Sachbegriffe

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Rainer Walz 

Ethnologie und Hexenverfolgung 

Einleitung 

Die Erforschung der europäischen Hexenverfolgungen hat vielleicht erst durch die Rezeption der ethnologischen Forschung eine gewisse Tiefendimension gewonnen, wenn auch deren erste Anwendung durch Alan Macfarlane und Keith Thomas von den konkreten Ergebnissen her nicht sehr glücklich, weil sehr konstruiert war. Doch seitdem geht auch die historische Hexenforschung immer mehr davon aus, dass Hexenverfolgungen mit den Tiefenstrukturen einer Gesellschaft zusammenhängen. Dabei muss aber festgehalten werden, dass die Ethnologie in der Regel ganz andere Gesellschaften untersucht als die Geschichtswissenschaft. Gegenstand der ethnologischen Forschung war bisher vorwiegend der Hexenglauben segmentärer (so genannter primitiver) Gesellschaften, das heißt Gesellschaften, die sich durch keine oder nur geringe soziale Schichtung auszeichnen und Verwandtschaft als dominantes Strukturprinzip aufweisen, auf dem auch politische Machthaber (Häuptlinge) aufbauen. Diese Gesellschaften sind auch durch eine fehlende Schriftlichkeit und eine an magischen Ritualen ausgerichtete Natur-, Ahnen- und Geisterreligion ohne festen Dogmenbestand gekennzeichnet. Dagegen war die europäische Gesellschaft zur Zeit der Hexenverfolgungen eine Hochkultur, die ein ausdifferenziertes Religionssystem mit einem - auch für die Hexenverfolgungen außerordentlich wichtigen - Dogmenbestand und ein ebenso ausdifferenziertes politisches System entwickelt hatte. Diese Unterschiede gilt es zu beachten. Sie erklären, warum zum Beispiel von einem anerkannten Hexenforscher (E. W. Monter) der Nutzen der ethnologischen Forschung für die Erforschung der europäischen Verfolgungen verneint wurde. 

Charakterisierung der ethnologischen Forschung 

Das methodologisch Besondere der dominierenden angelsächsischen, stark an Emile Durkheim orientierten Schule der Ethnologie ist die Untersuchung der Funktionen von sozialen Strukturen und deren Erklärung aus der Struktur der betreffenden Gesellschaft. Eine dualistische Religion kann so zum Beispiel mit einer dualistischen Struktur des Clansystems in Verbindung gebracht werden. Die Kosmologie/ Religion drückt dieser Annahme zufolge die fundamentalen Strukturen einer Gesellschaft aus - im Sinne von Kommunikationscodes nach Leach. Die Ethnologie arbeitet damit weitgehend ahistorisch. Ein gutes Beispiel für diese Methode ist Mary Douglas' Ansatz, die Erklärung des Bösen in diesen Gesellschaften aus den Siedlungsstrukturen heraus zu verstehen. Solche Gesellschaften, in denen Menschen eng und in großer Abhängigkeit voneinander zusammenleben, rechnen Unglück eher Menschen zu, solche, die locker strukturiert und durch große Fluidität der Gruppen gekennzeichnet sind, denken das Böse bzw. das Unglück als durch Naturgeister und ähnliches verursacht. Bei dem ersten Modus der Zurechnung lässt sich die Verursachung durch den Neid beziehungsweise den Unwillen der Hexe / des Hexers erklären. 

Klassisch gewordene Beiträge dieser Schule der angelsächsischen Ethnologie zum Hexenglauben sind die Werke von E. E. Evans-Pritchard, Monica Wilson, Bronislaw Malinowski, Clyde Kluckhohn und Mary Douglas, um nur einige zu nennen. 

Funktionen der Hexenverfolgungen 

Bei der Untersuchung der einzelnen Funktionen des Hexenglaubens muss die Bedeutung der Magie in den genannten Gesellschaften berücksichtigt werden. Magie zeichnet sich durch ihre instrumentelle Funktion aus, also den Glauben an die Beherrschung der natürlichen und sozialen Umwelt durch rituelle Praktiken, und durch ihre expressive Funktion, die darin besteht, dass diese Rituale den Zusammenhalt der Gesellschaft gewährleisten. In solchen Gesellschaften gibt es - idealtypisch betrachtet - keinen Zufall. Das heißt, alle Vorkommnisse gelten als von bestimmten Mächten verursacht. Glück und Unglück werden nicht etwa dem Zufall geschuldet, sondern werden Ahnen, Geistern oder Hexen zugeschrieben. Im Extremfall gibt es keinen "natürlichen" Todesfall, sondern man denkt jeden Tod als von bösen Mächten verursacht. Von daher kann die Hauptfunktion des Hexenglaubens als Kontingenzreduktion bestimmt werden. Unglück wird als von Mitmenschen bewirkt gedacht, was die Identifizierung eines konkreten Gegners ermöglicht. Doch auch das Glück des Einzelnen kann ebenso erklärt werden - als das Unglück des anderen. Von daher erklärt sich auch die fundamentale Rolle des Neides bei der Zuschreibung von magischer Kraft. Deswegen sieht die Ethnologie eine besonders wichtige Funktion des Hexenglaubens in der Sanktionierung abweichenden Verhaltens. Da der Unwille des Hexers / der Hexe sich auf unfreundliches Verhalten richtet und er / sie dieses "bestraft", kann die Verhinderung von Hexerei in gewissem Maße mit der Vermeidung abweichenden Verhaltens gleichgesetzt werden. Von daher wurde der Hexenglaube von Monica Wilson als die tragende Säule solcher Gesellschaften bezeichnet. Damit hängt eine weitere Funktion zusammen, die des Hexenglaubens als eines levelling mechanism. Segmentäre Gesellschaften entwickeln zahlreiche Mechanismen, um die Entwicklung größerer Ungleichheit zu verhindern. Diese können bei der Verteilung der Jagdbeute oder bei Gewinnspielen wirken. Der Hexenglaube, so die These, ist ein levelling mechanism, weil er, wie erwähnt, auch übermäßiges Glück sanktioniert. Reichtum erregt Neid, deswegen wird er häufig verborgen. Insgesamt gilt in solchen Gesellschaften Ungleichheit als auf Kosten anderer erreicht, da die Summe der vorhandenen Güter als konstant vorgestellt wird. Besonders häufig hat die Ethnologie die Lösung von Verwandtschafts- und Nachbarschaftskonflikten als Funktion des Hexenglaubens herausgestellt: Ein Konflikt wird dadurch gelöst, dass man einUnglück einem Feind als Hexerei attribuiert und dann die Gesellschaft für diese Position gewinnt. Ein solches Glaubenssystem ermöglicht es also, individuelle Feinde zu Feinden der Gesellschaft zu machen. Damit hängt eine weitere Funktion des Hexenglaubens zusammen: die Symbolisierung des Bösen. In bestimmten Gesellschaften wird der Hexer / die Hexe als besonders abschreckendes Monstrum vorgestellt, das zum Beispiel Anthropophagie betreibt, also die zu schädigenden Personen verzehrt, indem es etwa deren innere Organe stiehlt. In solchen Gesellschaften symbolisiert der Hexer die besonderen Gefahren dieser Gesellschaft, zum Beispiel die der Seefahrt bei den Trobriandern (Malinowski). In anderen Gesellschaften gilt der Hexer dagegen eher als normale Person, mit der man sich einige Zeit nach dem von ihr verursachten Schaden wieder vertragen kann, wie dies Evans-Pritchard für die Azande feststellt. Dies ist besonders wichtig für die Erforschung der europäischen Hexenverfolgungen, weil es ungefähr dem Unterschied zwischen dem einfachen Schadenszauber und dem kumulativen Hexenbegriff entspricht. Mit dieser Unterscheidung könnte eine weitere wichtige Unterscheidung der Ethnologie in Verbindung gebracht werden: die zwischen sorcery und witchcraft. Während der sorcerer mit manipulativen Mitteln arbeitet, wirkt der witch durch die ihm innewohnende magische Kraft. 

Für die Erforschung der europäischen Hexenverfolgungen ist besonders der Beitrag der Ethnologie zur Erklärung der Rolle der Frau im Hexenglauben von Bedeutung. Hier lässt sich feststellen, dass der Hexenglauben schon in ganz einfachen Gesellschaften, wie den von Barth untersuchten Baktaman, die noch nicht einmal über ein elaboriertes Verwandtschaftssystem verfügen, geschlechtsspezifische Merkmale aufweist. Während bei den Baktaman der Mann sorcery mit Hilfe von Haaren oder Kleidungsstücken ihrer Opfer betreibt, erscheint die Frau als ein Vogel, der sein Opfer mit dem Steinbeil bewusstlos schlägt und dann dessen Fleisch isst. Diese Differenz ist im Einzelnen eine klare Inversion der Geschlechterrollen dieser Gesellschaft. Für Europa ist oft angenommen worden, dass besonders alte und arme Frauen für Hexen gehalten wurden. In manchen Ethnien machen Frauen mit Besessenheit auf ihren unterprivilegierten Status aufmerksam und gestehen deswegen auch selbst ihre Hexerei. Lewis hat dies periphere Besessenheit genannt. Dem stehenaber Gesellschaften gegenüber, in denen Frauen wegen ihrer besseren ökonomischen Stellung Hexerei zugeschrieben wird (Nadel). Die Ergebnisse der Ethnologie sind hier nicht eindeutig, folglich kann man nicht davon ausgehen, dass insgesamt erstens die Zuschreibung auf Frauen überwiegt und zweitens diese dann auch immer den dämonischeren Part übernehmen. 

Des Weiteren ist die Nutzung des Hexenglaubens für politische Macht von Belang. Dies ist besonders von Winter untersucht worden, der gezeigt hat, wie dabei eine zunächst positiv bewertete magische Kraft ins Negative umschlagen kann. 

Dekolonialisierungs- und Modernisierungsprozesse - Krisen 

Besonders in den letzten Jahren hat die Ethnologie die Rolle des Hexenglaubens in Dekolonialisierungs- und Modernisierungsprozessen - besonders intensiv in Afrika - untersucht. Sie hat sich damit insofern der historischen Betrachtungsweise angenähert, als sie den Hexenglauben als Krisenphänomen interpretiert. Die Nutzung für die Erlangung oder Stabilisierung von Macht und damit die politische Funktion des Hexenglaubens bekam anscheinend besonders nach dem Zweiten Weltkrieg Konjunktur. In diesem Zusammenhang sei die Arbeit von Rowlands/Warner erwähnt, die für Kamerun gezeigt haben, dass der Hexereiverdacht in beide Richtungen genutzt wird.Einerseitsverdächtigt man nun die politischen Eliten der Hexerei, weil sie Hexerei bekämpfende Heiler bestrafen, andererseits fürchten die politischen Eliten offenbar, dass in den Dörfern Hexerei gegen sie praktiziert wird. In den städtischen Zentren Erfolgreiche fürchten sich davor, bei Rückkehr in ihre ländliche Heimat von Verwandten, die ihnen ihren Erfolg neiden, behext zu werden. Dies behindert die Repräsentation ländlicher Gebiete in der Zentrale und, so befürchtet man, auch den Aufbau eines modernen politischen Systems. Dies führte zur gesetzlich eröffneten Möglichkeit, wegen Hexerei Anklage zu erheben. Dabei ist zu betonen, dass die Funktion des levelling mechanism auf Konflikte zwischen Verwandten angewendet wird (Fisiy). Besonderes Interesse erregen gegenwärtig die Hexenverfolgungen in Südafrika, wo es zu Lynchjustiz mit Hunderten von Toten gekommen ist, wobei Anhänger des ANC (African National Congress) besonders aktiv waren. In diesem Land wird auch die Anklage der Hexer / Hexen durch den Staat nahe gelegt, während zur Zeit der Apartheid die Identifizierung von Hexen durch Wahrsager und auch Selbstjustiz hart bestraft wurden. Der Hexenglaube hat in der Wirtschaftskrise Südafrikas unter anderem sogar die Funktion, Arbeitslosigkeit zu erklären. Die Art und Weise, wie der Staat mit dem durch Hexen "angerichteten" Schaden umgeht, entscheidet über seine Legitimität (Ashforth, Harnischfeger). Die besondere Plastizität des Hexenglaubens zeigt sich in dessen Nutzung für den Kampf gegen Modernisierung, zum Beispiel in der Identifizierung von Hexen über die an westlichen Vorbildern orientierte conspicuous consumption sowie in der Bekämpfung rivalisierender Kirchen mit Hilfe des Hexereiverdachts (Parish). Der Hexenglaube kann offenbar sehr schnell im Kampf für oder gegen neue Entwicklungen eingesetzt werden. 

Dysfunktionalität 

Die funktionalistische Schule der Soziologie ist vor allem in Deutschland mit dem Argument bekämpft worden, dass sie Gesellschaften als zu statisch betrachte. Diese Kritik darf nicht überschätzt werden, aber selbstverständlich muss berücksichtigt werden, dass gerade der Hexenglaube für eine Gesellschaft auch dysfunktional wirken kann. Dies ist der Fall wenn er zum Beispiel, statt Konflikte zu lösen, gravierende Konflikte auslöst, also das Klima durch Attributionen vergiftet und unter Umständen tödliche Reaktionen der Verwandten einer Hexe auslöst. Dies ist schon früh von Winter für afrikanische Gesellschaften untersucht worden. Wer diese Möglichkeit der Dysfunktionalität beachtet, ist gegen eine mechanische Anwendung des Funktionsschemas gewappnet. 

Literatur 

Adam Ashforth, Witchcraft, Violence, and Democracy in the New South Africa, in: Cahiers d'études africaines 150, 2 (1998), p. 505-532. 

Fredrik Barth, Ritual and Knowledge among the Baktaman of New Guinea, Oslo-New Haven 1975. 

Mary Douglas, Ritual, Tabu und Körpersymbolik, Frankfurt a. M. 1974. 

Cyprian F. Fisiy, Containing Occult Practices: Witchcraft Trials in Cameroon, in: African Studies Review 41 (1998), 143-163. 

Peter Geschiere, The Modernity of Witchcraft: Politics and the Occult in Postcolonial Africa, Charlottesville-London 1997. 

Mathias G. Guenther, "Not a Bushman Thing". Witchcraft among the Bushmen and Hunter-Gatherers, in: Anthropos 87 (1992), p. 83-107. 

Johannes Harnischfeger, Witchcraft and the State in South Africa, in: Anthropos 95 (2000), p. 99-112. 

Clyde Kluckhohn, Navaho Witchcraft, Cambridge Mass. 1944. 

Edmund Leach, Kultur und Kommunikation. Zur Logik symbolischer Zusammenhänge, Frankfurt a. M. 1978. 

Lewis, Ecstatic Religion: An Anthropological Study of Spirit Possession and Shamanism, London 1989. 

Bronislaw Malinowski, Argonauten des westlichen Pazifik, Frankfurt a. M. 1978. 

Ders., Crime and Custom in a Savage Society, London-Henley 1926. 

John Middleton, Lugbara Religion. Ritual and Authority among an East African People, London-New York-Toronto 1960. 

Siegfried F. Nadel, Nupe Religion. Traditional Beliefs and the Influence of Islam in a West African Chiefdom, London 1954. 

Jane Parish, The Dynamics of Witchraft and Indigenous Shrines among the Akan, in: Africa 69 (1999), p. 426-447. 

Edward E. Evans-Pritchard, Witchcraft, Oracles, and Magic among the Azande, Oxford 1937. 

Michael Rowlands and Jean-Pierre Warnier, Sorcery, Power and the Modern State in Cameroon, in: Man (N.S.) 23 (1988), p. 118-133. 

Monica Wilson, Good Company. A Study of Nyakyusa Age-Villages, Oxford 1951. 

Rainer Walz, Die Relevanz der Ethnologie für die Erforschung der europäischen Hexenverfolgungen, in: Ingrid Ahrendt-Schulte, Dieter R, Bauer, Sönke Lorenz und Jürgen Michael Schmidt (Hg.), Geschlecht, Magie und Hexenverfolgung, Bielefeld 2002, S. 57-80. 

Ders., Hexenglauben und magische Kommunikation im Dorf der frühen Neuzeit. Die Verfolgungen in der Grafschaft Lippe, Paderborn 1993. 

Edward H. Winter, The Enemy Within: Amba Witchcraft and Sociological Theory, in: John Middleton and E. H. Winter (Hg.): Witchcraft and Sorcery in East Africa, London 1963, p. 277-299. 

James Woodburn, Egalitarian Societies, in: Man (N.S.) 17 (1982), p. 431-451. 

 

19.02.2003 

Empfohlene Zitierweise

Walz, Rainer: Ethnologie und Hexenverfolgung. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1592/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 15.02.2006