Sachbegriffe

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Folterinstrumente 

Lippe, Grafschaft (Lemgo) 

Jürgen Scheffler  

13.12.99  

Folterinstrumente gehören zu den Sachzeugen der alten Kriminalgerichtsbarkeit. Ihre wissenschaftliche Erforschung fällt in das Fachgebiet der Rechtsarchäologie. Gesammelt und ausgestellt werden sie in den historischen und kulturgeschichtlichen Museen, in denen sie häufig zu den spektakulären Objekten gehören, die in besonderer Weise das Besucherinteresse auf sich ziehen. Auch im Hexenbürgermeisterhaus, dem Städtischen Museum in Lemgo (-> Lemgo, Stadt), gehören die Folterinstrumente im sog. Folterkeller, der eine museale Inszenierung aus den 1930er Jahren darstellt, zu den Objekten, auf die sich die Aufmerksamkeit der Besucher(innen) vor allem richtet. Auf einer Eintrittskarte aus den 1930er Jahren war sogar der sog. Kropsche Kasten abgebildet. Es handelt sich dabei um einen Schließkasten, der dazu diente, den Raubmörder Johann Christoph Krop, der als Ausbrecher berüchtigt war, einzusperren. Zwar stand der Kasten in keiner Verbindung zu den Hexenprozessen, aber er weckte das Interesse für das Hexenbürgermeisterhaus und seine Sammlung von Folterinstrumenten. 

Zum Bestand des Städtischen Museums in Lemgo gehören neben dem Kropschen Kasten zwei Daumenschrauben, ein hölzerner Knebel, zwei Beinschrauben sowie eine Streckleiter und ein sog. Folterstuhl. Bein- und Daumenschrauben sowie der hölzerne Knebel stammen aus dem Nachlaß der Lemgoer Scharfrichterfamilie Clauss/Clausen (-> David Clauss). Dort befanden sie sich noch im Jahre 1839, wie eine Zeichnung belegt, die der Salzufler Bürgermeister und Syndikus Chrtistian Antze als Illustration zu seinem Artikel über die Hexenprozesse in der Grafschaft Lippe anfertigen ließ. Auf der Zeichnung zu sehen sind auch ein Flaschenzug, mit dem das Aufziehen auf der Leiter stattfand, sowie ein sog. Folterstuhl. Allerdings waren diese Objekte im Jahre 1839 nicht mehr vorhanden. Die Instrumente, die im Besitz der Scharfrichterfamilie überliefert waren, sowie der Kropsche Kasten, der als Relikt des früheren Gefängnisinventars im Rathaus aufbewahrt wurde, kamen Ende des 19. Jahrhunderts in die Städtische Altertümersammlung und von dort in das Heimatmuseum im Hexenbürgermeisterhaus. 

Die Zeichnung des Folterstuhls beruhte auf der "vom Nachrichter Clausen davon gegebenen Beschreibung", wie es Antze in seinem Artikel formuliert hat. Danach handelte es sich um einen "gewöhnlichen Stuhl von starkem Holze, mit niedriger Rückenlehne". An jedem der vier Füße war ein eiserner Winkel angebracht, so daß der Stuhl auf dem Boden festgeschraubt werden konnte. An der Rückenlehne und am Sitzrahmen befanden sich Pferdehaargurte, die der Fesselung dienten. Der Sitz hatte "lang hervorstehende, spitze, hölzerne Stacheln, gleich den beiden Spanischen Stiefeln". Über die Verwendung eines solchen Stuhles in den Lemgoer Hexenprozessen ist nur wenig bekannt.  

In den Quellen des Stadtarchivs gibt es zwei Hinweise auf die Anfertigung eines solchen Stuhls. Nach einer Rechnung sollen im Jahre 1632 zwei "Bedenkstühle" hergestellt und auf die als Gefängnis genutzten Stadttürme gebracht worden sein. Der Begriff "Bedenkstuhl" könnte allerdings darauf hinweisen, daß dieser Stuhl nicht als Folterinstrument genutzt wurde, sondern eine Art Gefängnisinventar darstellte, auf dem ein Angeklagter oder eine Angeklagte gefesselt wurde. Im Prozeß gegen Ursula, Hans Kehdens Frau, wurde 1666 ein "newer Stuel mit langen spitzigen Nägeln durch geschlagen" angefertigt, "darauff Hans Kettens Frawe hin undt wieder geschüttelt worden". Dieser Stuhl ist wohl nur einmal zur Anwendung gekommen. Der im Städtischen Museum überlieferte Stuhl entspricht mit seinen spitzen, hölzernen Stacheln dem von Antze beschriebenen. Eine dendrochronologische Untersuchung hat allerdings ergeben, das die verwendeten Hölzer um 1788 geschlagen worden sind, so daß es sich bei dem Stuhl um einen Nachbau aus dem 19. oder dem 20. Jahrhundert handelt.  

Der Lemgoer Stuhl, auch wenn es sich dabei um einen Nachbau handelt, ist im übrigen kein Einzelstück. Aus anderen Städten und Regionen sind sog. Stachelstühle bekannt, die in Einzelfällen in Museen (als Original oder als Nachbau) überliefert sind. 

Die Folter war durch die "Constitutio Criminalis Carolina" (1532) im frühneuzeitlichen Strafsystem als ein Mittel der Wahrheitsfindung zugelassen. Ihre konkrete Anwendung aber wurde der Entscheidung des jeweiligen Richters überlassen. In Lemgo begann die Folter in der Regel mit der Anwendung einer Beinschraube. Als Verschärfung folgte das Aufziehen auf der Leiter, mit zugebundenen Augen und zusammengebundenen Händen. In einigen Fällen wurden die Angeklagten darüber hinaus mit Schwefel beworfen, mit einer Rute geschlagen, und ihnen wurde ein hölzerner Knebel in den Munden gesteckt. Wenn kein Geständnis erfolgte, konnte die Prozedur wiederholt werden. 

Auf dem Hintergrund der Lemgoer Quellen zum Ablauf der Folter fehlt in der Sachüberlieferung das wichtigste Folterinstrument, die Leiter mit dem Flaschenzug. Von den Instrumenten, die aus dem Besitz der Scharfrichterfamilie stammen, gehören die Beinschrauben sowie die Maulsperre zu den originalen Sachzeugen, mit denen die Folter in den Lemgoer Hexenprozessen durchgeführt wurde. Die Verwendung von Daumenschrauben war vermutlich im 17. Jahrhundert in Lemgo noch nicht üblich.  

Das Lemgoer Beispiel verdeutlicht, daß mit der Ausstellung von Folterinstrumenten als Sachzeugen zur Geschichte der Hexenprozesse die Frage nach der Authentizität der Objekte aufgeworfen wird. Zu ihrer Beantwortung bedarf es der Auswertung von schriftlichen Quellen. Ohne lokal- und regionalgeschichtliche Forschungen, die anhand der überlieferten Akten den realen Ablauf der Folter zu rekonstruieren versuchen, ist die Aussagekraft der überlieferten Folterinstrumente, was die Realität des Prozeßgeschehens anbetrifft, begrenzt. Da im 19. Jahrhundert im Zeichen des Historismus ein besonderes Interesse an Folterinstrumenten entstanden war, die als Sachzeugen des "finsteren" bzw. "grausamen" Mittelalters interpretiert wurden, kam es vermutlich zu Nachbauten, aber auch zu Neuschöpfungen, die in einer Reihe von Museen und Sammlungen zu finden sind. Von daher könnte auch die genauere Untersuchung der Objekte selbst, wie das Beispiel der dendrochronologischen Untersuchung des Lemgoer "Folterstuhls" verdeutlicht, zu weiteren Ergebnissen im Hinblick auf das Alter der in den Museen überlieferten Folterinstrumente führen. Solange die Datierung allerdings ungewiß bleibt, sollte in den Museen vorsichtige Zurückhaltung walten, was die Präsentation von Folterinstrumenten als originale Sachzeugen der alten Kriminalgerichtsbarkeit anbetrifft. 

Quellen:  

Staatsarchiv Detmold, L 28 Lemgo B.IX.3. Prozeß Cord Dircking, Bd. 2 

Quellensammlung: 

Gisela Wilbertz: Hexenverfolgung in Lemgo. Quellensammlung, Lemgo 1998 (2. Auflage) 

Primärliteratur: 

Christian Antze, Vom Hexen-Processe vor den Gerichten im Umfange der ehemaligen Grafschaft, des jetzigen Fürstenthums, Lippe, in: Lippisches Magazin, Nr. 41 vom 9. Januar 1839, Sp. 641-651  

Sekundärliteratur: 

Jürgen Scheffler, Hexenverfolgung als Ausstellungsgegenstand: Das Beispiel "Hexenbürgermeisterhaus", in: Regina Pramann (Hg.), Hexenverfolgung und Frauengeschichte. Beiträge aus der kommunalen Kulturarbeit, Bielefeld 1993, S. 67-82 

Wolfgang Schild, Folterstuhl und Maulsperre, in: Cord Meckseper (Hg.), Stadt im Wandel. Kunst und Kultur des Bürgertums in Norddeutschland 1150-1650. Bd. 2, Stuttgart-Bad Cannstadt 1985, S. 963/964 

Ders., Alte Lemgoer Kriminalgerichtsbarkeit, in: Peter Johanek/Herbert Stöwer (Hg.), 800 Jahre Lemgo. Aspekte der Stadtgeschichte, Lemgo 1990 (= Beiträge zur Geschichte der Stadt Lemgo, Bd.2), S. 141-170 

Gisela Wilbertz, "Die Rache Gottes erwachte..." Vor 225 Jahren: Ein dreifacher Mord und die letzte Hinrichtung in Lemgo. Ausstellung des Stadtarchivs Lemgo. 17. März bis 28. Mai 1999, Lemgo 1999 

 

Siehe auch folgende Artikel:  

Clauss, David d. Ä., Scharfrichter von Gisela Wilbertz

Cothmann, Hermann - Bürgermeister von Nicolas Rügge

Grabbe, Bernhard - Kantor und Lehrer am Lemgoer Gymnasium von Regina Fritsch

Hexenbürgermeisterhaus von Jürgen Scheffler

Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest von Jürgen Scheffler

Lippe, Grafschaft (Lemgo) - Hexenverfolgungen von Jürgen Scheffler

Kerkmann, Heinrich von Nicolas Rügge

Koch, Andreas (Prozeßopfer) - Pfarrer von Gisela Wilbertz

Meier, Karl - Lehrer und Heimatforscher von Jürgen Scheffler

Rampendahl, Maria (Angeklagte im Hexenprozeß) von Gisela Wilbertz

Stadtarchiv Lemgo (Quellen zur Hexenverfolgung) von Gisela Wilbertz

Empfohlene Zitierweise

Scheffler, Jürgen: Folterinstrumente. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/911/

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Erstellt: 19.01.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006