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Der Werwolf. 

Ausgewählte Aspekte einer Figur der europäischen Mythengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Tollwut. 

 

Magisterarbeit zur Erlangung des Grades eines Magistrum Artium M.A. vorgelegt am Historischen Seminar der Universität Hannover, Juli 1999 

Utz Anhalt (Hannover) 

 

Inhaltsverzeichnis 

 

Einführung

 

I.Grundsätzliche Erklärungen des Werwolfglaubens

 

II.Der Werwolf als mythen- und fabelhafter Topos der germanischen Religion und des christlichen Mittelalters

1.Ekstatische Reisen / Untersuchungen zum Glauben an Werwölfe in der germanischen Religion

1.1.Ekstase als Kriegsrausch / Die Berserker

1.2.Ekstase als religiöses Ritual / Schamanismus und Werwolfsbegriff

1.3.Veränderung der Werwolfsfigur in der Christianisierung des Frühmittelalters

2.Magische Elemente der mittelalterlichen Volkstradition in Bezug auf Werwölfe

2.1.Die magischen Zu- und Einordnungen des Tieres Wolf im mittelalterlichen Frankreich und Deutschland

 

III.Ansätze zur Werwolfsverfolgung , Hexenjagd und Dämonologie im 16. bis zum 18. Jahrhundert

1.Werwölfe in Ginzburgs Untersuchungen zum Hexensabbat

2.Die Kritik von Sidky am mentalitätsgeschichtlichen Ansatz

3.Werwölfe als Verfolgte in frühneuzeitlichen Hexenprozessen

3.1.Einige konkrete Fälle von Anklagen gegen Werwölfe in der frühen Neuzeit

3.2.Peeter Stubbe / Ein Werwolf vor Gericht

 

IV.Verschiedene Krankheitsmuster als Erklärung für Werwolfsvorstellungen

1.Die Tollwut als Basis für Werwolfs- und Vampirvorstellungen

1.1.Überschneidende Momente bei Tollwut, Vampir- und Werwolfsbeschreibungen

1.2.Die Tötung und sonstige Behandlung von Tollwutkranken in der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert

 

Zusammenfassung und Perspektiven

 

Literaturverzeichnis

Einführung

„[...]Der ganze Lebenslauf des Menschen ist Verwandlung; alle seine Lebensalter sind Fabeln derselben, und so ist das ganze Geschlecht in einer fortgehenden Metamorphose.[...]“ [1]

Thema dieser Arbeit ist eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der mythengeschichtlichen Figur des Werwolfs in der mitteleuropäischen Geschichte vom germanischen Altertum bis zur frühen Neuzeit anhand einiger ausgewählter Glaubensbilder, religionsgeschichtlicher Zusammenhänge und realer Krankheiten, die in ihren Symptomen Hinweise zum Werwolfsphänomen geben. Dieses in verschiedenen historischen Epochen beschriebene Phänomen  wurde geschichtswissenschaftlich bisher noch nicht in angemessener Form bearbeitet. Während im Bereich der Hexenforschung zu den Themenkomplexen Hexerei, Hexenwesen, Magie und Hexenverfolgung ein nahezu unübersichtliches Literaturangebot existiert, gilt dieses für die Werwolfsvorstellung, die mit all diesen Bereichen aufs engste verknüpft war, in selbiger Art und Weise nicht. So werden Werwölfe in geschichtswissenschaftlichen Publikationen in aller Regel nur am Rande innerhalb allgemeiner Betrachtungen zu Hexenverfolgung und Hexerei erwähnt. In dieser Arbeit wird nun innerhalb der Behandlung von Magie- und Zaubereivorstellungen der Blickwinkel gerade auf den Werwolf gerichtet. Ziel ist es also, einen Beitrag dazu zu leisten, eine Lücke innerhalb der Auseinandersetzung mit der mitteleuropäischen Mythen-und Magiegeschichte zu schließen. Die wesentliche Problemstellung der vorliegenden Arbeit besteht darin, mit dem Begriff des Werwolfs verbundene Vorstellungs-und Erfahrungswelten auf ihren realen historischen Kern zurückzuführen. So werden verschiedene Aspekte des Themenkomplexes Werwolf aufgezeigt. Der Schwerpunkt liegt dabei in der Untersuchung des Werwolfs als mythengeschichtliche Figur. Konkret bedeutet dies, daß:

  • die Entstehung des Werwolfglaubens im mitteleuropäischen Raum Gegenstand der Untersuchung ist, 

  • innerhalb dieser Entstehung die Bedeutung der Werwolfsfigur in verschiedenen Glaubensvorstellungen und historischen Zeiten betrachtet wird, 

  • diesen rationale Erklärungen, die möglicherweise die Basis der Vorstellungen darstellten, entgegengesetzt werden. 

Der Verfasser orientiert sich in der Bearbeitung der beschriebenen Problemstellung an den Fragen, ob: 

  • der Begriff des Werwolfs einen konkreten mythengeschichtlichen Topos der europäischen Kulturgeschichte umfaßt, der spezifische und nur auf ihn zutreffende Merkmale beinhaltet, 

  • Erzählungen von Werwölfen nur auf mythologischen, imaginierten und phantastischen Welten basieren oder auch auf der Basis realer und rational nachweisbarer Begebenheiten entstanden sind,  

  • an Krankheitsbildern, insbesondere an den Symptomen der Tollwut bei Mensch und Wolf sowie den Maßnahmen der Tollwutbekämpfung in Deutschland, nachgewiesen werden kann, daß kennzeichnende Besonderheiten des Werwolfs ihren Ursprung nicht allein in religiösen Vorstellungen oder volkskundlichen Erzählungen haben, sondern auch in einer konkreten Bedrohung durch eine reale Krankheit, 

  • monokausale Erklärungen der Komplexität des Werwolfs gerecht werden oder vielmehr unterschiedliche Ansätze akzeptiert werden müssen, sich diesem Phänomen zu nähern, welche auf ihre jeweilige Art Gültigkeitswert besitzen. 

Dies ist eine historische Arbeit. Das heißt, Werwolfsvorstellungen werden chronologisch eingeordnet und in ihrer historischen Genese untersucht. Die gewählte Herangehensweise, nämlich in der Untersuchung des Werwolfs verschiedene zeitliche Epochen (germanisches Altertum, Mittelalter, frühe Neuzeit) zu behandeln, erscheint sinnvoll, da dieser großer zeitliche Rahmen ausdrücklich nur auf die Figur des Werwolfs hin bearbeitet wird. 

Von besonderer Bedeutung ist in solch einer zeitübergreifenden Arbeitsweise die Herkunft und Verläßlichkeit der Quellen, sowie die Absicht, in der diese verfaßt wurden. Herangezogen wurde sowohl Sekundärliteratur zu den Komplexen Dämonologie, Magiegeschichte, Hexenverfolgung, als auch Primärliteratur bezüglich der Tollwut. Einerseits wird damit ein Bezug zu dem symbolischen Gehalt von Glaubensvorstellungen gegeben, andererseits eine mögliche reale Basis für diese Vorstellungen aufgezeigt. 

Da auch bei der genauen Analyse eines einzigen Vorfalls, der sich auf Werwölfe bezog, der Werwolfsglaube in seiner Symbolik erläutert werden müßte, scheint dem Verfasser die zwangsläufig komprimierte Analyse verschiedener Aspekte, um letztlich einen Aspekt herauszuarbeiten als sinnvolle Synthese innerhalb einer historischer Bearbeitung des Themas. So werden in dieser Arbeit verschiedene Aspekte der Vorstellung und Realität sogenannter Werwölfe beleuchtet, um dann einen Aspekt genauer herauszuarbeiten. Dieser Aspekt des Werwolfs, nämlich als Synonym für an Tollwut erkrankte Menschen und den Umgang mit diesen wird anhand von Originalquellen aus dem 18. und 19. Jahrhundert einer genauen Betrachtung unterzogen. 

Das erste Kapitel stellt verschiedene Theorien vor, die zum Werwolfsglauben existieren, um eine erste Einordnung des Begriffes zu geben.Die vorgestellten Ansätze sind auf keinen zeitlichen Rahmen bezogen.  

Der Werwolfsbegriff in altgermanischen Glaubenssystemen und im mittelalterlichen Christentum ist Thema des zweiten Kapitels. Dabei wird die Transformation der Vorstellung in verschiedenen religiösen und gesellschaftlichen Modellen behandelt. 

Im dritten Kapitel wird auf eine konkrete Verfolgungspraxis innerhalb der europäischen Hexenverfolgung der frühen Neuzeit eingegangen, in denen Menschen als Werwölfe vor Gericht standen, gefoltert und verbrannt wurden. In diesem Teil der Arbeit wird ein Einblick in die konkrete Verfolgungspraxis in Werwolfsprozessen im frühneuzeitlichen Deutschland und Frankreich gegeben, sowie in die Kennzeichnung von Werwölfen in der frühen Neuzeit. 

Im vierten und letzten Kapitel der Arbeit steht die Untersuchung von verschiedenen Krankheiten am Anfang. Diese Untersuchung wird konkretisiert auf die Tollwut, die Einordnung der Symptome dieser Virusinfektion und den Umgang mit Menschen, die Opfer der Wut wurden, da sich hier Überschneidungen mit dem Werwolfsphänomen ergeben. 

In der Untersuchung des Werwolfs als Figur aus der Überlieferung stellt sich das Problem, Geschichte als Ansammlung von fragmentarischen Geschichten vor sich zu haben, die kulturell determinierte Bezüge aufweisen. Daher ist es notwendig, den Kulturbegriff zu kennzeichnen, der für die vorliegende Arbeit die Basis darstellt. 

Es wird davon ausgegangen, daß der Mensch sich durch seine Kulturfähigkeit von anderen Lebewesen unterscheidet. [2] Kultur definiert den Menschen als soziales Wesen. Menschen können über sich selbst reflektieren, bewußt und geplant in ihre Umwelt eingreifen, diese verändern, soziale Beziehungen zu anderen Menschen pflegen. [3] Kultur ist somit kein statisches Objekt, sondern ein Prozeß, der sich über die sozialen Auseinandersetzungen und Interaktionen lebender Menschen definiert. In der historischen Bearbeitung des Werwolfthemas bedeutet dies, daß kulturelle Überlieferungen des Werwolfglaubens nicht nur aus einem Konglomerat an schriftlichen Quellen, tradierten Erzählungen, Gemälden, Holzschnitten und ähnlichem bestehen , die aus heutiger Betrachtung greifbar sind, sondern auch einen Prozeß entstandener Wirklichkeiten als solches beinhalten, der erst begriffen werden muß, um handhabbar zu werden. Kulturelle Überlieferung ist somit nicht allein das fertige Resultat, sondern der Prozeß der Produktion selbst, der sich über die sozialen Interaktionen lebender Menschen definiert. Somit sind nicht nur Werwolfsfiguren an sich Untersuchungsgegenstand, sondern auch die Entstehung des Werwolfglaubens innerhalb kultureller Prozesse. [4]

Dabei erscheint Kultur nicht nur als Bereich von wertneutralen menschlichen Austauschbeziehungen, sondern auch als das Feld, auf dem Machtkämpfe ausgetragen, Hierarchien errichtet werden. Selbst wenn bezüglich der Werwölfe ein gemeinsamer Vorstellungsraum für kulturimmanent gehalten werden sollte, ist die Art und Weise, wie sich diese Imagination in den Beziehungen der Individuen ausdrückt, sehr differenziert zu betrachten. [5] Diese Kennzeichnung des verwendeten Kulturbegriffs ist notwendig, da Werwolfsfiguren eng mit Kultur und Natur, Mensch und Tier verknüpft sind. Menschliche Vergesellschaftung wird im verwendeten Ansatz als soziale Leistung und nicht als biologisch determiniertes Merkmal angesehen. Im folgenden Kapitel stellt der Verfasser verschiedene grundsätzliche Erklärungen zum Werwolfglauben vor. Dies dient dazu, einen ersten Einblick zu vermitteln, was denn ein Werwolf überhaupt sein könnte.

 

I. Grundsätzliche Erklärungen des Werwolfglaubens

Leubuscher erklärte den Werwolfsglauben folgendermaßen: 

„[...]Es ist der Mythenkreis eines jeden Volkes aus einfachen wahren Begebenheiten hervorgewachsen, denn je weiter eine Begebenheit in die Vergangenheit zurücktritt, desto mehr liebt und strebt der Mensch, auch in seinem eignen, kurzen Leben, sie mit dichterischem Gewande zu umkleiden. [...] Halten wir diese Gedanken für die Lykanthropie, für den Wahn der Thierverwandlung fest, so wird sich die wunderbare, isolirte Tatsache bald in einen zusammenhängenden Prozeßs auflösen[...].“ [6]

Dieses Zitat verweist darauf, daß Leubuscher den Werwolfsglauben als mythische Vorstellung ansah, die aber auf Realitäten basierte und einer historischen Entwicklung unterlag. 

Der Begriff „Werwolf“ im deutschen Sprachraum, „Werewolf“ in Schottland, „Vrykolakas“ im modernen Griechenland, „Volkodlak, Vukodlak, Vulkodiak“ im Slowenischen bedeutet Wolfsmensch oder Menschwolf. In verschiedensten anderen europäischen Ländern existierten ebenfalls Vorstellungen von Wolfsmenschen mit den entsprechenden Bezeichnungen. [7] Leubuscher erklärte die Bedeutung des Wortes „Wehrwolf“ noch Mitte des 19. Jahrhunderts als Synonym für Gier und Lüsternheit an. [8] „Wehrwolf“ oder auch „Währwolff“ waren im deutschen Mittelalter und der frühen Neuzeit andere Bezeichnungen des Werwolfes. Eine einheitliche Schreibweise gab es nicht.

Ein Mensch weist also Bestandteile eines Wolfes auf, präziser ausgedrückt, ein Mensch ist auch ein Wolf oder ein Wolf auch ein Mensch. Auch der „Loup-garou“ als französche Bezeichnung für den Werwolf fällt in diese Rubrik. Nach Bernard ist dieser Name im übertragenen Sinne für einen ungeselligen Einzelgänger gemeint. [9] Da wir nach dem heutigen Wissensstand davon ausgehen können, daß Menschen sich nicht real in Wölfe verwandeln oder verwandelten, muß es sich bei der Annahme, daß dies der Fall sei, um einen Irrtum, einen Glauben, oder eine symbolische Bezeichnung von Realitäten handeln. Demnach ist die Untersuchung von Vorstellungswelten vergangener Jahrhunderte notwendig, um einen Bezug zu dem Thema Werwolf herzustellen.

Brehm, ein Tierforscher des 19. Jahrhunderts, äußerte sich zum Werwolf im Rahmen der Beschreibung des Tieres Wolf wie folgt: 

„[...]In der altgermanischen Götterwelt wird der Wolf, das Tier Wodans, eher geachtet als verabscheut; letzteres geschieht erst viel später, nachdem die christliche Lehre den Götterglauben unserer Vorfahren verdrängt hatte. Nun verwandelte sich Wodan in den „wilden Jäger“ und seine Wölfe in dessen Hunde, bis zuletzt aus diesen der gespenstische Werwolf wird: ein Ungeheuer, zeitweilig Wolf, zeitweilig Mensch, Blindgläubigen ein Entsetzen. Noch heute spukt die Werwolfsfabel in verdüsterten Köpfen und flüstert das Volk sich zu, durch welche Mittel das gespenstische Ungeheuer zu bannen und unschädlich zu machen sei.[...]“ [10]

In der vorliegenden Untersuchung findet ein Kulturbegriff Verwendung, der völkisch determinierte Kategorien wie „unsere Vorfahren“ ausschließt. Die Kurzbeschreibung Brehms spricht allerdings folgende markante Merkmale der Figur des Werwolfs an: 

  • Es handelt sich um ein Ungeheuer mit gespenstischen Zügen. 

  • Das Werwolfsmotiv basierte anscheinend auf altgermanischen Glaubensvorstellungen, [11]die sich bis weit in die Neuzeit erhielten.

  • Im Volksglauben existierte eine Fabel vom Werwolf. 

  • Es gab magische Mittel und Wege diesen Werwolf zu bannen oder zu bekämpfen und eine in altgermanischen Glaubenskomplexen positiv besetzte Figur mutierte durch die Christianisierung zu einer Schreckgestalt.  

Das Wort Gespenst (althochdeutsch „gispensti“), welches Brehm für die Kennzeichnung des Werwolfs benutzte, stand ursprünglich für ein Trugbild verführerischen Charakters, mußte aber nicht die geisthafte Erscheinung eines verstorbenen Menschen beinhalten. Ungeheuer bedeutete, daß etwas nicht vertraut war. Ob Brehm diese Bedeutungen kannte, ist dem Verfasser unbekannt. [12]

Lessing äußerte sich bezüglich des Massenmörders Fritz Haarmann, welcher von 1918-1924 siebenundzwanzig Knaben in sexueller Erregung tötete, folgendermaßen: 

„[...]Will man aber für durchaus für das auf den folgenden Blättern Niedergelegte eine vorläufige Formel, so erinnere man sich an die uralten germanischen Mythen von dem in Wolfsgestalt Mensch gewordenem „Urbösen“; an die Sagen vom Werwolf (dem roman. loupgaron, den angelsächs. Werewolfes), dem „kugelfesten“, nur gegen heilige Hände wehrlosen Unhold, der verflucht ist, Kindern die Kehle durchzubeißen und sie zerfleischen zu müssen. [...] Lykanthropen nannte die Antike solche Mordwesen [...].“ [13]

Aus dem Zitat geht folgendes hervor: 

  • Wie  Brehm verortete Lessing die Werwolfsfigur in der germanischen Mythenwelt.

  • Der Werwolf in der Überlieferung war kugelfest, also nur durch heilige, das heißt religiöse Mittel oder Zauber zu bekämpfen. 

  • Der Werwolf steht unter einem Fluch, Kinder wie ein wildes Tier zu zerfleischen. 

  • All diese Zuschreibungen sind bei Lessing auf Fritz Haarmann, also einen realen Menschen bezogen. 

  • Für Lessing ist die Werwolfsmetapher Synonym für Kannibalismus und sexualisierten Mord.  

Der Begriff Lykanthrop, den Lessing benutzte, leitete sich ab vom griechischen Lykaon, einem Menschen, der von Zeus in einen Wolf verwandelt wurde, weil er diesem seinen Sohn opfern wollte und entstammt somit der griechischen Mythologie. Sidky erklärte den Begriff als eine Zusammensetzung der Wörter lykos (Wolf) und anthropos (Mensch). [14]

So spiegelte sich für Hans Peter Duerr in ekstatischen Zuständen, die rituellen Charakter hatten, der „[...]Tod des vertrauten Ich[...]“ wider, welches sterben muß, wenn der Bereich der Kultur verlassen wird und der Mensch sich in der Wildnis mit seinem „[...]Tieraspekt[...]“ konfrontiert. [15] Duerr stellte diese These nicht für einem konkreten zeitlichen Rahmen auf, sondern für allgemeine kulturelle Zusammenhänge. Dabei beschrieb er Vorstellungswelten, in denen der Mensch sowohl einen kulturellen als auch einen animalischen Teil aufwies, wobei der tierische Anteil in zivilisierten Gesellschaften unterdrückt sein sollte. In genau diesem Zusammenhang definierte Duerr Werwölfe als Menschen, die genau diesen „Tieraspekt“ ihrer Persönlichkeit rituell ausgelebt hätten. Duerr ging davon aus, daß es sich beim Werwolfsbegriff um eine Auflösung der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis handelt. Der mythengeschichtliche Werwolf erscheint in Duerrs Ausführungen als Mischwesen in einer Zeit und Welt, in der Ordnung und Chaos keine Gegensätze sind. Nach Duerr besteht kein fundamentaler Unterschied darin, ob diese Auflösung geistig mit einer Ekstase verbunden wurde oder ob Menschen wirklich verwandelt (im Sinne von verkleidet) durch die Gegend zogen. Duerr folgerte, daß den betreffenden Männern, die bis ins Hochmittelalter hinein als reale Männerbündler erwähnt wurden, das Recht zustand, die gesellschaftliche Ordnung zu beurteilen und zu richten, weil sie diese von außen betrachteten. Als „Tote“ galten sie als außerhalb der Ordnung (und damit der für ihre Zeit gültigen rechtlichen Maßstäbe) stehende Nichtpersonen. Er geht leider nicht darauf ein, in welcher Art und Weise sich diese Vorstellungen seit dem germanischen Altertum tradierten. [16]

Levi, ein Okkultist des 19. Jahrhunderts, erwähnte den Werwolf und äußerte sich folgendermaßen: 

„[...]Gewinnen in uns die Charaktereigenschaften eines Tieres an Raum, so wächst auch dessen äußere Gestalt mehr und mehr an uns, derart, daß wir hiervon im astralen Licht ein vollkommenes Bild ausdrücken und uns selbst im Zustand des Traums und der Ekstase so sehen würden und wie wir den Tieren zweifellos erscheinen. Verlöscht die Vernunft, verwandelt sich der beharrliche Traum zum Wahnsinn, dann sind wir [...] zum Tier verwandelt. So erklären sich die Schilderungen von Werwölfen, von denen einige gerichtlich bestätigt sind. Die Tatsachen wurden bestätigt, aber die Frage, wer stärkeren Halluzinationen unterlegen war, Zeugen oder Werwölfe, blieb offen[...].“ [17]

Für ihn waren Werwölfe also Wahnsinnige, die vor Gericht standen und sich in Ekstase in Tiere verwandelten. Auch der Mythenforscher Golowin erklärte den Werwolfsglauben vor allem aus einer Traumrealität: 

„[...]Sein Körper zuckte nun auf eine Art und Weise, die den aufmerksamen Zeugen erkennen ließ: Hier war ein Mensch, dessen Seele gierig durch die Wildnis hetzte, als wäre sie ein echtes Raubtier. Manchmal öffnete sich sogar der Mund des Schlafenden, er fletschte die Zähne und ließ ein undeutliches Knurren hören [...].“ [18]

Dieses Zitat von Golowin konkretisiert seine Theorie, nach der die Werwolfssage aus den Imaginationen naturverbundener Menschen und Volksgruppen zum Beispiel im Alpenraum rührte und in Verbindung mit einer bestimmten, durch Kräuter verstärkten Wahrnehmung in einer Form von Wachtraum imaginiert wurde, bis die Agierenden sich selbst in das Tier hineinversetzten. Golowin beschrieb folgende Facetten des Werwolfglaubens:  

  • Die Verwandlung in einen Werwolf ist eine geistige. 

  • Diese Verwandlung ist der Wildnis und der Seele zugeordnet. 

  • Die damit verbundene Imagination geht einher mit der Gier von Raubtieren. 

Stewart erwähnte die Theorie von Grimm, nach dem die Wolfsverwandlung durch das Tragen eines Gürtels aus Wolfsfell zwanghaft vollzogen wurde. [19] Leider ist nicht erwähnt, auf welche Zeit Grimm sich hier bezog. Damit stellte die Wolfsverwandlung keine bewußt gesteuerte Tat dar, sondern verursachte einen blinden und rasenden Zustand.

Auch andernorts ist die Rede von dem Zaubergürtel aus Wolfsleder, der die Verwandlung eines Menschen in einen Wolf einleiten sollte. Die Verwandlung konnte in solchen Glaubensvorstellungen durch das Öffnen der Gürtelschnalle aufgehoben werden. Dieser Gürtel verlieh außerordentliche Kräfte, aber auch einen Heißhunger nach allem Lebendigem. Konkret zeigte sich die Vorstellung von einem magischen Gürtel im frühneuzeitlichen Prozeß gegen Peeter Stubbe, welcher in III.3.1. behandelt wird. Der Werwolf konnte dadurch erkannt werden, daß, wenn er in Tiergestalt menschliche Gegenstände zerrissen hatte, die Fasern auch nach der Rückverwandlung zwischen seinen Zähnen kleben blieben. [20] Der Werwolf sollte sich im Dunklen aufhalten, was in der in II.1. skizzierten Affinität des Wolfsgewandeten zum Totenreich, welches wiederum mit Nacht und Dunkelheit in Verbindung gebracht wurde, nicht verwunderlich erscheint. [21] Durch Namensmagie sollte der Fluch, ein Werwolf zu sein, gebrochen werden können. Namensmagie bedeutet in diesem Fall der Glaube, einen Einfluß auf eine übernatürliche oder dämonische Wesensheit zu gewinnen, indem deren Name ausgesprochen wird.

Stewart erklärte das Überwerfen der Felle gefährlicher Tiere als die Übertragung von deren als übernatürlich angesehener Macht auf den menschlichen Träger, wobei es im Falle des Wolfes, der seit jeher als Viehräuber und gefährlicher Feind des Menschen angesehen wurde, um einen Kampf um Leben und Tod gegangen sei. [22] Da diese Darstellung vage bleibt, ist sie nicht verifizierbar, sondern muß als Theorie betrachtet werden. Stewart beschrieb nicht, auf welche Kulturen oder Zeiten sie sich konkret bezog. Tiermasken und Tierbalg seien als Tarnung verwendet worden, die Bewegungen und Rufe der Tiere wurden nachgeahmt und in Tanz und Gesang ritualisiert. Stewart erwähnte den Mann im Wolfsfell als „[...]lauernden Räuber“ und „Zerstörer des Menschenlebens[...].“ [23] Lykanthropie, von ihr synonym für die Wolfsverwandlung verwendet, erklärte die Volkskundlerin als Tarnung für Raubzüge.

Stewart erarbeitete eine historische Chronologie von der Verwandlung in einen Wolf durch das Tragen eines Wolfsgewandes im germanischen Altertum über die im Mittelalter belegte Verwendung eines Gürtels aus Wolfsfell bis zur Tarnkappe der Sage, die unsichtbar macht. Den Ursprung entdeckte sie in einem friedlichen Kult, in dem Tierfelle getragen wurden, um sich an Beutetiere heranschleichen zu können. [24] Dabei übersetzte sie wer nicht als Mann, sondern leitete es von wasjan ab, was kleiden bedeutet. Werwolf würde somit für Wolfsgewand stehen.  Diese Theorie basiert nicht auf fundiertem Quellenmaterial. Den Werwolfsglauben hätte es überall gegeben, seine weiteste Verbreitung habe er in Nordwestdeutschland und den slavischen Ländern gehabt. [25] Stewart ging dort, wo sich ihre Darstellung auf Mitteleuropa bezog, nicht auf den zeitlichen Rahmen ein. Ein kultureller Vergleich mit Jagdpraktiken nordamerikanischer Indianervölker, den sie zog, reicht für eine genauere Analyse europäischer Werwolfsolfsmythen nicht aus. Der ursprüngliche Werwolf soll der Nachtwind, der Führer der toten Seelen im winterlichen Sturme gewesen sein. [26] Demnach war der Hauptwerwolf und Herr der Werwölfe in der religiösen Vorstellung kein anderes Geschöpf als Wotan selbst, der Führer des Totenheeres, der in seiner Funktion als Führer der wilden Jagd in Mitteleuropa auch in der frühen Neuzeit noch in Erscheinung trat. Der Wotansglauben ist Untersuchungsgegenstand in Kapitel II.1..

Der von Stewart zitierte Fiske erklärte die Vorstellung von körperlich in Wölfe verwandelten Menschen aus der vorhergehenden Imagination von wolfsähnlichen Gespenstern. [27] Leider geht aus der Quelle nicht hervor, auf welche Glaubensvorstellung und Kultur Fiske sich bezog. Seine Theorie würde zu der These von Dinzelbacher passen, der beschrieb, wie sich im Laufe des Mittelalters eine frühmittelalterliche diffuse Angst in greifbare und bildhafte Furcht vor konkret gewordenen Dämonen transformierte. [28]

Stewart erwähnte in ihrer Auseinandersetzung die Thesen von Leubuscher, [29]der die Werwölfe als Hirten ansah, welche in der freien Natur lebten und den Wolf in ihrer Einbildung als stärkstes Element gehabt hätten, was daraus hervorging, daß sie am meisten von allen Tieren mit ihm kämpfen mußten und von Berufs wegen einer besonders starken Beunruhigung durch Wölfe ausgesetzt gewesen seien. Unklar bleibt in Leubuschers Theorie, ob diese Hirten glaubten, daß sie sich selbst in Wölfe verwandeln könnten oder ob das Verhalten der Wölfe (Wölfe jagen in Rudeln mit ausgeprägten Jagdstrategien) ihnen menschlich erschien. Für das Thema dieses Kapitels ist in Leubuschers These entscheidend, daß demnach der Werwolfsglauben auf einer Einbildung von Hirten basierte. Der Werwolf erklärt sich somit als Phantasieprodukt, als mythisches Wesen. Diese Deutung kommt Brehms Darstellung der Gespenstnatur des Werwolfs nahe.

Ginzburg rückte die Tatsache, daß analoge Vorstellungen über Werwolfe in keltischen, germanischen, slawischen und mittelmeerischen Kulturen über einen langen Zeitraum hinweg existierten in den Vordergrund. Da die Personengruppen, denen diese Verwandlungen zugeschrieben wurden (einzelne Individuen, Familien, ganze Ethnien) variierten, zeige sich nicht nur geographisch, sondern auch soziokulturell eine vielfältige Erscheinung dieses Phänomens. [30] All diesen Vorstellungen gemeinsam schien aber zu sein, daß sie von vorübergehender Natur waren und durch rituelle Handlungen eingeleitet wurden.

Nach Grimm symbolisiert der Werwolf das „tierisch Dämonische in der Menschnatur“. [31] Moralisch-religiös determinierte Kategorien wie dämonisch und göttlich innerhalb einer abstrakt gesetzten, also ahistorischen „Menschnatur“ entbehren einer geschichtswissenschaftlichen Herangehensweise. Im Gegenteil erkennt der Verfasser im Begriff des Dämonischen eine Zuschreibung, die innerhalb religiös determinierter Lebensstrukturen angewandt wurde und sich aus ebendiesen Bezugssystemen ergab, welche wiederum von Menschen geschaffen wurden, somit einen gesellschaftlichen Ursprung hat. Einen genaueren Einblick in Gesellschaftsformationen, in denen diese Vorstellung eines Werwolfs als dämonisches Wesen von Bedeutung war, gibt das nächste Kapitel.

 

II. Der Werwolf als mythen- und fabelhafter Topos der germanischen Religion und des christlichen Mittelalters

Zur Einsicht in die grundsätzliche Problematik, die sich in einer Untersuchung mythengeschichtlicher und mythologischer Komplexe ergibt, soll folgendes Zitat dienen: 

„[...]Geschichtsmythologie bildet [...] einen selbstständigen Zweig innerhalb der älteren Geschichtsschreibung und wohl der ältesten [...] Hier, wo die Trennung von dichterischer Phantasie und einfacher Überlieferung historischer Tatsachen noch nicht vollzogen ist, läßt sich doch ein historischer Kern freilegen, wie es die kritische Geschichtsschreibung späterer Zeiten getan hat[...].“ [32]

In diesem Kapitel wird der Aspekt des Werwolfs als mythisches Motiv innerhalb kultureller Lebens- und Glaubenszusammenhänge der germanischen Religion und des christlichen Mittelalters behandelt. Die Untersuchung erfaßt den Werwolf als Element der europäischen Mythengeschichte, was in der Komplexität der in diesem Kapitel behandelten Transformationen religiöser Vorstellungen (germanisches Heidentum, christianisierte Magieformen des mittelalterlichen Volksglaubens und christliche Dämonenlehre) in Bezug auf Werwolfsfiguren eine Vorabdefinition des Begriff der Mythengeschichte erfordert. 

Mythengeschichte bedeutet in diesem Fall, daß ein durch Mythen tradierter Begriff geschichtliche Bezüge aufweist. Die Transformationen und Übernahmen der Werwolfsmythen von der germanischen Religion zum christlichen Glauben des Mittelalters sind hier Gegenstand der Betrachtung. 

Nach Spence besteht die elementare Bedeutung von Mythen in kulturellen Zusammenhängen darin, Menschen das lebens- und überlebensnotwendige Wissen über die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt zu vermitteln, die Entstehung von sozialen Gefügen und Gesellschaften zu erklären. [33] Die Existenz einer Vielzahl von Mythendeutungen in Zusammenhang mit Werwolfsvorstellungen läßt nicht zwangsläufig den Schluß zu, daß der Werwolf Bestandteil einer geschlossenen Mythologie gewesen sein muß. Dies resultiert daraus, daß bezüglich des Werwolfglaubens ein vielschichtiger magiegeschichtlicher Konsens innerhalb Europas über die Zauberei und die damit verbundene Tierverwandlung bestand, der sich vor allem sozialpsychologisch begründen läßt und also eher symbolische Natur aufwies als eine Orientierung an realen Fakten. [34]

In diesem Kapitel findet eine Auseinandersetzung mit dem symbolischen Gehalt von Glaubensvorstellungen in der germanischen Religion vor der Christianisierung und im christianisierten Mittelalter statt. Im Glauben an Werwölfe definiert sich auch das, was aus kulturanthropologischer Perspektive als unbewußte kulturelle Struktur betrachtet wird. [35] Die Methodik der Kulturanthropologie, die unbewußten Grundlagen des sozialen Lebens [36] in die Bearbeitung einzubeziehen, muß somit berücksichtigt werden. Dazu zählen vor allem magisch konnotierte Symbolzusammenhänge des Volksglaubens. Aus Gründen der Überschaubarkeit bezieht sich der Verfasser in der Betrachtung auf Deutschland und Frankreich. Konkret werden Glaubensvorstellungen behandelt, die:

  • Werwölfe betrafen, welche sich auch mit diesem Begriff oder analogen Zuweisungen wie Wolfshäuter bezeichneten oder bezeichnet wurden; 

  • aus dem Volksglauben stammten und Fragmente beobachteten Verhaltens von Wölfen mit erdichteten und geglaubten Erzählungen über die Tierart schmückten, aber für eine Aufarbeitung des Werwolfsbegriffs notwendig sind, da sie als Wolfsmären viel über das Bild vom Wolf in der Bevölkerung und damit auch vom Werwolf aussagen; 

  • durch die christliche Tradition im Mittelalter verändert und von der Gelehrtenkultur im Sinne einer christlichen Kultur interpretiert wurden; 

  •  dem Bereich der mittelalterlichen Tierfabeln zuzuordnen sind, in denen Tiere bestimmte menschliche Charaktertypen verkörperten.

     

II.1. Ekstatische Reisen / Untersuchungen zum Glauben an Werwölfe in der germanischen Religion

Es ist unabdingbar, einige Grundzüge des germanischen Rechts zu erklären, die entscheidend für die Bewertung von dämonischen Figurationen in vorchristlichen Glaubensvorstellungen Mitteleuropas sind: Die Glaube an Werwölfe im germanischen Altertum basierte darauf, daß eine Vorstellung vom selbstverantwortlichen Individuum als Straftäter den altgermanischen Gesellschaften fremd war. So wurde menschliches Leben lediglich als Bestandteil innerhalb einer sakralmagischen Ordnung der Welt angesehen. Wenn Menschen handelten, dann nur, um diese Ordnung herzustellen, aufrechtzuerhalten oder zu stören. In jedweder Handlung manifestierte sich jedoch eine außermenschliche Kraft, die den Menschen steuerte, in der er nicht das entscheidende Subjekt war. Demzufolge gab es auch keine Straftäter im heutigen Sinne, dafür aber Menschen, die die Harmonie der Welt brachen, außerhalb der Ordnung standen. Die Träger dieser sakralmagischen Handlungen waren die freien germanischen Männer. Frauen, Kinder und Sklaven konnten keine als Heil bezeichnete und verbindende Kraft in die Welt bringen. Nicht der einzelne Mensch, sondern die Sippe stand im Vordergrund der Rechtsvorstellungen. Schaden an der Sippe bedeutete für diese Verlust an Ganzheit, an Heil. Täter innerhalb der Sippe wurden als ihr nicht zugehörig erklärt, als Missetäter und Dämonen angesehen, die sich in die Sippe eingeschlichen hatten. Sie galten als unheimlich, da ihre negative Kraft nicht eingeschätzt werden konnte, wurden getötet oder vertrieben. Daraus resultierten unter anderem Werwolfsbilder. Für das Leben des gemeinen germanischen Volkes waren die Götter sekundär, die Sippe existierte als Einheit der Lebenden und der toten Ahnen. Der Ahn galt als Quelle der Kraft, der Heiligkeit des freien germanischen Mannes. Vor diesem Hintergrund lassen sich die altgermanischen Vorstellungen von Reisen zu den Toten verstehen. Kräfte und heilige Gegenstände wurden personifiziert, als Dämonen betrachtet, zu denen auch die Götter selbst gezählt werden können, im Unterschied zum christlichen Gottesbegriffes wiesen diese nämlich einen durchaus ambivalenten Charakter auf. Für die Konkretisierung der Werwolfsfigur ist von elementarer Bedeutung, daß sich in den Handlungen der Menschen im sakralmagischen Denken der germanischen Religion ausschließlich eine übernatürliche Kraft artikulierte. Bei Streitereien, Tötungen und allgemeinen Verbrechen innerhalb der Sippe ergab sich das Dilemma, daß der Täter als freier Mann eigentlich von der Heilskraft der Sippe getragen wurde und sich nun gegen diese stellte. Daher galt der Missetäter als von Dämonen besessener Unhold oder sogar selbst als schadensbringender Dämon, der von außen in die Sippe eingedrungen war. Zumindest galt er nicht mehr als der Sippe zugehörig und nicht als Mensch. Um das Sippenheil wiederherzustellen, mußte er vernichtet werden. [37] Diese Rechtsvorstellung zeichnete die Entstehung des Werwolfglaubens in der altgermanischen Religion aus, in der ein Mensch, der das Sippenrecht brach, als Dämon oder dämonisiertes Tier betrachtet wurde.

Nach Döbler stammten die sogenannten Wolfshäuter, also germanische Männer, die sich in Wolfshäute hüllten und glaubten, so die Kräfte der als stark und mächtig angesehenen Wölfe anzunehmen, zu Wolfsmenschen, also Werwölfen zu werden, aus der archaische Zeit der germanischen Tiertotems. Die Gewänder, mit deren Hilfe Menschen sich in altgermanischen Vorstellungen in Wölfe verwandeln, „die Hülle wechseln“ konnten wurden als ulfahamir bezeichnet, was Wolfsgewand bedeutet. [38] Da Eber, Stier, Hirsch und Vogel als Totemtiere in altgermanischen religiösen Vorstellungen belegt sind, der Wolf aber nicht, kann Döblers Vermutung nicht eindeutig bewiesen werden. Diese Beziehung zum Totemismus, einer Glaubens- und Gesellschaftsstruktur, in der eine Sippe das Totemtier, nach dem sie benannt ist, schont und dafür als Gegenleistung Schutz erhält, wirft, wenn der Wolf als Totemtier verehrt wurde, einen Bezug zur Werwolfsvorstellung auf, da in totemistischen Glaubensstrukturen die Identifizierung mit dem Totemtier besonders ausgeprägt war und ist. Das Totemtier stand in altgermanischen Gesellschaften zur Sippe in einer engen Wechselbeziehung. Die Sippe leitete ihren Ursprung von dem Totemtier, einem auf eine Quintessenz reduzierten sogenannten Tiergeist ab und versuchte, sich diesem durch Rituale, die das Verhalten des Tieres (im Falle dieser Arbeit des Wolfes) kopierten, zu nähern und mit ihm zu verschmelzen. Der von Stewart zitierte Fiske sah den Ursprung des Werwolfglaubens in der Verehrung toter Vorfahren mit Wolftotems und deren Verwandlung in göttliche Wölfe, im Sturmwind, der als Geheul wolfsartiger Ungeheuer [39] und Verstorbener gedeutet wurde, in Berserkerraserei und Kannibalismus. [40]

Eliade verwies auf eine Verbindung von Wolf und Mensch in altgermanischen Männerbünden. [41] Diese Vorstellung war eng geknüpft an den Gott Odin, ursprünglich Wotan, der zugleich als Gottheit des Todes, Herr des Zaubers, des Krieges und der Ekstase wirkte. Wotan ist die südgermanische, altertümliche Form des nordgermanischen Odin, wobei letzterer bis in das frühe Mittelalter hinein in der Skaldik und nordgermanischen Mythologie in seiner Erscheinung verfeinert wurde. Droß zufolge fungierte Odin außerdem als Gott der Jagd und des Waldes, zusammengefaßt als Gottheit der Wildnis. [42] Als oberster Gott opferte er sich selbst an sich selbst, da er sich als Gott immer nur selbst opfern konnte. Symbolisch dafür wurden der Geopferte und der sich Opfernde vergottet. [43] Die von Ginzburg als „vorübergehender Tod“ beschriebene und für Vorstellungen von Wolfsverwandlungen kennzeichnende Ekstase zeigte sich im Odinsglauben als eine vergöttlichte Form des Todesrausches. Die ekstatische Erfahrung war angesiedelt im Bereich der Todesnähe. [44] Der Kriegsgott Odin galt als der Haupturheber in der Erschaffung der Welt, gleichzeitig als Gott des Todes, der Magie und Herrschaft. Die Verbindung dieser drei Eigenschaften reichte vom germanischen Altertum bis in die Kultur und spirituelle Überhöhung des mittelalterlichen Königstums hinein. [45] Der Tod in der Schlacht wurde gleichsam ein religiöses Ritual, eine ekstatische Erfahrung. [46] Verbunden damit erscheint das Selbstopfer als Moment hierarischer Gesellschaftsstrukturierung, innerhalb derer dem einzelnen Leben weniger Wert zugemessen wurde als einem gewaltsamen Tod. Dabei wurde das Göttergeschlecht der Asen (Odin, Donar, ihre Frauen und Verwandten) anscheinend hauptsächlich vom Adel und dessen Gefolgschaften verehrt. Diese Asen traten in den Zeiten der Völkerwanderung in die Vorherrschaft der Götterhierarchie. Wie bei vielen Darstellungen in der germanischen Religion wird auch bei den Siegen des Asengeschlechtes im Krieg gegen das Wanengeschlecht vermutet, daß reale historische Begebenheiten den Kern des Götterkampfes ausmachten. [47]

Hinsichtlich der Werwölfe ist beim Odinsglauben die besonders enge Affinität des Gottes zu dem Tier Wolf von Bedeutung. Odin, der Gott der Toten, wurde von zwei Raben und zwei Wölfen begleitet. Der Gott selbst wurde in einigen Bildern mit einem Wolfskopf dargestellt. [48] Der Name Wotan, Wuotan oder Wodan bedeutete: Der Wütende. Wodan war auch die Wind-und Sturmgottheit, wobei sich dieser Wind in der Ekstase auch als „geistiger“ Wind manifestieren konnte. Für Figuren, die in der germanischen Darstellung als Mischwesen aus Wölfen und Menschen erschienen, ist jedenfalls eine religionsgeschichtliche Zuordnung des Wolfes zum Krieg und Tod zu erkennen, die sich in ihrer symbolisch-mythologisch-ideologischen Bedeutung zumindest von süd- und nordgermanischen Vorstellungen des Altertums bis zur Tradition des christlich-mittelalterlichen Königtums in Mitteleuropa erhielt.

Hervorheben läßt sich, daß die Verwandlung in Wölfe die am häufigsten beschriebene Tierverwandlung in den mythischen Vorstellungen des germanischen Altertums war. 

Eine andere Wolfsverwandlung einer anthropomorphen Gottesfigur in der germanischen Religion vollzieht sich bei Loki, dem Trickster, dessen Magie als dunkler, unheilvoller und böser zu betrachten ist als die des Götterherrschers Odin. Aus seinem Leib nämlich entstand der Fenriswolf, der die Tore zur Unterwelt bewachte und dem Gott Tyr die Hand abbiß. Der mythologisierte Wolf und sein anthropomorphologisiertes Pendant, der Werwolf können als zentrale Elemente germanischer Glaubensvorstellungen angesehen werden. Die Bezeichnung von germanischen Kriegern als Wölflinge oder Wölfe steht in besonderem Bezug dazu, daß das Tier Wolf neben Rabe und Adler als Leichenfresser vom Tod in der Schlacht profitierte. Anscheinend darauf basierend galten Wölfe in der germanischen Religion als Tiere mit einem besonderen Zugang zur Totenwelt. Die Verwandlung in einen Wolf, der enge Bezug zu einem Totenreich, die Todesnähe im Krieg sowie das Töten und Sterben in der Schlacht gehörten in der germanischen Religion zusammen, wobei das Bindeglied der Ekstase diese verschiedenen Elemente miteinander verknüpfte. [49] Wölfen in der germanischen Mythologie zugestandene Eigenschaften gehen aus den Namen der beiden Wölfe hervor, die den Gott Odin begleiteten: Geri bedeutet gierig und Freki gefährlich. [50] Demnach galten Wölfe in der germanischen Religion als gierig und gefährlich. Eine andere Übersetzung lautet allerdings Kraft und Mut. [51] Die nordische Bezeichnung Vargulfr kann mit schlimmer Wolf oder auch böser Wolf übersetzt werden. [52] Im Zentrum germanischer Vorstellungen von Wolfsverwandlungen stand demnach die Erlangung von Mut, Kraft, aber auch Wildheit.

Bei all diesen Begrifflichkeiten geht aus dem verwendeten Quellenmaterial nicht eindeutig hervor, aus welcher Zeit sie stammen. Ähnliches gilt für patriarchalische Kriegerbünde, die als in Odins Gunst stehend galten. Diese Berserker sind Thema des folgenden Unterkapitels. 

 

II.1.1. Ekstase als Kriegsrausch / Die Berserker

„[...]Mythen sprachen eine Ansicht über den Aspekt der Welt aus, die mit dem Wirken der Götter unmittelbar verbunden war.[...]“ [53]

Im Sinne des obigen Zitates traten zumindest innerhalb der nordgermanischen Mythenbildung Krieger in Erscheinung, denen die göttlich verliehene Kraft von Bären und Wölfen zugesprochen wurde. Dies gilt für Skandinavien, analoge Vorstellungen existierten aber auch im südgermanischen Raum, dem späteren Deutschland. Die erwähnte göttliche Wut bezeichnete einen Zustand der Raserei dieser Männerbünde, die unter dem besonderen Schutz von Odin-Wotan stehen sollten. [54] Sie wurden als Berserker bezeichnet. Ihr Gang in die Schlacht hieß Berserkirgang. [55] Der Überlieferung zufolge verwandelten sie sich in einer als religiösen Erfahrung verstandenen Ekstase in Bären oder Wölfe und kämpften und töteten dann in rasender Wut. Dieser ekstatische Zustand wurde mit dem Begriff Berserkerwut bezeichnet. Berserker bedeutete entweder Bärenhülle [56]oder Bloßhemd, worunter verstanden werden kann, daß diese Krieger ohne Rüstung kämpften [57]. Diese Bärenhemdigen [58] hielten sich im mittelalterlichen Skandinavien mehrere hundert Jahre, bis sie im 12. Jahrhundert aus ungeklärten Gründen verschwanden. [59] Aus dem in Zusammenhang mit den Berserkern verwendeten Quellenmaterial geht nicht eindeutig hervor, in welcher Form diese wirklich in Erscheinung traten. Die angeführten Beschreibungen geben möglicherweise eher Auskunft über eine symbolische Zuordnung als über historische Geschehnisse. Die Facetten der Berserker sind jedoch für eine Einordnung der den Werwölfen zugesprochenen Eigenschaften notwendig.Während sie ursprünglich wohl als Leibwache des Königs dienten, wurden sie in Sagas des 11. und 12. Jahrhundert verachtet und gefürchtet. [60]

Die untoten Krieger im Totenheer, welches vom Totengott Odin-Wotan geführt wurde, hießen ulfar, Wölfe, eine Begrifflichkeit, die auch auf die Berserker angewandt wurde. Eine andere Namensgebung dieser Krieger-Männer lautete nämlich ulfhedhnar. Dieser Begriff ist ungefähr übersetzbar als „Mann im Wolfspelz“ oder „Wolfspelze“. In bestimmten Quellen wird für die Berserker ein dämonologischer Entwicklungszusammenhang vermutet. In einem anderen Erklärungszusammenhang wurde die Verwandlung der Berserker als seelische Reise betrachtet, womit deren Ekstase als solche keineswegs einen kriegerischen Impetus aufgewiesen hätte. Die isländischen Sagas berichteten, daß die Berserker wie Bären oder Wölfe gekämpft hätten, während ihre leblosen Körper zuhause lagen. [61] Falls die Berserker,wie Duerr beschrieb, tatsächlich die Bevölkerung überfielen, raubten, mordeten und plünderten sowie Frauen entführten und vergewaltigten, läßt sich ihre Lebensweise keinesfalls als die soziale Ordnung einer agrarischen Gesellschaft stützend bezeichnen. [62] Somit nahmen diese Kriegermänner, indem sie in besonderer Gunst des Gottes Odin standen, eine privilegierte Stellung außerhalb der gültigen Rechtsnorm ein, innerhalb eines nur für sie geltenden „Kriegsrechts“.

Ein Zustand von enthemmter und ekstatischer Wildheit, sozusagen ein bewußt herbeigeführter Ausnahmezustand wurde in diesem Religionsbild,das heißt im Weltbild des nordgermanischen Adels im Spätaltertum und Frühmittelalter, also nicht nur gebilligt, sondern sogar als besonderer Dienst an einem Gott betrachtet. Die den Tieren Wolf und Bär zugeschriebenen Charaktereigenschaften wie Mordlust und Gewalt, das Fressen von rohem Fleisch und das Saufen von Blut sollten durch das Tragen seines Felles auf den Träger übergehen. Der Wolf wurde sozusagen anthropomorphologisiert, der Mensch vertiert. Für die Gesellschaft waren die Berserker auf eine bestimmte Art und Weise gestorben. Sie galten als Tote. Hier schließt sich der Kreis, denn in vielen archaischen Kulturen mußte derjenige, der töten durfte, selbst als tot gelten. [63] Nach Pörtner drückte sich dieses „Berserkertum“ auch in der Kriegsführung der nordischen Völker (frühmittelalterliche Wikinger) selbst aus, durch [...] extreme Wildheit, blutige Suizidräusche, Wutekstasen, [...] Akte erschreckender Grausamkeit [...]. [64] Es wird darauf verwiesen, daß die Berserker nach Duerr mit bewußtseinserweiternden Substanzen wie Fliegenpilz aufgeputscht waren. Diese Vermutung ist allerdings umstritten. So spielt der Fliegenpilz in den ekstatischen Ritualen der sibirischen Schamanen wohl eine zentrale Rolle, doch keine seiner Auswirkungen auf die Psyche läßt auf kriegerische Raserei schließen. [65] Golowin hingegen schrieb:

„[...]Er (der Fliegenpilz) verursacht Berauschung, Wahnwitz, Tollkühnheit, Zittern und eine solche Wut, daß man sich für Verzweiflung in Schwerter, und ins Feuer hineinstürzt.[...]“ [66]

Berserkerkrieger und Wolfshäuter könnten als Menschen bezeichnet werden, die als in totemistischer Beziehung zum Bär oder Wolf stehend angesehen wurden. [67] Im südgermanischen Raum waren solch totemistische Glaubensvorstellungen in den ersten Jahrhunderten nach Christus als Bestandteil praktizierter gesellschaftlichsstabilisierender Riten irrelevant geworden. Aus dem verwendeten Quellenmaterial geht leider nicht hervor, inwieweit sich totemistische Vorstellungen in Skandinavien möglicherweise bis ins Mittelalter erhielten. [68] Zumindest kann vermutet werden, daß die Berserkervorstellung ursprünglich auf einem totemistischen Bezugssystem basierte.

Für das Thema dieser Arbeit stellt sich der Zusammenhang, daß in Wolfshaut gekleideten Menschen in einer Verwandlung übernatürliche Kräfte zugesprochen wurden, die darauf basierten, daß das Tier Wolf kriegerische Eigenschaften zugesprochen bekam. Das Element der Wolfsverwandlung in germanischen Glaubenskonstrukten kann also als Definition von kriegerischen Männern betrachtet werden 

 

II.1.2. Ekstase als religiöses Ritual / Schamanismus und Werwolfsbegriff

Als Schmamanen werden religiöse Praktiker bezeichnet, die sich willentlich in andere Bewußtseinszustände versetzen, um durch das Eindringen in andere Wirklichkeiten Wissen und Kraft für die Mitglieder der Gemeinschaft, in der sie leben, zu erhalten. [69] Sowohl in der Figur des germanischen Gottes Odin als auch im Werwolfsbegriff finden sich Hinweise auf schamanische Elemente in der germanischen Religion. Zur Tierverwandlung im Schamanismus:

„[...]Das hervorstechenste Merkmal waren zunächst die Krankenheilungen in ekstatischen Zuständen des Heilers, eben des Schamanen, und zwar vor einem dämonischen Hintergrund. [...]Dazu gehört die weitere wichtige Vorstellung, daß diese Kraft zur Hauptsache von Tiergeistern herrührt, die oft tiergestaltig sind und unter denen einer die Führung hat, der dem Schamanen besonders nahesteht.[...]“ [70]

Das vorhergehende Zitat zeigt, daß Zusammenhänge zwischen Schamanismus und Tierverwandlung bestehen. Diese Verbindung wird nun bezüglich der Werwölfe in der germanischen Religion kurz beschrieben. 

Bereits in der Funktion des germanischen Gottes Odin wurde auf dessen möglichen Ursprung aus einem schamanistischen Zusammenhang hingewiesen. Es gibt einen Hinweis darauf, daß der Werwolfsglaube seinen Kern im germanischen Seelenglauben hat, nach dem gewisse Menschen die Eigenschaft besitzen, ihre Seele in Tiergestalt aus dem Körper ziehen zu lassen. [71] Da diese Arbeit ausdrücklich keine Auseinandersetzung mit Schamanismus beinhalten kann, erfolgt an dieser Stelle lediglich eine Erwähnung von Elementen des Schamanismus, die in Bezug zum Thema stehen. Es wird in der Literatur auf einen Zusammenhang zwischen den Odin zugeordneten Wölfen und Schamanismus hingewiesen, wobei sich Odin ursprünglich wohl selbst in einen Wolf verwandelte und die mythologisierten Wölfe in der Frühform schamanische Hilfsgeister darstellen könnten. [72] Auch konnte der Gott Odin seinen Geist in ein Tier verwandeln und so in Tiergestalt umgehen, während sein Körper schlief. Es gibt analoge Überlieferungen von Schamanen und Zauberern, die eben diese ekstatischen Kämpfe und Reisen ausführten, während ihr Körper leblos oder schlafend lag. [73] Angefangen bei der Selbstopferung des Gottes bis zu den ihn begleitenden Wölfen, die aus schamanischen Hilfsgeistern hervorgegangen sein mögen und dem Abstieg in die Unterwelt auf seinem achtbeinigen Schimmel Sleipnir, finden sich diverse Elemente in der Figur des Odin, die auch in schamanischen Ritualen auftreten. Da in dieser Arbeit aber nicht Odin, sondern die Vorstellung von Werwölfen untersucht wird, sollen hier nur Ansatzpunkte aufgezeigt werden, die die vorliegende Untersuchung ergänzen können.

Nach Eliade gibt es zwischen den Kriegsräuschen der Berserker und Schamanismus nur periphere Verbindungen, da sich deren militärische Initation von den schamanischen Initationen grundlegend unterscheidet. Davon abgesehen, ist die Verwandlung in wilde Tiere nicht nur im schamanistischen Bereich bekannt, sondern aus verbreiteten Riten der Jägerkulturen, die nicht unbedingt schamanischen Charakter aufweisen müssen. [74] Ginzburg stellte die Werwölfe in direkten Bezug zum sibirischen Schamanismus, als dessen Wesensmerkmal er die Ekstase vorstellt. [75]

Sidky negierte die Vorstellung eines schamanistischen Glaubensgeflechts, welches sich in der Vorstellung, im Ritus und Mythos des Hexensabbat offenbarte mit der Begründung, daß die Verbindung, die Ginzburg aufgrund der Analyse von Hexen- und Werwolfsprozeßdokumenten zwischen Aussagen der Verfolgten im frühneuzeitlichen Europa und dem sibirisch-asiatischen Schamanismus zog, ausschließlich genereller Natur seien und rein spekulativen Charakter aufwiesen. [76]

Auch für Eliade war die Verbindung von Schamanismus und Werwolfsvorstellung schwer zu bestimmen, da sich ein Schamane sehr wohl in verschiedene Tiere verwandeln könne, nicht aber nur in eine Tierart. Eliade begriff die Ekstase nicht als hinreichendes Kennzeichen schamanischer Praxis, da auch andere religiöse und vorreligiöse Zusammenhänge die Praxis der Ekstase kennen und kannten. [77] Demnach stellte die Wolfsverwandlung kein notwendiges Kriterium für schamanische Bezüge des Werwolfglaubens dar. Genauer gesagt, Schamanen scharten zwar tierische Hilfsgeister um sich und unternähmen ekstatische Reisen, in denen ihre Seele in Tiergestalt aus dem Körper träte, befählen jedoch eher Geistern, als sich selbst in Tiere zu verwandeln. [78]

Einige Merkmale, die aus schamanistischen Kulten und Riten bekannt sind, weisen Ähnlichkeiten zu Werwolfsvorstellungen auf, diese Analogien reichen jedoch nicht aus, um eine Verbindung zwischen Schamanismus und Wolfsverwandlung herzustellen. 

 

II.1.3. Veränderung der Werwolfsfigur in der Christianisierung des Frühmittelalters

 „[...]Quum sanctorum gesta narrantur, torpens animus excitatur, Iaus Dei resonat, ecclesia proficit et exultat, congaudent sancti, dolet humani generis hostis antiquus.“

(„Wenn die Taten der Heiligen erzählt werden, wacht der stumpfe Geist auf, ertönt das Lob Gottes, schreitet die Kirche vorwärts und jubelt, freuen sich die versammelten Heiligen und leidet der alte Feind des Menschengeschlechts)[...].“ [79]

Obiges Zitat aus dem Frühmittelalter verweist auf ein Religionsbild, von dem auch die Figur des Werwolfs nicht unberührt blieb.  

Die beschriebenen heidnisch-germanischen Zuordnungen von Menschwölfen erfuhren in der Christianisierung Mitteleuropas eine Umdeutung, genauer gesagt, eine Dämonisierung im Sinne von Verteufelung, So wurde Wotan im Sächsischen Taufgelöbnis aus dem Jahre 772 unter die Dämonen gereiht, die Unholde, die den Menschen böse Träume verursachen und sie um ihren Schlaf bringen. [80] Das Tier als solches, im germanischen Heidentum zumindest ambivalente Figur, wird im christlichen Mittelalter zum „[...]Repräsentant der unersättlichen widerchristlichen Macht.[...]“ Das Tierische wird zum Inbegriff des Teuflischen. [81]

Zum Weltbild des christianisierten Frühmittelalters muß Einiges vorab angemerkt werden, um den Werwolf in diesen Gesamtzusammenhang beschreiben zu können:  

Die Heilsvorstellung des germanischen Altertums, die auf einer geglaubten harmonischen Ordnung einer vergöttlichten und beseelten Natur basierte, fand im christianisierten Mittelalter eine Transformation dahingehend, daß sich die Ordnung des patriarchalischen christlichen Gottes im moralisch-gottgefälligen Leben des Königs und der ihm untergeordneten Christenmenschen manifestierte. Das Wolfsbild wurde übernommen und gleichzeitig verfremdet, der christliche Teufel auch als „Erzwolf“ bezeichnet. Durch die Kirche entstand im Unterschied zum germanischen Sippenrecht eine Strafgerichtsbarkeit. Der Missetäter galt nicht mehr als Dämon, der in eine Sippe eindrang, sondern als ein Mensch, der vom Teufel besessen war. Dabei standen Missetat und Sünde, Religion und Recht in engster Verbindung. [82] In den christlichen Darstellungen des Frühmittelalters besiegte der fromme Heilige in einer kreatürlich-dämonisch gezeichneten Wildnis Dämonen in Tiergestalt, wobei Wolfsdämonen besonders häufig gemalt wurden. Diese Tierdämonen wurden vom Heiligen durch einen festen Glauben und die eigene Aggression überwunden. Der Heilige wurde als aktiv Handelnder dargestellt. Erkennbar ist bereits im 9. und 10. Jahrhundert, daß sich in der Diskussion um die Verwandlung von Menschen in Tiere im Mittelalter ideologisch-symbolisch-moralische Termini widerspiegelten. Dem Frommen stand das Ungläubige gegenüber, der Vernunft der Instinkt, der Gezähmtheit die Raserei, der Tugend die Wildheit. Um 1000 erwähnte der Bischof Burchard von Worms (circa 965-1025) die Existenz des Werwolfs. [83] Anfang des 13. Jahrhunderts deutete Gervasius von Tilbury das Wort Werwolf als Mannwolf. [84] Die Vorstellung von Menschwölfen hatte sich seit dem Altertum erhalten.

Nach Grimm wurden „böse“ Menschen und Unholde Wölfe genannt, den Wolfpelz anzulegen war ein Ausdruck für die Anwendung von Gewalt. [85] Diese Vorstellungen manifestierten sich in frühmittelalterlichen Rechtsbegriffen in Deutschland, in denen Warg oder Wargus Verbrecher,Vogelfreier und Geächteter bedeutete. Im Französischen hieß der Verbrecher Varou. [86] Der in Kapitel I) erwähnte französische Begriff Loup-Garou ist also eher als „Verbrecherwolf“ denn als Menschwolf übersetzbar. Das germanisch-latinisierte Wort „Wargus“ wurde im christlichen Mittelalter auch für den Leichenschänder benutzt. Diese Vorstellung entstammte möglicherweise der germanischen Zuordnung des Wolfes als Totentier, welche sich möglicherweise ihrerseits auf das Fressen von Leichen durch Wölfe bezog. Der Friedlose wurde mit dem Wolf gleichgesetzt.

Wurden in kirchlichen Darstellungen aus dem 9. Jahrhundert, die Angriffe von tiergestaltigen Dämonen (zum Beispiel Wölfen) auf tapfere Heilige, die diese vernichteten, abbildeten, noch die Missionierungen der germanischen Völker zum Christentum deutlich, so zeigte sich in den hochmittelalterlichen Monstrositäten die Angst der Kirche vor einem totalen Zusammenbruch der christlichen Herrschaftsordnung. [87] Vorstellungen von Wolfsdämonen manifestierten sich jedoch nicht nur in der christlichen Lehre, sondern diese stand auch im Wechselspiel mit dem Volksglauben des Mittelalters.

 

II.2. Magische Elemente der mittelalterlichen Volkstradition in Bezug auf Werwölfe

„[...]Vor uns entstehen ganz archaische Vorstellungen, bei denen der Mensch von sich in denselben Begriffen wie von der Außenwelt denkt und keine Loslösung von ihr empfunden hat. Mit anderen Worten: Seine Beziehungen zur Natur sind nicht auf dem Verhältnis des Subjekts zum Objekt aufgebaut, sondern er geht von der Überzeugung aus, daß der Mensch und die Natur in innerer Einheit und wechselseitiger Durchdringung stehen, daß sie im Wesen verwandt und durch Magie miteinander verbunden sind.[...]“ [88]

Nicht nur in den religiösen Bildern der herrschenden christlichen Lehre des Mittelalters blieben dämonische Figurationen erhalten, die Werwolfsvorstellungen beinhalteten, auch im Volksglauben der nachgermanischen Zeit sind ähnliche Elemente erkennbar, in denen sich heidnische und christliche Vorstellungswelten vermischten. 

Magie als Mittel, um als übernatürlich und natürlich angesehene Kräfte nutzbar zu machen und zu glauben, sie durch bestimmte Praktiken und Rituale beherrschen zu können, stand in der mittelalterlichen Volkstradition in Austauschprozessen mit den Dogmen der Dämonologie der christlichen Kirche. Dies wird erörtert, da es notwendig ist, die magischen Bezugssysteme zu kennen, um bestimmte Spezifika des Werwolfglaubens überhaupt zu verstehen. Dazu gehört vor allem die magische Vorstellung mittels eigener Kraft die Kontrolle über den physischen Körper zu gewinnen. 

Die mittelalterliche Volkstradition in Mitteleuropa kannte verschiedenste Fruchtbarkeitsriten und wies einen magisch geprägten Charakter auf. Hier eine kurze Einordnung zu geben, ist für eine Erörterung des Werwolfbegriffes unerläßlich, da dieser eben nicht einer neuzeitlich-rationalistischen Weltauffassung entstammte, sondern auf magisch-religiösen Weltbildern basierte. Die Tätigkeiten der agrarisch strukturierten Bevölkerungen im Mitteleuropa des Mittelalters waren auf den Wechsel der Jahreszeiten abgestimmt. Die Elemente (Feuer, Wasser, Erde und Luft) mußten nach festgelegten magischen Ritualen beherrscht werden. Alles was in der Welt und im Universum existierte hatte in den magischen Traditionen des Volksglaubens seine Entsprechung in jedem einzelnen Menschen. Es gab im europäischen Mittelalter in der Vorstellung des Landvolkes eine tiefe Verbindung zwischen Mensch , Welt und dem Kosmos. Der Mensch und die Natur erschienen in den mittelalterlichen Volkstraditionen als Vorstellung einer unauflöslichen Einheit. Alles was außen war, in der Natur oder im Universum angesiedelt, konnte auch innen sein, in jedem einzelnen Menschen. Für Werwolfsvorstellungen bedeutete dies, daß das Tier Wolf eben nicht biologisch außerhalb des Menschen verortet wurde, sondern daß ein Mensch auch ein Wolf sein, zu einem Wolf werden konnte. Solch eine magische Verwandlung wurde über vermeintlich analoge Eigenschaften zwischen bestimmten Menschen und Wölfen gedacht. An den Schnittstellen innerhalb der ganzheitlich geglaubten Natur in der mittelalterlichen Volkskultur sollte alles sterben und sich regenerieren. An den Orten, wo die Grenze zur Totenwelt aufgelöst wurde (besonders an Kreuzwegen oder Friedhöfen) sollten sich dann die Werwölfe treffen, die somit als Grenzwesen zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten betrachtet wurden. [89]

Frazer definierte in diesem Zusammnenhang den Unterschied zwischen Magie und Religion in dem Ausmaß der Unterwerfung einer Wesensheit oder Kraft gegenüber. Sind es die Menschen, die über die Wesensheiten gebieten, so gelten die Vorstellungen als magisch, sind die Wesensheiten übermächtig , so liegt ein Fall von religiöser Verehrung vor. [90] Eine bewußt herbeigeführte Verwandlung eines Menschen in einen Wolf könnte somit als magisches Ritual angesehen werden.

Auch wenn derart gestaltete Denkprozesse aus heutiger Sicht unrealistisch anmuten, darf die Bedeutung solcher Symbole in den mitteleuropäischen Kulturen des Mittelalters nicht unterschätzt werden. Dies bedeutet, daß in der kulturellen Festsetzung einer Begrifflichkeit (hier des Werwolfs) immer Personen(-gruppen) gefunden wurden und werden, auf die diese Merkmale zutreffen. [91] Konkret auf den Glauben an Werwölfe bezogen gehört zu diesen Traditionen, daß durch die Etablierung von Symbolen in einer bestehenden Kultur die Wahrnehmung der an das Symbol glaubenden Menschen das selektiert, was in ihnen bereits programmiert ist. In einer Situation, in der der Glaube an die Existenz von Werwölfen soziokulturell etabliert ist, werden auch alle vermeintlichen Indizien beigezogen, die dazu dienen können, diesen etablierten Gedanken zu belegen. [92]

Solche symbolischen Glaubensvorstellungen manifestierten sich zum Beispiel darin, daß die Zeit, in der im mitteleuropäischen Raum im frühen Mittelalter Werwölfe ausziehen sollten, die zwölf Nächte nach Weihnachten waren. Diese Überlieferung stammte nicht aus einem christlichen Glaubensbild, sondern vielmehr aus dem in Kapitel II) erwähnten germanischen Seelenglauben, nach dem die Seelen der Toten in den zwölf „Rauhnächten“ nach der Wintersonnenwende (21. Dezember) umgingen, einer sogenannten Zwischenzeit, in der das alte Jahr bereits vorbei war und das neue Jahr noch nicht begonnen hatte, und in der die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, der Welt der Toten und der Welt der Lebenden, aufgelöst war. [93] Die Vorstellung eines wilden Heeres mit der Figur des germanischen Gottes Wotan-Odin als Herrn der Werwölfe an der Spitze hielt sich im ehemals südgermanischen Raum bis in die frühe Neuzeit. In der Tradition der „Wilden Jagd“ durften im Mittelalter und der frühen Neuzeit im Volksglauben die Wölfe im Dezember, nicht erwähnt werden, da sonst die Menschen von den Werwölfen zerrissen würden. [94]

Auch eine deutsche Vorstellung des 12. Jahrhunderts, nach der es sich bei dem Werwolf um einen Mann handelt, der seine Kleider verloren hat und seine Hülle nicht wiederfinden kann, läßt auf eine symbolhafte Bedeutung des Werwolfbegriffes schließen. Der Werwolf wurde so als Mensch gezeigt, der die Stellung in der Gesellschaft in der lebt, nicht mehr finden kann. [95] So existierte im Mittelalter im deutschen Raum die Vorstellung, daß ein Mann, der lange in einen Wolf verwunschen war, die Wolfssprache spricht. [96]

Exemplarisch für eine literarische Verarbeitung des Werwolfsmotivs in der christlichen Tradition des Mittelalters erscheint der Werwolf „Bisclavret“ bei Marie de France, Ende des 12. Jahrhunderts. In dieser Geschichte wird ein sich zwanghaft verwandelnder Werwolf letztendlich dadurch erlöst, daß er sich (in Tiergestaltsdem König und seinem Hofstaat gegenüber gefällig, untertänig und freundlich erweist, während der König die pietas des Tieres mit seiner caritas vergilt, also Demut, Treue und Frömmigkeit des untergeordneten Tieres mit der Barmherzigkeit des übergeordneten Monarchen vergolten werden. Im Unterschied zu vorchristlichen Werwölfen zeigt sich in dieser Geschichte die alles erlösende Kraft Gottes. Der Werwolf ist gleichsam ein Mißgeschick in der reinen Schöpfung, seine Verwandlung rückführbar auf einen Bruch im Moral-und Sittenkodex, den der von Gott auserkorene König heilen und das arme Tier wieder in die christlich-geordnete Gemeinschaft einführen kann. [97] Ein wichtiger Unterschied zu germanischen Religionssystemen zeigt sich hier deutlich: Basis dieser Werwolfsgeschichte waren christliche Moralvorstellungen, die bestimmte Menschen in sich verkörpern konnten. Während das germanische Sippenrecht auf einer Art die gesamte Natur durchziehendem religiösem Band aufbaute und Verfehlungen einzelner Menschen als Missetaten in einer als heilig betrachteten Ordnung angesehen wurden, definierten sich die christlichen Gottestugenden im Moralverhalten des einzelnen Menschen. In den mittelaterlichen Traktaten, die sich auf Werwölfe bezogen, wurden diese häufig nicht als grauenvolle Bestien dargestellt, sondern erschienen als Opfer des Schicksals, oft gar als Wohltäter. [98]

Ein eindeutiges Beispiel dafür, daß das Wolfsbild im Mittelalter auch symbolisch, also nicht nur dämonologisch belegt war, ist eine hochmittelalterliche Fabel, in der ein Wolf Schach spielt. Diese christliche Fabel diente dem pädagogischen Zweck, die Verfehlungen von Mönchen (denen das Spiel verboten war) zu geißeln. [99]

In der Tiersymbolik des christlichen Mittelalters ist die Dichotomie zwischen Lamm und Wolf für den Inhalt christlich geprägter Werwolfsvorstellungen von Bedeutung, wobei das Lamm für den gläubigen Christenmenschen stand und der Wolf für die den Glauben bedrohenden Mächte. [100] Versinnbildlicht zeigt sich hier auf der einen Seite bedingungslose Folgebereitschaft, auf der anderen maßlose Aggressivität. Die Schafe „brauchen“, ideologisch betrachtet, einen Hirten, der sie lenkt und leitet, von dem sie abhängig sind, während das Leben der Wölfe aus einem radikalen und wilden Selbstzweck besteht. Auf die christliche Herrschaftsstruktur des Mittelaltersbezogen bedeutet die Konstruktion einer permanenten Bedrohung der Schafe durch die Wölfe eine Legitimation für militärische Hochrüstung und politische Überwachung. Hirte und Hund geben den Schafen nicht Freiheit, aber „Sicherheit“. Der Aufbau eines statischen, geradezu unüberwindbaren und festgelegten Gegensatzes innerhalb eines durch den Kampf Gottes mit dem Teufel, Gut gegen Böse bestimmtenWeltbildes diente dazu, eine vorgegebene und göttlich legitimierte Herrschaftsform zu konstruieren.

In ähnlichem Sinne äußerte sich Luther, als er den Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen mit dem Unterschied zwischen Schafen und Wölfen gleichsetzte. Die Existenz des Wolfes allein widerlegte, Luther zufolge, die Möglichkeit eines dauerhaften Friedens. Das Resultat war für ihn die Staatsgewalt, die mit dem Mittel des Schwertes die Ordnung herstellen mußte. Die Nichtchristen, also Wölfe, müßten wie ein wildes Tier in Ketten gelegt werden. Luthers Ansichten mögen exemplarisch sein für die religiöse und symbolische Verwendung der Wolfsmetapher in christlicher Tradition als Möglichkeit, durch eine stereotype Bildsymbolik starre, in diesem Fall göttlich determinierte Herrschaftstrukturen zu legitimieren. [101]

Die Verwendung der Wolfsmetapher als Fabel war nicht gleichbedeutend mit der Sichtweise des Tieres Wolf. Diese ist Thema des folgenden Unterkapitels. 

 

II.2.1. Die magischen Zu- und Einordnungen des Tieres Wolf im mittelalterlichen Frankreich und Deutschland

 „[...]So wurden die unterschiedlichsten Bilder von ihm gezeichnet, die uns heute indes eher etwas über die Menschen von damals aussagen, ihre Ängste, ihre Sorgen, über ihr Machtstreben, ihre Art, Unterdrückung zu überleben, als über den Wolf selbst[...].“ [102]

Das einleitende Zitat erläutert, warum eine Darstellung der Sichtweise des Wolfes im Mittelalter, womit in diesem Unterkapitel die Tierart gemeint ist, für eine Untersuchung des Werwolfphänomens wichtig ist. Wurde bereits in der Verwendung der Tiermetapher im Christentum deutlich, daß solche symbolhaften Bezeichnungen auf Weltanschauungen basierten, aber nicht auf realen Eigenschaften des Tieres, so gilt selbiges für die Sichtweise des Wolfes. 

Da die Zuordnung eines imaginierten Menschwolfs einherging mit als positiv oder negativ angesehenen Eigenschaften des sich im Menschen manifestierenden Tieres, werden an dieser Stelle der Arbeit einige Vorstellungen über das Tier Wolf beschrieben, die im Mittelalter in Deutschland und Frankreich verbreitet waren. Wichtige Bezugsetzungen sind für die Untersuchung des Werwolfs gegeben, da Vorstellungen von einem Werwolf auf Sichtweisen des Tieres Wolf, mit dem die Menschen in Kontakt standen, basierten. Konkret erschließt sich dieser Zusammenhang daraus, daß es im mittelalterlichen deutschen und französischen Volksglauben sowie der Gelehrtenkultur keinen Bereich innerhalb der Natur, der von Dämonen frei gewesen wäre. Wölfe galten nicht als wertneutrale oder biologische Wesen, sondern waren dämonisiert. Jeglicher gesellschaftliche Bereich wurde personifiziert. Dazu zählten zum Beispiel Krankheiten und alle Arten von Mißgeschick. Darstellungen von reißenden Wölfen standen neben Höllenteufeln aller Art, Skeletten und Totenschädeln. [103]

Zum Wolf: Die Namensgebung eines Kindes als Wolf oder Ulf galt in vor-und frühmittelalterlichen Zeiten als Mittel, um übernatürliche Wolfsgeister zu täuschen. Die Begleitung durch die Odinstiere Wolf und Rabe bedeutete Sieg, woher der Name Wolfram stammt. Wolf-Hraban war ursprünglich ein Heldenname. [104] Ruhmerwerb wurde gekoppelt an die Fähigkeiten Geschicklichkeit und Kühnheit, welche die Bevölkerung dem Wolf zuschrieb. Davon leitete sich der Name Rudolf, also Ruhmwolf ab. Adolf kam von Adalolf, das bedeutete Edelwolf oder Edelräuber, wobei der Vorgang des kriegerischen Raubens in spätgermanischen Traditionen des Vormittelalters nicht als negativ betrachtet wurde. Das deutsche Wort Wolf stammt vom germanischen ulv, abgeleitet vom gotischen vilvan, valv, was mit rauben übersetzbar ist. [105] Im Volksglauben des deutschen Mittelalters treibt den Räuber Wolf sein Wolfshunger, wodurch er zum Dieb wird. [106] Um diesen Räuber nicht zu rufen, wurde sein Name nur im Flüsterton genannt, stattdessen bezeichnete man ihn im Mittelalter in Deutschland als Holzgangel (Waldläufer), Untier, Unzifer, Ungeziefer oder einfach nur als Feind. Insbesondere das letzte Wort zeigt den engen Zusammenhang zwischen Wolf und Teufel, wie er im Mittelalter und der frühen Neuzeit von kirchlicher Seite konstruiert wurde. [107] Dämonische Zuschreibungen des Wolfes in der agrarisch geprägten Volkskultur Deutschlands und Frankreichs lassen sich auch daran erkennen, daß Wölfe mit den gleichen Mitteln vertrieben wurden wie Vampire oder Teufel. So wurden im französischen Mittelalter von Schäfern den Leithammeln Knoblauchknollen um den Hals gebunden, um die Wölfe fernzuhalten. [108]

Im französischen Volksglauben existierte die Vorstellung, daß Sünder sich in Wölfe verwandeln müßten, wenn die Hölle überfüllt sei. Der Werwolf galt also als Sünder [109] Eine weitverbreitete Geschichte im Frankreich des 13. Jahrhunderts lautete, daß der Wolf mit offenem Maul laufe, weil er es nicht schließen könne, eine andere, daß das Hirn des Wolfes mit dem Mond zu-und abnähme, was auf eine gedachte Affinität des Wolfs und Werwolfs zu den Mondphasen verweist. Der Wolf sollte heulen, weil er die Helligkeit des Mondes nicht ertragen könne und sich an den Kreuzwegen versammeln, wo die Wiedergänger wandeln, die Selbstmörder und Verbrecher begraben sind. [110] In dieser Zuordnug des Wolfes zu den Kreuzwegen, an denen sich wie in II.1. erwähnt wurde, auch die Werwölfe treffen sollten, wird deutlich, wie eng die Vorstellungen von Wölfen und Werwölfen miteinander verknüpft waren. Dinzelsbacher sah einen Zusammenhang zwischen Vorstellungen eines menschfressenden Teufels im 12. Jahrhundert und den reißenden Wolfsgöttern der germanischen Sagen. [111] Im französischen Epos des Mittelalters galt der Wolf als:

„[...]wild, reißend und bissig, blutgierig, reißt aus reiner Mordlust, ohne hungrig zu sein, der Wolf ist verwegen und unbezähmbar, kampfbegierig, er ist ein Held.[...]“ [112]

Ähnlich dem germanischen Altertum wurden auch hier dem Wolf räuberische und kriegerische Eigenschaften zugeschrieben, die sowohl positiv als auch negativ besetzt waren. 

Eine Mischung aus heidnisch-christianisierter Religion und magischem Volksglauben hatte sich erhalten. So war es verbreitet, die Wölfe per Fernzauber durch einen Zauberer verhexen zu lassen, oder ihn mit Hilfe von Zaubersprüchen aufs Feld des Nachbarn zu schicken. Noch im 15. Jahrhundert wurde den Wölfen in Frankreich ein Lamm geopfert, was auf eine nichtchristliche Entstehung dieses mittelalterlichen Bildes als verehrtes Tier verweist. Nach der Definition von Frazer handelte es sich bei diesem Opfer um eine religiöse Zeremonie. Der Wolf wurde als übermächtig angesehen, ihm mußte geopfert, er mußte besänftigt werden. [113] Das Bild vom Wolf im Volksglauben erscheint im Mittelalter und der frühen Neuzeit in Deutschland und Frankreich äußerst ambivalent, auch wenn die negativen Attribute überwiegen. Der Wolf galt als Mörder und Helfer in der Not, als reißendes Tier und unerschrockener Krieger, Licht und Schatten, Himmel und Hölle, letztlich Innen und Außen. Der Wolf erhielt den Stellenwert von echten Gefahren wie Hungersnöten, Kriegen und Seuchen. [114] Eine reale Basis dafür könnte darin bestehen, daß, da sich Berichte von Wolfsüberfällen in Zeiten von langen Kriegen, politischen Unruhen und Hungerkatastrophen häuften, die Wölfe nicht als Nutznießer dieser Zustände, sondern als deren Ursache betrachtet wurden. Der Wolf wurde im Volksglauben als eine Art blutrünstigers und dem Teufel zugeordneter Dämon angesehen, dessen Angriff permanent zu erwarten war. Die Menschen überschätzten die reale Gefährlichkeit des Wolfes, [115] betrachteten ihn als Feind des Menschen und seiner Viehherden, als Begleiter von Hunger und Krieg. [116]

So fungierte der Wolf in Frankreich als Gegenspieler der göttlichen Kreatur. Analog zur Bezeichnung des Teufels als Erzwolf in der christlichen Lehre des Mittelalters, wie in II.1.3. beschrieben, erschien der Teufel im französischen Volksglauben in der Form eines schwarzen Wolfes. [117] Den schlechten Ruf des Wolfes in der Bevölkerung des mittelalterlichen Deutschlands und Frankreichs ergänzte die Dämonologie der Kirche. Die biologische Tatsache, daß der Wolf einen steifen Rücken aufweist, eine Anpassung an sein Leben als Hetzjäger, erklärte Pierre de Beauvais damit, daß „[...]der Teufel sich nicht zum Guten wenden könne.[...]“ [118] Die französische Landbevölkerung im Mittelalter und der frühen Neuzeit sagte dem Wolf unter anderem nach, am liebsten Esel, Hunde und Menschen zu fressen. Phantasie und Realität vermischte sich in mittelalterlichen Beschreibungen der Wölfe von Seiten der Bauern, der Wolf erhielt in diesen Beschreibungen einen übernatürlichen, einen dämonischen Charakter innerhalb eines übernatürlichen und dämonischen Bezugsystems, das unter anderem auf Angst vor einer als übermächtig empfundenen Natur basierte. [119]

Zu magischen Formen der Vermittlung der Natur zählten zum Beispiel die bereits erwähnten zahllosen Namen, die dem Wolf im mittelalterlichen Deutschland und Frankreich gegeben wurden, um ihn zu umschreiben, da die Menschen im Volk glaubten, daß der Wolf käme, wenn sein Name gerufen wurde. Viele dieser Namen endeten mit Hund, wie Waldhund. Möglicherweise diente dies dazu, den „wilden“ Wolf dadurch zu besänftigen, daß er als „zahmer“ Hund benannt wurde. An dieser Bezeichnung wird die bei Duerr beschriebene Vorstellung einer Auflösung des Innen und Außen, der Kultur und der Wildnis deutlich, dem Hund als Beschützer der Menschheit, dem Wolf als „[...]Räuber der Herden[...]“. [120] Mit Bezeichnungen wie Waldhund wurde der in der Wildnis lebende Wolf in den vertrauten Bereich der Kultur hineingezogen.

Die Menschen wußten anscheinend zu Zeiten, als der Wolf in Europa noch weit verbreitet war, nur wenig über das reale Verhalten des Tieres. Symbolisch stellte sich in mittelalterlichen Wolfsbegriffen möglicherweise die Natur dar, „[...]deren Stärke und Willkür durch den schwächeren, aber denkenden Menschen besiegt wird.[...]“ [121] Darstellungen des Wolfes im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Deutschland und Frankreich lieferten häufig verzerrte Bilder der Realität. So wurden Wölfe beispielsweise als schwarzfellige Bestien beschrieben, obwohl in Europa nachgewiesenermaßen niemals Wölfe mit einem Fellkleid in dieser Farbe lebten. Wölfe zeigten in vielen Beschreibungen unnatürliche Verhaltensweisen, trugen Kinder oder Schafe in ihrem Maul durch die Gegend, wozu Wölfe physisch nicht in der Lage sind und heulten bei ihren Angriffen auf Menschen, obwohlWölfe lautlos jagen.

Zur Ergänzung der Darstellung des Wolfes in magischen Bezugssystemen der Volkskultur seien noch zwei Vorstellungen aus dem französischen Volksglauben des Mittelalters erwähnt: Ein le lupeux genanntes Ungeheuer mit Wolfskopf sollte kleine Kinder ins Wasser ziehen. [122] und Eisengerät sollte im Volksglauben vor Wölfen wie auch vor Werwölfen schützen. [123]

Deulich ist, daß die beschriebenen Sichtweisen der Bevölkerung des Mittelalters, die einer rationalen, modernen und biologischen Kenntnis entbehrten, nicht nur beinhalteten, daß ein Mensch sich in einen Wolf verwandeln könne, sondern auch das Tier selbst in dämonisierte Bezugssysteme einordneten. Vor diesem Hintergrund spiegelt sich in der Vorstellung eines dämonischen Werwolfs die Personifizierung des Tieres, das neben dem Menschen zweiter Teil dieser Kreatur sein sollte. Nicht nur der Werwolf, sondern auch der Wolf selbst galt als dämonisches Wesen. An diesen Vorstellungswelten wird auch deutlich, daß eine strikte Trennung zwischen germanischen Glaubensstrukturen und christlichen Bildern in der Realität des Volksglaubens in Mitteleuropa schwer gezogen werden kann, daß vielmehr heidnisch-germanische Dämonenvorstellungen und christliche Stereotypen von Teufelsbesessenheit miteinander verbunden wurden. Dies zeigte sich auch in der christlich symbolischen Komponente, nach der der Wolf von Gott belebt, aber vom Teufel geschaffen war und nun nicht wußte, wohin er gehörte. [124] Der Wolf war der wehrlose Sündenbock des kleinen Mannes, der für alles, was an realen und ausgedachten Verbrechen in der Dorfgemeinschaft geschah, verantwortlich gemacht wurde und dies über Jahrtausende. [125]

Neben „materiellen“ Vernichtungsmaßnahmen im Krieg gegen den Wolf, wie Fallgruben, Wolfsangeln, Gifte, Hunde und Treibjagden [126] verließen sich die französischen Bauern und Schäfer bis weit in die Neuzeit hinein auf magische Mittel, um den Wolf fernzuhalten. So wurden Heilige angerufen und Zaubersprüche gegen den Wolf verwendet. Es galt weniger den Kampf gegen ein Tier, sondern vielmehr gegen den Teufel zu führen. Die Bauern legten Netze und Fallschlingen, benutzten Fangeisen und Wolfsgruben, wobei letztere in Form eines drei bis vier Meter tiefen Trichters angelegt wurden. [127] Zimen erwähnte auch Fanggärten, Luderplätze und Locktiere Der Wolf wurde als Konkurrent und Feind betrachtet, der mit allen Mitteln vernichtet werden mußte. In den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit wurde die angebliche Notwendigkeit der Vernichtung auf Menschen ausgedehnt, die als Werwölfe bezeichnet wurden.

 

III. Ansätze zur Werwolfsverfolgung , Hexenjagd und Dämonologie im 16. bis zum 18. Jahrhundert

 „[...]Es läßt sich etwa auch aufzeigen, daß der berüchtigte „Hexenhammer“ (1487) ein ungewöhnlich scharfsinniges Buch war und den Versuch darstellte, die Welt der damaligen Zeit rational zu bewältigen, um in Ruhe und Gottvertrauen überhaupt leben zu können; denn Unfälle, alles Unglück und Übel auf den Satan zurückzuführen, gab Erkenntnis, die exakte Ausarbeitung eines Verfahrens zur Unschädlichmachung seiner Verbündeten vermittelte Lebenssicherheit und Bewährung des Glaubens. [...]“ [128]

Der Verfasser stimmt mit dem vorliegenden Zitat nur ansatzweise überein. Der durch die von Papst Innocenz VIII 1484 herausgegebene Bulle Summis desiderantes eingeleitete Hexenhammer der Inquisitores haereticae pravitatis Heinrich Institoris und Jakob Sprenger [129] stellte die wichtigste ideologische und juristische Basis für die Tötung von als Hexen, Zauberer oder Werwölfe bezeichneten Menschen (hauptsächlich Frauen) dar. Somit artikulierte sich die Lebenssicherheit als Lebenssicherung der Verfolger, nicht aber für die Menschen, die in Angst und Unsicherheit vor den Prozessen leben mußten. Die rationale Bewältigung zeigte sich in der Realit&