Sachbegriffe

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Besagung 

Juliane Schlag 

2. September 2010

Der zeitgenössische Begriff „Besagung“ bezeichnet das Preisgeben von Namen anderer Straftäter durch bereits in einem Prozess angeklagte Personen (Beer 2007, S. 83, Zagolla 2007, S. 251f.). Er grenzt sich von dem heutigen Begriff „Denunziation“ insoweit ab, als dass man unter ihm nicht eine freiwillige Aussage versteht, sondern eine oft durch Folter oder deren Androhung erpresste Nennung von Komplizen und Mitverschwörern (Schormann 1996. S. 18; Vgl.: Koch 2006, 2, 77-78). Gleichzeitig unterscheidet sich die Besagung durch ihren Protagonisten von einer Bezichtigung im Sinne einer Anklage oder Hexereiidentifikation durch den Vollzug magischer Handlungen.

Obwohl die Besagung in allen Kriminaldelikten zur Anwendung kommen konnte, spielte sie jedoch vor allem bei der Entstehung von großen Hexenverfolgungen eine besondere Rolle (Sauter 2010, S. 198, Zagolla 2007, S. 273). In der lateinisierten Rechtspraxis war unter anderen der Begriff „nominatio socii“ als Bezeichnung gebräuchlich (Koch, 2006, S. 77, S. 175). 

Hintergrund 

Der Besagung speziell im Hexenprozess liegt die Vorstellung des Hexensabbats zu Grunde (Schormann, 1996. S. 18). Nach dieser Imagination sollen sich Hexen nachts treffen, um gemeinsam dem Teufel zu huldigen und Schadenszauber zu bewerkstelligen. Diese Vorstellung eines rituellen Zusammenwirkens von Hexen implizierte die Existenz einer ganzen Hexensekte, deren Mitglieder sich untereinander kannten. Folglich musste jede der Hexerei angeklagte Person unweigerlich über die Identität ihrer Komplizinnen Kenntnis besitzen. Außerdem ging man davon aus, dass das Wirken von Schadenszaubern und die Verführung zum Teufel durch eine dritte Person gelehrt wurden. Daraus folgt, dass eine angeklagte Hexe zum einen ihre Lehrmeisterin und zum anderen ihre Schülerinnen kennen musste. Während die erste Imaginationsform eher mit Illusionstheorien verknüpft und somit potenziell umstritten war, ließ sich das Lehrer-Schüler-Prinzip leichter mit sozialen Praktiken und Ritualen verknüpfen. Deutlicher Ausdruck dieser Wahrnehmung ist die Existenz von Hexenfamilien bzw. die Häufung von Anklagen innerhalb von Familien. 

Rechtliche Grundlagen 

Die rechtliche Grundlage für eine peinliche Befragung unter dem Vorwurf der Hexerei lieferte die Carolina aus dem Jahr 1532, in der unter Artikel 44 die Zauberei generell als Straftat aufgeführt wurde (Abt. 44, CCC), welche im Falle der Schadenszauberei mit dem Tode zu bestrafen war (Abt. 109, CCC). Unter der Überschrift „Gemeyn anzeygung der jetliche alleyn, zu peinlicher frag gnugsam ist“ wurde unter Artikel 31 die Besagung eines Mittäters durch einen Angeklagten thematisiert (Abt. 31, CCC): Dort hieß es, dass eine Besagung unter Folter nicht zulässig war, sondern nur Aussagen die während eines regulären Verhörs über Mittäter gemacht wurden (Abt. 31‑§‑1, CCC). Auch gab es in Zusammenhang mit anderen Straftaten bereits vor Beginn der Hexenprozesse Überlegungen, Besagungen als ausreichendes Indiz zur Folterung zu werten (Lorenz 1982, S. 395; Zagolla 2007, S. 256-260).

Allerdings wurde die Anklage der Hexerei oft als juristischer Ausnahmeprozess (processus extraordinarius) geführt, da es ein crimen laeasae majestiatis divinae – ein Verrat an Gott – war. Dies machte es möglich, auch Verbrecher oder Angeklagte selbst als Zeugen zu verhören und verschaffte somit der Besagung eine wichtige Bedeutung innerhalb des Hexenprozesses (Dillinger 2007, S. 85). Carpzov bestimmte in seiner Practica nova später, dass eine Besagung ausschließlich durch die Folter Gültigkeit erlange, um ihren Wahrheitsanspruch abzusichern (Zagolla 2007, S. 257). So konnte auch eine Besagung im 17. Jahrhundert unter Folter als rechtskräftig verstanden werden, wenn man den Täter durch die Folter als gereinigt von seiner Delinquenz begriff (Koch 2006, S. 175, S. 166; Zagolla 2007, S. 40-46).

Auf diese Weise etablierte sie sich schnell zum gängigen Indiz in Hexenprozessen. Dies kommt etwa in den zahlreich überlieferten Fragekatalogen zum Ausdruck, in denen die Besagung fest integriert war. Die breiter werdende Skepsis gegen die Hexenverfolgung entzündete sich besonders an diesem kritischen Moment der Verdachtsgenese. Der sorgfältigere Umgang mit Denunziationen bildete daher oft einen ersten Schritt bei der Einschränkung von Verfahren (Rösler 2004, S. 23).

So gängig wie die Besagung wurde, so umstritten blieb sie sowohl in der Rechtstheorie wie in der Rechtspraxis. Im Zentrum dieses Disputs stand die Rolle der Besagung als eigenständiges Indiz, das zur Einleitung eines Prozesses oder zur Anwendung der Folter berechtigte. Da ihre Gültigkeit an verschiedene Voraussetzungen geknüpft war, konnte sie ihre verheerende Wirkung lediglich in Kombination mit einem weiteren Indiz entfalten: Meist dem schlechten Leumund eines Besagten (Sauter 2010, S. 190; Zagolla 2007, S. 263).

Zusätzlich zur eigentlichen Besagung musste der Angeklagte eine detaillierte Schilderung der gemeinsamen rechtswidrigen Handlung mit dem Besagten abgeben (Abt. 31‑§‑2, CCC). Auch musste von Seiten der Justiz überprüft werden, ob der Besagung durch den Angeklagten ein böswilliges Motiv zu Grunde lag (Abt. 31‑§‑3, CCC). Schließlich sollte  noch der Leumund überprüft werden und der Angeklagte durfte seine Aussage bis zu seiner Hinrichtung nicht widerrufen (Abt. 31‑§‑5, CCC; Lorenz 1982, S. 397; Zagolla 2007, S. 251). Konnte unter diesen strengen Auflagen die Schuld des Besagten nachgewiesen werden, durfte die Folter angeordnet werden (Koch 2006, 67³).

Bei einer noch nicht berüchtigten Person sollte eine einzelne Besagung allein nicht zur Anklage führen (Beer 2007, S. 85). Diese Auffassung vertrat nicht nur das Reichskammergericht (Oestmann 1997, S. 215), sondern eine Reihe von Juristenfakultäten – etwa Rostock, Greifswald und Tübingen – wo man singuläre Besagungen lange Zeit nicht für rechtskräftig hielt (Lorenz 1982, S. 323-328; Zagolla 2007 S. 276; Sauter 2010, S. 191f.).

In der Hexenforschung allgegenwärtiger Beleg für die unterschiedliche Auslegung dieses Problems ist die bayerische Diskussion Anfang des 17. Jahrhunderts, in der Herzog Maximilian I. (reg. 1597-1651) bei den Universitäten Ingolstadt, Dillingen, Padua, Bologna und Freiburg Gutachten in Auftrag gab. Hier vertrat die Universität Ingolstadt die Auffassung, dass selbst bei Vorlage mehrerer Besagungen kein rechtlicher Tatbestand zur Anordnung der Folter oder zu Verhaftung vorlag. Dahingegen waren Professoren aus Freiburg der Ansicht, dass allein zwei Besagungen zur Folterung von Verdächtigen ausreichen können, selbst wenn Details der Besagungen nicht übereinstimmten. Der Leumund des Besagten und auch die spätere Widerrufung der Besagung waren dabei unerheblich. Die Universität Padua vertrat einen ähnlichen Standpunkt. Ihr wurde aber von Juristen in Bologna widersprochen, die die Besagung durch einen Komplizen für nicht ausreichend hielten und Maximilian I. gegenüber angaben, in diesem Fall für ganz Italien und Rom zu sprechen (Behringer 1997, S. 261-270; Koch 2006, S. 176; Oestmann 1997, S. 215; Sauter 2010, S. 191; Zagolla 2007, 252-253).

Bekannte Verfolgungsbefürworter bekräftigten in der Regel eine konsequente Verfolgung von Besagungen jeglicher Art (Schormann 1966, S. 19). Bereits der Hexentheoretiker Martin Anton Delrio vertrat im fünften Buch De ludicis officioordine iudiciario in hoc crimene seines Hexentraktates – Disquisitionum magicarum die Ansicht, dass die Besagung gleich nach einer regulären Zeugenaussage als wichtigstes Indiz innerhalb des Hexenprozess zu gelten habe (Koch 2006, S. 174; Zagolla 2007, S. 253). Ein weiterer extremer Vertreter der Besagung als für sich stehendes Indiz war der Trierer Weihbischof Peter Binsfeld. In seinem 1589 publizierten Tractatus de confessionibus maleficorum et sagarum forderte er, die Folter bereits beim Vorhandensein einer Besagung anzuordnen (Dillinger 2007, S. 50; Koch 2006, S. 174).

Die Überhöhung der Indizkraft markiert meist ein gesteigertes Verfolgungsinteresse (Schormann 1966, S. 19; Horst 1823, S. 1821-1826). So führte teilweise eine peinliche Befragungen nach Vorliegen mehrerer Besagungen zu Verhören, wenn nicht gar zur Folter (Schormann 1977, S. 36-38). Im Kurfürstentum Köln genügte es nach Meinung der beiden Juristen Dr. Walram Wilhelm Blankenberg und Dr. Johannes Romesswinckel, wenn gegen eine Beschuldigte drei Besagungen vorlagen und sie ein Hexenzeichen am Körper trug. Hatte die Beschuldigte einen schlechten Ruf oder stand in der öffentlichen Kritik, genügte eine Besagung (Schormann 1991, S. 38-39).

Die Zahl der zur Einleitung von Prozess oder Folter notwendigen Besagungen blieb in der Rechtspraxis auf diese Weise ebenso umstritten wie ihr Inhalt und ihre Form. Während die Carolina noch eine Suggestion von Namen unter der Folter verboten hatte, fanden sich im 17. Jahrhundert vermehrt Stimmen, welche die Kenntnisgabe von Namen bei einschlägigen Verdachtsgründen legitimierten. Robert Zagolla spricht gar von einem in der gängigen Rechtsauffassung rechtmäßigen Gebrauch der Suggestion (Zagolla 2007, S. 257).

Generell wurde unterschieden zwischen der Beteiligung am Sabbat und der am Schadenszauber. Eine Besagung der Teilnahme an einem Schadenszauber oder nach dem Lehr- und Lernprinzip hielt man für eher glaubwürdig, da sie einerseits einen in der Carolina erwähnten Tatbestand aufgriff und andererseits, ein scheinbar nachprüfbares Szenario bot. Grundsätzlich wurden Besagungen aufgrund des Sabbatkonzepts im Sinne der Illusionstheorie und des trügerischen Charakters des Teufels ab der Mitte des 17. Jahrhunderts häufiger in Zweifel gezogen (Moeller 2007, S. 145; Zagolla 2007, S. 254). So besagten in Wittenberg drei Angeklagte bis zu ihrer Hinrichtung eine Mittäterin. Da sie aber alle zugaben, nur vom Teufel über die Mittäterschaft informiert wurden zu sein und sich mehrfach widersprachen, wurde die Besagte verschont (Zagolla 2007, S. 261). Hier unterstellte man den Angeklagten ganz klar im Namen des Teufels zu lügen und erkannte ihre Besagung nicht an.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mehrten sich im Zuge von Rechtsreformbemühungen wie im Kontext der Frühaufklärung so erneut kritische Stimmen gegen die Gültigkeit von Besagungen. Der spätere Reichskanzler-Assessor Erich Mauritus äußerte sich in seiner Abhandlung von 1664 „De denunciatione sagarum“ über die Aussagekraft der Besagung grundlegend skeptisch, da sie ein Lauffeuer von Anklagen in Gang brächte, welches das Land menschenleer fege (Koch 2006, S. 172-174). Der hallesche Gelehrte Johann Reich gab 1704 seine unter Christian Thomasius erfolgte Inauguraldisputation als Schriftensammlung gegen Hexenprozesse heraus: „Unterschiedliche Schrifften Von Unfug Des Hexen-Proceßes“. In ihr widmete er anhand der Lehrsätze Thomasius’ mehrere Kapitel der Rolle der Besagung in Hexenprozessen. Er warf den Verantwortlichen vor „etliche Besagungen ohne Zuthunng einiger anderer Indicien“ zur Anordnung von Folter oder gar zur Vollstreckung der Todesstrafe verwendet zu haben (Reich 1704, 20‑§‑16, S. 140). Die Besagung war in seinen Augen nicht rechtskräftig, da sie vom Angeklagten widerrufen werden konnte (Reich 1704, 28‑§‑3 S. 170) und Straftätern per se keine Glaubwürdigkeit zuzusprechen sei (Reich 1704, 37‑§‑8VI, S. 221).

Besonders problematisch sah er die Situation in Zusammenhang mit der Verblendung durch den Teufel:  

„ … Senn aber die Befragte in Wahrheit Zauberer und Hexen, so gilt doch ihre Besagung nichts, sintemahln warum sollte man nicht dieselbe vor Lügner und Lügenhafftig halten, welche dem Teufel zum Lehrmeister gehabt? dieweil sie nun selbst nicht warhafftig senn, so singt auch ihr Zeugniß nicht, als welches sich auff ihre Warhafftigkeit gründen müssen…“ (Reich 1704, 44‑§‑3III, S. 251).

Die Besagung waren somit ein wichtiges Medium für Gegner wie für Befürworter der Hexenverfolgung, da die Existenz des Teufelspaktes bis zum Ende des 17. Jahrhunderts nicht angreifbar war (Jerouschek 2002, S. 93). Deshalb wurde die Besagung auch nicht erst in der modernen Forschung als ein Kernproblem der Hexenprozesse erkannt (Koch 2006, S. 174; Spee 1631, 8‑§‑11)

Generell zu unterscheiden war die Besagung im Übrigen immer von der Identifikation von Straftätern durch magische Praktiken, die verboten blieben. In Artikel 21, unter der Überschrift: „Von anzeygung der die mit zauberei, warzusagen vunderstehn“, heißt es in der Carolina:

„…es soll auch auff der anzeygen, die auß zauberei oder anderen künsten, warzusagen sich anmassen niemants zu gefencknuß oder peinlicher frag angenommen, Sonder die selben angemasten warsäger vnd ankläger sollen darumb gestafft werden…“(Abt. 21, CCC) 

Die Rechtsprechung auf Grundlage der Carolina war an die so genannte salvatoresche Klausel gebunden. Diese besagte, dass Landesherren auch Gesetze erlassen konnten, die nicht mit der Carolina in Einklang standen (Dillinger 2007, S. 82). Zudem unterlag die Rechtspraxis einem komplexen Bedingungsgefüge. Wie bei anderen Indizien auch, lässt sich so ein vielfältig variierender Gebrauch der Besagung und ihrer Bewertung beobachten. Ihre Indizienkraft schwankte aufgrund der umstrittenen oder auch unbekannten Rechtslage bei den einzelnen Justizinstanzen stark (Rösler 2004, S. 22; Moeller 2007, S. 163, S. 221). Zu unterscheiden ist überdies die Rolle der Besagung als Indiz im Rechtsprozess und ihr Beitrag zur populären Verdachtsgenese.

Soziale Praxis 

Als Motive für Besagungen wurden überwiegend Gründe der persönlicher Abneigung oder des Neids angegeben. Solche Argumente lassen sich als wechselseitige Beschimpfungen in vielen Alltagssituation in und außerhalb von Verhören belegen. Für die Verdachtsgenese vor Ort besaßen Gerüchte über Besagungen und angedeutete Beschuldigungen zentrale Funktionen. Da in den verschiedenen gesellschaftlichen Milieus der Frühen Neuzeit Sozialprestige in hohem Maße durch Ehrkonzepte gesteuert wurde, konnten bereits geringfügige Beschuldigungen wegen Hexerei mit einem hohen Ehrverlust einhergehen. Dies galt besonders bei Beschuldigungen im Kontext von Kriminaldelikten, die in ihrer Schärfe kaum mit den zahlreichen alltäglichen Verbalinjurien zu vergleichen sind (Beer 2007, S. 84-87; Gersmann 1998, passim; Fuchs 2008). Da Hexerei sowohl einer scharfen rechtlichen Ahndung wie auch einer massiven sozialen Ächtung unterlag, wehrten sich insbesondere gut situierte Personen mit einem breit gespannten Repertoire informeller und rechtlicher Mittel.

In der Prozesspraxis lieferte neben der Begründung der Besagung vor allem die Konsistenz einer solchen Beschuldigung Argumente zur Anfechtung. Genau registrierte man daher alle Umstände der Besagung in Bezug auf Gestik und Mimik des Besagenden, auf Variationen, Widersprüche oder Revokationen. Die Konfrontation, als Gegenüberstellung von Besager und Besagtem, entwickelte sich mit der Zeit zu einem rituellem Bestandteil von Hexereiverdächtigungen, die eine wichtige Mittlerfunktion zwischen juristischen und populären Wissensfeldern einnahm. Nicht zuletzt wurde die Konfrontation schließlich von besagten Personen und ihren Beiständen in der Hoffnung eingefordert, BesagerInnen zum Widerruf bewegen zu können. In der lokalen Interpretation des Rechts findet sich zudem häufig eine Gewichtung der Besagung in verschiedene Schweregrade. Eine lediglich verbale Besagung galt danach weniger schwerwiegend als eine Besagung ins "Angesicht". Der erfolglose Versuch eine Besagerin zum Widerruf zu bewegen, kam meist einer Verdachtsverschärfung gleich. Im doppelten Sinne endgültigen Charakter trug die Besagung im "Angesicht des Todes".

Im 17. Jahrhundert lässt sich eine detaillierte Rechtskenntnis breiterer Bevölkerungsschichten ausmachen, welche die Umstände und Konsequenzen von Besagungs- und Konfrontationsakten sicher zu interpretieren und gegebenenfalls zu dementieren wussten (Moeller 2007, S. 294-298). Die Möglichkeiten zur Ehrbereinigung waren signifikant an den sozialen Status geknüpft. So konnten sich etablierte Personen über eher rechtlich relevante Praktiken absichern bzw. über Geldzahlungen, beglaubigte Atteste oder öffentliche Unschuldsverkündigungen von der Kanzel ihre Ehre wieder herstellen (Moeller 2007, S. 296; Beer 2007, S. 86). Die Purgation bildetet zudem eine weitere Möglichkeit, Besagungen für nichtig zu erklären, solange noch kein Verfahren begonnen hatte. (Voltmer 2002, S. 16). Strategien ärmerer Angeklagte erschöpften sich nicht nur häufiger in informellen Praktiken von Beschimpfungen, Flucht oder einem passiven Hinnehmen bzw. bloßen Ableugnen von Beschuldigungen, sondern rekurrierten häufiger auf Formen der Selbstzurechnung des Delikts.

Diese Feststellung steht im auffälligem Zusammenhang mit einem häufig konstatierten Muster der sozialen Ausweitung von Kettenprozessen. Besagungen führten so nicht nur zu einer zufälligen geographischen Ausbreitung von Prozessen, deren Merkmal der persönliche Kontakt unter den Angeklagten war (Behringer 1997, S. 200). Die Prozesse sprangen auf diese Weise von anfänglich eher ärmeren Angeklagten bis zu Personen der Oberschichten. Mitunter hatten solche Anschuldigungen wohl auch die Funktion, soziale Gerechtigkeit einzufordern. Daher gab es Bemühungen, die Prozessurheber oder -beteiligten selbst zu besagen. So wurde in Schongau die Frau des Richters, der den Prozess geführt hatte, als Hauptverschwörerin von den Angeklagten benannt (Behringer 1997, S. 207). Neben der teils unverhüllten Droh- und Machtgebärde, die sich mit solchen Besagungen verbinden, finden sich retorsive Besagungen (Walz 1993, S. 348-352). Darunter versteht man Fremdbeschuldigungen, die ebenso einer Selbstzurechnung der Hexerei gleichkamen. Sie konnten mitunter das Dilemma der Angeklagten lösen, einerseits den Forderungen des Gerichts nach einer beständigen Besagung und andererseits jender nach der Rücknahme von Beschuldigungen nachzukommen. "Das sie sowohl zaubern kann wie ich, das ist wahr" wurde eine gängige Formel, mit der die Angeklagten ihr eigenen Seelenheil nicht mit einer falschen Besagung gefährdeten.

Eine weitere Methode sich der Verfolgung zu erwehren, bestand darin möglichst viele Anklagen zu provozieren. In Freisingen versuchten Hofwirte und Bauern durch Besagungen und Anzeigen von 1590 Frauen, die Verfahren zu boykottieren (Behringer 1997, S. 208). Eine gezielte Produktion von Besagungen durch Suggestion ist ebenso nachweisbar. Während der Folter wurden dabei Namen vorgelesen, die Angeklagte im Verlauf der Folter unweigerlich als Mitverschwörer wiederholten (Schormann 1977, S. 166). Es kam mitunter auch zur Erstellung ganzer Besagungslisten durch Justizbeauftragte (Mährle 1998, S. 400). Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Besagung in Zusammenhang mit der Folter von Justizbeauftragten zur Durchsetzung verschiedenster Interessen gebraucht wurde (Voltmer 2002, passim). Die Absprachen von Geständnissen und Besagungen der Inhaftierten untereinander sowie mit dem Wachpersonal können dabei als nicht unüblich verstanden werden, wie mehrere Fälle von Korruption 1613 in Ellwangen beweisen (Mährle, 1998, S. 400-404).

Zusammenfassung

In der Frühen Neuzeit war die Indizkraft der Besagung innerhalb eines normalen Strafprozesses im Rahmen der Carolina eingeschränkt. Durch die Konzeption des Hexenglaubens und seiner imaginären Umsetzung in der sozialen Praxis durch das Schüler-Lehrer –Prinzip wurde die Besagung zu einem zentralen Punkt bei der Regulierung von Hexenverfolgungen. Da der Hexenprozess als juristischer Ausnahmeprozess geahndet wurde, konnte in ihm die juristische Aussagekraft von Besagungen stark schwanken. Über die Indizkraft der Besagung gab es dabei genauso wenig Konsens wie über deren Rechtswirksamkeit unter Folter. Die unterschiedliche Beurteilung der Besagung in der Rechtstheorie spiegelt einen lebhaften Rechtsgelehrtendiskurs der Gegner und Befürworter der Verfolgung wider. Die unsichere Rechtslage in der sich daraus ergebenden Rechtspraxis schlug sich in temporalen und lokalen Hexenverfolgungswellen nieder, bei denen die Indizkraft der Besagung mit gravierenden Folgen aufgewertet wurde.

Eine Analyse der sozialen Praxis zeigt, dass man sich durchaus der bedeutenden Rolle der Besagung in der juristischen Praxis bewusst war. Eine Besagung der Hexerei konnte je nach sozialem Status als überaus großer Angriff auf die Ehre, über die man sich maßgeblich definierte, verstanden werden.. Die Konfrontation von Besager und Besagtem entwickelte sich bald zu einer gängigen Praxis, um zwischen den Parteien zu vermitteln und Interessenskonflikte auszutragen. Durch die juristische Aufwertung der Besagung begann sie folglich auch eine wichtige Rolle im sozialen Prestigedenken zu spielen.

Quellen 

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Johann Reich (Hg), Fernerer Unfug der Zauberey. Aus gelahrter Leute Schrifften abermahls gezeiget und heraus gegeben von Johann Reichen, Halle 1704 [Onlineausgabe bei der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar].

Friedrich Spee, Cautio criminalis seu de processibus contra Sagas Liber, Rinteln 1631, 8‑§‑11 [Onlineausgabe Frankfurt/M. 1632 bei Google.Buchsuche].

Literatur 

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Gudrun Gersmann, Gehe hin und verthedige dich! Injurienklagen als Mittel der Abwehr von Hexereiverdächtigungen – ein Fallbeispiel aus dem Fürstbistum Münster, in: Sibylle Backmann u. a. (Hg.), Ehrkonzepte in der Frühen Neuzeit. Identitäten und Abgrenzungen, Berlin 1998, S. 237-269. 

Georg Conrad Horst, Zauberbibliothek Band 7, Mainz 1823, S. 1821-1826.

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Empfohlene Zitierweise

Schlag, Juliane: Besagung. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/7939/

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Erstellt: 01.09.2010

Zuletzt geändert: 02.09.2010