Sachbegriffe

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Stadtarchiv Lemgo (Quellen zur Hexenverfolgung) 

Lippe, Grafschaft (Lemgo) 

Gisela Wilbertz 

13.12.99 

Von den zahlreichen in der Stadt Lemgo (-> Lemgo, Stadt) geführten Hexereiverfahren ist ein umfangreicher Bestand an Quellen bis heute erhalten geblieben. Dazu gehören zunächst die Prozeßakten selbst. Von den rund 250 nachweisbaren Prozessen sind noch rund 200 Akten oder Aktenbruchstücke vorhanden, wobei sich die Verluste auf das 16. Jahrhundert und auf den Prozeßschwerpunkt 1675/76 konzentrieren. Die Zahl der insgesamt aus Lemgo erhaltenen Schriftstücke erhöht sich, wenn man die durch Entfremdungen dem Lemgoer Archiv verlorengegangenen Akten hinzurechnet. Als der Salzufler Bürgermeister und lippische Rat Christian Antze sich in den 1820er Jahren für seine Arbeit über Hexenprozesse in Lemgo und Lippe sämtliche überlieferten - damals noch unverzeichneten - Prozeßakten nach Hause auslieh, verblieben bei der Rückgabe offensichtlich zahlreiche Lemgoer Unterlagen bei den lippischen Beständen und wanderten von dort in das staatliche Archiv. Heute sind diese genuin Lemgoer Hexenprozeßakten im Staatsarchiv Detmold im Bestand L 86 Hx zu finden. Während der NS-Zeit wurde 1937 eine einzelne Lemgoer Akte dem Reichsführer SS zum Geschenk gemacht und wird heute, neben den Materialien aus dem Hexen-Sonderauftrag des Reichsführers SS, im Woiwodschaftsarchiv Posen aufbewahrt. Zwei Jahre später wurde ein einzelnes Schriftstück dem Gauleiter Alfred Meyer zu Detmold als Geschenk überreicht und ist seither verschollen. Auf unbekanntem Wege gelangte vor 1937 eine weitere Prozeßakte in eine österreichische Privatsammlung.  

In zahlreichen anderen Quellen sind ebenfalls Informationen zur Hexenverfolgung in Lemgo zu finden. An erster Stelle sind die 1583 beginnenden Ratsprotokolle zu nennen. Da die Stadt Lemgo die Blutgerichtsbarkeit ausübte, fungierten die beiden im Jahresrhythmus sich in der Regierung abwechselnden Räte als Gericht. Eine aus ihrer Mitte gewählte Abordnung (Hexendeputierte) führte die konkrete Untersuchung, doch beschlossen beide Räte in ihrer Gesamtheit über die Verfahrensschritte oder Verfahrensänderungen. Bis 1628 einschließlich sind Ausgaben für Hexenprozesse in den seit 1557 vorliegenden (allerdings lückenhaften) Kämmereirechnungen verzeichnet - danach wurden die Prozeßkosten aus dem Vermögen der Angeklagten oder ihrer Familienangehörigen bzw. aus den für eine Begnadigung zum Schwert zu zahlenden Gnadengeldern bestritten. Über einige nicht zur Hinrichtung führenden Hexereiverfahren des 16. Jahrhunderts berichtet das 1561 beginnende Urfehdebuch. Unter den Justizsachen finden sich vereinzelte Gutachten zu Hexenprozessen, und zu den Irrungen mit der Landesherrschaft gehören die langjährigen Auseinandersetzungen wegen des Begnadigungsrechts, das 1663 schließlich dem Grafen zur Lippe zugestanden werden mußte, nebst dem größeren Anteil an den Gnadengeldern. Aus den Jahren 1654 und 1666 stammen einige Privatbriefe, worin Lemgoer ihren auswärts wohnenden Verwandten über einige damals geführte Hexenprozesse berichteten und die als Ego-Dokumente Auskunft geben über die lokalen Mentalitäten. 

Neben den Hexenprozeßakten besitzt das Stadtarchiv Lemgo einen umfangreichen, mehrere tausend Titel zählenden Bestand an Zivil- und (sonstigen) Kriminalprozessen seit dem 16. Jahrhundert. Darunter sind nicht wenige Injurienklagen wegen Hexereibeschuldigungen. Teils blieben sie auf dieser Prozeßebene, teils führten sie zu einem Hexenprozeß. Unterhalb eines förmlichen Verfahrens lagen Beschimpfungen und Verdächtigungen, die vor dem Rat schiedsrichterlich beigelegt und in den Ratsprotokollen verzeichnet wurden. Da solche Auseinandersetzungen in der Regel mit einer Geldbuße endeten, tauchen diese Brüchtenstrafen als Einnahmen auch in den Kämmereirechnungen auf.  

Zur Aufhellung des sozialen und ökonomischen Hintergrundes, zur Analyse der lokalen Netzwerke und zur Rekonstruktion von Einzel- und Kollektivbiographien stehen im Stadtarchiv Lemgo sehr viele Unterlagen zur Verfügung. Außer den bereits genannten Gerichtsakten, Protokollen und Rechnungen gehören dazu weitere serielle Quellen z.B. über Haus- und Grundbesitz, Handel und Kapitalmarkt, Steuerzahlung, Migration, Bürgeraufnahmen, Mitgliedschaften in Korporationen, Schul- und Universitätsbesuch, Familie und Personenstand etc. sowie Sachakten aller Art. Als Hilfsmittel und erster Zugriff auf die in Hexenprozessen genannten Personen haben sich die alphabetische Namenskartei zu den Findbüchern, die genealogische Sammlung Plöger und die Häuserkartei als äußerst nützlich erwiesen.  

Zu den wichtigen gedruckten Quellen im Stadtarchiv Lemgo gehört der ca. 600 Bände umfassende und bis ins 15. Jahrhundert zurückreichende Bestand der alten Gymnasialbibliothek. Einige (wenige) Stücke thematisieren den Teufels- und Hexenglauben. Der Präsenzbestand der Archivbibliothek enthält eine beachtliche Sammlung älterer und neuer Literatur zur Hexenforschung und verwandter Gebiete, die nicht nur über einen alphabetischen Katalog, sondern auch durch eine Sachsystematik erschlossen ist. 

Quellen 

Personenbezogene (serielle) Unterlagen im Stadtarchiv Lemgo. Ungedrucktes sachsystematisches Findbuch, zusgest. von Gisela Wilbertz, letzte Aktualisierung 1999. 

 

Siehe auch folgende Artikel 

Clauss, David d. Ä., Scharfrichter von Gisela Wilbertz

Cothmann, Hermann - Bürgermeister von Nicolas Rügge

Folterinstrumente von Jürgen Scheffler

Grabbe, Bernhard - Kantor und Lehrer am Lemgoer Gymnasium von Regina Fritsch

Hexenbürgermeisterhaus von Jürgen Scheffler

Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest von Jürgen Scheffler

Lippe, Grafschaft (Lemgo) - Hexenverfolgungen von Jürgen Scheffler

Kerkmann, Heinrich von Nicolas Rügge

Köln (Reichsstadt) - Hexenverfolgungen von Gerd Schwerhoff

Koch, Andreas (Prozeßopfer) - Pfarrer von Gisela Wilbertz

Meier, Karl - Lehrer und Heimatforscher von Jürgen Scheffler

Rampendahl, Maria (Angeklagte im Hexenprozeß) von Gisela Wilbertz

Empfohlene Zitierweise

Wilbertz, Gisela: Stadtarchiv Lemgo (Quellen). Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1674/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006