Sachbegriffe

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Zauber- und Hexentiere 

Christa Tuczay 

4. Dezemer 2007 

Die Rolle von Tieren in Zauberei und Hexerei kann als sehr vielschichtig bezeichnet werden. Die mittelalterliche Vorstellung von tiergestaltigen Dämonen und Hybridwesen wurzelt in der antiken Glaubenswelt, zu dem ebenfalls das antik-pagane Konzept der Verwandlung kam - eine Fertigkeit, die in der christlichen Doktrin im Anschluss an Augustinus Zauberern und Hexen durch den Bund mit dem Teufel zugesprochen wurde.  

Abgesehen von diesen beiden Traditionen geht es in den Hexereianklagen meist um Schädigung von Nutztieren. So wurden Hexen beschuldigt, Haustiere wie Kühe, Geflügel, und Schweine verhext zu haben und folglich betraf die häufigste Anklage das Viehsterben, daneben auch den Milchdiebstahl.  

Familiars 

In England und Schottland hatte sich das eigentümliche Konzept des tierischen Hilfsgeistes der Hexe herausgebildet, das auf dem Kontinent in dieser Form wenig belegt ist bzw. nicht vorkam. Der Begriff familar bzw. familiar spirit oder imp mit der Bedeutung kleiner Dämon oder Teufel reflektiert den fast ausschließlich englisch-schottischen Beitrag zur Hexenlehre bzw. Dämonologie. Dämonologische Handbücher vom Kontinent haben die Vorstellung so gut wie nicht diskutiert: der ansonsten detailfreudige Hexenhammer listet keinerlei Instruktionen zu dämonischen Assistenten in Tiergestalt auf. Dieser Glaube ist mit dem Konzept des förmlichen Bündnisses mit dem Teufel verknüpft, bei dem die Hexe einen niederrangigen Dämon in Tiergestalt erhält, um sie zu beraten und Dienste für sie zu erfüllen, die bis zum Mord reichen konnten. Eine Hexe konnte einen Familiar auch von einer anderen Hexe erben. Das kleingestaltige Geschöpf stand jederzeit für seine Herrin bereit (männliche Hexenmeister benützten selten Familiars), die ihrerseits für dessen Wohlergehen sorgten. Der tierische Diener muss jedoch vom gelegentlich in Tiergestalt auftretenden Teufel unterschieden werden.

Mit seiner Discoverie of Witchcraft (1584) war Reginald Scot der erste, der den Begriff Familiar in diesem eingeschränkten Sinn verwendete. Von dieser Zeit an, waren die englischen Quellen plötzlich voll vom Gegenstück zum Schutzengel und bereits der Witchcraft Act James I. von 1604, der den Teufel als „reale Gestalt in die englische Gesetzgebung einbrachte, ahndete den Besitz eines Familiars als Verbrechen. Besonders in Zusammenhang mit vom berüchtigten Hexenjäger Matthew Hopkins initiierten Prozessen häuften sich Hinweise auf den Besitz von tiergestaltigen Hilfsgeistern. Eine Hexe konnte mehrere Familiars besitzen, so gestand Elizabeth Clark, das erste Opfer von Hopkins, fünf Familiars ein. Die Vorstellung importierten die englischen Kolonisten nach Amerika, weshalb auch die frühesten amerikanischen Hexenprozesse den Besitz von Familiars bezeugen.

Außerhalb des Verfolgungskontexts finden sich auch benevolente tiergestaltige Geister, die etwa den Dorfheilern oder Dorfmagiern zur Verfügung standen. Diese Geister halfen bei der Krankheitsdiagnose und konnten die Ursache einer Verhexung herausfinden sowie verlorene Gegenstände und Schätze wieder finden. Magier beschworen sie in Ritualen und verschlossen sie anschließend in Flaschen, Ringen und Steinen. Der berühmte Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim soll zum Beispiel einen dienstbaren Dämon in Gestalt eines schwarzen Hundes besessen haben.

Verwandlung 

Antike Quellen bezeugen die sicherlich schon sehr früh entwickelte Vorstellung einer Tierverwandlung. Diese in der griechischen Mythologie vor allem von Göttern und Magiern verwendete Option des Gestaltwandels, verband die mittelalterliche Vorstellung im Anschluss an Augustinus mit Zauberei und in der Spätzeit mit Hexerei. Die Metamorphose blieb nicht der antiken Mythologie vorbehalten, sondern avancierte zu einem der zentralen literarischen Motive. Während die antiken Schriftsteller ihre poetischen Werke mit mythologischen Motiven anreicherten, dazu aber in ironisch-kritischer Distanz blieben, diskutierten die mittelalterlich Theologen über die Möglichkeit und Glaubwürdigkeit der Verwandlung. Die seit dem 8. Jahrhundert bezeugte Tradition von im Gefolge der Diana auf Tieren reitenden Frauen verband sich in der Spätzeit mit der aus antiken und paganen Quellen gespeisten Vorstellung von der Tierverwandlung und dem Flug der Hexe. Apuleius von Madauras bekannter Roman Der goldene Esel illustriert ein wichtiges Detail der Hexenflugsvorstellung. Die Zauberin trägt eine Salbe auf, verwandelt sich in eine Eule und entfliegt. Lucius, neugieriger Beobachter und Protagonist der Erzählung, gelüstet es, die Verwandlung auszuprobieren, erwischt in der Eile die falsche Salbe, misst dem gemurmelten Spruch keine Bedeutung bei und verwandelt sich in einen Esel. War im Canon Episcopi noch von auf Tieren reitenden Frauen die Rede, verbinden sich in der Spätzeit die aus Apuleius literarischer Aufbereitung bekannten dramatischen Ereignisse zu einem (von den Gegnern der Hexenverfolgung angezweifelten) Glaubensgut: Die spätere Hexenlehre ging davon aus, dass sich Frauen in gewissen Nächten salbten, in Tiere verwandelten und durch die Nacht zum Tanz oder zum Sabbat flogen. Vergil erwähnt in seiner Eclogue 8.64-109 Kräuter mit deren Hilfe er selbst Augenzeuge einer Wolfsverwandlung gewesen sein will. Im Zeitalter der Hexenverfolgung wurde die Wolfsverwandlung der gefürchtete Verwandlungstypus. Menschenfressende Wölfe terrorisierten, so das Gemeinbild, die Dörfer und verstärkten die Verbindung zwischen dem Werwolfs- und Hexenglauben.

Eine dritte Tradition wurzelt ebenfalls in der Antike und betrifft die Tradition vom Nachtmahr oder Alp. Hexen klagte man an, in tierischer Gestalt in die Schlafkammern eingedrungen sein, um ihre Opfer zu quälen und Lebenskraft zu entziehen. Es war aber auch nicht ungewöhnlich, dass Zeugen behaupteten, dass Hexen in Tiergestalt sich der Gefangenschaft zu entziehen vermochten. Bei beiden Gelegenheiten sollen sich die Hexen in kleine Tiere und Vögel verwandelt haben, da ihnen diese Gestalt erlaubte, in ein Zimmer einzudringen bzw. aus einem geschlossenen Raum zu entschlüpfen. Hinter diesen Vorstellungen vermutete man Reste des totemistisch-schamanistischen Konzepts von einer tiergestaltigen Seele als Vogel, Schmetterling oder Schlange. Bei den Hexen scheint es keinerlei Einschränkung auf bestimmte Tierarten gegeben zu haben; abgesehen von den christlich besetzten Symboltieren, sind Verwandlungen in Schweinegestalt, dreibeinige Tiere, Bären, Eidechsen, Enten, Eulen, Fliegen, Füchse, Gänse, Hennen, Hunde, Katzen, Käfer, Kröten Kühe, Mäuse, Raben, Ratten, Motten, Pferde, Spinnen, Wölfe, oder Wiesel belegt.  

Schamanismus und tierische Doppelgänger der Hexen 

Die Vorstellung von einer Verwandlung ist vor allem dem Schamanismus und Individualtotemismus essentiell. Schamanen erwerben in ihrer Initiation die Fähigkeit, sich in ihre tierischen Schutzgeister zu verwandeln. Der Gestaltwandel geschieht nicht physisch, sondern spirituell, und zwar mit Hilfe einer Ekstasetechnik. Die vermutlich noch ältere Vorstellung von einem tiergestaltigen Alter Ego, in dem die eigene Lebenskraft verborgen liegt, taucht ebenfalls in den Hexenanklagen in Zusammenhang mit der sympathetischen Wunde auf. Ein von einem Tier angegriffenes Opfer verwundet dieses und identifiziert anhand der Verletzung die betreffende Hexe. Bei ihrer Tiergestalt sind regionale Differenzierungen zu beobachten, allerdings scheint es je nach lokaler Tradition und Fauna Präferenzen gegeben zu haben.

Literatur:  

Caroline Walker Bynum, Metamorphosis and Identity, New York 2001.

Fritz Byloff, Volkskundliches aus Strafprozessen der österreichischen Alpenlände. Mit besonderer Berücksichtigung der Zauberei- und Hexenprozesse von 1455-1850. Berlin 1929.

Norman Cohn, Europe’s Inner Demons, London 1975.

Thomas A. Donaldson, The role of the “Familiar” in English Witch Trials, in: URL: http://www.hulford.co.uk/familiar.html, [1. November 2007].

Mircea Eliade, Shamanism: Archaic Techniques of Ecstasy. Translated by Willard R. Trask, London 1989.

Carlo Ginzburg, Ecstasies. deciphering the Witches' Sabbath, Translated by Raymond Rosenthal, New York 1991.

Richard Kieckhefer, European Witch Trials: Their Foundation in Popular and Learned Culture, 1300-1500, London 1976.

Max Marwick, (Hg.), Witchcraft and Sorcery, New York 1970.

Ivar Paulson, The Animal Guardian: A Critical and Synthetic Review, in: History of Religions 3 1964, S. 202 - 219.

Éva Pócs, Between the Living and the Dead, Budapest 1999.

Susanne Pettelkau, Go tell Mankind that there are Devils and Witches. Ein Vergleich von Hexenverfolgung und Hexenprozessen in Deutschland, England und in den neuenglischen Kolonien der frühen Neuzeit, Berlin 2007, http://www.diss.fu-berlin.de/2007/558/index.html [1. Dezember 2007].

Russell Hope Robbins, The Encyclopedia of Witchcraft and Demonology, New York 1959.,S.190 - 193.

Arne Runeberg, Witches, Demons and Fertility Magic, Reprint of 1947 edition, Norwood 1974.

Keith Thomas, Religion and the Decline of Magic, New York 1971.

Christa Tuczay, Der Unhold ohne Seele, Vienna 1981 (=WAGAPH 18).

Empfohlene Zitierweise

Tuczay, Christa: Zauber- und Hexentiere. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5601/

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Erstellt: 04.12.2007

Zuletzt geändert: 13.02.2009