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Alchemie 

Michael Horchler 

24. September 2007 

Die Alchemie ist mehr als nur Vorläuferin der modernen Chemie. Sie stellt ein komplexes wissenschafts- und kulturgeschichtliches Phänomen dar, das auf vielfältige Weise mit der europäischen Geistesgeschichte verwoben ist. 

Begriff der Alchemie 

Eine Definition des Begriffes „Alchemie“ ist recht schwierig, da die Alchemie keine ho­mogene Ausprägung besaß, sondern vielmehr ein „komplexes alchemisches Kultur­phä­nomen mit diversen Erscheinungsformen“ war (Haage 1996, S. 10).  

Annäherungsweise ist die Alchemie „die Kunst, gewisse Materialien zu höherem Sein zu veredeln, und zwar derart, dass mit der Manipulation der Materie auch der um ihr Geheimnis ringende Mensch in einen höheren Seinszustand versetzt wird“ (Schütt 2000, S. 12). 

Die Alchemie verfügt neben der Praxis auch über einen eigenen theoretischen Über­bau. Diese alchemistische Theorie kann rein spekulative, ursprünglich griechische Natur­philosophie (Elementen- und Qualitätenlehre) sein oder eine bildhafte Verschlüsselung von Läuterungs- und Initiationsprozessen im al­chemi­stischen Werk, wie in der Seele des Alchemi­sten, die ei­nen ihrer Ursprünge in antiken Mysterien hat. Daneben treten auch medizinische Aspekte, wie zum Beispiel die Theorie der Pana­zee (das Allheilmittel) auf. Man kann also eigentlich nicht von der „Alchemie“ sprechen, sondern man muss viel­mehr zwischen praktischer, theoreti­scher, naturphilo­sophischer, mystischer, medizini­scher usw. Alchemie dif­ferenzie­ren. Gemeinsam ist all diesen Ausprägungen der Alchemie das Verschmel­zen von Theorie und Praxis. Nur dort wo der chemisch-technische Praxisaspekt („prac­tica“) und der philosophisch-spirituelle Aspekt des theoretischen Überbaus („theorica“) zu einer Einheit ver­bun­den werden, kann man von Alchemie sprechen. 

Der Begriff selbst kommt im 12. Jahrhundert durch die Übersetzungen arabi­scher Texte (arabisch al-kîmiyâ) ins Abendland. In lateinischen Texten ist er als alkimia, alquimia, alchimia und alchemia nachzuweisen. Die etymologische Wurzel des Terminus „Alchemie“ ist allerdings umstritten. Das Präfix „al-“ ist dabei das gerin­gere Problem, denn hierbei handelt es sich um den arabischen bestimmten Artikel. An­ders verhält es sich bei „chimia“. Die heute gängige Forschungsmeinung führt den Terminus auf griechisch „chéō“ („gießen“) zurück. Demnach bezeichnet dann „chymeía“ oder „chēmeía“ die Hand­werkskunst, flüssiges Metall zu gießen. 

Das alchemische Werk (opus alchemicum) 

Das Ziel der Alchemie ist es, aus unedlen Stoffen mit Hilfe des Lapis philosophorum (Stein der Weisen) Edelmetalle, Edel­steine oder die Panazee herzu­stellen. Dazu muss der (unedle) Ausgangsstoff des Lapis zunächst zur prima materia, der ersten Materie, dem Urstoff, der in allen Stoffen enthalten ist, zurückgeführt wer­den, bevor diese zur ultima materia, der höch­sten Materie, emporgeläutert werden kann. Aus dem so gewonnenen Lapis läßt sich im „großen Werk“ (opus magnum) Gold und im „kleinen Werk“ (opus minus) Sil­ber aus unedlen Metallen her­stellen. Die Stufen dieses alchemistischen Arbeitspro­zesses wurden meist wie folgt beschrieben: 

  1. Kalzination: Oxydation durch Erhitzen bzw. Pulverisierung des Ausgangs­stoffes.  

  2. Solution: Lösung in scharfen Flüssigkeiten. Darunter verstanden die Alche­misten ganz allgemein jede Verflüssigung eines festen Stoffes, wozu auch das Schmelzen zählt. 

  3. Putrefaktion: Verfaulung, wobei die dabei entstehende Schwarzfärbung (ni­gredo) als Tod der Substanz angesehen und oft als Schwarzer Rabe meta­phorisch dargestellt wird, der jedoch als Weiße Taube (albedo) wie­der aufer­steht. Der Zustand der Schwarz­färbung wurde im Allgemeinen als die Rückführung zur prima materia begriffen. 

  4. Reduktion: Zurückführen des bei der Kalzination verflüchtigten Geistes mit Hilfe einer Flüssigkeit (philosophische Milch), wobei Gelbfär­bung (citrinitas) ent­steht. 

  5. Sublimation: durch die Rückführung der geistigen Substanz erreicht die vor­handene Materie einen höheren Wert als die prima materia. Die Heftigkeit dieser Reaktion wird häufig durch das Wü­ten des „Roten Drachen“ ausgedrückt, wobei Rotfärbung (rubedo) eintritt. 

  6. Koagulation oder Fixation: Verfestigung der nach dem Verfahrensprinzip solve et coagula (löse und verfestige) emporgeläuterten Mate­rie. 

  7. Fermentierung (wird nur selten genannt): Zusetzen einer kleinen Menge meist Goldes zur Beschleunigung des Prozesses. 

  8. Lapis philosophorum, der Stein der Weisen (ultima materia), der häufig als schweres, dunkel­rot glänzen­des Pulver beschrieben wird. 

  9. Multiplikation: Vermehrung oder Vervielfachung des Lapis aus einem klei­nen Rest. 

  10. Projektion: Einstreuen des pulverförmigen Lapis in unedles Metall, das dann zu Gold (bzw. Silber) transmutieren soll. Dieser Vorgang wird auch als Tingierung (Färbung) bezeichnet. 

Theoretische Grundlagen 

Die theoretischen Grundlagen der Alchemie sind vorwiegend in der griechi­schen Naturphilosophie zu suchen. Stark beeinflusst war die Theorica der Alchemie von der aristotelischen Idee, dass alle Dinge teleologisch danach streben, eine vollkomme­nere Form (Wesensform) zu erlangen, woraus in Verbindung mit der Lehre von der prima materia die alchemistische Transmutationsvorstellung entsteht. Daneben zog die in den mit­telalterli­chen Naturwissenschaften allgegenwärtige aristotelische Elementen- und Qualitätenlehre in der Alchemie ein und auch die von Aristoteles abgelehnten Korpuskulartheo­rien beeinflussten die Alchemie. Die auf Empedokles von Agrigent/Akragas zurückgehenden Korpuskulartheorien nehmen an, dass die vier philosophischen Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft aus kleinsten Teilchen, den Korpuskeln, zusammengesetzt sind. Diese sind prinzipiell teilbar. Eine Variante solcher Korpuskulartheorien ist die Atomtheorie (begründet von Leukippos und Demokritos), deren grundlegender Unterschied darin besteht, dass ihre Korpuskeln, die Atome, unteilbar sind, in Gestalt und Größe differieren und sich im leeren Raum bewegen. 

Auf der Elementenlehre baut die Schwefel-Quecksilber-Theorie auf. Diese besagt, dass alle Stoffe, aus den beiden Prinzipien Schwefel und Quecksilber zusammengesetzt sind. Der philosophische Schwefel als das Prinzip des Brenn­baren besteht dabei aus den Elementen Feuer und Luft und das philosophische Quecksilber als das Prin­zip des Schmelzbaren aus den Elementen Wasser und Erde. Der Schwefel wird in die­sem Zusammenhang auch als männliches Prinzip und das Quecksilber als weibli­ches Prin­zip bezeichnet. In der Alchemie ist die Schwefel-Quecksilber-Theorie vor allem für metallurgische Betrachtungen von Bedeutung, wobei sich das Interesse auf das un­be­kannte Mengenverhältnis der beiden Substanzen im Gold konzentrierte, da ihr Misch­ver­hältnis der Gradmesser der Kostbarkeit der Me­talle ist. So hat der Schwefel (als das Schlechte und Ver­gängliche) im Gold nur färbenden Charakter, weshalb dieses das edelste Metall ist. 

Alchemistische Praxis 

Obwohl zu den tatsächlichen Arbeitsverhältnissen der Alchemisten Forschungen weiterhin notwendig sind, kann man doch festhalten, dass es ihnen möglich war, auch komplexe Experimente mit hoher Genauigkeit und Sorgfalt durchzuführen. Die Labortätigkeit war damit weniger – wie es lange die gängige Forschungsmeinung war – vom Zufall bestimmt, sondern meist von einem systematischen Arbeiten geprägt, auch wenn manche Entdeckung der Alchemisten sicherlich zufälliger Natur war (etwa die erneute Entdeckung des Porzellans durch Johann Böttger). 

Ausdruck fand diese systematische Labortätigkeit in der Entwicklung zahlreicher alchemistischer Arbeitsmethoden, die auch in der modernen Chemie noch immer zum Einsatz kommen. Was den alchemistischen Arbeitsmethoden aber oftmals fehlte, ist eine Standardisierung, die erst mit der beginnenden modernen Chemie aufkam. Alchemische Begrifflichkeiten können daher sehr unterschiedliche Bedeutungen tragen, Beschreibungen von Arbeitsprozessen zur Gewinnung des Lapis philosophorum verschiedene meta­phorische Decknamen besitzen. 

Die wichtigste Laboroperation der Alchemie ist die Destillation. Sie zählt zu den bedeutenden Errungenschaften der Alchemie. Der Destillationsbegriff wurde bereits im heutigen Sinne gebraucht, er umfasste die Reinigung einer Flüssig­keit durch Erhitzen und die anschließende Kondensation der Dämpfe. Darüber hin­aus wur­den aber auch die Dekantation (das Reinigen einer Flüssigkeit durch Ab­gießen vom Bodensatz), die Circulation (das erneute Erhitzen bzw. Destillieren des bei der De­stillation als Endprodukt entstandenen Rückflusses bzw. Destillats), die Filtration (Tren­nen von festen und flüssigen Bestandteilen eines Stoffes, meist mittels eines Filtermedi­ums), die Liquation (Verflüssigen eines Stoffes durch Erhitzen oder das Zerflie­ßen von Salzen durch Wasseranziehung aus der Luft) und die Subli­mation von den Al­chemisten zur Destillation hinzugerechnet. 

Entsprechend unterscheidet bspw. Geber latinus (möglicherweise Paulus von Tarento) in seiner „Summa perfectionis magisterii“, dem theoretisch fundiertesten alchemistischen Text des Mittelalters, drei Formen der Destillation: 

  1. Die aufsteigende Destillation, worunter er eine dem modernen Destillationsbe­griff entsprechende Vorgehensweise versteht. 

  2. Die absteigende Destillation: die Reinigung eines schmelzbaren Festkör­pers durch vorsichtiges Ausschmelzen und Ableiten der Schmelze in einen untergestellten Tiegel wobei die schwer schmelzbaren Bestandteile des Stof­fes als Rückstand übrig bleiben. 

  3. Die filtrierende Destillation: eine der Filtration ähnelnde Destillation. Dabei wurde das Gefäß mit der zu destillierenden Flüs­sigkeit (bzw. dem Flüssigkeitsgemisch) mit einem Tuch ausgelegt, das über den Gefäßrand hinausragte, so dass die Flüssigkeit durch die wirkenden Ka­pillarkräfte in dem Gewebe aufstieg und in ein untergestelltes Auffanggefäß tropfte. 

Geschichte der Alchemie 

Die ersten Anfänge der Alchemie reichen zurück ins hellenistische Ägypten, wo sie vermutlich in der praktischen Tätigkeit der Tempelwerkstätten ihren Ursprung hatten. Geprägt war diese Entstehungsphase der Alchemie von dem Versuch, Edelmetalle, Edelsteine, Perlen und seltene Farbstoffe (zum Beispiel Purpur) nachzuahmen, wie dies aus der Rezept­literatur des Tempelwissens des Papyrus Leiden und des Papyrus Stockholm hervorgeht, die aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. stammen. Ebenfalls in diese Frühphase gehören die alchemischen Schriften des Bolos von Mendes (3. Jahr­hundert v. Chr.), die von Pseudo-Demokrit in „Physika kai Mystika“ (um 300 n. Chr.) überliefert werden. 

Die darauf folgende alexandrinische Alchemie zeichnet sich durch einen Synkretis­mus von grie­chischen, vorderasiatischen und ägyptischen Einflüssen aus. Es erfolgte dadurch vor allem die für die Alchemie so bedeutende Verbindung von griechischer Naturphilosophie mit dem praktischen Wissen der ägyptischen Tempel­handwerker. Vier Geistesströ­mungen haben dabei mitgewirkt: die Astrologie, die aristotelische Elementenlehre, die gnostische und neuplatonische Erlösungslehren, die auf die Natur übertragen wurden, sowie die ägyptische Mythologie. Zu diesen Anfängen der Alchemie zählen die Schriften von Zosimos von Panopolis (4. Jh.) und die „Tabula Smaragdina“, die dem Hermes Trismegistos, dem Urvater der Alchemie, zugeschrieben wird. 

Die sich anschließende byzantinische Alchemie beginnt mit Olympiodoros (6. Jahrhundert). Sie ent­wickelt eine reiche Fach­terminologie und baut vor allem die metaphorischen Ver­schlüs­selun­gen der Arkan­sprache, der alchemistischen Geheimsprache, aus. 

In der arabischen Alche­mie werden die Erkenntnisse der Vorläufer aufgegriffen, weitertradiert und erweitert. Sie beruhte im Wesentlichen auf den spätantiken griechischen Naturwissen­schaften. Es fin­den sich erste Ansätze der Iatro­chemie oder Chemiatrie (alchemistische Heil­mit­telherstellung) im „Corpus Gabiria­num“ (8.-10. Jahrhundert), das Dschābir ibn Hayyān (Geber arabicus, nicht zu verwechseln mit dem Geber latinus des 13. Jahrhunderts) zuge­schrieben wird. Damit eng verbunden ist das Aufkommen der Idee der Panazee, die sich ebenfalls im „Corpus Gabirianum“ nachweisen lässt. Daneben wurde unter anderem die Schwe­fel-Quecksilber-Theo­rie ent­wickelt.  

Aus der arabischen Alchemie entwickelte sich dann die abendländische Al­che­mie, de­ren erste Fachschriften Übersetzungen aus dem Arabischen sind. Im Abend­land wird nach Über­nahme der arabischen Alchemie im 12. Jahrhundert vor allem die Iatro­che­mie stark aus­gebaut. Von besonderer Bedeutung war dabei seit dem 12. Jahr­hundert die Her­stel­lung des in der arabischen Alchemie unbekannten Weingeistes (spiritus vini) mit­tels De­stillation. 

Die abendländische Alchemie entwickelte nach der Rezeption der griechischen und arabi­schen Alchemie eine eigene Blüte. Diese Blütezeit war gekennzeichnet durch neue chemische Erkenntnisse in den Laboratorien, die Übertragung der griechischen und arabischen Texte ins Lateinische und in die Volkssprachen, den zunehmenden Gebrauch arkansprachlicher Verschlüsselungen und alle­go­ri­scher Illustrationen sowie die „ungeheure Breitenwirkung“ der Alchemie und ihre Ausstrahlung auf an­dere Wissensgebiete und die Dichtung. 

Zeugnis der weiten Verbreitung alchemistischen Gedankengutes und Wissens legen vor allem die in die Tausende gehenden Handschriften und Drucke ab, die im und nach dem 12. Jahrhundert ent­stan­den sind. 

Die so ins Leben gerufene, für das Spätmittelalter charakteristische Alchemie setzt sich aus antiker Na­tur­philosophie, Aristotelismus, Neuplatonismus, Gnosis, christlichem Gedankengut sowie praktisch-chemischer Betätigung zusammen. Der von ihr hervorgebrachte „Sym­bol- und Emblematafundus“ (Jüttner 1980, Sp. 331) hatte Einfluss auf das gesamte Geistesleben des Mittelal­ters, nicht nur auf Medizin, Pharmazie und Mineralogie. 

Zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert und damit zwischen Mittelalter und Neuzeit steht Paracelsus, Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493/94-1541), mit seiner Betonung der Iatrochemie. Die alchemistische Herstellung von Arzneimitteln war jedoch schon lange vor Paracelsus bekannt, wobei hier vor allem Johannes de Rupescissa (14. Jahrhundert) als bekanntester Vorläufer zu nennen ist. Paracelsus schöpfte also aus früheren Traditionen. Dennoch war er der wirkungsmächtigste Förderer (al-)chemischer Heilmittel, womit er im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zum Wegbereiter für die Entwicklung der modernen naturwissenschaftlichen Pharmazie wurde. 

Die mehr praktisch orientierte „Chymia“, aus der die moderne chemische Wissen­schaft hervorging, trennt sich erst zu Beginn der Neuzeit von der theoretischen „Al­che­mey“. Der Übergang von der Alchemie zur naturwissenschaftlichen Chemie stellt allerdings keine kontinuierliche Entwicklung dar, sondern ist ein überaus vielschichtiges Phänomen, so dass die Grenzen zwischen Chemie und Alchemie bis zum Beginn der naturwissenschaftlich-quantifizierenden Chemie im 18. Jahrhundert fließend waren. Dies zeigt sich auch an der kaum überschaubaren Masse der im 16./17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstandenen Fachschriften alchemistischen, ia­tro­chemischen sowie praktisch- bzw. naturwissenschaftlich-chemischen Inhalts. 

Die Übergangsstufe zwischen Alchemie und naturwissenschaftlicher Chemie ist die Chymie. Sie zeichnet sich gegenüber der Alchemie dadurch aus, dass sich die Naturer­kenntnis langsam vom Streben nach dem Lapis philosophorum emanzipierte und somit an Eigenständigkeit gewann. Obwohl noch immer an der Suche nach dem Lapis philosophorum festgehalten wurde, konnte allmählich der Weg zu fundierter na­turwis­senschaftlicher Erkenntnis und somit der Weg zur modernen Chemie geebnet werden. 

Der Umschwung hin zur naturwissenschaftlichen Chemie wird von Robert Boyle (1627-1691) eingeleitet, der in „The Sceptical Chemist“ forderte, dass die Gültigkeit chemischer Theorien auf experimentellen Erfahrungen basieren müsse. Zum Abschluss kommt dieser Prozess mit der Mathematisierung, Mechanisierung und quantitativen Analyse in der Chemie Antoine Laurent Lavoisiers (1743-1794). 

Einordnung ins Wissenschaftssystem des Mittelalters und der frühen Neuzeit 

Die Alchemie verstand sich selbst als philosophisch-naturwissenschaftliches Sy­stem, das nach Kenntnis und Beherrschung der Naturgesetze strebte. Oder um mit den Worten von Paracelsus zu sprechen: „Alchimia ist die khunst, die da vnnütz vom nut­zen thut vnnd bringts in sein letzte materiam vnnd wesen“, womit er auf den alchemistischen Gedanken der Emporläuterung anspielt, der in der Transmutationsvorstellung zum Ausdruck kommt. 

Trotz dieses Selbstverständnisses und ihres philosophischen Hintergrundes, konnte sich die Alchemie an den hohen Schulen und Universitäten des Mittelalters und der frühen Neuzeit niemals als eigene Disziplin etablieren. Aufgrund ihres handwerklichen Unterbaus, der Practica, kann man daher die Alchemie innerhalb des mittelalterlichen Wissenschaftssystems – zumindest bezüglich ihres Fachschrifttums – am ehesten den Artes mechanicae und dort dem Handwerk zuordnen. Obwohl diese Einteilung durchaus problematisch ist, bleibt festzuhalten, dass die Alchemie niemals zu den Artes magicae, den verbotenen Künsten, gezählt wurde. Auch Hans Hartlieb (um 1400-1468) rechnet in seiner Gesamtdarstellung der magisch-mantischen Künste, dem „Puch aller verpoten kunst“ (1455/56), die Alchemie nicht zu den verbotenen Künsten. Ganz im Gegenteil grenzt er die Alchemie deutlich von den dunklen Künsten ab. Selbst die von der Inquisition als „ars suspecta“ beobachtete Alchemie sowie immer wieder ausgesprochene Alchemieverbote (etwa die Bulle „Spondent quas non exhibent divitias pauperes alchymistae“ die Papst Johannes XXII. 1317 verabschiedete) richteten sich vor allem gegen betrügerische Goldmacher und Falsch­münzer und nicht gegen die eigentliche naturkundliche Alchemie, die nach dem Lapis philosophorum forschte, der zur Gold- sowie Arzneimittelherstellung dienen sollte.  

Literatur 

Peter Assion, Altdeutsche Fachliteratur. Grundlagen der Germanistik 13, Berlin 1973. 

Jörg Barke, Die Sprache der Chymie. Am Beispiel von vier Drucken aus der Zeit zwi­schen 1574-1761. Reihe Germanistische Linguistik 111, Tübin­gen 1991. 

Hans Biedermann, Materia prima. Eine Bildersammlung zur Ideenge­schichte der Alchemie, Graz 1973. 

Helmut Birkhan, Die alchemistische Lehrdichtung des Gratheus filius phi­losophi im Cod. Vind. 2372, 2 Bde., Wien 1992. 

Herwig Buntz, Deutsche alchemistische Traktate des 15. und 16. Jahr­hunderts. Disser­tation, München 1968. 

Gerhard Eis, Von der Rede und vom Schweigen der Alchemisten, in: Gerhard Eis, Vor und nach Paracelsus. Untersuchungen über Hohenheims Tra­ditionsverbun­denheit und Nach­richten über seine Anhänger. Medizin in Ge­schichte und Kultur 8, Stuttgart 1965, S. 51-73. 

Bernhard D. Haage, Deutsche Fachliteratur und deutsche Fachsprache der Ar­tes in der mittelal­terlichen und frühneuzeitlichen Stadt, in: Gerhard Bauer (Hg.), Stadtspra­chenfor­schung. GAG 488, Göppingen 1988, S. 271-325. 

Bernhard D. Haage, Wissenstradierende und gesellschaftliche Konsti­tuenten mit­telalterli­cher deutscher Fachsprache, in: Theo Bungarten (Hg.), Fachspra­chentheo­rie 1. Fachsprachliche Terminologie, Begriffs- und Sachsy­steme, Methodologie, Tostedt 1993, S. 228-268. 

Bernhard D. Haage, Alchemie im Mittelalter. Ideen und Bilder – von Zosimos bis Pa­racelsus, Zürich, Düsseldorf 1996 

Bernhard D. Haage / Wolfgang Wegner, Deutsche Fachliteratur der Artes in Mittelalter und Früher Neuzeit, Berlin 2007. 

Karl Hoheisel, Christus und der philosophische Stein. Alchemie als über- und nicht­christlicher Heilsweg, in: Christoph Meinel (Hg.), Die Alchemie in der europäischen Kultur- und Wissen­schaftsge­schichte. Vorträge des 16. Wolfenbütteler Symposions vom 2.-5. April 1984 in der Herzog August Bi­bliothek. Wolfenbütteler Forschungen 32, Wiesba­den 1986, S. 61-84. 

Michael Horchler, Die Alchemie in der deutschen Literatur des Mittelalters. Ein Forschungsbericht des ausgehenden Mittelalters. DWV-Schriften zur Medizingeschichte 2, Baden-Baden 2005. 

Guido Jüttner, Alchemie, in: Lexikon des Mittelalters 1, München, Zü­rich 1980, Sp. 329-335. 

Jack Lindsay, The Origins of Alchemy in Graeco-Roman Egypt, Lon­don 1970. 

Edmund O. von Lippmann, Entstehung und Ausbreitung der Alche­mie. Mit einem Anhange: Zur älteren Geschichte der Metalle, Hildesheim, New York 1978. (Nachdruck der Ausgabe Berlin 1919) 

Bernhard Pabst, Atomtheorien des lateinischen Mittelalters. Darmstadt 1994. 

Emil E. Ploss / Heinz Roo­sen-Runge / Heinrich Schip­perges / Herwig Buntz (Hg.), Al­chimia. Ideologie und Technologie. Mün­chen 1970. 

Claus Priesner / Karin Figala (Hg.), Alchemie. Lexikon einer her­metischen Wissenschaft, München 1998. 

Rudolf Schmitz, Geschichte der Pharmazie, Bd. 1. Von den Anfängen bis zum Ausgang des Mittelalters, Eschborn 1998. 

Hans-Werner Schütt, Auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Die Ge­schichte der Alchemie, München 2000. 

Empfohlene Zitierweise

Horchler, Michael: Alchemie. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5525/

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Erstellt: 24.09.2007

Zuletzt geändert: 24.09.2007