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Meier, Karl - Lehrer und Heimatforscher 

Lippe, Grafschaft (Lemgo) 

Jürgen Scheffler  

13.12.99  

"Hexen, Henker und Tyrannen" - so lautet der eingängige Titel einer Broschüre, die der Lehrer und Heimatforscher Karl Meier im Jahre 1949 über "die letzte und blutigste Welle der Hexenverfolgung in Lemgo" verfaßt hat. In mehreren Auflagen wurde das Bändchen nachgedruckt und u.a. im Lemgoer "Hexenbürgermeisterhaus", dem Städtischen Museum, verkauft. Bis in die 1980er Jahre hinein war dieser Band die populärste Darstellung über die Zeit der Hexenverfolgung in der Stadt Lemgo (-> Lemgo, Stadt). Sein Verfasser, der Lemgoer Gymnaisallehrer Karl Meier (1882 - 1969) gehörte zu jenen Pädagogen, die sich neben ihrer schulischen Tätigkeit intensiv in der Heimatbewegung und in der Heimatforschung engagiert haben. Seine Bibliografie umfaßte bis zum Jahre 1968 287 Titel (Bücher, Broschüren und Zeitungsartikel).  

Karl Meier ist in Lemgo geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur hat er in Berlin und Marburg Philologie studiert und dort im Jahre 1906 promoviert. Seine schulische Tätigkeit führte ihn nach (Dortmund-) Hörde, Münster und - ab 1920 - zurück nach Lemgo. Dort hat er bis zum Jahre 1947 als Gymnasiallehrer die Fächer Latein, Griechisch, Deutsch, Geschichte, Kunst(-geschichte) und Sport unterrichtet. Wenige Jahre vor seinem Tod ist ihm als Anerkennung für seine Verdienste der Professorentitel verliehen worden. 

Mit seiner Rückkehr in die Stadt Lemgo begann Meiers Tätigkeit in der Heimatbewegung. Er war Mitbegründer und 1. Vorsitzender des Heimatvereins "Alt Lemgo", der im Jahre 1920 gegründet wurde. Zu den Zielen des Vereins gehörten vor allem die Erhaltung der historischen Baudenkmäler, die vom Abriß bzw. von Umbauten bedroht waren, sowie die Freilegung verputzter Fachwerkgiebel. Darüber hinaus war er Initiator für die Einrichtung des Heimatmuseums im "Hexenbürgermeisterhaus" (1926).  

Meier begleitete die Aktivitäten des Vereins mit zahlreichen Artikeln in der Presse, in denen er für die Ziele der Heimatbewegung warb. Im Laufe der 1920er Jahre wurde er zu ihrem wichtigsten Repräsentanten in Lemgo, dessen Interessen sich auf alle Themen erstreckten, die stadtgeschichtlich und kulturpolitisch von Bedeutung waren. Er publizierte die ersten Arbeiten über das Junkerhaus und den Lemgoer Künstler Karl Junker, verfaßte Artikel über die historischen Baudenkmäler und die Fachwerkarchitektur und war der Autor eines Wanderbuches über den lippischen Kleinstaat (1922), das er mit eigenen Illustrationen versah. Er verfaßte Theaterstücke, in denen er Ereignisse aus der Stadtgeschichte aufgriff, und war verantwortlich für die Gestaltung des historischen Festzuges der Lemgoer Schützengesellschaft im Jahre 1925 sowie des "Lemgoer Guckkastens", der anläßlich der "Reichsfahrt der 'Alten Garde'" im Juni 1939 auf dem Marktplatz aufgeführt wurde. Dabei handelte es sich um Szenen aus der Stadtgeschichte, wobei u.a. "der Hexenbürgermeister (...) und sein Henker" auftraten.  

Im Laufe der Jahre aber rückten zwei Themen ins Zentrum der Arbeit von Karl Meier, denen seine besondere Aufmerksamkeit galt: die Biografie und das Lebenswerk des Lemgoer Forschungsreisenden Engelbert Kämpfer (1651- 1716) und die Hexenprozesse. Die Biografie und das Werk von Kämpfer war für ihn ein Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Beschäftigung. Nachdem er zunächst biografische Artikel über Kämpfer verfaßt hatte, reiste er Ende der 1920er Jahre ins Britische Museum nach London, wo er den handschriftlichen Nachlaß Kämpfers sichtete. Aus diesen Forschungen entstand neben zahlreiche Aufsätzen und Artikeln eine umfangreiche Biografie Engelbert Kämpfers, die, herausgegeben vom Japaninstitut in Berlin, im Jahre 1937 erschien. Bis ins hohe Alter hinein hat Meier Aufsätze über Kämpfer verfaßt und Quellen aus dem Nachlaß herausgegeben. 

Die Hexenverfolgung war für Meier demgegenüber primär ein Thema der Heimatforschung, für das er literarisch-feuilletonistische Darstellungsmöglichkeiten fand. Im Jahre 1932 publizierte er einen Artikel über die "Schurkenstreiche des Lemgoer 'Hexenbürgermeisters' ". Dem schlossen sich die Erzählung "Maria Rampendahl und der Hexenbürgermeister" (1935), der Aufsatz "Lemgo, eine Hochburg der Hexeninquisition" (1938), der Band "Hexen, Henker und Tyrannen" (1949) sowie die Erzählung "Der Hexenbürgermeister von Lemgo" (1951) an. Bei diesem Band handelte es sich um die fiktiven "Memoiren" des preußischen Verwaltungsbeamten Henrich Balthasar von Kleinsorge, der in Lemgo als Sohn des Bürgermeisters Balthasar Kleinsorge geboren wurde und dessen Familie zu den Hauptkontrahenten des Bürgermeisters Hermann Cothmann gehörte. Über Cothmann selbst, den "Hexenbürgermeister", hat Meier mehrere Artikel publiziert, u.a. in dem Sammelband "Menschen vom lippischen Boden" (1936). Auch in seiner "Geschichte der Stadt Lemgo" (1952) hat Meier sich unter der Überschrift "Lemje, dat Hexennest ..." ausführlich mit der Zeit der Hexenverfolgung beschäftigt.  

In seinen Arbeiten stellt Meier die Hexenverfolgung im Stil eines Historiendramas dar, wobei er die Akteure des Prozeßgeschehens mit "guten" und "bösen" Charakterzügen ausgestattet hat. Zwar hat er die überlieferten Prozeßakten als Quellen herangezogen, aber im Vordergrund steht die literarische Ausgestaltung des Prozeßgeschehens im Sinne einer Dramatisierung und Personalisierung. Vor allem die letzte Welle der Prozesse war für ihn Ausdruck des unumschränkten Machtwillens einer kleinen Gruppe um den Bürgermeister Hermann Cothmann, den er als einen von "Herrschsucht, Habsucht und Haß" erfüllten Machtmenschen dargestellt hat. Cothmann war für Meier die Inkarnation eines vielfachen "Justizmörders". 

Zwar dominiert in Meiers Werk der literarisch-feuilletonistische Tenor, aber in einigen Aufsätzen sowie in Vorträgen hat er sich auch grundsätzlicher mit den Ursachen der Hexenverfolgung beschäftigt. In diesem Kontext hat Meier sich stark an zeitgenössischen Deutungsmustern orientiert. In einem Vortrag, den er im Jahre 1936 im Lemgoer "Volksbildungsverein" gehalten hat, findet sich die These, "daß der Hexenglaube aus dem Dämonenglauben des Altertums durch die römischen Kirchenlehrer dem Germanentum aufgezwungen wurde und durch die päpstliche Inquisition zu den grauenvollen Untaten geführt hat". Die Stadt Lemgo war für ihn die letzte "Hochburg der Hexeninquisition". Mit dem Tod Cothmann fiel, wie er es in einem Vortrag aus dem Jahre 1948 formuliert hat, "das letzte, zäh verteidigte Bollwerk des Hexenwahns im gesamten Norddeutschland". 

Meiers Darstellung der Hexenverfolgung als eine Art Historiendrama, seine Personalisierungen und seine Thesen ("die letzte Hochburg") haben das lokale Geschichtsbewußtsein bis weit in die Nachkriegszeit hinein stark geprägt. Erst durch die lokal- und regionalgeschichtlichen Arbeiten, die im Kontext der neueren interdisziplinären Hexenforschung entstanden sind (G. Wilbertz/G. Schwerhoff/J. Scheffler, Hg., 1994), ist die begrenzte Aussagekraft der Arbeiten von Karl Meier deutlich geworden. Für die Rezeptionsgeschichte sind seine Beiträge von Interesse, weil sie beispielhaft verdeutlichen, wie sich die Heimatforschung mit der Geschichte der Hexenverfolgung beschäftigt hat. Als Studien zur Geschichte der Hexenprozesse in Lemgo aber sind Meiers Arbeiten durch die neuere Forschung überholt. 

Literatur 

Jürgen Scheffler, "Lemgo, das Hexennest". Folkloristik, NS-Vermarktung und lokale Geschichtsdarstellung, in: Jahrbuch für Volkskunde. N.F., Bd. 12, 1989, S. 113-132 

Jürgen Scheffler, Gerd Schwerhoff, Gisela Wilbertz: Umrisse und Themen der Hexenforschung in der Region, in: Gisela Wilbertz, Gerd Schwerhoff, Jürgen Scheffler (Hg.), Hexenverfolgung und Regionalgeschichte. Die Grafschaft Lippe im Vergleich, Bielefeld 1994, S. 9-25 

Imke Tappe, Ernst Tappe (Bearb.), Karl Meier-Lemgo. 100 Jahre. Sein Leben, sein Werk, seine Zeichnungen, Detmold 1982 (mit einer ausführlichen, allerdings nicht vollständigen Bibliografie) 

 

Siehe auch folgende Artikel:  

Clauss, David d. Ä., Scharfrichter von Gisela Wilbertz

Cothmann, Hermann - Bürgermeister von Nicolas Rügge

Folterinstrumente von Jürgen Scheffler

Grabbe, Bernhard - Kantor und Lehrer am Lemgoer Gymnasium von Regina Fritsch

Hexenbürgermeisterhaus von Jürgen Scheffler

Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest von Jürgen Scheffler

Lippe, Grafschaft (Lemgo) - Hexenverfolgungen von Jürgen Scheffler

Kerkmann, Heinrich von Nicolas Rügge

Koch, Andreas (Prozeßopfer) - Pfarrer von Gisela Wilbertz

Köln (Reichsstadt) - Hexenverfolgungen von Gerd Schwerhoff

Rampendahl, Maria (Angeklagte im Hexenprozeß) von Gisela Wilbertz

Stadtarchiv Lemgo (Quellen zur Hexenverfolgung) von Gisela Wilbertz

Empfohlene Zitierweise

Scheffler, Jürgen: Meier, Karl. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1651/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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