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Bahrprobe 

Werner Ogris 

1. April 2008 

Die Bahrprobe war ein im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gelegentlich angewandtes Verfahren, um „mit Hilfe“ (von Veränderungen der Wunden) eines Erschlagenen einen Hinweis auf den mutmaßlichen Täter (Mörder oder Totschläger) zu gewinnen. 

Formen der Bahrprobe

Bei der Bahrprobe (auch Bahrrecht, Bahrgericht, Scheines Recht; ius feretri, ius cruentationis = „Blutungsrecht“, Blutprobe oder ähnlich) musste der/die des Mordes oder Totschlags Verdächtigte nackt oder im (neuen) Unterkleid/Hemd an die Bahre des Opfers treten, den Leichnam berühren (oder/und die Wunden küssen) und seine/ihre Unschuld beschwören. Nach manchen Quellen war die Handlung im Ganzen oder in einzelnen ihrer Teile mehrmals, meist dreimal vorzunehmen; und auch sonst finden sich Variationen im Ablauf (vergleiche etwa unten das Beispiel aus Freising). Begann die Leiche zu bluten (wohl eher: Blutwasser abzusondern) oder traten sonstige Veränderungen (so genannte Verkehrungen) ein, deutete dies auf den Probanden/die Probandin als Täter/in hin. Eine Abart stellte das in manchen Gegenden vor allem Norddeutschlands verbreitete „Scheingehen“ dar (das Schein = Leichnam oder das ihm als Beweis der Tat abgenommene Glied). Dabei behielt man bei der Beerdigung einen Arm oder eine Hand des Ermordeten zurück und hängte sie im Gerichtsgebäude oder im Gefängnis auf – in der Überzeugung (oder wenigstens in der Hoffnung), dass sie (unter Umständen auch erst nach Jahren!) bei Annäherung des Täters zu bluten beginnen werden.

Erklärungsansätze zum Wirken der Bahrprobe

Über die bei der „Blutprobe“ obwaltenden Vorstellungen herrscht Unklarheit. Eine (ältere) Auffassung erklärt sie mit dem (seelisch-geistigen) Fortleben des Opfers als eines „lebenden Leichnams“, der auch nach dem Ableben noch die Kraft habe, seine Wunden zu verändern und den Täter (dadurch) zu überführen. Der Tote fungiert also gleichsam als sein eigener Beweisführer. Eine andere Theorie sieht in ihr ein Gottesurteil (Ordal), bei dem das Blut des Erschlagenen zu Gott schreit, der den Leichnam bei Berührung durch den Täter bluten lässt oder ihn sonst verändert (vgl. Genesis 4, 10: vox sanguinis fratris tui clamat ad me de terra / Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir vom [Acker-]Boden). Es scheint, als hätte diese Auffassung des Bahrrechts als eines Gottesurteils im Laufe der Zeit die Oberhand über jene vom „aktiv werdenden“ Leichnam gewonnen; das Bahrgericht wäre damit nicht (mehr) als eine Manifestation des Vergeltungstriebs des Getöteten gedeutet, sondern als eine Kundgebung des gerechten göttlichen Willens angesehen worden. Doch bleibt in diesem Zusammenhang vieles unklar und strittig.

Ursprung und Genese der Bahrprobe

Im Dunkeln liegt auch der Ursprung des „Blutungsrechts“. Die fränkische Zeit dürfte es noch nicht gekannt haben. Erst seit dem 12. Jahrhundert findet es Erwähnung, zunächst in literarischen Quellen (Nibelungenlied V. 984 ff., Iwein V. 1355 ff.), seit dem 14. Jahrhundert auch in Rechtsquellen, am frühesten wohl im Freisinger Rechtsbuch von 1328 und im Stadtrecht von Visby auf Gotland 1341/44. In der Schwyzer Totschlagsordnung von 1342 ist die Rede vom über den toten gan uf gottes erbermde. Ab dem 15. Jahrhundert werden die Belege häufiger, zumal aus Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien, dann auch aus England und Skandinavien sowie vom Balkan (Beispiele: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens III 1930/31, Sp. 1047 ff.; Lehmann 1979, S. 28 ff.). Vergleichbare Hinweise stammen unter anderem aus Afrika und Australien, was die These nahelegt, dass es sich bei dem Institut um eine Art von „Archetypus“ (des Rechts) handelte, der auf der weltweit verbreiteten Vorstellung vom „lebenden Leichnam“ und von der „Seele im Blut“ beruhte.

Bahrprobe im Verfahrensrecht

In concreto ist es allerdings oft schwierig bis unmöglich festzustellen, ob das ius feretri jeweils als integrierender Bestandteil eines förmlichen Strafprozesses Verwendung fand oder als vom gerichtlichen Verfahren unabhängige Möglichkeit, einen Hinweis auf den Täter zu gewinnen. Ersteres ist zweifellos der Fall nach dem Freisinger Recht, Art. 273. Danach soll man den Toten, wenn er bereits bestattet war, wieder ausgraben, seine Wunden mit Wein und Wasser waschen und trocknen lassen und den Leichnam in den Ring vor das Gericht tragen, wo ein Wundarzt oder, in dessen Ermangelung, zwei weise Männer den Zustand der Wunden begutachten sollen. Dann soll der Beschuldigte dreimal auf seinen Knien um die Bahre rutschen, den Toten küssen, ihn mit Namen nennen und dabei Gott zum Zeugen seiner Unschuld anrufen. Wenn er das tut, ohne dass die Wunden sich verändern, so ist er frei von den Verwandten und dem Gericht. Andernfalls ist er an dem Tode schuldig geworden gegenüber den Verwandten und dem Gericht und hat das Urteil über sich selbst abgegeben, weil er das Gericht (d. h. die Bahrprobe) auf sich genommen hat, obwohl ihn dessen niemand hätte nötigen können.

Bei alledem bleibt weiterhin offen, ob die prozessuale Bahrprobe als leibliches Beweismittel (des Augenscheins) und/oder als eine Form des Reinigungseides angesehen wurde. Für die zweite Annahme spricht die Tatsache, dass die Initiative zu ihrer Vornahme keineswegs immer vom Gericht oder von den Verwandten des Toten ausging, sondern dass es manchmal, zum Beispiel nach der eben zitierten Freisinger Quelle, der Verdächtigte (!) war, der unter bestimmten Umständen die Probe verlangen konnte, wenn auch – aus naheliegenden Gründen – nur innerhalb eines Monats ab dem Begräbnis des Opfers: so etwa dann, wenn er sich bei Rückkehr aus dem Auslande mit dem Totschlagsvorwurf konfrontiert sah. Meist aber dürfte das Bahrgericht von der Obrigkeit angeordnet worden sein, wobei wiederum fraglich ist, ob es bei positivem Ausgang als Tatbeweis gewertet wurde oder „nur“ als Anlass für die Einleitung einer gerichtlichen Untersuchung, insbesondere als Indiz für die Anwendung der Folter. Es ist wohl einmal das eine, einmal das andere anzunehmen, gelegentlich wohl auch eine Kombination von beidem.

Bahrprobe in der Prozesspraxis

Fälle der Anwendung der Bahrprobe in der Praxis sind überraschend zahlreich belegt, in ihrer Aussagekraft aber oft/meist nur mit Vorsicht zu bewerten. In der Schweiz etwa wurde im 16. Jahrhundert im Gebiet von Luzern die Leiche einer ermordeten Ehefrau, die bereits 20 Tage unter der Erde gelegen war, zum Zwecke des Bahrgerichts, das unmittelbar auf dem Friedhof stattfand, ausgegraben und der mörderische Ehemann durch das Bluten der Wunden überführt. In einem anderen Falle gingen drei des Mordes an einem ihrer Gesellen verdächtigte Bettler frei (Fehr 1923, S. 64 f.).

In Hexenprozessen fand die Bahrprobe ebenfalls Verwendung, und zwar dann, wenn ein Mord vorgeblich mit Hilfe der Schwarzen Magie erfolgt war. So zum Beispiel in den bekannten Verfahren in England gegen Jennet Preston, die „Hexe von Pendle“ (1612), und in Schottland gegen Christine Wilson, die „Hexe von Dalkeith“ (1661), wobei in beiden Fällen die Wunden als Schuldbeweis zu bluten begannen (Pickering 1996, S. 24). Oft, wie etwa in Mecklenburg im 16. und 17. Jahrhundert, galt es als sicheres Indiz der Hexerei, wenn ein Leichnam beim Erscheinen der/des Verdächtigten Blut absonderte (Moeller 2007, S. 186). Auch der Malleus maleficarum erwähnt das Blutfließen aus den Wunden des Ermordeten in Anwesenheit des Mörders, wenn auch nur en passant und ohne spezielle Bezugnahme auf Hexenprozesse (Teil I, Zweite Frage: Ob der Dämon mit dem Hexer mitwirke; vgl. auch unten).

Mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert nimmt die Häufigkeit der Bahrprobe in Strafprozessen deutlich ab, doch sind vereinzelte Fälle noch im 18. Jahrhundert nachzuweisen. Allerdings mutierte das Institut im Laufe der Entwicklung von einem Beweismittel zum (bloßen) Indiz für die Einleitung eines Inquisitionsprozesses oder/und für die Anwendung der Folter, doch meist nur dann, wenn glaubwürdige und wahrscheinliche (Hilfs-)Indizien ergänzend hinzutraten. Immerhin: Als subsidiäres Auskunftsmittel, sozusagen als letzter Ausweg bei der Strafverfolgung, kam das ius feretri weiterhin in Betracht.

Bahrprobe in der Strafrechtslehre

In der Lehre standen einander schon seit dem späten Mittelalter Befürworter und Gegner der Bahrprobe gegenüber, die einander heftig mit mehr oder weniger plausiblen Argumenten juristischer, medizinischer, religiöser, naturphilosophischer oder „logisch-vernunftmäßiger“ Art befehdeten. Der Hexenhammer etwa erklärt das ius cruentationis (unter Berufung auf Vincentius) damit, dass die Wunde, infiziert vom Geiste des Mörders durch starke Vorstellung die infizierte Luft anzieht; geht der Mörder vorbei, so fließt das Blut heraus, weil bei der Anwesenheit des Mörders die in der Wunde eingeschlossene Luft, wie sie vom Mörder aus eindrang, bei seiner Gegenwart bewegt wird, durch welche Bewegung das Blut ausfließt. Einige führen noch andere Gründe an, wonach dieses Blutfließen des Ermordeten Schrei aus der Erde sei über den anwesenden Mörder, und zwar wegen der Verfluchung des ersten Mörders, des Kain. (Teil I, Zweite Frage). 1597 empfahl Jakob I. in seiner Daemonologie die Anwendung der Bahrprobe. Auch der presbyterianische Gelehrte und Dichter Richard Baxter war von ihrer Wirksamkeit in Mordfällen überzeugt (The Certainty of the World of Spirits, 1691). Ebenso der Wolfenbütteler Hofgerichtsassessor Schottel, der sie mit der rächenden Allmacht Gottes erklärte. Andere Juristen wie etwa Besold oder Benedikt Carpzow nahmen eine Mittelstellung ein, indem sie das Bahrgericht grundsätzlich zuließen, darüber hinaus aber noch weitere überzeugende Indizien für die Anwendung der Folter verlangten. Ähnlich mehrere bedeutende italienische Rechtsgelehrte wie etwa Hippolytus de Marsiliis und Farinacius. Seit dem 16. Jahrhundert wuchs jedoch die Zahl der Gegenstimmen, wobei der spanische Naturrechtler Antonio Gómez (nach 1500 – vor 1572) eine Art Vorreiterrolle spielte. Die Aufklärung schließlich hat das altertümlich anmutende Institut endgültig aus dem Rechtsleben entfernt. Im Volksglauben mag es noch da und dort fortgelebt haben.

Literatur 

Heinrich Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte II, Leipzig 1892, S. 405, 411 f.

Ders., Das rechtliche Fortleben der Toten bei den Germanen, in: Abhandlungen zur Rechtsgeschichte. Gesammelte Aufsätze II, Weimar 1931, S. 340–358 (ursprünglich 1907).

Louis Carlen, Eine Bahrprobe in Montpellier im 16. Jahrhundert, in: Forschungen zur Rechtsarchäologie und Rechtlichen Volkskunde 8, 1986, S. 97−99.

Christian Villads Christensen, Båreprøven. Dens historie og stilling i fortidens rets- og naturopfattelse, Kopenhagen 1900.

Hans-Kurt Claußen (Bearb.), Freisinger Rechtsbuch (Germanenrechte N. F., Abt. Stadtrechtsbücher), Weimar 1941 (mit nhd. Übers.), hier Art. 273.

Hubert Ewers, Die Bahrprobe, Rechts- und staatswiss. Diss. Bonn 1951.

Hans Fehr, Das Recht im Bilde, Erlenbach-Zürich, München, Leipzig 1923, S. 64 f. mit Abb. Nr. 59 und 61.

Jacob Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer II, Leipzig 1899, S. 593−596.

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens III, Berlin, Leipzig 1930/31 (Reprint 1987), Sp. 1046−1059 (mit zahlreichen Nachweisen).

Heinz Holzhauer, Art. Bahrprobe, in: Lexikon des Mittelalters I, München, Zürich 1980, Sp.1350.

Theodor Kirchmaier, Dissertatio physica de cruentatione cadaverum, fallaci illo praesentis homicidae indicio, Wittenberg 1669, Neudruck Halle/Saale 1726.

Bernhard Kretschmer, Der Leichnam im alten Recht, in: Norbert Stefenelli (Hg.), Körper ohne Leben. Begegnung und Umgang mit Toten, Wien, Köln, Weimar 1998, S. 841−851, hier bes. S. 842.

Karl Lehmann, Das Bahrgericht, in: Germanistische Abhandlungen zum LXX. Geburtstag Konrad von Maurers, Göttingen 1893 (Neudruck Scientia Verlag Aalen 1979), S. 23–45.

Katrin Moeller, Dass Willkür über Recht ginge. Hexenverfolgung in Mecklenburg im 16. und 17. Jahrhundert, Bielefeld 2007, hier bes. S. 186.

Olav Moorman van Kappen, Zur Geschichte der Bahrprobe in den Niederlanden, in: Forschungen zur Rechtsarchäologie und Rechtlichen Volkskunde 8, 1986, S. 79−99.

Werner Ogris, Art. Bahrprobe, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte I, 2. Auflage, 2. Lieferung, Berlin 2005, Sp. 408−410 (mit Angabe älterer Literatur).

David Pickering, Lexikon der Magie und Hexerei, Augsburg 1999, hier S. 24.

Christoph Riggenbach, Die Tötung und ihre Folgen. Ein Beitrag zur alamannisch-schweizerischen Rechtsgeschichte im Mittelalter, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germ. Abt. 49 (1929) S. 154 ff.

Wolfgang Schild, Alte Gerichtsbarkeit. Vom Gottesurteil bis zum Beginn der modernen Rechtsprechung, 2. Aufl. München 1985, S. 18−20 (mit Abb.).

Ders., Zur strafrechtlichen Behandlung der Toten, in: Norbert Stefenelli (Hg.), Körper ohne Leben. Begegnung und Umgang mit Toten, Wien, Köln, Weimar 1998, S. 852−861, hier bes. 855.

Richard Schröder/Eberhard v. Künßberg, Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte, 7. Auflage Berlin, Leipzig 1932 (Neudruck 1966), S. 94 Anm. 20 und S. 854 Anm. 30 (jeweils mit Literaturangaben).

Robert Zagolla, Folter und Hexenprozess. Die strafrechtliche Spruchpraxis der Juristenfakultät Rostock im 17. Jahrhundert, Bielefeld 2007, hier bes. S. 288−290.

Empfohlene Zitierweise

Ogris, Werner: Bahrprobe. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5736/

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Erstellt: 30.03.2008

Zuletzt geändert: 22.05.2008