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Anna Maria Schwägelin (Schwägele) 

Wolfgang Petz 

11. Dezember 2007

* 23.01.1729 (?) in Lachen, † 07.02.1781 in Kempten; letztes bekanntes Opfer eines Hexenprozesses im Reich 

1. Biographisches Umfeld 

Über die Lebensgeschichte der Anna Maria Schwägelin bis zum Jahre ihres Prozesses vor dem Kaiserlichen Landgericht des Fürststifts Kempten ist nur wenig bekannt. Die meisten Informationen liefern uns ihre Aussagen im Verhör. Doch ist der Wahrheitsgehalt ihrer Erinnerungen kritisch zu beurteilen und eine Überprüfung häufig nicht möglich.  

Der Eintrag im Kirchenbuch der katholischen Gemeinde Lachen nennt den 23. Januar 1729 als Tag der Geburt oder (wahrscheinlicher) der Taufe. Als territoriale Enklave war Lachen zusammen mit dem benachbarten Theinselberg Teil des Herrschaftsbereichs der Fürstäbte von Kempten. Ihr Vater Johannes Schwägele stammte aus einem Weiler nahe dem stiftkemptischen Marktort Altusried, die Mutter Anna Plenckhin aus Wolfertschwenden, das zum Territorium des Reichsklosters Ottobeuren gehörte. Die Familie wurde zur untersten Schicht der dörflichen Bevölkerung gerechnet, in diesem Teil Schwabens als Huber bezeichnet. Kennzeichnend für die Huber war, dass sie weder über Grund- noch über Hausbesitz verfügten und für ihren Lebensunterhalt auf die Mitarbeit auf Höfen und auf Taglohnarbeiten angewiesen waren. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern arbeitete Anna Maria Schwägelin als Dienstmagd. 1754 und 1757 wird sie in den Ratsprotokollen der Reichsstadt Memmingen erwähnt. Aufgrund einer Erkrankung an den Beinen arbeitsunfähig geworden, wurde 1769 ihre Bitte um Aufnahme ins Leprosenhaus Obergünzburg vom Hofrat des Fürststifts Kempten gewährt. 1774 war sie bereits seit längerer Zeit Insassin des stiftkemptischen Arbeitshauses Langenegg bei Martinszell.

Ihren Aussagen zufolge verbrachte sie den größten Teil ihres Lebens auf wechselnden Dienststellen in Memmingen und im weiteren Umkreis der Stadt. Dabei lernte sie einen evangelischen Kutscher kennen, der ihr die Ehe versprach, wenn sie die Konfession wechseln würde. Anna Maria Schwägelin scheint dazu bereit gewesen zu sein. Wenn man ihr Glauben schenkt, hat sie diesen Schritt in der Memminger Martinskirche vollzogen. Der Kutscher wandte sich allerdings später einer Rivalin zu und löste das Verlöbnis auf. In dieser schwierigen Situation sei ihr, so behauptete sie später, zweimal der Teufel erschienen. Bei der ersten Begegnung auf freiem Feld habe sie seine Annäherung noch abgewehrt, bei der zweiten auf einem einsam gelegenen Gutshof fand sie sich bereit, Gott abzuschwören und sich dem Bösen zu unterwerfen. Anschließend ließ sie es zu, dass der Teufel mit ihr den Geschlechtsakt vollzog. Seit dieser Zeit sei ihr der dämonische Liebhaber noch viele Male im Schlaf erschienen. Zwar suchte sie in den folgenden Jahren wiederholt, sich durch Beichten Erleichterung von quälenden Schuldgefühlen wegen ihres doppelten Verrats am Glauben (Apostasie und Teufelspakt) zu verschaffen, letztlich jedoch ohne Ergebnis.

2. Prozess und Urteil 

Im Zuchthaus Langenegg wurde die ehemalige Magd wegen einiger merkwürdiger Vorfälle auffällig. In Anspielungen und Andeutungen erweckte sie zudem den Eindruck, sie stehe mit dämonischen Mächten im Bunde. Eine Mitinsassin, die zugleich als Betreuungsperson für die pflegebedürftige Anna Maria Schwägelin eingesetzt worden war, betrieb spätestens seit dem Winter 1774/75 deren Entfernung aus Langenegg und informierte schließlich Amtspersonen über die Vorkommnisse. Darauf wurde die Schwägelin auf Veranlassung des Landrichters Johann Franz Wilhelm Treuchtlinger (* ca. 1709, † 1782) in das Stockhaus genannte Gefängnis der Stiftsstadt Kempten (zu unterscheiden von der evangelischen Reichsstadt Kempten) eingeliefert. In den zwischen dem 6. März und dem 21. März 1775 gütlich geführten Verhören gestand die Verdächtigte den Teufelspakt und – mit Einschränkungen – auch den sexuellen Verkehr mit dem Versucher ein. Sie stritt jedoch ab, jemals Schadenzauber verübt zu haben. Andere Bestandteile des „klassischen“ Hexenbildes wie Hexenflug oder Teilnahme am Hexensabbat spielten bei der Befragung keine Rolle.

In seinem Gutachten vom 30. März kam Treuchtlinger zu dem Ergebnis, dass, auf der Grundlage der Carolina und unter Berufung auf Benedikt Carpzov sowie andere Autoritäten des 16./17. Jahrhunderts, das Geständnis des Bündnisses mit dem Teufel und der verübten „Unzucht“ bereits hinreichend sei, um die Verhängung der Todesstrafe zu begründen. Er plädierte deshalb auf Hinrichtung mit dem Schwert. Diesem Votum schlossen sich die weltlichen Mitglieder des Hofrats an, und auch Fürstabt Honorius Roth von Schreckenstein (* 1726, † 1785) billigte es durch seine Unterschrift. Die Urteilsverkündung erfolgte am 7. April; die Hinrichtung war für den 11. April vorgesehen.

Während die ältere Forschung noch vom Vollzug des Urteils ausging, ist inzwischen bewiesen, dass es dazu nicht kam. Offenbar wurde die Hinrichtung kurzfristig durch den Landesherrn ausgesetzt. Einem Klebezettel auf einem Porträt in der Sammlung des Allgäu-Museums Kempten zufolge könnte die überraschende Wendung auf das Eingreifen des Beichtvaters des Fürstabts zurückzuführen sein. Plausibilität besitzt diese Annahme auch deshalb, weil dieser, ein Franziskanerpater namens Anton Kramer, in späteren Jahren als dezidierter Vertreter der Aufklärung in Kempten hervortrat. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kritik an Hexenprozessen ist allerdings den Akten nicht zu entnehmen; sie fehlt auch in Treuchtlingers Gutachten. Argumente für eine Verzögerung lieferten vielmehr offenkundige Widersprüche in den Aussagen der Angeklagten. Im Mai und Juli 1775 ergingen deshalb Briefe an benachbarte Reichsstände, von denen man sich Klarheit über wichtige Stationen ihres Lebens zu verschaffen hoffte. Nachdem diese Nachforschungen keine neuen Fakten zutage gefördert hatten, kam das behördliche Verfahren zum Stillstand. Zu einer förmlichen Begnadigung mochte man sich aber auch nicht entschließen und Anna Maria Schwägelin verblieb im Gewahrsam des Gefängnisses. Die Sterbematrikel für die Pfarrei S. Lorenz vermerken für den 07.02.1781 den Tod der „A.M. Schwägelin“ im Kemptener Stockhaus.

3. Einordnung 

Das letzte Todesurteil gegen eine angebliche „Hexe“ auf Reichsboden ist nicht vor dem Hintergrund einer – wie immer gearteten – „Rückständigkeit“ des Fürststifts Kempten zu erklären, sondern im Zusammenhang einer Verkettung einzelner Ursachen. Eine Schlüsselfigur für den Ablauf des Verfahrens ist zweifellos die Person des Landrichters Treuchtlinger, der seit 1736 in dieser Position in Kempten amtierte. Aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit verfügte er in dem kleinen Fürstentum vermutlich über eine Machtposition, die ihm weitgehende Selbständigkeit bei der Urteilsfindung verschaffte. Außer dem Landrichter waren keine anderen juristischen oder medizinischen Autoritäten in den Fall unmittelbar einbezogen. Treuchtlinger, der an der der Benediktinerhochschule in Salzburg studiert hatte, ist auch mit früheren Verfahren wegen Hexerei im Fürststift Kempten verbunden. Mindestens zwei dieser Prozesse endeten 1739 und 1755 mit der Hinrichtung der Angeklagten. Formal konnte er sich dabei, wie auch 1775, auf das gültige Reichsrecht stützen.  

Die Frage, ob Hexerei möglich sei oder nicht, war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gerade (aber nicht nur) im katholischen Deutschland immer noch strittig. Neue Nahrung erhielt die Kontroverse durch den Exorzisten Johann Joseph Gaßner, dessen Auftritte in Oberschwaben im Sommer 1774 große Beachtung fanden. Obwohl Gaßner selbst vermutlich nie in Kempten war, hatte er dort Anhänger und Förderer. In der hiesigen Stiftsdruckerei wurde sein Traktat Nutzlicher Unterricht wieder den Teufel zu streiten in der ersten Auflage verlegt. Gaßners angebliche Wunderheilungen verliehen der Frage nach der Möglichkeit von Teufelspakt und Teufelsbuhlschaft das Gewicht einer Grundsatzentscheidung im Abwehrkampf gegen Deismus und Atheismus. Unterstützt wurde eine derartige Sicht durch das Faktum, dass im Fall der Schwägelin ein ohne physischen Druck erbrachtes Geständnis der Angeklagten vorlag. Möglicherweise hat Fürstabt Honorius Roth von Schreckenstein durch sein Eingreifen, das letztlich eine Verschleppung des Falles zur Folge hatte, eine Konfrontation gegensätzlicher weltanschaulicher Lager am Kemptener Hof bewusst vermieden.

4. Forschungsgeschichte 

Erstmals auf den Fall der Anna Maria Schwägelin hingewiesen hat der Forscher Carl Haas (Haas 1865, S. 108-120). Er bereicherte seine Darstellung mit Auszügen aus zeitgenössischen Dokumenten und bezeichnete den Prozess als den letzten „in Bayern“ (Haas 1865, S. 108). Über Art und Herkunft seiner Quelle schweigt sich Haas weitgehend aus. Da fast die gesamte Überlieferung des Landgerichts des Fürststifts Kempten von den bayerischen Archivbehörden als wertlos eingeschätzt und vernichtet worden war, konzentrierte sich das Interesse der Öffentlichkeit auf eine im 19. Jahrhundert entstandene Teilabschrift der Prozessunterlagen im Stadtarchiv Kempten. Auszüge aus dieser Abschrift wurden 1892 veröffentlicht. Die Darstellung von Haas und die Publikation der Abschrift bildeten die Grundlage für die Einschätzung des Kemptener Falles als letzte Hinrichtung einer „Hexe“ im Reich, wie sie sich in fast allen älteren Gesamtdarstellungen der Hexenverfolgung findet.

Die Berichtigung, dass die Angeklagte in Wahrheit nicht hingerichtet wurde, sondern im Stockhaus eines natürlichen Todes starb, gelang erst 1995 durch Recherchen in den Pfarrmatrikeln. Unterstützt wurde diese Annahme durch die wenig später erfolgte Entdeckung des Porträts des Beichtvaters von Fürstabt Honorius im Bestand des örtlichen Museums. Die Veröffentlichung dieser Forschungsergebnisse führte schließlich 1998 zur Auffindung der bereits von Haas benutzten Originalakten in Kemptener Privatbesitz. Im Unterschied zur Abschrift sind im Originalband auch die Verhörprotokolle und der behördliche Schriftverkehr nach dem 11. April 1775 enthalten. Zusätzliches Licht auf die Person des Richters Treuchtlinger und die Spätphase der Verfolgung im Allgemeinen ermöglicht außerdem ein im selben Zusammenhang überliefertes zweites Aktenkonvolut, das das Verfahren gegen eine Elisabetha Heiligmännin von 1739 zum Thema hat. Die Überlieferung beider Prozessakten in Privatbesitz lässt sich dadurch erklären, dass ein Vorfahre der jetzigen Eigentümer, der ehemalige fürstäbtliche Landkassier und Hofrat Johann Georg Henne, kurz nach der Säkularisation offensichtlich Aktenstücke aus dem ehemaligen Stiftsarchiv mit nach Hause nahm und so vor der Vernichtung bewahrte.

Literatur 

Carl Haas, Die Hexenprozesse. Ein cultur-historischer Versuch nebst Dokumenten, Tübingen 1865.

von Wachter (Hg.), Der letzte Hexenprozeß des Stiftes Kempten, in: Allgäuer Geschichtsfreund 5, 1892, S. 8-14, 21-25, 37-41, 60-63.

Wolfgang Petz, Zweimal Kempten – Geschichte einer Doppelstadt (1694-1836). München 1998, S. 425-431.

Wolfgang Petz, Die letzte Hexe. Das Schicksal der Anna Maria Schwägelin. Frankfurt/M., New York 2007.

Empfohlene Zitierweise

Petz, Wolfgang: Schwägelin, Anna Maria. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5602/

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Erstellt: 11.12.2007

Zuletzt geändert: 11.12.2007

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