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Häresie und Hexerei 

Kathrin Utz Tremp 

19. Juni 2008 

Häresie als Grundlage der Hexerei

Die häretischen Wurzeln der Hexerei werden zumeist unterschätzt, wohl weil die großen europäischen Hexenjagden eine Angelegenheit der frühen Neuzeit und ihre Erforscher in der Regel Historiker der Frühen Neuzeit sind, welche die spätmittelalterlichen Häresien weniger zur Kenntnis nehmen. Aber auch die Erforscher der mittelalterlichen Anfänge der Hexenverfolgungen haben nicht selten zu wenig auf das häretische Erbe der Hexerei geachtet, so an erster Stelle Joseph Hansen (1901) und nach ihm etwa Carlo Ginzburg (1990/1989), der eine gerade Linie von den Verfolgungen der Leprösen (um 1320) und der Juden (um 1350) zu denen der Hexen (15. Jahrhundert) zieht und dabei die Häretiker fast völlig außer Acht lässt. Ausnahmen machen Jeffrey B. Russell (1972), Norman Cohn (1993/1975), Brian P. Levack (1991/1987) und Andreas Blauert (1989). Russell ging davon aus, dass die europäische Hexerei am besten als Form der Häresie zu betrachten sei, dass das Verständnis der Häresie für die Hexerei wichtiger sei als dasjenige der Magie und dass es frühe Hexenverfolgungen vor allem dort gegeben habe, wo vorgängig Häretiker entdeckt worden seien, so in Frankreich, den Niederlanden, dem Rheinland, Norditalien und den Alpen, in den Alpen aber vor allem als Rückzugsgebiet der Häretiker und nicht als besonders rückständige Zone (Russell 1972, S. 19, 39f., 133, 267-269). Norman Cohn hat die spätmittelalterlichen Häresien nur unter ihrer entstellten, dämonisierten Form gesehen und daraus einen Stereotyp konstruiert, von dem er glaubte, dass er bereits zur Diffamierung der frühen Christen verwendet worden sei (Cohn 1993, Kap. 1, 3 und 4). Levack folgte Cohn insofern, als er feststellt, dass die Vorstellung von der Gegen-Gesellschaft der Hexen, die in ihren Geständnissen zum Ausdruck komme, ihren hauptsächlichen Ursprung in der Polemik habe, welche die Geistlichen im 13. und 14. Jahrhundert gegen die Häretiker lancierten und welche ein Eigenleben entwickelt habe (Levack 1991, S. 50f.). Andreas Blauert schließlich hat die Aufmerksamkeit auf das Gebiet der heutigen Schweiz und insbesondere der Westschweiz gelenkt, wo, abgesehen von der Dauphiné, in der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert späte Waldenserverfolgungen und zugleich frühe Hexenverfolgungen stattgefunden haben.

Wenn wir vom kumulativen Konzept der Hexerei ausgehen, wie es sich in den Errores gazariorum darstellt, einer der frühesten Beschreibungen der Hexensekte, wahrscheinlich kurz vor 1436/1438 im Aostatal entstanden (Ostorero 1999, S. 267-337), dann lassen sich häretische und magische Elemente unterscheiden. Zu den häretischen Elementen zählen die Einführung in die Sekte, der Pakt, die nächtliche Versammlung, die Organisation der Sekte und der Hypokrisievorwurf, zu den magischen der Flug der Hexen und Hexer zum Sabbat, die maleficia (insbesondere der Kindsmord) und die Motive, der Sekte beizutreten (Rach- und Genusssucht sowie sexuelle Gelüste). Selbst der Titel des Traktats ist nicht zufällig, er lässt sich nämlich auf die Katharer zurückführen, indem „Gazarii“ eine vor allem im norditalienischen Raum nachweisbare Gruppierung von Katharern ist (Ostorero 1999, S. 301-303). Die Häresie der Katharer hat denn auch Wichtiges zum Konzept der Hexerei beigetragen, selbst wenn sie zu Beginn des 14. Jahrhunderts als ausgerottet galt.

Katharer

Der Name des Katharismus wurde vom Polemisten Alanus von Lille (1125/1130-1203), von Katze abgeleitet, „weil sie (die Katharer) angeblich den Hintern der Katze küssen, in welcher Form ihnen, wie sie sagen, der Teufel erscheint“ (Lambert 1998, S. 43). Eines der Hauptmerkmale des Katharismus, wie er im 13. Jahrhundert in Südfrankreich Verbreitung fand, war der Dualismus (auch Manichäismus), die zentrale Rolle, die dem Teufel als Schöpfer der sichtbaren Welt zugeschrieben wurde (hier und im Folgenden nach Lambert 1998). Hier besteht eine Parallele zur späteren Hexensekte, die angeblich den Teufel anbetete. Das wichtigste Sakrament der Katharer war das consolamentum, das zunächst als Erwachsenentaufe und Aufnahme in die Sekte und in der Spätzeit des Katharismus als Sterbesakrament erteilt wurde. In der Spätzeit, als der Katharismus sich vor der Inquisition in die Pyrenäen zurückziehen musste (Montaillou), war dies nur noch in der Nacht möglich, so dass es zu nächtlichen Versammlungen am Bett eines Sterbenden kam, zu dem einer der wenigen übriggebliebenen Perfekten manchmal von weither geholt werden musste. Die Perfekten, die keusch und vegetarisch lebten, ließen sich von den am Sterbebett Versammelten das melioramentum, eine Art Anbetung erweisen. Nicht selten gingen die Anwesenden mit ihnen eine Art Pakt (auch convention) ein, dass sie seinerseits in der Stunde ihres Todes das consolamentum zu empfangen wünschten. Nach Auffassung der Inquisitoren machten sie sich dadurch schuldig und wurden entsprechend bestraft, allerdings nur die Rückfälligen mit dem Scheiterhaufen.

Im Kampf gegen den Katharismus entstand in Südfrankreich 1233 die Inquisition, die sich des neuen inquisitorischen Verfahrens bediente (Lambert 1998, S. 125, 127, siehe auch Levack 1991, S. 77-105); es waren nicht zuletzt diese beiden, die für Ähnlichkeiten und Parallelitäten zwischen Häresie und Hexerei verantwortlich sind. In seinen Rückzugsgebieten in den Pyrenäen wurde der Katharismus schließlich von Inquisitoren wie Geoffrey d’Ablis (Inquisitor in Carcassonne 1308–1309), Bernard Gui (Inquisitor in Toulouse 1307) und Jacques Fournier (Bischof von Pamiers 1318–1325 und späterer Papst Benedikt XII.) ausgerottet.

Nichtsdestoweniger überlebten Reste des Katharismus in den Alpen, im Piemont, auf dem Weg zwischen Südfrankreich und der Lombardei, neben Spanien das bevorzugte Fluchtland der südfranzösischen Katharer. Die Alpentäler des Piemont und der Dauphiné waren gleichzeitig ein Rückzugsgebiet für die Waldenser (siehe unten), so dass sich insbesondere im Piemont bis Ende des 14. Jahrhunderts ein Synkretismus von Katharismus und Waldensertum herausbildete (siehe Merlo 1977, Register, Sincretismo), der schon recht viel Ähnlichkeit mit den „Doktrinen“ der späteren Hexensekte aufweist. Bereits im ersten Verhör, das der Inquisitor Antonio di Settimo am 23. März 1387 führte, ist gleichzeitig von der „Synagoge der Waldenser“ die Rede, die „zur Stunde des ersten Schlafes“ (primum somnium) stattfinde, vom consolamentum (bestehend aus geweihtem Brot) und von der Ablehnung des Fegefeuers (ein waldensisches Charakteristikum) sowie von einer sexuellen Orgie. Hier tauchte auch die Bezeichnung der Katharer als gazarii auf (Lambert 1998, S. 295), die sich in dem am Anfang erwähnten Traktat Errores gazariorum wiederfindet. Lambert schließt daher auch sein Buch über den Katharismus mit der Bemerkung, dass eines der Vermächtnisse des Katharismus die Hexerei sei (Lambert 1998, S. 314f.). Als Mittler zwischen Katharismus und Hexerei dienten seltsamerweise die Waldenser, die der orthodoxen Kirche viel näher standen als die Katharer und vor allem keinerlei Dualismus kannten (siehe unten).

Waldenser

Die Bewegung der Waldenser wurde um 1170 durch einen Lyoner Kaufmann namens Waldes ins Leben gerufen, der sich ganz der Armut und der Predigt verschrieb und sich dabei auf die Bibel berief (hier und im Folgenden nach Audisio 1998/1989). Da sowohl Predigen als auch Kenntnisse der Bibel den Laien damals verboten waren, wurden Waldes und seine Anhänger zu Beginn der 1180er Jahre vom Erzbischof von Lyon verdammt und aus der Stadt vertrieben. Nichtsdestoweniger breitete sich Waldes’ Lehre im 13. und 14. Jahrhundert über ganz Europa aus (Südfrankreich, Lombardei, Österreich, Piemont, Dauphiné, Böhmen, Mähren, Schlesien, Mark Brandenburg, Pommern). Im 14. Jahrhundert lassen sich zwei Flügel unterscheiden, ein deutscher und ein romanischer. Der deutsche Zweig wurde am Ende des 14. Jahrhunderts in einer großen Verfolgungswelle fast ganz aufgerieben; es überlebten praktisch nur die Waldenser in Freiburg (Schweiz). Durch die Verfolgungen veränderte die Gruppierung der Waldenser ihren Charakter: Während sie anfänglich vor allem den Eid verweigerten, der in der Bibel verboten ist, lehnten sie später insbesondere das Fegefeuer ab, das inzwischen in der orthodoxen Kirche eine große Bedeutung trug. Die Waldenser waren der Meinung, die Buße habe hier und jetzt zu geschehen und könne nicht auf ein fernes Fegefeuer verschoben werden, und deshalb war das einzige Sakrament, das die Waldensermeister (oder -apostel) ihren Gläubigen selber erteilten, das Sakrament der Beichte. Dies geschah – wie nicht anders möglich – bei mehr oder weniger umfangreichen nächtlichen Zusammenkünften, wo auch gepredigt wurde. Die anderen Sakramente nahmen die Waldensergläubigen in der orthodoxen Kirche, was ihnen den Vorwurf der Hypokrisie eintrug.

Der romanische Flügel der Waldenser, diejenigen im Piemont und Dauphiné, war wesentlich donatistischer (antiklerikaler) als der deutsche Flügel, das heißt sie maßen den von sündigen katholischen Priestern gespendeten Sakramenten keinerlei Wert bei; Die Waldenser  der Dauphiné und des Piemont wurden während des ganzen 14. Jahrhunderts durch Inquisitionen intensiv verfolgt, diejenigen der Dauphiné auch noch im 15. Jahrhundert (bis zu einem Kreuzzug 1488), so dass sie sich zunehmend nach Südfrankreich (in die Provence und insbesondere das Luberon) flüchteten. Auf diese Weise überlebten sie als einzige Sekte das Mittelalter und schlossen sich 1532 auf der Synode von Chanforan der Reformation an.

Luziferianer

Ende des 14. Jahrhunderts bildete sich im Piemont ein Synkretismus zwischen Waldensern und Katharern heraus, welcher der Hexerei bereits sehr nahe kam. Nur wenige Jahre später (1392-1394) wurden in der Mark Brandenburg und in Pommern rund 400 Waldenser verhört, von denen einige nur wenige Jahre zuvor als Anbeter des Teufels (Luziferianer) verdächtigt worden waren. Anders als sein Kollege im Piemont, Antonio di Settimo, ging der Inquisitor Peter Zwicker nicht darauf ein, sondern erklärte den Verdächtigten selber, dass sie nichts anderes als Waldenser seien. Dietrich Kurze, der die Prozessakten herausgegeben hat, hat zeigen können, dass solche „Luziferianer“ (eigentlich Waldenser) bereits 1336 in Angermünde verfolgt worden waren (Kurze 1968, S. 56f.). Alexander Patschovsky führt an, dass die Wurzeln des Luziferanismus letztlich, wenn auch in sehr verstümmelter Form, katharisch sind (Patschovsky 1981, S. 660f., und Lambert 1998, S. 120). Patschovsky (1991) hat im Weiteren gezeigt, dass der Vorwurf des Luziferanismus im 13. Jahrhundert den von Konrad von Marburg verfolgten deutschen Katharern gemacht wurde, und im 14. Jahrhundert, als die Katharer ausgerottet waren, den Waldensern, so etwa den 1315 in Schweidnitz verfolgten Häretikern dieses Namens. Beim Luziferanismus könnte es sich um den von Cohn 1975 herausgearbeiteten Stereotyp des dämonisierten Ketzers handeln. Parallel zur Dämonisierung der Häresie verlief die Häretisierung der Magie, indem Papst Johannes XXII. die letztere 1326 mit der Bulle Super illius specula der Häresie annäherte (Cohn 1993, S. 114f.).

Die Freiburger Waldenserprozesse von 1399 und 1430

Von den Waldensern ging der Vorwurf des Luziferanismus im 15. Jahrhundert auf die Sekte der Hexer und Hexen über, wo er sich umso leichter assimilierte, als diese Sekte gar nicht existiert hat. Hexen und Hexer wurden in der französischen Westschweiz bis zum Ende des 15. Jahrhunderts (und darüber hinaus) nie anders denn als „Häretiker“ oder „vaudois“ bezeichnet (CLHM 20, S. 250, siehe auch CLHM 1, S. 118f.). Voraussetzung für diese reibungslose Übertragung einer Etikette von einer Sekte auf die andere war das Bestehen einer ständigen Inquisition, die sich in der Westschweiz spätestens seit 1399 nachweisen lässt (Andenmatten / Utz Tremp 1992). Ihr Wirkungsfeld war zunächst die Stadt Freiburg, wo sie 1399 und 1430 zwei Waldenserprozesse führte, die das Ende des deutschen Waldensertums bedeuteten (hier und im Folgenden nach Utz Tremp 2000). Gerade anhand des zweiten Prozesses lassen sich interessante Übergänge von der Häresie zur Hexerei (die als Häresie geahndet wurde) beobachten. Bei den verfolgten Häretikern handelte es sich zwar noch bei fast allen eindeutig um Waldenser, aber ihre Versammlungen (auch Konventikel) wurden in den Prozessakten doch bereits als „Sekten“ und „Synagogen“ bezeichnet – ebenso wie später die Versammlungen der Hexen und Hexer in der Westschweiz. Am Rand des Prozesses tauchen jedoch schon einige Fälle auf, die nicht mehr Waldenser, aber auch noch nicht eindeutig Hexen und Hexer waren. So Itha Stucki, die bezeichnenderweise nicht aus der Stadt, sondern aus dem Umland stammte und denunziert wurde, weil sie angeblich wusste, „wie man einen Wagen zubereitete, dass er von selbst und ohne Hilfe lief“. Die Richter, darunter der Inquisitor Ulrich von Torrenté, gingen der Sache nach und fanden zwar, dass Itha Stucki tatsächlich im Ruf stand, viele Malefizien auszuüben, konnten ihr indessen nicht nachweisen, dass sie dazu die Hilfe des Teufels in Anspruch nahm. Sie wurde deshalb zum Reinigungseid zugelassen.

Ein anderer Fall war die Oetzschina, die gegen Ende des Prozesses denunziert wurde, weil sie nicht an das Fegefeuer und die Wiedergänger glaubte und weil sie die Waldenserprediger gegen die Behauptungen in Schutz genommen habe, „sie küssten die Katze unter dem Schwanz“ und seien „Prediger des Teufels“.

Die beiden Frauen mussten freigesprochen werden, doch geriet Itha Stucki rund zehn Jahre später in eine erste Hexenjagd, welche die Stadt Freiburg selber führte, ohne Beiziehung eines Inquisitors, und wurde 1442 zusammen mit ihrem Sohn Peter zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. So gingen gerade in Freiburg und seinem Territorium die Häresieprozesse in den 1430er Jahren praktisch nahtlos in Hexenprozesse über. Dagegen scheinen in der Dauphiné, wo die Hexenverfolgungen noch etwas früher (1424-1428) einsetzten als in der Westschweiz, während des ganzen 15. Jahrhunderts sowohl Hexen- als auch Waldenserverfolgungen geführt worden zu sein (Paravy 1993, Buch 3 und 4).

Frühe Hexenverfolgungen in der Westschweiz

Andererseits wurden in der Westschweiz die Waldenserverfolgungen von den Hexenverfolgungen vollständig abgelöst. In der zweiten Hälfte der 1430er Jahre begann auch die westschweizerische Inquisition, immer noch in den Händen von Ulrich von Torrenté, erste Hexenprozesse zu führen, 1438 in Dommartin und 1439 in Neuenburg (Andenmatten / Utz Tremp 1992, S. 93f., 95-97, 110-118). Der Praxis folgte die Theorie: In den Jahren 1428-1442 entstanden in den Westalpen die ersten fünf theoretischen Schriften zur Hexensekte (ediert und kommentiert in Ostorero 1999). 1448 führte die westschweizerische Inquisition eine erste kleinere Hexenjagd in Vevey (CLHM 15), die sich rund dreißig Jahre später in erweitertem Rahmen am gleichen Ort wiederholte (CLHM 17). Dabei ist hervorzuheben, dass die Hexer und Hexen 1448 in Vevey als „moderne Waldenser“ (heretici moderni Valdenses) bezeichnet wurden; offenbar bestand hier das Bedürfnis, die Hexen von den Waldensern zu unterscheiden. Um 1460 ließ der Bischof von Lausanne, Georg von Saluzzo (1440-1461), in seinem eigenen Territorium Hexer und Hexen verhaften und hinrichten (CLHM 25), und 1498 tat das Domkapitel es ihm in der eigenen Kastlanei Dommartin gleich (wo 1438 bereits ein Hexer hingerichtet worden war; CLHM 17). Gerade hier und vor allem auch in einer weiteren Hexenverfolgung, die 1524–1528 im gleichen Territorium geführt wurde (CLHM 1), treten die häretischen Elemente (Einführung in die Sekte, nächtliche Versammlung und Organisation der Sekte) hinter den magischen Elementen zurück, insbesondere den maleficia. Das häretische Erbe überließ den ersten Platz dem magischen, das der dörflichen Gemeinschaft wohl näher lag.

Nichtsdestoweniger hat das häretische Substrat die ersten Hexenverfolgungen maßgeblich beeinflusst. Wenn wir das Gebiet der nachmaligen Schweiz am Ende des Mittelalters als Ganzes betrachten (hier und im Folgenden nach Modestin / Utz Tremp 2002), dann stellen wir fest, dass in jenen Landesteilen, wo vorher Ketzerverfolgungen geführt wurden und eine etablierte Inquisition existierte, die häretischen Elemente in den Beschuldigungen und Geständnissen wesentlich zahlreicher sind und der Männeranteil an den Opfern der Hexenverfolgungen wesentlich höher liegt als in jenen, wo vorgängig keine Häresieverfolgungen stattgefunden und keine Inquisition bestanden hatte. Besonders ausgeprägt ist in dieser Hinsicht der Gegensatz zwischen West- und Ostschweiz (insbesondere Luzern und seinem Territorium), aber auch zwischen der Nordwestschweiz und der von der norditalienischen Inquisition geprägten Leventina (Schatzmann 2003).

Literatur 

Bernard Andenmatten / Kathrin Utz Tremp, De l’hérésie à la sorcellerie: l’inquisiteur Ulric de Torrenté OP (vers 1420–1445) et l’affermissement de l’inquisition en Suisse romande, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 86, 1992, S. 69-119.

Gabriel Audisio, Gabriel, Les vaudois, Histoire d’une dissidence (XIIe-XVIe siècle), Paris 1998 (Turin 1989).

Andreas Blauert, Frühe Hexenverfolgungen. Ketzer-, Zauberei- und Hexenprozesse des 15. Jahrhunderts, Hamburg 1989.

Cahiers lausannois d’histoire médiévales (CLHM) 1 (1989), 15 (1995), 17 (1996), 20 (1997). 25 (1999) und 41 (2007) (über die Hexenverfolgungen des 15. Jahrhunderts in der Westschweiz). Lausanne 1989, 1995, 1996, 1997, 1999 und 2007.

Norman Cohn, Europe’s Inner Demons. The Demonization of Christians in Medieval Christendom, London 1993 (London 1975).

Carlo Ginzburg, Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte. Aus dem Italienischen von Martina Kempter, Berlin 1990.

Joseph Hansen, Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns und der Hexenverfolgung im Mittelalter, Bonn 1901 (Neudruck Hildesheim 1963).

Dietrich Kurze, Zur Ketzergeschichte der Mark Brandenburg und Pommerns vornehmlich im 14. Jahrhundert. Luziferaner, Putzkeller und Waldenser, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 16/17, 1968, S. 50-94.

Malcolm Lambert, The Cathars, Oxford / Malden (Mass.) 1998.

Brian P. Levack, La grande chasse aux sorcières en Europe au début des temps modernes. Traduit de l’anglais par Jacques Chiffoleau, Champ Vallon 1991.

Grado G. Merlo, Eretici e inquisitori nella società piemontese del trecento, Turin 1977.

Georg Modestin / Kathrin Utz Tremp, Hexen, Herren und Richter. Die Verfolgung von Hexern und Hexen auf dem Gebiet der heutigen Schweiz am Ende des Mittelalters, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 52, 2002, S. 103-162.

Martine Ostorero / Agostino Paravicini Bagliani / Kathrin Utz Tremp (Hg.), L’imaginaire du sabbat. Edition critique des textes les plus anciens (1430 c.-1440 c.), Lausanne 1999 (Cahiers lausannois d’histoire médiévale 26).

Pierrette Paravy, De la chrétienté romaine à la Réforme en Dauphiné. Evêques, fidèles et déviants (vers 1340–vers 1530), Rom 1993.

Alexander Patschovsky, Zur Ketzerverfolgung Konrads von Marburg, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 37, 1981, S. 641-693. [Digitale Ausgabe].

Alexander Patschovsky, Der Ketzer als Teufelsdiener, in: Hubert Mordek (Hg.), Papsttum, Kirche und Recht im Mittelalter. Fs. für Horst Fuhrmann zum 65. Geburtstag. Tübingen 1991, S. 317-334. [Digitale Ausgabe]

Jeffrey Burton Russell, Witchcraft in the Middle Ages, Ithaca / London 1972.

Niklaus Schatzmann, Verdorrende Bäume und Brote wie Kuhfladen. Hexenprozesse in der Leventina 1431-1459 und die Anfänge der Hexenverfolgung auf der Alpensüdseite, Zürich 2003.

Kathrin Utz Tremp, Art. Heresy, in: Richard Golden (Hg.), Encyclopedia of Witchcraft. The Western Tradition, 4 Bde., Santa Barbara u. a. 2006; Bd. 2, S. 485-487.

Kathrin Utz Tremp (Hg.), Quellen zur Geschichte der Waldenser von Freiburg im Űchtland (1399–1439), Hannover 2000 (MGH Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters 18).

Kathrin Utz Tremp, Von der Häresie zur Hexerei. „Wirkliche“ und imaginäre Sekten im Spätmittelalter, Hannover 2008 (MGH Schriften).

Empfohlene Zitierweise

Utz Tremp, Kathrin: Häresie und Hexerei. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5936/

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Erstellt: 27.06.2008

Zuletzt geändert: 23.07.2008