die Münster Armenhäuser in der Regel "den Zugang auf Personen, die das Bürgerrecht der Stadt Münster seit mindestens drei Jahren besaßen. [...] Eine weitere Aufnahmebedingung verpflichtete die Armen, eine Grundausstattung an Mobiliar, Gebrauchsgegenständen und Kleidung mitzubringen. Bei ihrem Eintritt in die Gemeinschaft mussten sie dem Haus das Anfallsrecht zusichern, dass das Armenhaus zum Erben aller hinterlassenen Habseligkeiten und Vermögenswerte bestimmte."[91] Das Leben in Armenhäusern war durch die Hausordnung genau geregelt und der Tagesablauf durch Beten und Arbeiten gekennzeichnet, wobei die täglichen Gebete wieder dem Seelenheil des Stifters beziehungsweise der Stifterin galten. Außerdem waren die Insassen verpflichtet, je nach körperlicher Verfassung leichte Arbeiten zu verrichten und sich um kranke Mitbewohner zu kümmern.
Obwohl es schon früh getrennte Armenhäuser für Männer und Frauen gab, erhielten Kinder, die ihre Eltern verloren hatten und auch von keinen Verwandten oder anderen Personen aufgenommen wurden, in der Regel keine Unterkunft in den bestehenden Armenhäusern. Um diese Lücke zu schließen, stifteten die Eheleute Johan Verendorp und Margaretha Plate im Jahre 1592 ein Waisenhaus für zwölf ehelich geborene Bürgerkinder. "Die aufgenommenen Waisen sollten von einem Ehepaar versorgt und betreut werden. Es war ihnen erlaubt, zu bestimmten Tageszeiten in der Stadt um Almosen zu bitten. Um ihnen den späteren Broterwerb durch Arbeit zu ermöglichen und 'Bettlerkarrieren' zu vermeiden, sollten sie Unterricht im Lesen und Schreiben erhalten."[92] Auch hier erfolgt eine Einschränkung auf "ehelich geborene Bürgerkinder", womit vielen Kindern die Aufnahme in das Waisenhaus von vornherein verwährt wurde. Ihnen blieb somit zumeist nichts anderes übrig als betteln zu gehen, um sich das Überleben zu sichern. Vielfach schlossen sich Kinder und Jugendliche in einem solchen Fall zu Gruppen zusammen, wie am Beispiel des Zauberer-Jackl-Prozesses deutlich zu erkennen ist, von dem später noch die Rede sein wird. Kinder wurden jedoch auch häufig von ihren Eltern zum Betteln mitgenommen und vorgezeigt, in der Absicht dadurch ein erhöhtes Mitleid zu erregen. Im 17. Jahrhundert wurden schließlich wiederholt Werkhäuser für Bettelkinder eingerichtet, in dem Bestreben das Bettelwesen einzuschränken.
2.3. Auswirkungen auf die Hexenverfolgung
Diese Rahmenbedingungen hatten natürlich große Auswirkungen auf die Hexenverfolgung. So begegnete man den Bettlern beispielsweise mit zunehmendem Misstrauen und brachte sie häufig mit dem Bösen schlechthin in Verbindung. Weiters spielte zum Teil auch das im Nachhinein schlechte Gewissen ein große Rolle, wenn man Bettler beziehungsweise Bettlerinnen ohne eine milde Gabe wieder fortschickte. Diese/r stieß bei ihrem/seinem Weggang vielleicht eine Verwünschung aus und wenn kurz darauf tatsächlich ein Krankheits- oder Unglücksfall eintraf, so galt dies als sicheres Indiz dafür, von dem/der abgewiesenen Bettler/in verhext worden zu sein. "Die Hexereianklage habe dann für den wohlhabenden Bauern gleich mehrere Funktionen erfüllt: Er schaffte sich damit die lästige Nachbarin vom Hals und beruhigte überdies sein eigenes schlechtes Gewissen über das unnachbarschaftliche Verhalten, das im nachhinein durch die Schlechtigkeit der Hexe eine Legitimation erhielt."[93] Dies würde auch die These von Heinemann bestätigen.
Durch Missernten und herrschende Hungersnöte war natürlich auch der Neid und Hass unter den Menschen verbreitet und so konnte es einfach nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn beispielsweise die Kuh des Nachbarn mehr Milch gab oder das Getreide auf dem Feld des Nachbarn besser wuchs als auf dem eigenen. Wie schnell ließ sich da ein Beweis finden, dass der verhasste Nachbar B die Milch der Kuh des Nachbarn A durch Hexerei entzog oder Nachbar B den Regen durch Wetterzauber stärker auf das Feld des Nachbarn A niedergehen ließ, um sein eigenes Getreide vor Verwüstung zu schützen. Ein gutes Beispiel hierfür bildet auch "der letzte Hexenprozeß im Herzogtum Steiermark"[94], in welchem eine Frau - vorerst ohne ersichtlichen Grund - der Zauberei angeklagt und gefangen genommen wurde. Erst durch die Aussage ihrer ebenfalls eingezogenen Tochter erfährt man den wahren Grund der Verhaftung, welcher ausschließlich im Neid und der Rachsucht ihrer Mitbürger bestand. "Man were ihr neitig [kursiv durch die Verfasserin] gewesen, daß sie sich bewerbe und bereiche, daß sie so vill Brott bach und anbringe, indeme braffere Weiber in Markht weren, kunten gleichwoll nicht so vill Brott anbringen, alß ihre Mutter."[95]
Einen Zusammenhang zwischen Missernten, Hungersnöten, Pest und Hexenverfolgung sieht auch Wolfgang Behringer, welcher die Preissteigerungen in Deutschland den Verfolgungswellen gegenüberstellt und zu folgendem Ergebnis kommt: "Zieht man eine Bilanz der hier zusammengestellten Daten über Preisentwicklung, Mortalitätskrisen und Hexenverfolgung, so kann man sagen, daß praktisch jede große Verfolgung in der Zeit einer Agrarkrise wurzelt, während man in den 'billigen' Jahren zwischen 1560 und 1630 allenfalls kleine Hexenprozesse finden kann."[96] In weiterer Folge führten Missernten und damit eine Mangelernährung zu erhöhten Kindesmissbildungen und einer erhöhten Kindersterblichkeit, was wiederum als Grund für viele Anklagen in Hexenprozessen diente, da der Zusammenhang von Mangelernährung und Missbildung beziehungsweise Tod eines Kindes von den Zeitgenossen nicht erkannt wurde.
Doch auch unter den Kindern spielte die Armut eine große Rolle im Hinblick auf Hexereibezichtigungen. Wie gezeigt wurde, mussten sich auch Kinder zum Teil schon durch Betteleien am Leben erhalten beziehungsweise sich bei ihren diversen Spielen anderen gegenüber durchsetzen. Wie leicht ließen sich da andere Kinder durch kleine Kunststücke oder Zaubertricks beeindrucken und wie schnell konnte man die Aufmerksamkeit der anderen Kinder erregen, indem man vorgab, man könne Hasen oder Mäuse zaubern. Dass solch harmlose Aussagen schnell zu einer Anzeige wegen Hexerei führen konnten, mussten viele Kinder schon bald am eigenen Leibe erfahren. Auch die strenge Erziehung hatte Auswirkungen auf die Hexenprozesse, vor allem wenn man der Frage nachgeht, warum viele Kinder ihre eigenen Eltern der Hexerei bezichtigten. Sie erhielten dadurch die Möglichkeit die Verhältnisse umzukehren und nun Macht über ihre Eltern auszuüben, und genossen es, einmal im Mittelpunkt zu stehen, anstatt stets von anderen Befehle zu erhalten. Doch hierauf soll später noch genauer eingegangen werden.
In diesem Kapitel sollte gezeigt werden, unter welchen Bedingungen Kinder in der Neuzeit aufwuchsen und mit welchen Schwierigkeiten Erwachsene zu kämpfen hatten, um ein besseres Verständnis der nachfolgenden Hexenprozesse zu gewährleisten. All dies würde jedoch kaum erklären, warum Männer, Frauen und auch Kinder zu den furchtbarsten Geständnissen fähig waren und selbst nahe Verwandte beziehungsweise die eigenen Familienangehörigen der Hexerei bezichtigten, wenn es nicht auch die menschenunwürdigen Bedingungen in den Gefängnissen sowie die Folter gegeben hätte, wie ebenfalls später noch näher dargestellt wird.
Hexen sterben unschuldig,
jedoch von allen als ärgste Verbrecher angesehen.
(Nach Sigmund von Riezler, S. 154)
Wenn wir nun einen Blick auf die Opferrolle der Kinder werfen, so erscheinen Hexen aus diesem Blickpunkt unweigerlich als kinderfressende Kannibalen beziehungsweise als widerwärtige Geschöpfe, welche kleine, vorzugsweise noch ungetaufte Kinder töteten, um aus ihrem Fleisch beziehungsweise ihren Knochen diverse Salben oder Getränke herzustellen. Doch wer waren die Hexen - und hier ist tatsächlich fast ausschließlich von Frauen die Rede, weshalb in diesem Kapitel überwiegend auch nur die weibliche Form verwendet wird - tatsächlich? Wie kam es in der Bevölkerung zum Glauben, Menschen könnten tatsächlich fähig sein, Kinder zu essen, beziehungsweise diese vorsätzlich zu töten? Um diese Fragen beantworten zu können, müssen vorerst einige grundsätzliche Details erörtert werden, denn schon allein der Begriff "Hexe" ist zum Teil recht vieldeutig. Wenn in dieser Arbeit von Hexen die Rede ist, so ist damit jener Begriff gemeint, unter anderem von Inquisitoren entwickelt wurde und die im Wesentlichen folgenden Elemente enthält: Abfall von Gott, Teufelsbuhlschaft, Hexensabbat (Hexenflug) und Schadenszauber.
Dass der Begriff der Hexe gerade jene Elemente umfasst, ist in überwiegender Weise auf den Malleus Maleficarum zurückzuführen. Dieses, auch als "Hexenhammer" bekannte Buch, wurde 1487 als Anleitung zur Ausrottung der Hexen von Heinrich Kramer, alias Institoris, veröffentlicht. Die internationale Forschung ist sich mittlerweile einig, dass die lange Zeit angenommene Mitautorenschaft des deutschen Dominikaners Jakob Sprenger, unglaubwürdig ist. Es wird vermutet, dass Institoris die Autorität seines wohl weniger umstrittenen Ordensbruders Jakob Sprenger ins Feld führte, um gegen den Widerstand, der ihm trotz päpstlicher Autorität (Papst Innozenz VIII. hatte ihn zusammen mit Jakob Sprenger am 05. Dezember 1484 mittels Bulle "Summis desiderantes affectibus" zum Inquisitor ernannt) entgegenschlug, bestehen zu können.[97] Der Inhalt des Buches war an sich nicht neu. Jedoch war er laut Hansen dadurch gekennzeichnet, dass er nach drei Richtungen insofern eine selbständige Auffassung aufwies, indem er
1. nicht die ketzerische Qualität der vorgeblichen Verbrechen der Hexen, sondern das Maleficium, die schädigende Zauberei, in den Mittelpunkt stellt,
2. das Hexentreiben grundsätzlich auf das weibliche Geschlecht zuspitzt,
3. den Hexenprocess aus dem Kreise der Ketzerinquisition in den Kreis der weltlichen Jurisdiction hinüberzuspielen sucht.[98]
Der Hexenhammer, welcher in drei Teile gegliedert ist, ist damit "das schauerlichste Buch der Weltliteratur"[99], so urteilt zumindest Kurt Baschwitz, womit er jedoch nicht alleine steht. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Frage, ob es Zauberei grundsätzlich gebe, ob hierfür eine göttliche Zulassung nötig sei und welche Taten von den Hexen verübt wurden, wobei besonders auf die Gefährlichkeit der Hexen-Hebammen hingewiesen wird, auf welche später noch genauer eingegangen wird. Der zweite Teil beschäftigt sich ebenfalls mit den Taten der Hexen und nennt Möglichkeiten und Mittel Behexungen zu beheben und zu heilen. Der dritte Teil wendet sich schließlich als Kriminalkodex an die Richter und gibt Anweisungen, wie der Prozess zu beginnen, fortzusetzen und schließlich durch den endgültigen Urteilsspruch mit dem gebührenden Ende zu beschließen ist. Dass dieses Buch einen solchen Einfluss auf die Hexenverfolgung haben konnte ist nicht nur seinem Inhalt, sondern vor allem auch einer Erfindung der Neuzeit: dem Buchdruck, zu verdanken, denn der Hexenhammer "wurde von 1487 - 1520 dreizehnmal, von 1574 - 1669 sechzehnmal gedruckt und hatte auf dem Gebiete des Zauber- und H.[exe]nwahns autoritative Geltung."[100]
Doch wie reagierte die Bevölkerung hierauf? Dies ist nicht so leicht zu beurteilen, da einerseits kaum Protokolle überliefert sind, in denen jemand nicht an die Hexerei glaubte und schon gar nicht, wenn deswegen nicht geklagt wurde und andererseits auch die Ansichten in der Sekundärliteratur auseinander gehen. So führt beispielsweise Wolfgang Behringer einige Zitate an, aus denen sich gut erkennen lässt, dass es in der Bevölkerung durchaus kritische Stimmen gab, beziehungsweise dass der Hexenwahn zum Teil auch ins Lächerliche gezogen wurde.[101] Grund für die Ablehnung war unter anderem, dass "selbst schlichten, ungelehrten Menschen [auffiel], daß die Angstvorstellung von der Übermacht der teuflischen Hexen auf Erden nicht in Einklang zu bringen war mit dem Glauben an Gottes Allmacht und Gerechtigkeit."[102]
Auffallend am Hexenhammer ist auch die Frauenfeindlichkeit, welche sich durch alle drei Bände zieht. So ist jede Frau, angefangen von der Nonne, verdächtig, "weil der Teufel den Ehrgeiz hat, gerade solche heiligen Jungfrauen zu verführen. Der Versucher läßt sich aber selbstverständlich auch das lebenslustige Mädchen nicht entgehen. Und mit einer traurigen Jungfrau, die von ihrem Liebhaber verlassen ist, hat er besonders leichtes Spiel. Auf sie alle ist also besonders zu achten. Eine Frau, die selten zur Kirche geht, ist verdächtig, eine Frau, die häufig den Gottesdienst besucht, aber erst recht, denn sie will sich verstellen."[103] Auch wenn eine solche Fokussierung auf das weibliche Geschlecht heute nur schwer verständlich ist, so hatten die Zeitgenossen dennoch triftige Gründe, warum gerade Frauen sehr leicht vom Teufel verführt werden konnten. So führt Jacob Vallick in seinem Tractat von Zauberern, Hexen und Unholden 1576 folgende drei Gründe hierfür an:
Zum ersten, weil die Weiber leichtlicher glauben weder die Männer tun. Man sagt gemeiniglich, wer leichtlich glaubt, wird leichtlich betrogen ...
Die andere Ursache ist, weil die Weiber neufindig sind, wollen alle Dinge wissen und erfahren. Also wollte Eva Gutes und Böses wissen.
Zum dritten, so sind die Frauleut gar rachgierig. Sobald ihnen etwas mangelt, wollen sie solches rächen, und da es ihnen an der Macht fehlt, ist alsbald der Satan darbei und lehret sie solches heimlich durch Zauberei thun ... Deshalb lernen die Weiber mehr Zauberei als die Männer. Die Weiber sind auch gemeinlich geizig. Deshalb wollen sie reich sein, alle Ding haben und nach der Pracht leben. Solches verheißt ihnen der Satan und bringt sie also darbei.[104]
Auch wenn die beiden ersten Gründe aus heutiger Sicht wohl kaum eine Erklärung für den Hexenwahn liefern können, so steckt im dritten Punkt bereits ein Körnchen Wahrheit. Wie bereits in Kapitel II dargestellt, musste der Großteil der Bevölkerung mit Missernten und Hungersnöten kämpfen, weshalb Geiz und Neid sicherlich zum Teil die Gemüter der Menschen beeinflussten. Es erscheint daher auch nicht mehr verwunderlich, dass es vielfach die Bevölkerung selbst war, welche Hexenprozesse forderte, obwohl diese von Seiten der Obrigkeit zuerst eher abgelehnt wurden. So wird berichtet, dass dem Kurfürsten Georg Friedrich 1626 eine Bitte auf Ausrottung des überhandnehmenden Lasters der Zauberei vorgebracht wurde. "Dieselbe Bitte wurde ihm, da es dem Kurfürsten mit der schärferen Verfolgung der Hexen doch nicht so eilig war, unter dem 6. Februar 1627 auch schriftlich vorgetragen. In Dieburg stand nämlich damals eine ganze Menge von Personen im Geruch der Zauberei, und die Masse des Volkes war gegen sie mit solcher Wut erfüllt, daß selbst die Beamten, die nicht sofort alle Verdächtigten in Haft nahmen, sich bedroht sahen."[105]
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Bevölkerung dem Hexenwahn eher zwiespältig gegenüber stand. Einerseits musste man fürchten, beschuldigt und damit zumeist unweigerlich der Folter unterworfen zu werden, und andererseits suchte man nach Erklärungen, wie es möglich war, dass der allmächtige und gerechte Gott all die Kriege, Seuchen, Katastrophen und nicht zuletzt die hohe Kindersterblichkeit zulassen könne. Dies konnte nur mit Hilfe des Teufels und seinen Gehilfinnen geschehen - eine andere Erklärung war für die Zeitgenossen nicht möglich.
3.1.1. Kinderopfer in der Geschichte
Obwohl im Hexenhammer Kinderopfer nicht nur den Hebammen sondern auch den übrigen Hexen besonders vorgeworfen wurden, sind Kinderopfer an sich schon ein sehr altes Motiv, welches sich bereits in der antiken Mythologie findet. In der griechisch-mythologischen Erzählung von der Opferung des Dionysoskindes wird berichtet, dass die Titanen dieses Kind getötet, zerstückelt, sein Fleisch in einem Kessel gesiedet und auf einem Spieß geröstet hatten.[106]
Jedoch nicht nur in der griechischen Mythologie sondern auch in der Bibel, im Alten als auch im Neuen Testament, finden sich Kinderopfer. So heißt es im Alten Testament:
Ein großes Feuer wird entzündet, ein Kind wird von denen, die um das Feuer herumsitzen, von Hand zu Hand durch die Flammen geworfen, bis es [das Feuer] ausgelöscht ist. Darauf wird das Kind zu Asche gemacht, aus der Asche Brot zubereitet; wem [davon] ein Teil als Eucharistie ausgeteilt wird, der kommt nach solchem Genuß fast niemals mehr von dieser Häresie weg.[107]
Die Kinderopfer im Neuen Testament finden sich, wie allseits bekannt, bei Herodes, welcher, als er von der Geburt Jesus erfahren hatte, Sterndeuter aussandte, die ihm berichten sollten, wo das Kind sei. Diesen wurde jedoch im Traum geboten, nicht zu Herodes zurückzukehren.
Als Herodes merkte, daß ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig, und er ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte. [...] (Math. 2,16 - 18)
Auch in der jüdischen Mythologie lassen sich Kinderopfer nachweisen. Hier ist es vor allem Lilith, welche Frauen unter anderem während der Geburt gefährdete. Außerdem konnte sich Lilith den Frauen als Incubus nähern, so dass man sich gezwungen sah, der Frage nachzugehen, ob Frauen ein Kind gebären könnten, welches sie von Lilith empfangen hätten, denn es war allgemein bekannt, dass Kinder, welche von einem Dämon gezeugt wurden, für die Menschheit gefährlich waren.[108]
Ein weiterer Hinweis auf Kinderopfer findet sich 1211 bei Gervasius, welcher "die Alten" gelesen hatte und "viele Geschichten von ihnen fast nur mit der einzigen Veränderung [wiedergibt], daß er sie in sein Land und seine Zeit verlegt."[109] So berichtet er von den kinderfressenden Lamien der Römer, welche er jedoch als Lania bezeichnet. Lamien gelten im Prinzip als Vorläufer der Vampire. "Sie sind im griechischen Volksglauben gespenstische Frauen, die durch allerlei Blendwerk Kinder, vorzugsweise schöne Jünglinge anlocken, ihnen das Blut aussaugen und ihr Fleisch genießen."[110] Neben diesen Lamien gab es jedoch noch eine Reihe weiterer mythologischer Gestalten, welche Kinder raubten und fraßen. So zum Beispiel Empusen, zu deren Vorliebe es gehörte, Jünglinge durch Liebreiz zu locken, weniger um der Liebeslust willen, als wegen des Genusses von Menschenfleisch. Gello hingegen, konnte nach ihrem frühen Tod bereits durch die Lüfte fliegen und vermochte durch Schloss und Riegel einzudringen, um die Leber von Knaben zu verspeisen, welche als besonders wirksames Mittel für unwiderstehliche Liebe galt.[111]
1275 wurde in Toulouse Angela, Herrin von Laberethe, lebendig verbrannt, nachdem sie gestanden hatte "allnächtlich fleischlichen Umgang mit dem Satan gepflogen zu haben; seine Frucht sei ein Ungeheuer mit Wolfskopf und Schlangenschwanz gewesen, zu dessen Ernährung sie in jeder Nacht kleine Kinder habe stehlen müssen."[112] 60 Jahre später (1335) standen in einem Inquisitionsprozess 63 Männer und Frauen vor Gericht, von denen zwei ältere Frauen gestanden "daß sie auf dem Sabbat [...] gewesen seien, dort den Teufel angebetet, mit ihm und den übrigen Anwesenden Unzucht getrieben und das Fleisch getöteter Kinder gegessen hätten."[113] Der Glaube an Kinderopfer findet sich in dieser frühen Zeit jedoch nicht nur in Frankreich, sondern auch im Berner Territorium, wo zwischen 1392 und 1406 eine Zaubersekte ausfindig gemacht wurde, "die bei ihren Versammlungen angeblich dem Teufel huldigten und eigene sowie fremde Kinder töteten, kochten und verspeisten."[114]
3.2. Kinderopfer im Hexenglauben
Kindesraub, Kindesmord und Geburten durch fleischliche Vermischung mit einem Dämon waren also bereits sehr früh verbreitet und ähnelten schon stark den Vorwürfen, welche gegen Hexen erhoben wurden und nun genauer betrachtet werden sollen. Interessant hierbei ist, dass sich diese Vorwürfe in den Hexenprozessen fast aller europäischen Länder finden lassen. So berichtet beispielsweise Dr. Johann Hartlieb in seinem "Buch aller verbotenen Kunst, Unglaubens und der Zauberei": "Es was in dem sechsten jar als bapst Martin gesetzt was, da stund uf zu Rom ain ungelaub, das etliche weib und man sich verwandelten in katzen und totten gar vil kinder zu Rom."[115] Johann Fründ (ca. 1400 - 1469), ein Luzerner Chronist, berichtet ebenfalls, dass da
waren ettliche under inen, die ir eigenen kind toten und sy brieten und assen und sotten, und in ir geselleschaft trugen und assent. [...] Ettlich waren auch als boß, das ire kind oder ander lüten kind des nachtes angriffen und sy trukten und sewreten denn ettliche tage und sturben denn. Und die liessen sy denn ir nachgeburen sehen, und wa sy die berürt hatten mit iren bösen henden, da warent denn die kint swarz oder blaw, wonnt sy böß vergifft materye an die hende gestrichen hatten, und gabent denne den lüten zu verstande, die seligen selen hetten sy gereichet. Und gehuoben sich denn übel umb die kind, und wenn sy vergraben wurden, so giengen sy denn nachtes dar und grubens wider uff und assens denn mit einandern heimlich.[116]
Auch wenn die Vorgehensweise in den einzelnen Ländern unterschiedlich war, das Verbrechen an sich war das Gleiche. So war man auch einige Zeit der Meinung, dass Kinderschädigung als das am häufigsten genannte Verbrechen der Hexen angesehen wurde - wogegen sich die neuere Forschung jedoch vehement verwehrt. Die ursprüngliche Meinung ist jedoch nicht weiter verwunderlich, wann man beispielsweise ein Frageschema[117] aus dem Jahre 1590 näher betrachtet. Das genannte "Fragstuckh" enthält nämlich unter Punkt VI. "Circa punctum: khinder ausgraben" folgende Fragen:
1. Wie offt sie zur nachts vnd auf was freithofen khumen vnd khinder ausgraben helfen?
2. Wer dazue geholfen, weme die khinder zuegehört vnd mit weme sie es ausgraben haben, wie lang es herr ist?
3. Wer das khindlein aus dem greblein gehebt, vnd wer es alsdann hinweckh getragen vnd wohin?
4. Was sie mit diesem khindt gethan, ob sie es kocht, was gestalten, gesoten oder gebraten, vnd wo sie es verzährt haben, wer den verzehren beigewohnt, ob es ihnen wohlgeschmeckht habe?
5. Was sie mit dem vberbliebenen fleisch und painern angefangen oder darauß gemacht haben?
6. Zue wehme sie darauß gemachte Materialia gebraucht vnd verwendt haben?[118]
Diese Fragen wurden den vermeintlichen Hexen während der Folter gestellt, welche von Schmerzen gepeinigt, praktisch keine andere Wahl hatten als die Taten zu gestehen. Danach wurde jedoch nicht erst gewartet bis Kinder starben, um sie später wieder auszugraben, sondern die Hexen raubten die Kinder aus den Wiegen und teilweise sogar aus den Betten der Eltern, sofern sie nicht durch Kreuze oder Gebete vor dem Zugriff dämonischer Wesen geschützt waren. So berichtet eine gefangene Hexe auf die Frage, auf welche Weise sie die Kinder verzehrten:
Die Weise ist folgende: Besonders stellten wir den noch nicht getauften Kindern nach, aber auch den getauften, besonders wenn sie nicht mit dem Zeichen des Kreuzes oder durch Gebete geschützt werden. [...] Diese töten wir, wenn sie in der Wiege oder an der Seite der Eltern liegen, durch unsere Zeremonien; und während man glaubt, daß sie erdrückt oder sonst aus einem Grunde gestorben sind, stehlen wir sie heimlich aus der Gruft und kochen sie in einem Kessel, bis nach Ausscheidung der Knochen das ganze Fleisch fast trinkbar flüssig wird. Aus der festen Masse machen wir Salben, um unsere Wünsche, Künste und Fahrten bequem ausführen zu können, die flüssige Masse aber füllen wir in eine bauchige Flasche; wer hiervon unter Hinzufügung etlicher Zeremonien trinkt, wird sofort Mitwisser und Meister unserer Sekte.[119]
Diesen Vorstellungen geht Institoris in seinem Hexenhammer nach. Er beschäftigte sich im zweiten Teil seines Werkes mit der Art, das gotteslästerliche Hexenhandwerk zu betreiben und stellt darin fest, dass Hexen, welche die Kinder der eigenen Art verschlingen und zu verzehren pflegen, die schlimmste Sorte des Hexenwerkes darstellen:
Sie sind es nämlich, die sich auch mit unzähligen anderen Schädigungen befassen: sie nämlich schicken Hagelschlag, böse Stürme und Gewitter, verursachen Unfruchtbarkeit an Menschen und Tieren, bringen auch die Kinder, die sie nicht verschlingen, den Dämonen dar, wie oben steht, oder töten sie sonst. Doch dies trifft nur die Kinder, die nicht durch das Naß der Taufe wiedergeboren sind; wenn sie jedoch, wie sich zeigen wird, auch wiedergeborene verschlingen, dann geschieht das nur mit Zulassung Gottes. Sie verstehen auch Kinder, die am Wasser spazieren gehen, ohne daß es einer sieht, vor den Augen der Eltern in das Wasser zu werfen; [...]
[Weiters verstehen sie es] die Zeugungskraft oder auch die Fähigkeit das Beilager zu halten wegzunehmen; Frühgeburten zu bewirken; die Kinder im Mutterleib durch bloße äußerliche Berührung zu töten, [...] die eigenen Kinder den Dämonen zu weihen [...][120]
Diese Vorstellungen waren tief im Hexenglauben verhaftet, und so erstaunt es kaum, dass in späterer Zeit selbst Kinder angaben, beim Ausgraben anderer Kinderleichen zumindest zugesehen zu haben, sofern sie nicht selbst dabei geholfen hatten. So gibt beispielsweise der 10-jährige Daniel Klein im Verhör am 15. Februar 1629 zu Protokoll: "Zu Bettingen habe er eine Kindesleiche helfen ausgraben, welche ein Mägdlein war und hätten in einem näher beschriebenen Hause Schmier daraus gesotten."[121] Auch die 5-jährige Tochter des Bürgers Michael Kapf erklärt bei der Beschreibung des Hexensabbats auf der Warth, dass sie Schmiere gesotten hätten. "Sei ein todt Kindlein gewesen, weiß nicht, ob es ein Büblein oder ein Mägdlein gewesen; sei ihres Armes lang gewesen."[122]
Doch was war nun eigentlich Sinn und Zweck dieses Kinderkannibalismus? Einerseits wurden Kinder als "besonderer Leckerbissen" auf dem Sabbat verspeist, da alle übrigen Speisen oftmals einen ekelerregenden Geschmack hatten.[123] In jenem vorhin zitierten Beispiel aus Rom gab eine Verhaftete an, sie würde den Kindern das Blut aussaugen, um damit ihr eigenes Leben zu verlängern.[124] (Das Motiv des Blutaussaugens, findet sich vor allem im südosteuropäischen Raum wieder und wird im Rahmen der Betrachtungen zu den Vampiren noch näher behandelt werden.) "Über viele Jahrhunderte, ja über Jahrtausende hielt sich der Glaube, daß es kein reineres, mächtigeres, zauberkräftigeres Blut als dasjenige von Kinder gebe. Deshalb sollen viele Erwachsene, zumal Ältere, Heilung im Bad von Kinderblut gesucht haben."[125] Weiterhin sagte man Kindern eine außergewöhnlich hohe Zauberpotenz nach. Durch den Genuss des Fleisches wurde, dem Glauben nach, diese Zauberkraft auch auf diejenige Person übertragen, welche das Fleisch aß. Der Genuss von Kinderfleisch, am besten noch von Embryonen, diente gleichzeitig dazu, sich unsichtbar zu machen. Auch wird die Hexenkunst der Verschwiegenheit dadurch bewirkt, "daß ein eben geborenes Kind männlichen Geschlechts, nicht getauft und dazu ein erstgeborenes getötet, im Ofen gebraten und mit anderen Dingen, die ausdrücklich zu nennen nicht frommt, eingeäschert und pulverisiert wurde. Wenn eine Hexe oder ein Verbrecher davon etwas bei sich trug, konnte sie auf keinen Fall ihre Verbrechen gestehen."[126]
Kinder wurden jedoch nicht immer sofort verspeist, sondern vielfach auch auf den Sabbat mitgenommen und dort dem Teufel geopfert. Die Opferung auf dem Sabbat ist gleichbedeutend mit neuer Kraft und neuem Leben, denn "wie die Zerstückelung des göttlichen Kindes erlaubt, daß sich die Gläubigen mit Tod und Auferstehung ihres Gottes identifizieren, so bewirken Kinderopfer und Kinderkannibalismus durch rituelle Aufnahme der Potenz des Opfers in den eigenen Köper Lebenserneuerung, Lebensverlängerung, ewige





