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Blut 

Peter Dinzelbacher 

(Übersetzung von Johannes Peisker) 

11. Januar 2011 

Blut gilt in der Magie als wichtige Substanz mit heilenden und zerstörerischen Kräften bzw. Blut wurde selbst zum Objekt von Magie 

Blut und Kultus 

Es ist wohlbekannt, wie groß die Bedeutung von Blut in allen vorchristlichen Religionen war, besonders als eine Opfergabe an die Götter. In der alt-jüdischen, klassischen, keltischen und teutonischen Antike wurden Hekatomben von Tieren und Menschen geopfert, weil die übernatürlichen Wesen nach Blut flehten. Es reicht wohl, als ein Einzelbeispiel zu zitieren, was Snorri Sturluson circa 1230 über die Opfer im heidnischen Trondheim schrieb:  

Zu diesem Fest brachten alle Bauern Rinder und Pferde, schlachteten diese und sammelten ihre Blut in Gefäßen. Dauben „wurden hergestellt, auch Sprengel, mit denen sämtliche Altäre und die Tempelwände, sowohl von innen wie von außen, besprengt wurden, und auch die Menschen...“ [Staves “were made, like sprinkling bushes, with which the whole of the altars and the temple walls, both outside and inside, were sprinkled over, and also the people…”] (Saga of King Hakon the Good c. 16, tr. S. Laing, Heimskringla II. London: Dent 1968, S. 94). 


Es ist daher keine Überraschung, dass für einen langen Zeitraum nach der Christianisierung Blut ein zentraler Bestandteil von Magie aller Art blieb, so wie es auch in den meisten außereuropäischen Kulturen war und ist. Das offizielle Christentum verurteilte diese wie andere Formen heidnischer Überbleibsel, da es selbst einen spiritualisierten Blutkult besaß: In Form der Transsubstiantiation von Wein zu Jesu Blut und der Verehrung vieler Wunderreliquien des Heiligen Blutes. Allerdings wurde die Anwendung für magische Zwecke wahrscheinlich häufig spontan erfunden, da die lebensspendende Kraft des Blutes so offensichtlich ist. Dies geschah auch in orthodox-christlichen Umgebungen wie beispielsweise 1481 in Crossen (nahe Frankfurt/Oder), als die Sakristei vor dem Feuer allein dadurch gerettet werden konnte, indem ein Kalb geschlachtet und sein Blut in die Flammen geschüttet wurde. Aber die Möglichkeit einer Fortsetzung nicht dokumentierter vorchristlicher Feuermagie kann ebenfalls nicht geleugnet werden.

Grundsätzlich hatte Blut sowohl heilende (1) als auch zerstörerische (2) Kraft, wurde aber auch selbst zum Objekt von Magie (3). 

Heilende Kräfte 

(1) Gemäß einer weit verbreiteten, halb medizinischen, halb magischen aus der Antike stammenden Tradition konnte Lepra durch das Blut unschuldiger Kinder geheilt werden. Die Fabel von Ami und Amiles aus dem 12. Jahrhundert, die in vielen lateinischen und volkssprachlichen Versionen zu finden ist, erzählt, dass einer der beiden besten Freunde ein Aussätziger wurde, aber dass der andere ihm half, indem er seine Söhne opferte und ihn mit deren Blut wusch. In der mittelalterlichen Legende von König Alexander dem Großen wird der König ebenfalls durch ein Bad im Blut seiner Kinder geheilt und die Handlung von Hartmann von Aues Roman „Der arme Heinrich“ basiert ebenfalls auf dieser Annahme. Die spätere Einschätzung des Blutes von hingerichteten Kriminellen zeigt jedoch, dass der magische Aspekt des Konzepts begann, zu überwiegen.

Blut und schwarze Magie 

(2) Schwarze Magie konnte mit Blut viel anfangen. Nekromanten stützten sich auf das Blut, um die Toten von der anderen Welt hervorzurufen. Selbstverständlich ist der locus classicus Lucanus` „Pharsalia“, Buch VI, in dem die Hexe Erichtho den Leichnam eines Soldaten wiederbelebte, indem sie in seine Brust schnitt, den Inhalt der Venen herauswusch und mit höchst extravaganten Giften vermischtes, warmes Menstruationsblut hineingoss. Dies funktionierte, der kalte Körper belebte sich und begann, zu prophezeien. Auch Isidor von Sevilla, der Hexenhammer und andere Autoritäten führten die Benutzung von Blut an als ein Zeichen von Nekromanten und Hydromanten; Gewöhnlich benötigen sie es als ein Opfer für die blutliebenden Dämonen. Magiehandbücher wie das Clavicula Salomonis schreiben vor, mit dem Blut eines schwarzen Hahnes auf unberührtem Pergament die für die Geisterbeschwörung notwendigen Symbole zu schreiben. Dem Mediziner Arnaldus de Villanova (ca. 1300) zufolge können Inschriften unter dem Bett, mit Fledermausblut geschrieben, einen Mann impotent machen; wohingegen das Einschmieren und Besprühen der Wände mit ein wenig Blut eines schwarzen Hundes als ein Gegenmittel fungierte. 

Hinsichtlich der Hexenwelt gibt es Berichte über eine Taufe mit Blut, oder einen ähnliche Ritus, in Verbindung mit dem Pakt oder dem Sabbat. Der Teufelspakt wurde tatsächlich mit Blut geschrieben oder unterzeichnet, weshalb die bekannte Szene aus Goethes „Faust I“ (entnommen von früheren Versionen dieser Legende) nicht als bloße poetische Erfindung interpretiert werden kann. Dies ist aus mehreren Quellen bekannt, z. B. das Geständnis von Magdalena de Cruce (1487-1560, die „teuflische Äbtissin“ von Cordoba), damals ein Cause célèbre, wie es auch die Affäre in Loudun war (Urbain Grandiers Vertrag mit Asmodeus, 1634), die Somerset-Hexen (1664), und so weiter. Bürokratischere österreichische und ungarische Teufel befahlen ihren Adepten, ihre Namen mit blutigen Buchstaben in ein schwarzes Buch einzuschreiben. Der Blutspakt wird bereits in französischen und deutschen Versionen der Theophilus-Legende im 13. Jahrhundert erwähnt. Es existierte ebenfalls eine fromme Gegenversion dieses Ritus: Barocke Jesuitengemeinden praktizierten die Selbst-Hingabe an die Jungfrau, geschrieben mit Blut; gleiches tat die bekannte mystische Heilige Veronica Giuliani (1660-1727), die Feder in ihr eigenes Blut tunkend, dass von den Buchstaben IHS, die sie sich in ihre Brust graviert hatte, herunterfloss, sich selbst mit diesem blutigen Patent zur Ehepartnerin von Christus erklärend. 

Vom Hochmittelalter an war es eine wiederholte Anschuldigung gegen die Juden, dass sie christliche Kinder töteten, um mit ihrem Blut abergläubische Riten durchzuführen. Aber Juden konnten auch Opfer von christlichen Hexen werden: 1784 wurden in Hamburg zwei Frauen exekutiert, weil sie einen Juden getötet hatten, dessen Blut sie in ihren Hexereien verwenden wollten. Von Hexen wurde angenommen, dass sie eine Vorliebe für das Saugen von Kleinkinderblut hätten, nicht selten wurden sie als eine Art von Vampiren gedacht. Dieser Stereotyp wurde so stark, dass sogar Jeanne d`Arc verurteilt wurde als eine „nach menschlichem Blut dürstende“ Hexe. Selbstverständlich war Blut eine Zutat in vielen ihrer Salben und Zaubertränke. So gestand Matteuccia di Francesco, Blut von Kindern und Eulen für ihre Körperlotion vermischt zu haben, die notwendig war, um zum Walnussbaum in Benevent zu fliegen (1428). Schlimmer noch, die Hexen schändeten Christus` Blut. Gemäß dem berühmten österreichischen Prediger Abraham a Santa Clara (1644-1709) pressten Hexen gestohlene Hostien, bis sie Blut ausströmten, durch das sie Gewitter hervorriefen. Andererseits bestand ein Teil des Hexentests darin, ihren Körper zu stechen, um zu sehen, ob die Wunde Blut vergießen würde. Wenn dies passierte, konnte sie keinen weiteren Schaden anrichten und ihr Blut fungierte als ein Heilmittel gegen Verzauberung.

Aus biblischen Vorschriften zu ritueller Sauberkeit und von antiker Heilkunde hat sich ein fester Glaube an die besondere Gefahr von Menstruationsblut entwickelt, was nicht nur ein Thema für Gelehrtenabhandlungen wie Cornelius Agrippas „De occulta philosphia“ (I, 42) war, sondern auch ein Gegenstand des Volksglaubens wurde. Es steht fest, so lernen wir beispielsweise aus einem ‚lettre des rémission‘ von 1382, dass Frauen es benutzten, um zu betäuben. Nach diesem Dokument wurde eine Frau begnadigt, die versucht hatte, ihren Mann durch das trinken von Wasser zu schädigen, in welchem eine Hexe ihr blutiges Hemd gekocht hatte. Gleichwohl schätzten Frauen ihr Menstruationsblut ebenfalls als Liebestrank, bereits in Beichthandbüchern des frühen Mittelalters und in Burchard von Worms` „Corrector“ verboten, jedoch wieder und wieder erwähnt bis zum 20. Jahrhundert. Allerdings konnte bei korrekter Anwendung Menstruationsblut auch eine Arznei werden, wie der gleiche Agrippa schreibt. Somit ist der ambivalente Charakter dieser Flüssigkeit, Träger und Zerstörer von Lebensmacht, mehr als deutlich geworden. 

Blut als Objekt von Magie 

(3) Zaubersprüche, die Blutungen stoppen sollten, waren äußerst häufig in der Volksmedizin oder Weißer Magie. Eine typische Formel lautet gemäß einer norwegischen Quelle von 1777: „Stehe Blut, halte Blut, wie Jesus Christus in der Hölle stand. Und die drei Namen von Gott dem Vater, Gott dem Sohn und Gott dem Heiligen Geist. Amen.“ („Stand blood, stop blood, like Jesus Christ stood in Hell. And the three names of God the Father, God the Son and God the Holy Spirit. Amen.”) Gelegentlich ist der Befehl, stillzustehen, mit der paradigmatischen Beschwörung von Christus` erlösendem Blut kombiniert. Manchmal mussten solche Zaubersprüche mit Blut geschrieben werden; ein spätmittelalterliches deutsches Beispiel lautet: „Außerdem, welche Frau eine zu lang anhaltende Menstruation hat, sie sollte diesen Namen mit Blut schreiben: on: on: on: inclitus milus. Das ist bewährt.“ („Item, which woman has a too long enduring menstruation, she should write this name with blood: on: on: on: inclitus milus. This works.”) Ähnliche Beispiele könnten ad libitum multipliziert werden.

Literatur 

Piero Camporesi, Juice of Life. The Symbolic and Magical Significance of Blood, New York 1995.

Oskar Ebermann, Blut- und Wundersegen in ihrer Entwicklung dargestellt, Berlin 1903.

Le Sang au Moyen Age, Actes du quatrième colloque international de Montpellier Université Paul-Valéry. Montpellier 1999. 

Ingjald Reichborn-Kjennerud, V°ar gamle trolldomsmedisin I, Oslo 1934.

Therese Schiffner, Blutzauber und anderes, Leipzig 1930.

Monika Schulz, Beschwörungen im Mittelalter, Heidelberg 2002.

Eduard Stemplinger u. a., Blut [etc.], in: Hanns Bächtold-Stäubli (Hg.), Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens I,. Berlin 1927, Sp. 1434-1463.

Hermann L. Strack, Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit, Reprint München 1979.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Blut. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/8373/

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Erstellt: 12.01.2011

Zuletzt geändert: 12.01.2011