Sachbegriffe

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Ehre - Leumund 

Ralf-Peter Fuchs 

1. April 2008 

Kann eine Person mit gutem Leumund eine Hexe sein? Deutet umgekehrt eine lasterhafte Lebensführung auf eine Neigung zur Zauberei? Derartige Fragen wurden im 16. und 17. Jahrhundert sowohl in Hexenprozessen als auch in Verfahren, die gegen den Hexereiverdacht angestrengt wurden (Injurienprozesse, Nullitätsverfahren), aufgeworfen. Nicht selten entwickelte sich daraus ein intensiver Diskurs von Juristen um die Ehre der betroffenen Personen, in dem einerseits auf Rechtsgelehrte Bezug genommen wurde, andererseits die Aussagen von Prozessbeteiligten und Zeugen gewichtet wurden. Oft lässt sich über Gerichtsakten nachvollziehen, dass bereits vor der Einleitung eines Prozesses Hexereibeschimpfungen und Hexereibeschuldigungen stattgefunden hatten, die sich als Ehrkämpfe interpretieren lassen. All dies zeigt den hohen Stellenwert des Ehrbegriffs für die Gesellschaft der Frühen Neuzeit im Allgemeinen wie für die Hexenverfolgungen im Besonderen auf. 

Ehrkonzepte 

Was lässt sich unter „Ehre“ verstehen? Der Sprachwissenschaftler Hans Wellman hat vorgeschlagen, Ehre mit dem modernen Begriff „Identität“ gleichzusetzen (Wellmann 1998, S. 38). In der Tat geht es in Ehrdiskursen immer um eine Zuschreibung von Identität auf der Basis gesellschaftlicher Normen und Werte: Markiert wird die soziale Identität von Individuen und Gruppen. Dabei erhebt sich die Schwierigkeit, dass diese Zuschreibung in der sozialen Umgebung nicht einheitlich erfolgen muss, sondern erhebliche Differenzen in der Beurteilung auftreten können. Darüber hinaus können sich Selbst- und Außenwahrnehmung fundamental unterscheiden. Für die Untersuchung von Hexenprozessen scheint dieser Begriff von Ehre nichtsdestoweniger ein guter Ausgangspunkt zu sein, manifestiert sich in diesen Verfahren doch das Bestreben, Identitäten zu konstruieren bzw. die „heimliche“ Identität von Charakteren aufzudecken, die sich von Gott und der Gesellschaft abgewandt und einer Gegengesellschaft des Bösen angeschlossen hatten. 

Während die Ständegesellschaften der Frühen Neuzeit allgemein durch eine graduelle Abstufung von Menschen unterschiedlichen Ehrvermögens geprägt waren, die sich anhand des Begriffs des symbolischen Kapitals (Bourdieu) beschreiben ließe, zeigt sich bereits im Vorfeld von Hexenprozessen ein anderes, binäres Zuschreibungsschema: Rainer Walz hat die krasse Dichotomie von „ehrlich“ und „unehrlich“ herausgestellt, die sich in Hexereibeschimpfungen und anderen Alltagskonflikten manifestierte (Walz 1993, S. 61). Im Prozess setzte sich dieses Zuschreibungsschema fort. Es ging darum, den Verdächtigten nachzuweisen, eine Identität angenommen zu haben, die der Norm des Sozialen konträr entgegenstand.

Ehre im Hexereiverfahren 

Die Frage, wie Ehre im konkreten Fall zu bewerten ist, führte bereits zeitgenössische Juristen zur Erkenntnis, dass man sich auf brüchigem Eis befand. Unter dem Begriff „fama“, der gleichzeitig das Gerücht (in den Prozessakten „gemeines Geschrei“ genannt) bezeichnete, wurde intensiv diskutiert, inwieweit ihr Beweiskraft zukam und die Veranlassung der Tortur dadurch begründet werden könne (Fuchs 1995, S. 18). Zwar galt ein schlechter Ruf, insbesondere ein schon länger bestehendes Gerücht eine Hexe zu sein, als belastendes Indiz. Dabei konnte man sich auf die Peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. berufen (Art. 25). Meinungsverschiedenheiten erhoben sich aber über die Frage, wie schwerwiegend dieses sei und welche Folgen es nach sich ziehen solle. Skepsis gegenüber den Aussagen von Zeugen über das „gemeine Geschrei“ war unter Juristen stark verbreitet (Fuchs 1995, S. 19; Walz 2002, S. 323ff). Darüber hinaus galt der Grundsatz, dass die Aussagen von Feinden der verdächtigten Personen ungültig sein sollten. 

Für die Ermittlung der „fama“, die zumeist durch Zeugenverhöre erfolgte, versuchte man daher Prüfungskriterien festzulegen. Über die Peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. wurden Feinde und Personen, die selbst als leichtfertig oder unehrlich galten, im regulären Kriminalverfahren vom Zeugnis ausgeschlossen (Art. 25, Art. 66). Sie galten nicht als „gute Zeugen“. Der „böse Leumund“ durfte daher nicht von ihnen herrühren. Auch Rechtsgelehrte wie der italienische Jurist Josephus Mascardus forderten den Beweis über zwei ehrliche Zeugen, die darüber hinaus den Ursprung des Gerüchts, insbesondere jene Personen, von denen sie zum ersten Mal davon erfahren hatten, anzugeben hatten (Walz 2002, S. 325). In der Praxis der Hexenprozesse schlugen sich solche Aufrufe zur Vorsicht allerdings oftmals nicht nieder. Statt dessen fielen in vielen Verfahren die Bezichtigungen durch Personen ins Gewicht, die man des Deliktes der Zauberei bereits eindeutig überführt zu haben glaubte und die von daher nicht als „gute Zeugen“ im Sinne der Peinlichen Halsgerichtsordnung gelten konnten. Diese Praxis des „processus extraordinarius“, die maßgeblich für die Entstehung von Kettenprozessen verantwortlich war, wurde daher zuweilen über Nichtigkeitsklagen, die von Hexenprozessen betroffene Personen und ihre Familien bei territorialen Hochgerichten oder den Reichsgerichten einreichten, in Frage gestellt (Fuchs 1994, S. 20ff; Oestmann 1997, S. 63ff). Die Akzeptanz von Besagungen vermeintlicher Komplizen oder auch vager Gerüchte als Indizien für die Folter ließ sich juristisch allerdings mit dem Hinweis darauf rechtfertigen, dass die Hexerei ein heimliches Verbrechen (crimen obscurum) sei, das sich über den gewöhnlichen Verfahrensgang nur schwer nachweisen ließe (Fuchs 1994, S. 57).

Dekonstruierung von Gerüchten 

Während der Hexenprozess als Kriminalverfahren kaum Möglichkeiten für Angeklagte bot, die eigene Ehrlichkeit nachzuweisen, bestanden größere Chancen hierfür über die Beschreitung von Verfahrensarten, die das Gemeine Recht für die Verteidigung der Ehre vorsah. Von besonderer Bedeutung war hierbei der Injurienprozess. Zuweilen beschritten verdächtige Personen mit ihren Familien diesen Weg, um einem Hexenprozess zuvorzukommen. Sie klagten Personen an, die sie der Zauberei bezichtigt oder als Hexen beschimpft hatten. Anhand einiger Beispiele solcher Verfahren zeigt sich, dass es auf diesem Weg erfolgreich gelingen konnte, den guten Leumund über Zeugen zu bestätigen und zu verteidigen (Fuchs 1995, S. 25ff). Auch gelang es zuweilen, plausibel zu machen, dass der Ursprung von Gerüchten bei missliebigen Personen auszumachen sei. Untersuchungen von Injurienverfahren aus dem Fürstbistum Münster haben den positiven Effekt dieses Abwehrversuchs gegen den Zaubereivorwurf unterstrichen (Gersmann 1998, S. 269). Allerdings fehlt es noch an weiteren Untersuchungen, die die einschlägigen Erfolgschancen des Injurienprozesses belegen könnten. 

Weitere rechtliche Möglichkeiten,gegen Hexereigerüchte vorzugehen, boten die Kanonische Purgation, die den Beweis der eigenen Ehrlichkeit über einen formalen Eid mitsamt Eideshelfern beinhaltete, und – insbesondere im niederdeutschen Sprachraum – die rechtlich stark umstrittene Wasserprobe, die den hexereiverdächtigten Personen allerdings nur zu häufig nicht die erwünschten Resultate verschaffte. Zudem klagten als Hexen oder Zauberer beschimpfte Personen häufig im Rahmen der örtlichen Rügegerichtsbarkeit gegen ihre Widersacher. Darüber hinaus versuchten, wie etwa Robin Briggs im Zusammenhang mit den Verfolgungen in Lothringen (Briggs 1998) und Rainer Walz hinsichtlich der Grafschaft Lippe (Walz 1993, S. 335ff) genauer dargelegt haben, Bezichtigte auch außergerichtliche Strategien zu verfolgen, um den Verdacht auszulöschen. Das Verhaltensspektrum umfasst gütliche Aussprachen, Versöhnungsgesten, die konsequente Leugnung der Schuld bis hin zu retorsiven Reaktionen wie Gegenbeschuldigungen. Vor allem die Beschreitung des Gerichtsweges über Beleidigungsklagen konnte, wie auch einschlägige Studien über die Kirchengerichte in England belegen (Rushton 1982), zunächst positiv ins Gewicht fallen, da man sich offensiv für die eigene Ehre einsetzte und Selbstbewusstsein bekundete, das Hexereigerücht beseitigen zu können. Reelle Chancen scheinen allerdings beträchtlich vom Status und Vermögen der Kläger abhängig gewesen zu sein. Zudem konnten sich solcherlei Versuche, präventiv gegen den Hexereiverdacht vorzugehen, langfristig als erfolglos herausstellen, da das „böse Gedächtnis“ der Nachbarn den Verdacht konservierte und dieser bei Gelegenheit erneut als Belastungsmoment ins Spiel gebracht werden konnte. 

Literatur 

Pierre Bourdieu, Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft
Aus dem Französischen von Günter Seib. Frankfurt/M. 1993.

Robin Briggs, Witches and Neighbours. The Social and Cultural Context of European Witchcraft. New York 1996.

Robin Briggs, Verteidigungsstrategien gegen Hexereibeschuldigungen. Der Fall Lothringen, in: Gunther Franz, Franz Irsigler (Hg.): Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung: Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung. Trier 1998, S. 109-128.

Ralf-Peter Fuchs, Hexerei und Zauberei vor dem Reichskammergericht. Nichtigkeiten und Injurien, Wetzlar 1994 (Schriftenreihe der Gesellschaft für Reichskammergerichtsforschung 16).

Ralf-Peter Fuchs, Der Vorwurf der Zauberei in der Rechtspraxis des Injurienverfahrens. Einige Reichskammergerichtsprozesse westfälischer Herkunft im Vergleich, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 17, 1995, S. 1-29.

Ralf-Peter Fuchs, Um die Ehre. Westfälische Beleidigungsprozesse vor dem Reichskammergericht (1525 - 1805), Paderborn 1999.

Peter Oestmann, Hexenprozesse am Reichskammergericht. Köln, Weimar, Wien 1997.

Peter Rushton, Women, Witchcraft and Slander in Early Modern England. Cases from the Church Courts of Durham 1560-1675, in:  Northern History 18, 1982, S. 116-132.

James A. Sharpe Defamation and sexual slander in early modern England: the church courts at York. York 1980.

Rainer Walz, Das Hexengerücht im Dorf und bei den Gebildeten, in: Johannes Altenbehrend (Hg.): Kloster - Stadt - Region, Festschrift für Heinrich Rüthing, Bielefeld 2002, S. 315-334.

Rainer Walz, Hexenglaube und magische Kommunikation im Dorf der Frühen Neuzeit. Die Verfolgungen in der Grafschaft Lippe, Paderborn 1993.

Hans Wellman, Der historische Begriff der ‘Ehre’ – sprachwissenschaftlich untersucht, in: Sibylle Backmann u. a. (Hg.), Ehrkonzepte in der Frühen Neuzeit. Identitäten und Abgrenzungen. Berlin 1998, S. 27-39.

Empfohlene Zitierweise

Fuchs, Ralf-Peter: Ehre - Leumund. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5820/

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Erstellt: 16.04.2008

Zuletzt geändert: 21.04.2008