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Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest 

Lippe, Grafschaft (Lemgo) 

Jürgen Scheffler  

13.12.99  

Die "Alte Hansestadt Lemgo" (-> Lemgo, Stadt), wie der offizielle Name der Stadt lautet, gehört zu den geschichtsträchtigen "alten Städten" in Nordrhein-Westfalen. Der historische Stadtkern weist eine große Zahl von Baudenkmälern auf, vor allem aus der Zeit der Weserrenaissance. Architektur und Stadtgeschichte haben im städtischen Leben einen großen Stellenwert, im Hinblick auf die lokale Identität der Bevölkerung ebenso wie im Kontext der Tourismuswerbung. Zu den historischen Themen, die in der lokalen Geschichtskultur eine besondere Bedeutung haben, gehört neben der Hanse und der Weserrenaissance die Hexenverfolgung. Im 19. Jahrhundert entstand in der mündlichen Überlieferung der Begriff des "Hexennestes", mit dem zugleich die Folklorisierung des Hexenthemas begann. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückte der Hexenfolklorismus geradezu ins Zentrum der städtischen Geschichtskultur. Erst in den 1980er und 1990er Jahren kam es zu einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem Deutungsmuster, und es entstand eine lokale Erinnerungskultur, in der das Gedenken an die Opfer der Hexenverfolgung im Mittelpunkt steht. 

Die mehrbändige Quellensammlung des Stadthagener Pfarrers Eberhard David Hauber (1695-1765), die unter dem Titel "Bibliotheca Acta et Scripta Magica" in den Jahren 1738-1741 bei Joh. Heinrich Meyer in Lemgo gedruckt wurde, enthält zugleich die erste Quellenveröffentlichung zu den Lemgoer Hexenprozessen. Dort ist der Brief des Marburger Juristen Wilhelm Adolf Scribonius an die Lemgoer Bürgermeister Heinrich Flörken und Theodor Cothmann (1583) abgedruckt. Im späten 18. und 19. Jahrhundert war ein antiquarisches Interesse an den Prozessen und den überlieferten Akten entstanden, das in Quellenveröffentlichungen und Aufsätzen seinen Ausdruck fand. Ihre Verfasser waren Verwaltungsbeamte und Lehrer, die Heimatforschung betrieben. In den "Lippischen Intelligenzblättern" wurden in den Jahren 1785-1787 Schriftstücke und andere Quellen aus den Prozessen veröffentlicht. In den Jahren 1835-37 publizierte Christian Antze, Fürstlich-Lippischer Rat und Bürgermeister sowie Syndikus der Stadt Salzuflen, eine größere Arbeit über die Hexenprozesse in der Grafschaft Lippe, in der er sowohl Quellenauszüge veröffentlichte als auch eine erste Darstellung der Prozesse gab. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen in der lokalen Presse eine Reihe von Artikeln über einzelne Hexenprozesse, deren Verfasser die Gymnasiallehrer Heinrich Clemen und August Schacht aus Lemgo sowie Otto Weerth aus Detmold waren. Antiquarisches Interesse und Heimatforschung verliefen dabei z. T. parallel, wie bei August Schacht, der neben seiner schulischen Tätigkeit die Betreuung des städtischen Archivs übernommen hatte. 

Im frühen 20. Jahrhundert wurde die Erinnerung an die Zeit der Hexenverfolgung zum festen Bestandteil der lokalen Geschichtskultur. Im Rahmen des historischen Festzuges, den die Lemgoer Schützengesellschaft aus Anlaß ihrer 350-Jahr-Feier im Jahre 1925 veranstaltete, zeigte ein Festwagen eine Szene aus der Zeit der Hexenverfolgung, mit einer "Hexe am Brandpfahle", dem Scharfrichter und dem "Hexenbürgermeister" Hermann Cothmann. Mitte der 1920er Jahre erschien eine Postkartenserie mit folkloristischen Darstellungen "aus der Zeit der Hexenverfolgung", die ein Lemgoer Fotograf herausgegeben hatte. Der Lemgoer Gymnasiallehrer Karl Meier (1882-1969) verfaßte eine Reihe von Arbeiten, in denen er die Hexenverfolgung im Stil eines Historiendramas darstellte. Die Darstellungen von Meier, der auch Gründer und erster Vorsitzender des Heimatvereins "Alt Lemgo" war, haben das Bild der Hexenprozesse in der lokalen Geschichtskultur über lange Jahre geprägt.  

In der NS-Zeit wurde dem Hexenthema ein besonderes Interesse entgegengebracht. Mitarbeiter des "Hexen-Sonderauftrags des Reichsführers SS" kamen nach Lemgo und Detmold, um dort Prozeßakten zu bearbeiten. Im Jahre 1937 erhielt Alfred Rosenberg, dessen Interesse für die Hexenprozesse bekannt war, eine originale Prozeßakte als Geschenk anläßlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft. Auch dem westfälischen Gauleiter Alfred Meyer wurde ein Originalbrief (mit Zeichnung), in dem der Apotheker David Wellmann als Werwolf und Hexenmeister bezeichnet worden war, in einer "Erinnerungsmappe" als Präsent überreicht. In der Innenstadt schmückte ein Lemgoer Malermeister die Fassade seines Hauses mit großen bildlichen Darstellungen aus der Zeit der Hexenverfolgung, wobei der Bezug auf die NS-Zeit nicht fehlte.  

Den Höhepunkt der Folklorisierung des Hexenthemas in der NS-Zeit bildete die sog. "Reichsfahrt der Alten Garde" im Juni 1939. Die Teilnehmer der Rundfahrt wurden von Lemgoer BDM-Mädchen empfangen, die als Hexen verkleidet waren. Auf dem Marktplatz wurden "Bilder aus der Stadtgeschichte" aufgeführt, verfaßt und vorgetragen von Karl Meier. Auch dabei ging es um die Geschichte der Stadt als "Hexennest". In den Kontext der NS-Kulturpolitik gehörte auch die Neueinrichtung des Heimatmuseums im Hexenbürgermeisterhaus mit der Inszenierung eines Folterkellers. 

Die ideologischen Deutungen, die in der NS-Zeit zum Hexenglauben und zur Hexenverfolgung vermittelt wurden, sind in Lemgo nur in begrenztem Maße rezipiert worden. Viel größer war die Prägekraft des folkloristischen Umgangs mit dem Hexenthema, die in der lokalen Öffentlichkeit bis in die Gegenwart nachwirkt. Eine Gastwirtschaft nannte sich "Hexenklause", ein Automobilklub veranstaltet jährlich einen "Hexenslalom", und der Fanclub des Lemgoer Handball-Bundesligavereins TBV hat sich den Namen "Lemgoer Hexen" gegeben. Mit der Inszenierung des sog. Folterkellers im "Hexenbürgermeisterhaus" hat der Topos des "Hexennestes" gleichsam einen räumlichen Bezugspunkt gefunden. Damit war ein Lokalmythos entstanden, der sich vor allem in der Tourismuswerbung als zugkräftig erwies. So plante eine Werbeagentur im Jahre 1987 den Abschluß ihrer Kampagne für eine neue Zahnpasta, die auf der Assoziationskette "Zahncreme - Naturkräuter - Hexen" aufbaute, mit einer Veranstaltung im Hexenbürgermeisterhaus, wo "Deutschlands originellste Kräuterhexe" gekürt werden sollte. 

Diese Kampagne führte zu heftigen Protesten. Zahlreiche Frauengruppen, die sich an einem vom Feminismus beeinflußten Bild der Hexenprozesse orientierten, kritisierten die Werbekampagne. Am Ende verzichtete die Agentur auf die geplante Abschlußveranstaltung. In Lemgo war die Erfahrung mit der Kampagne ein wichtiger Schritt zur Abkehr vom Hexenfolklorismus. Zwar hatte bereits die Kontroverse um die Aufstellung eines sog. Hexenbrunnens im Jahre 1976 zu einer heftigen Debatte über den Umgang mit der Hexenverfolgung in der lokalen Öffentlichkeit geführt, aber erst die Werbekampagne und die unerwartet kritische Reaktion darauf, nicht nur in Lemgo, sondern bundesweit, bewirkten ein Umdenken.  

In der kommunalen Kulturarbeit wurde die Auseinandersetzung mit der Hexenverfolgung zu einem Schwerpunktthema. Im Rahmen der Frauenkulturwoche 1990 entstand der "Arbeitskreis Maria Rampendahl", der sich für die Errichtung eines Denkmals für die Opfer der Hexenverfolgung engagierte. Ein Theaterstück über Maria Rampendahl, erarbeitet von der Gruppe "Lemgoer Frauen machen schon wieder Theater", gab den Anstoß, den Arbeitskreis nach der Frau zu benennen, gegen die der letzte Hexenprozeß in Lemgo geführt wurde. Das Städtische Museum und das Stadtarchiv Lemgo erarbeiteten eine Museums-, Stadt- und Archivführung zur Geschichte der Hexenverfolgung, die als museumspädagogisches Angebot große Resonanz findet. Im Dezember 1992 fand eine historische Fachtagung zur Geschichte der Hexenprozesse in Lemgo statt, die wichtige Anregungen für die künftige lokal- und regionalgeschichtliche Forschung vermittelt hat (G. Wilbertz/G.Schwerhoff/J.Scheffler, Hg., 1994). 

Die Denkmalinitiative des "Arbeitskreises Maria Rampendahl" war erfolgreich. Der "Stein des Anstoßes", eine Arbeit der Lemgoer Künstlerin Ursula Ertz, wurde im September 1994 auf dem Kirchplatz St. Nicolai errichtet. Der Stein steht zwischen der Kirche St. Nicolai und dem Rathaus. Durch seinen Standort will er real und symbolisch Anstoß zum Nachdenken sein. Stellvertretend für alle unschuldig Verfolgten in der Geschichte der Stadt trägt der Stein den Namen von Maria Rampendahl, deren Schicksal symbolhaft für die Überwindung des Hexenglaubens und den Aufbruch in eine neue Zeit steht. Seit August 1999 befindet sich in der Kirche St. Nicolai ein Gedenkstein aus schwarzem Granit für den Pfarrer Andreas Koch, eine Arbeit des Lemgoer Bildhauers Dorsten Diekmann. Initiator dieses Gedenksteins war die Kirchengemeinde St. Nicolai. 

Damit steht die Stadt Lemgo beispielhaft für Wandlungsprozesse in der lokalen Geschichtskultur. Aus der Kritik folkloristischer und trivialisierender Formen des Umgangs mit dem Hexenthema ist eine lokale Erinnerungskultur hervorgegangen, in der das Gedenken an die Opfer der Hexenverfolgung einen besonderen Stellenwert hat.  

Literatur 

Ingrid Ahrendt-Schulte, Die Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit, in: Regina Pramann (Hg.), Frauengeschichte(n) aus Ostwestfalen-Lippe. Ein Handbuch zur Geschlechtergeschichte in der Region, Bielefeld 1998, S. 77-86 

Regina Pramann (Hg.), Hexenverfolgung und Frauengeschichte. Beiträge aus der kommunalen Kulturarbeit, Bielefeld 1993 

Jürgen Scheffler/Gerd Schwerhoff/Gisela Wilbertz: Umrisse und Themen der Hexenforschung in der Region, in: Gisela Wilbertz/ Gerd Schwerhoff/Jürgen Scheffler (Hg.), Hexenverfolgung und Regionalgeschichte. Die Grafschaft Lippe im Vergleich, Bielefeld 1994, S. 9-25 

Jürgen Scheffler, "Lemgo, das Hexennest". Folkloristik, NS-Vermarktung und lokale Geschichtsdarstellung, in: Jahrbuch für Volkskunde. N.F., Bd. 12, 1989, S. 113-132 

Ders., Geschichte in einer "alten Stadt": Heimatbewegung und Geschichtsbewußtsein in Lemgo im 19. und 20. Jahrhundert, in: ders. (Hg.), Stadt in der Geschichte - Geschichte in der Stadt: 800 Jahre Lemgo. Dokumentation der stadtgeschichtlichen Ausstellung, Bielefeld 1990 (=Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe, Bd. 36), S. 57-72 

Gisela Wilbertz, "...es ist kein Erretter da gewesen..." Pfarrer Andreas Koch, als Hexenmeister hingerichtet am 2. Juni 1666, Lemgo 1999 

 

Siehe auch folgende Artikel:  

Clauss, David d. Ä., Scharfrichter von Gisela Wilbertz

Cothmann, Hermann - Bürgermeister von Nicolas Rügge

Folterinstrumente von Jürgen Scheffler

Grabbe, Bernhard - Kantor und Lehrer am Lemgoer Gymnasium von Regina Fritsch

Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest von Jürgen Scheffler

Lippe, Grafschaft (Lemgo) - Hexenverfolgungen von Jürgen Scheffler

Kerkmann, Heinrich von Nicolas Rügge

Koch, Andreas (Prozeßopfer) - Pfarrer von Gisela Wilbertz

Meier, Karl - Lehrer und Heimatforscher von Jürgen Scheffler

Rampendahl, Maria (Angeklagte im Hexenprozeß) von Gisela Wilbertz

Stadtarchiv Lemgo (Quellen zur Hexenverfolgung) von Gisela Wilbertz

 

Empfohlene Zitierweise

Scheffler, Jürgen: Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1662/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 04.05.2006