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Apuleius und die Hexen 

Werner Riess 

21. Juni 2010 

Apuleius von Madauros, geb. ca. 125 n. Chr. in Madauros, Nordafrika, gest. ca. 170 n. Chr. in Karthago, römischer Redner, Philosoph in der Tradition Platons und Prosaschriftsteller. Hauptwerke: Pro se de magia (Apologie), Metamorphosen (Goldener Esel), Florida, De deo Socratis, De Platone, De mundo, De interpretatione, Asclepius.

Hexenbilder der lateinischen Literatur 

Ein klares Interesse Apuleius’ an der Magie findet sich bereits in seiner Rede Pro se de magia (Abt 1908), in der er sich 158/159 n. Chr. erfolgreich gegen den gerichtlichen Vorwurf der Zauberei verteidigte (Graf 1996, S. 61-82; Luck 1999, S. 138-140). 

Sein Hauptwerk, die Metamorphosen, werden gewöhnlich nach diesem Prozess datiert (vor 170 n. Chr.), da die Ankläger bei Vorliegen des Romans seinen Inhalt sicherlich gegen ihn verwendet hätten. Der Goldene Esel enthält die ausführlichsten Hexengeschichten der lateinischen Literatur. Der Roman basiert auf einer griechischen Vorlage und erzählt die Geschichte des jungen Mannes Lucius, der im thessalischen Hypata aufgrund einer falschen Anwendung von Magie duch seine Geliebte Photis in einen Esel verwandelt wird, viele Abenteuer erlebt und schließlich aufgrund der Gnade der Göttin Isis erlöst und in einen Menschen zurückverwandelt wird.  

Apuleius schreibt seine Hexenbeschreibungen in den typisch römischen Diskurs über böse und alternde Frauen ein (Vergil, Eclogen 8.64-109; Horaz, Satiren 1.8; Epoden 5; Properz, Elegien 4.5; Tibull, Elegien 1.5.42-50; Juvenal, Satiren 6.610-618; Ovid, Amores 3.7.27-38; Ovid, Metamorphoses 7.1; Seneca, Medea 6-26; 670-843; Lucan, Pharsalia 6.413-830; Petron, Satyrica 131), die aufgrund ihrer Gier nach Sex in die Nähe zu Prostituierten gerückt und als gewalt- und vor allem rachebereit geschildert werden (Stratton 2007, S. 91-93). In ihrer nymphomanen Libido verfolgen sie junge gutaussehende Männer, die sie mit magischen Mitteln zum Sex zwingen. Wollen sich diese Männer von ihnen lösen, reagieren sie auf diese Zurückweisung mit brutaler Gewalt. In ihrer Maskulinisierung überschreiten diese Prostituiertenhexen die gesellschaftlich geltenden Geschlechterrollen, ja verkehren sogar die natürliche Weltordnung. Betrachtet man die römischen Hexen vor dem Hintergrund des Diskurses über Frauen in der lateinischen Literatur insgesamt, so zeigt sich, dass sie als Antithese zur keuschen römischen Matrona konstruiert werden. Sie verkörpern das Andere, welches die imperiale Ordnung gefährdet und damit den Kosmos der damals bekannten Oikumene.

Zur Zeit des Apuleius waren die Standardmotive der Hexenbeschreibung bereits so etabliert, dass er sie übersteigern und satirisch darstellen konnte. Wahrscheinlich gehen die ausführlichen Hexendarstellungen in den Metamorphosen auf die lateinische Volksdichtung zurück. Die apuleianischen Hexenportraits zeigen daher größere Ähnlichkeiten zu den Geistergeschichten in Petrons Satyrica (Petron, Satyrica 61.6 - 62: Geschichte vom Werwolf) als zu den weniger blutrünstigen der griechischen Literatur. Alle Hexengeschichten werden im Goldenen Esel kunstvoll erzählt, oftmals in mehrfacher narrativer Einbettung, so dass ihre Suggestivkraft auch auf einem stark performativen Moment beruht. Alle Hexen teilen motivische Gemeinsamkeiten mit den großen Frauengestalten der Metamorphosen und vor allem auch mit der Retterfigur Isis im elften und letzten Buch des Romans, so dass die Göttin selbst problematisiert wird.

Meroe, Panthia, Pamphile und Photis 

Meroe ist eine der mächtigsten Hexen der antiken Literatur. Lucius erfährt von ihr durch den Weggefährten Aristomenes, der seinerseits von seinem Freund Sokrates ins Bild gesetzt wurde. Meroe ist eine Wirtin im thessalischen Larissa, die den ausgeraubten Sokrates bei sich aufnimmt, sexuell hörig macht und materiell ausbeutet. Als Aristomenes im nahe gelegenen Hypata seinen Freund verängstigt und auf dem Boden kauernd antrifft, ist dieser gerade auf der Flucht vor der Hexe und berichtet Aristomenes von ihrer Gefährlichkeit, da sie sogar über kosmische Kräfte verfüge (Met. 1.8f.; vgl. bereits Aristophanes, Wolken 749f. auch mit Bezug auf eine thessalische Hexe). Jünglinge, die Meroe begehrt, kann sie aus fernen Gegenden herbeizaubern. Sie übt furchtbare Rache an ihnen, wenn sie sich aus ihren Fängen zu befreien suchen. Einen verwandelte sie in einen Biber, der sich bei der Flucht vor Verfolgern die Hoden abbiss. Einer Schwangeren, die negativ über sie gesprochen hatte, verschloss sie den Mutterleib, so dass sie nach acht Jahren Schwangerschaft aussah, als ob sie einen Elefanten gebären würde. Als das Volk Meroe schließlich so hasste, dass es sie steinigen wollte, schloss sie alle Bewohner in ihren Häusern ein und versetzte das Haus des Wortführers auf einen unwirtliches Felsen. Aristomenes und Sokrates gehen nach diesem Gespräch früh schlafen, um am nächsten Morgen möglichst bald das Weite zu suchen. Doch Meroe und ihre Schwester Panthia greifen in der Nacht an: Obgleich die Kammer verschlossen ist, dringen die beiden problemlos ein. Meroe stößt dem schlafenden Sokrates das Schwert bis zum Knauf in die linke Halsgrube und holt sein Herz heraus. Panthia verschließt die Wunde mit einem Schwamm. Bevor die Hexen verschwinden, urinieren sie noch über Aristomenes’ Gesicht. Zu dessen größter Freude und Überraschung wacht Sokrates kurz danach auf. Alles scheint ein Alptraum gewesen zu sein. Auf dem weiteren Weg rasten die beiden Freunde an einem Fluss. Sokrates wird trotz der Einnahme eines kleinen Imbisses immer schwächer. Um zu trinken, beugt er sich über eine Quelle. Da löst sich der Schwamm, und Sokrates bricht tot zusammen. Aus Furcht vor Strafverfolgung begräbt Aristomenes den Kameraden eilig und geht, als ob er ein Mörder sei, freiwillig ins Exil (1.19). 

Meroes Nähe zu Euripides’ Medea ist unverkennbar (Ogden 2008, S. 64). Ihr Name ist auch der einer Insel im Nil mit einem berühmten Isis-Tempel (Juvenal, Satiren 6.527-529; Schlam 1992, S. 68; Krabbe 1989, S. 97). Nicht nur ist das lateinische Adjektiv mera (rein, lauter) auch ein Epithethon für Isis (Krabbe 1989, S. 97); Meroe beschreibt sich indirekt auch als dreifache Göttin (1.12), als Selene, Zeus/Eos und Kalypso, und liefert damit eine Aretologie en miniature, wie sie im elften Buch bombastisch von Isis wieder aufgenommen wird (11.5f.).

Der Name ihrer Schwester Panthia ist klar von pantheon (All-Göttin) abgeleitet, einem weiteren Epitheton von Isis (Witt 1971, S. 72; 84). Die Vorausverweise auf Isis sind also schon im ersten Buch unverkennbar.

Die Frau von Lucius’ Gastgeber Milo, Pamphile, ist ebenfalls eine Hexe. Auch sie verfügt über kosmische sowie nekromantische Kräfte und übt Lychnomantie, also Wahrsagerei mit einer Lampe. Lucius brennt darauf, in ihre Künste eingeweiht zu werden. Ihre Dienerin Photis, an die sich Lucius heranmacht, um Zugang zur Magie der Herrin zu erlangen, und Lucius’ Tante Byrrhena warnen ihn eindringlich vor den enormen Kräften der Hexe (3.15; 2.5), was ein Standardmotiv des antiken Hexendiskurses ist. Vor allem versteht sie sich darauf, junge Männer, die sie begehrt, herbeizuzaubern. Ihre Hexenküche ist voller schauriger Ingredienzen, unter anderem Leichenteile, Fleisch von Gekreuzigten, das noch an den Nägeln hängt sowie verstümmelte Schädel, die man aus den Mäulern von wilden Tieren gerissen hat (3.17). Da ihr Photis jedoch nicht die Haare eines jungen Böoters, sondern Ziegenhaare bringt, zaubert Pamphile drei aufgeblasene Ziegenschläuche herbei, die, an die Tür von Milos Haus prallend, vom gerade heimkehrenden Lucius als angreifende Räuber wahrgenommen und aufgeschlitzt werden. Als Lucius schließlich der Verwandlung Pamphiles in einen Uhu beiwohnt – sie fliegt so zu ihrem Liebhaber – gibt es für ihn kein Halten mehr. Er drängt Photis, nun auch ihn in einen Vogel zu verwanden. Doch Photis ist nur ein Hexenlehrling und begeht einen schlimmen Fehler. Sie verwendet die falsche Salbe, so dass sich Lucius statt in einen Vogel in einen Esel verwandelt (3.24f.).

Pamphile ist ein sprechender Name. Philae liegt am Nil und war vor allem für den dort praktizierten Isis-Kult bekannt (Krabbe 1989, S. 97; Witt 1971, S. 61-67). Gleichzeitig ist der Name (die alles Liebende) auch eine Anspielung auf Isis’ wohltätige Qualitäten (11.25), so dass der Name wieder als ein Epitheton für Isis gelten kann.

So wie Isis in magischer Terminologie beschrieben wird, werden die Hexen als Göttinnen dargestellt. Meroe wird in 1.8 zweimal divina, göttlich genannt. Lucius spricht von Pamphiles Kunst als divina disciplina (3.19). Die drei gottähnlichen Weiber, Meroe, Panthia und Pamphile sind somit als Parallelen zu Isis zu verstehen. Sie sind eher Alternativen als Antithesen zu ihr, wie so oft in der Forschungsliteratur behauptet. Alle drei Hexen tragen Beinamen von Isis, was heißt, dass jedesmal, wenn eine dieser Hexen genannt wird, auch Isis evoziert wird.

Die junge und attraktive Photis, Pamphiles Sklavin, ist ein Hexenlehrling. Sie steht sowohl was ihr Vorkommen im Roman (in den Büchern zwei bis drei) als auch ihre Merkmale anbelangt, zwischen den Hexen der ersten drei Bücher und den treuen Ehefrauen der Bücher vier bis acht, woraus folgt, dass sie sowohl viele Gemeinsamkeiten mit den Hexen als auch mit Isis hat. Sie dient ihrer Herrin treu und ist in ihre Künste eingeweiht. Während Lucius das sexuelle Verhältnis mit Photis nur als erotisches Abenteuer und Mittel zum Zweck sieht, scheint sie Lucius wirklich zu lieben, was in ihrer wiederholten Sorge um ihn zum Ausdruck kommt. 

Photis’ Name ist wiederum ein sprechender. Phos ist das griechische Wort für Licht. Isis wird immer wieder mit Lichtmetaphorik beschrieben (11.3.4; 11.15.3). Damit kann Photis als eine andere, weltliche Isis gelten. Lucius bewundert an beiden das Haar (2.9; 11.3.4), was heißt, dass er auch an Isis zuerst eine sexuelle Komponente wahrnimmt. Photis und Isis sprechen eindeutig von Initiationen, die erstere von der in die Magie, die letztere von der in ihren Kult (3.15; 11.23-25). In beiden Fällen ist der Initiand zu absolutem Stillschweigen verpflichtet. Da die Initiation in die Magie also auf die Initiation in den Isis-Kult vorausweist, ist Photis nicht nur eine kleine Hexe, sondern auch eine kleine Isis. Und nur weil Lucius sich mit einer kleinen Hexe einlässt, kommt er, anders als Sokrates, mit dem Leben davon (Frangoulidis 2008, S. 36; 52-57).

Die Thelyphron- und Müllergeschichte 

Mit einer weiteren schaurigen Geschichte wird Lucius davor gewarnt, sich auf Magie einzulassen. Anlässlich Byrrhenas Gastmahl erzählt der an Nase und Ohren verstümmelte Thelyphron seine Geschichte (2.21-31). In Larissa ist es gang und gäbe, dass Hexen Leichname verstümmeln, während sie aufgebahrt sind. In der Aussicht auf eine gute Entlohung lässt sich Thelyphron von einer jungen Witwe anheuern, um ihren gerade verstorbenen Ehemann eine Nacht lang zu bewachen. Zunächst kommt Thelyphron seiner Aufgabe gwissenhaft nach. Er vertreibt ein Wiesel, in das sich eine Hexe offenbar verwandelt hat (Ogden 2008, S. 66ff.). Doch dann fällt Thelyphron wider alle guten Vorsätze in einen todesähnlichen Schlaf. Zunächst wollen die ungenannten Hexen den gleichnamigen Toten reanimieren und verstümmeln, doch der schlafende Thelyphron reagiert zuerst, so dass sie versehentlich ihm die Nase und beide Ohren abschneiden, nicht jedoch ohne ihm Wachsattrappen anzupassen. Am nächsten Morgen ist die Witwe hoch erfreut, den Leichnam ihres Mannes unversehrt zu sehen, der nun in einem Totenzug zu Grabe getragen wird. Da tritt plötzlich der Onkel des Verstorbenen auf und beschuldigt die Witwe, seinen Neffen eines Liebhabers wegen vergiftet zu haben, wodurch auch sie als Hexe gebrandmarkt wird. Um dieser Behauptung Nachdruck zu verleihen, bittet der Greis den ägyptischen Prophet und Totenbeschwörer Zatchlas, den Toten für kurze Zeit zum Leben zu erwecken und ihm die Chance zu geben, dem Volk die Wahrheit zu sagen. Der Magier, der nach ägyptischer Manier Sandalen aus Palmfasern und eine Glatze trägt, gibt dem Drängen nach und übt Nekromantie (Ogden 2001, S. 202-205), indem er den Ermordeten reanimiert, der tatsächlich den Bericht seines Onkels bestätigt. Aber nicht nur das: Der zum Leben Erweckte berichtet auch von der Verstümmelung seines Wächters. Erst jetzt bemerkt Thelyphron was eigentlich mit ihm geschehen ist. Die Wachsattrappen fallen bei Berührung ab, er ist für immer entstellt und wagt es nicht, so in seine Heimat zurückzukehren.

Ein Müller wird von seiner Frau betrogen. Er verprügelt den Liebhaber, übergibt der Frau den Scheidebrief und jagt sie aus dem Haus (9.27.3-9.28). Sie sinnt auf Rache und heuert eine Hexe an, die entweder mit Liebeszauber versuchen soll, ihr den Ehemann wieder gewogen zu machen oder ihn aber mit Hilfe eines Gespenstes zu töten. Als der Hexe ersteres nicht gelingt, beschwört sie den Geist einer alten, gewaltsam ermordeten Frau herauf und gibt ihr den furchtbaren Auftrag (9.29-31; dazu Ogden 2008, S. 69f.). Deutlicher als anderso wird in dieser Geschichte gezeigt, wie nahe Liebes- und Schadenzauber beieinander liegen und wozu ruhelose Geister der Toten von Zauberern gezwungen werden konnten. Der Geist der Ermordeteten erscheint, mit allen Hexenattributen ausgestattet grausig anzusehen: Mit Lumpen bekleidet, die Haut gelb, kommt sie ausgemergelt und barfuß mit zerzaustem grauen Haar, das mit Asche bestreut ist, in die Mühle, berührt den Müller am Arm und geleitet ihn in seine Schlafkammer, die sie sorgfältig verriegelt. Als der Müller nicht mehr herauskommt, brechen seine Diener die Tür auf. Das alte Weib ist verschwunden, der Müller hängt tot an einem Seil. Er erscheint seiner Tochter im Traum mit der Schlinge um den Hals und klärt sie über die Vorkommnisse auf. 

Psyche, Charite, Venus und Isis 

Kurioserweise sind auch die treuen und fast durchweg positiv gezeichneten Ehefrauen der Bücher vier bis acht über motivische Gemeinsamkeiten sowohl mit den Hexen der ersten drei Bücher als auch mit Isis verbunden. Die Ehen von Psyche und Charite weisen beide auf Lucius’ Ehe mit Isis voraus. Beide Frauen sind ihren Männern treu, doch sind sie durchaus in der Lage, wie Hexen auf grausame Rache zu sinnen.  

Psyche, die von ihren Schwestern gedrängt worden war, gegen die ausdrückliche Warnung ihres Gemahls Amor, seinen Körper bei Kerzenschein zu betrachten, und dadurch viel Ungemach litt, bringt ihre bösen Schwestern dazu, in der Hoffnung auf eine ähnliche göttliche Ehe von den Klippen zu springen. Anders als Psyche jedoch, werden sie nicht vom Wind aufgefangen, sondern zerschellen (5.27).

Auch die Verbindungen zwischen Psyche und Isis sind eindeutig. Isis rettet am EndeLucius‘ Seele (gr. Psyche).  . Psyches verzweifelte Suche nach Amor ähnelt derjenigen Isis’ nach Osiris. Psyche steht jedoch nicht nur für Isis, sondern auch gleichzeitig für Lucius. Nach einem schwerwiegenden Fehler ist Psyche auf der Suche nach Erlösung wie Lucius. Beide erleben eine ähnliche Initiation.

Als Charite im Traum von ihrem toten Ehemann erfährt, dass sein bester Freund, Thrasyllus ihn auf der Jagd ermordet hat, um Charite selbst ehelichen zu können, sticht sie Thrasyllus beide Augen aus (8.12f.). 

Auch Isis kann voll Rache sein und wurde auch in der Antike so wahrgenommen, wenn auch nicht so von Apuleius geschildert. Dass Isis Männer blendet, die sie beleidigen (Juvenal, Satiren 13.93-96; Ovid, Epistulae ex Ponto 1.1.51-54; dazu Witt 1971, S. 258), ist für das Verständnis von Met. 8.12f. entscheidend. Gleichzeitig zeigt Isis jedoch immer auch Charis (Anmut, Gnade, Huld), worauf Lucius besonders Wert legt. Charite trägt also wieder einen sprechenden Namen.

Venus ist ebenfalls eine komplexe Parallele zu Isis. Sie vereinigt in sich viele widersprüchliche Züge der anderen Frauengestalten. Photis und Psyche werden als falsche Venus verehrt, sehr zum Ärger der Göttin (2.11; 2.17; 3.22; 4.29). Charite ähnelt Venus durch ihre Geschichte. Sie trauert so um ihren Mann Tleptolemus wie Venus um Adonis und Isis um Osiris. Venus’ Verbindung zu den Hexen ist klar. Sie wirft ihrem Sohn Amor vor, sie für eine lena gehalten zu haben (5.28.9), eine Kupplerin, die in der lateinischen Literatur oft hexenähnliche Züge trägt (vgl. Properz’ Acanthis: Prop. 4.5). Vor allem aber teilt sie ihre Rachegelüste mit den Hexen, so dass sie keinen durchweg positiven Charakter hat. Sie ist die böse Schwiegermutter, die ihrer Schwiegertochter Psyche das Leben so schwer wie möglich machen will. Sie stellt ihr unlösbare Aufgaben (5.10-21), ja läßt sie sogar mit Peitschen und anderen Geräten foltern (6.9). Ähnlich wie die Hexen (und auch Isis) charakterisiert sich auch Venus in ihrer Allmacht (4.30) und stellt damit eine Verbindung zwischen den Hexen der vorausgehenden Bücher und Isis dar.

Isis ist der komplizierteste Frauencharakter der Metamorphosen. Sie wird explizit Venus genannt (11.2.1; 11.5.2), doch ist diese Verbindung aufgrund von Venus’ Negativeigenschaften nicht unbedingt positiv zu sehen. Isis’ kosmische Kräfte werden gebetsartig aufgezählt. -; Es ist klar, dass sie in ihrer Allmacht alle anderen Gottheiten beinhaltet (11.5f.). Doch die vielen motivischen Parallelen zwischen den Hexen und Isis lassen die Göttin und die durch sie bewirkte Erlösung Lucius’ zwielichtig erscheinen.

Sokrates und Lucius geben ihren Herrinnen ihr letztes Hemd (1.7.9-10; 11.28.1-4). Lucius war vorher ein Sklave der Magie. Ist er nun ein Sklave der Isis, was durch den kahlgeschorenen Kopf zum Ausdruck gebracht werden könnte? Isis verlangt das Haar ihrer Jünger, ähnlich wie Pamphile das Haar ihres böotischen Liebhabers forderte (11.28.5; 11.30.5; 3.16.3-7; vgl. dazu van Mal-Maeder 1997, S. 106f.). Lucius muss so oft und so viel für Initiationen zahlen, dass er sich selbst zu wundern anfängt (11.28.1-4). Junge Männer, die sich in die sexuelle Abhängigkeit von Hexen begeben, müssen mit ihrer Kastration rechnen. Meroe verwandelt einen aufsässigen Liebhaber in einen Biber, der seine Genitalien abbeißt. Lucius’ Rückverwandlung in menschliche Gestalt führt auch zum Verlust seines großen Penis, der gerade von unersättlichen Frauen so geschätzt worden war (10.19.3-10.23.2; 11.14.3-5). Den Rest seines Lebens verbringt Lucius Isis in Keuschheit dienend (cf. Schlam 1992, S. 72f.; van Mal-Maeder 1997, S. 109). Sokrates war nur scheinbar von den Toten auferweckt worden. Sein Schicksal blieb das Gleiche. Gilt Ähnliches für Lucius, der nur zum Schein „erlöst“ wurde, doch in Wirklichkeit nichts gelernt hat? Wie auch immer man das elfte Buch mit seiner (pseudo-) religiösen Botschaft lesen möchte, es scheint gesichert, dass Isis nicht nur als favens et propitia, als huld- und gnadenvoll (11.5.4) gesehen werden kann, gerade weil sich ihre Eigenschaften als kongruent zu denen der Hexen erweisen und sowohl Isis als auch die Hexen es verstehen, Maenner in ihre Abhängikeit zu bringen.

Schlussbewertung 

Hexen spielen in den Metamorphosen des Apuleius eine herausragende narrative Rolle. An der Tatsache, dass Lucius keine einzige Warnung annehmen will, weder von Aristomenes noch von Photis oder Byrrhena, führt Apuleius einen leichtgläubigen Zeitgenossen vor, der willentlich zum Opfer übersinnlicher Kräfte wird. Im Gegensatz zu Winkler (1985) betont die neuere Forschung wieder verstärkt einen positiven, religiösen Sinngehalt des elften Buches (Frangoulidis 2008). Zwar werden die Gemeinsamkeiten zwischen Isis und den Hexen nicht übersehen, doch werden die positiven und gnädigen Aspekte der Magie der Göttin hervorgehoben (Frangoulidis 2008, S. 168; 171; 179). Ob man jedoch die negativen Züge so weit ausblenden kann, scheint fraglich: Die großen Frauengestalten der Metamorphosen sind eng aufeinander bezogen, teilen viele Charakteristika und sind damit parallel zu Isis zu sehen. In vielerlei Hinsicht nehmen die Frauenfiguren der Bücher eins bis zehn Isis schon vorweg. Anders formuliert: Isis ist schon von Anfang an präsent, eben auch in den Hexengestalten. Die Hexen wären somit weniger als parodistische Kontrastfolie oder Antitypen zu Isis, sondern vielmehr kontrapunktisch zu ihr zu verstehen. 

Eine eindringliche Analyse der apuleianischen Hexengestalten, die es noch zu schreiben gilt, würde zum einen die Einheit der Metamorphosen einmal mehr bestätigen, zum anderen Lucius’ Konversionserlebnis in seiner ganzen Problematik beleuchten. Ein vertieftes Verständnis des Wesens der Hexen und ihrer Rolle in den Metamorphosen würde also auch die Interpretation des hochkomplexen Isis-Buches und somit die des Romanganzen entscheidend voranbringen und damit ein Meisterwerk der lateinischen Literatur mentalitäts- und kulturgeschichtlich weiter erschließen. 

Literatur 

Adam Abt, Die Apologie des Apuleius von Madaura und die antike Zauberei, Gießen 1908.

Matthew Dichie, Magic and Magicians in the Greco-Roman World, London – New York 2001.

Stavros Frangoulidis, Witches, Isis and Narrative. Approaches to Magic in Apuleius’ Metamorphoses, Berlin – New York 2008.

Fritz Graf, Gottesnähe und Schadenzauber. Die Magie in der griechisch-römischen Antike, München 1996.

Judith Krabbe, The Metamorphoses of Apuleius, New York – Bern – Frankfurt/M – Paris 1989.

Georg Luck, Witches and Sorcerers in Classical Literature, in: Bengt Anklarloo / Stuart Clark (Hg.), Witchcraft and Magic in Europe. Ancient Greece and Rome, Philadelphia 1999, 91-158.

Georg Luck, Arcana Mundi. Magic and the Occult in the Greek and Roman Worlds. A Collection of Ancient Texts, Baltimore 2006.

Daniel Ogden, Night’s Black Agents, Witches, Wizards and the Dead in the Ancient World, London/ New York 2008.

Daniel Ogden, Greek and Roman Necromancy, Princeton /Oxford 2001.

Carl Schlam, The Metamorphoses of Apuleius: On Making an Ass of Oneself, Chapel Hill 1992.

Kimberly Stratton, Naming the Witch. Magic, Ideology, and Stereotype in the Ancient World, New York 2007.

Danielle Van Mal-Maeder, Lector intende: laetaberis: the enigma of the last book of Apuleius’ Metamorphoses, in: Heinz Hofmann / Maike Zimmermann (Hg.), Groningen Colloquia on the Novel. Vol. 8, Groningen 1997, S. 87-118.

John Winkler, Auctor & Actor: A Narratological Reading of Apuleius’ Golden Ass, Berkeley/Los Angeles/London 1985.

Reginald Witt, Isis in the Graeco-Roman World, London 1971.

Empfohlene Zitierweise

Riess, Werner: Apuleius und die Hexen. Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/7868/

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Erstellt: 21.06.2010

Zuletzt geändert: 07.07.2010

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