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Georg Modestin 

Hexenverfolgungen im Waadtland 

Bernisches Herrschaftsgebiet 1536-1798, zählt zu den Kernländern der frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen 

Unter dem Begriff Waadtland (französisch: Pays de Vaud) werden die vormals herzoglich-savoyischen sowie fürstbischöflich-lausannischen Besitzungen nördlich des Genfersees verstanden, die nach dem bernischen Einmarsch anfangs 1536 als französisch sprachiges Untertanengebiet in den Stadtstaat Bern eingegliedert wurden. Nicht unter diese Bezeichnung fallen diejenigen Herrschaften, welche bei derselben Gelegenheit unter die Hoheit Freiburgs fielen. Das Waadtland zählte 1558/59 rund 70.-80.000 Einwohner. 

Im Gefolge der Eroberung ließen sich Berner Kommissare überall die Herrschaftstitel aushändigen, wobei sie versprachen, die städtischen Freiheiten zu achten und die savoyischen beziehungsweise fürstbischöflichen Vasallen - sofern diese zur Unterwerfung bereit waren - in ihren Rechten zu belassen. Einen tiefen Einschnitt brachten allerdings die von Bern vorangetriebene Reformation und die damit einhergehende Aufhebung der Klöster mit sich. 

Was die Gerichtsbarkeit betrifft, so untersagten die Berner Herren als erstes jegliche Appellation an auswärtige Gerichte, sei es an den savoyischen Oberhof von Chambéry oder an das Offizialat von Besançon, zu dessen Kirchenprovinz das Bistum Lausanne gehört hatte. Die Vereinheitlichung der unterschiedlichen waadtländischen Gewohnheitsrechte ließ sich indes nicht verwirklichen, da Bern ihre Achtung zugesichert hatte. Als ähnlich unergiebig erwiesen sich die Versuche des Berner Rates, mittels Ordonanzen auf die Rechtsprechung der so gut wie unabhängigen adeligen Gerichtsherren einzuwirken. Die große Anzahl solcher Gerichte, von denen nicht wenige die Hochgerichtsbarkeit besaßen, scheint denn auch ein nicht zu unterschätzender Grund für die hohe Intensität von Hexenprozessen gewesen zu sein, für die das Waadtland berüchtigt war. So sind im fraglichen Landesteil nicht weniger als 91 verschiedene Gerichtshöfe gezählt worden, welche Todesstrafen gegen vermeintliche Hexen und Hexer verhängten, darunter eine größere Anzahl adliger Gerichte. 

Die Geschichte der Hexenverfolgung in der Waadt ist, vergleicht man sie mit der im ehemaligen Fürstbistum Lausanne, weitgehend Neuland. Anhaltspunkte lieferten zuletzt Peter Kamber, der einen makroskopischen Ansatz vertritt, sowie Fabienne Taric Zumsteg, die in ihrer im Jahr 2000 publizierten Monographie über die Verfolgungsrealität im Dorf Gollion die erste Lokalstudie zur frühen Neuzeit überhaupt vorlegt. Fest steht immerhin, dass das Waadtland zu den Kerngebieten der europäischen Hexenverfolgung gehörte. Dazu hat Kamber Zahlenangaben für die Jahre von 1580 bis 1665 veröffentlicht. In diesem Zeitraum wurden rund 1700 Personen wegen Hexerei verbrannt, wovon ungefähr ein Drittel männlichen Geschlechtes war. Bis 1680 - ab diesem Datum Jahr sind keine Prozesse bekannt - kam es in der Waadt zu wiederholten Verfolgungsschüben. Die größte Verfolgungswelle im Jahr 1599 kostete 74 Personen das Leben. Mehrere weitere besonders schwere Schübe forderten jeweils zwischen 40 und 60 Opfer. Peter Kamber sieht einen Zusammenhang zwischen diesen Verfolgungshöhepunkten und den Hunger- beziehungsweise Seuchenjahren gegeben. 1599 beispielsweise wütete eine Epidemie. In den Jahren1629 und 1630 fielen die Hinrichtungen von insgesamt 103 Personen mit anhaltenden Preissteigerungen zusammen. Verfolgungsmindernd wirkten sich hingegen außenpolitische Spannungen mit dem benachbarten Herzogtum Savoyen aus. 

Der Berner Rat zeigte sich über die hohe Zahl von Hexenprozessen beunruhigt. Die ergriffenen Dämpfungsmaßnahmen liefen indes auf einen Eingriff in die adlige Gerichtshoheit hinaus und zeigten dementsprechend wenig Erfolg. 1543 wurde es den Gerichtsherren untersagt, eine Hexe oder einen Hexer ohne die vorgängige Bestätigung des Urteils durch den Kleinen Rat hinzurichten. Dazu mussten die Gerichtsakten versandt werden. Zahlreiche weitere Bestimmungen ergingen bis 1664, in mit denen der Berner Rat versuchte den Gebrauch der Folter zu reglementieren und die Möglichkeiten zur Denunziation einzuschränken, ohne dabei die Existenz von Hexerei an sich in Frage zu stellen. Wie sehr sich der Rat dabei tatsächlich von der Sorge um die Hinrichtung Unschuldiger bewegen ließ und wie stark er von souveränitätspolitischen Überlegungen geleitet war, ist zur Zeit schwierig zu beantworten. Fabienne Taric Zumsteg weist jedenfalls nach, dass von den 27 auf Tod durch Verbrennung lautenden Verdikten, die zwischen 1615 und 1631 vom Gerichtshof der Herrschaft L'Isle nach Bern überstellt wurden, 19 unverändert blieben. Sechs Urteile wurden wenigstens dahingehend modifiziert, dass mildere Hinrichtungspraktiken eingefordert wurden. Eine Person wurde freigesprochen, und über das Schicksal einer weiteren ist nichts bekannt. Die Hexenverfolgung mag aber nicht nur im Tauziehen zwischen den adligen Gerichtsherren und dem Berner Rat genutzt worden sein. Auch in Konflikten zwischen den örtlichen Gerichtsherren um bestimmte Hoheitsrechte hatte die Ausübung der Hochgerichtsbarkeit - insbesondere die Verurteilung von vermeintlichen Hexen und Hexern - eine herrschaftspolitische Demonstrationsfunktionen, so wie dies Taric Zumsteg am Beispiel der konkurrierenden Besitzer der Herrschaften L'Isle und Cottens vermutet. In der Tat fällt eine Reihe von Prozessen gegen Bewohner des zur Herrschaft L'Isle gehörende Gollion in die Jahre 1620-1632, als sich die beiden das Dorf streitig machten. Nachdem der Streit 1632 entschieden war, verlor der Herr von L'Isle offenbar das Interesse an weiteren Machtdemonstrationen. Jedenfalls sind für die nächsten 12 Jahre keine Verfahren bekannt. 

Die Ratifizierung der Todesurteile durch den Kleinen Rat zu Bern fand einen Niederschlag in entsprechenden Vermerken in den Ratsmanualen, welche durch Peter Kamber ausgezählt worden sind. Die eigentlichen Prozessakten hingegen sind, abgesehen von der erwähnten Monographie von Fabienne Taric Zumsteg, noch weitgehend unbearbeitet. 

Literatur 

Kamber, Peter: Die Hexenverfolgung im Waadtland (1581-1620). Unveröffentlichte Lizentiatsarbeit, Universität Zürich 1980. 

Ders.: La chasse aux sorciers et aux sorcières dans le Pays de Vaud: Aspects quantitatifs (1581-1620). In: Revue historique vaudoise 90 (1982), S. 21-33. 

Ders.: Croyances et peurs: La sorcellerie dans le pays de Vaud (XVIe-XVIIe siècles). In: François Flouck, Patrick-R. Monbaron, Marianne Stubenvoll und Danièle Tosato-Rigo (Hg.): De l'Ours à la Cocarde: Régime bernois et révolution en pays de Vaud. Lausanne 1998, S. 247-256. 

Modestin, Georg: Vaud, Pays de. In: Richard Golden (Hg.): Encyclopedia of Witchcraft: The Western Tradition. Santa Barbara (im Druck). 

Monter, E. William: Witchcraft in France and Switzerland: The Borderlands during the Reformation. Ithaca-London 1976. 

Taric Zumsteg, Fabienne: Les sorciers à l'assaut du village: Gollion (1615-1631). Lausanne 2000 (= Etudes d'histoire moderne 2). 

Link 

Die Hexenverfolgungen im Alten Bern und im Waadtland
http://www.hexenprozesse.ch/

Peter Kamber baut sukzessiv ein Angebot zur Hexenverfolgung im Berner Territorium und in der Waadt auf. Neben prägnanten allgemeinen Einführungstexten wird eine detaillierte Regionalbibliographie präsentiert, welche die schnelle Recherche für einzelne Verfolgungen ermöglicht. Leider vorerst nur in tabellarischer Form werden Informationen zu einzelnen, nach Jahren geordneten, Prozessen gegeben. 

21.02.2003 

Empfohlene Zitierweise

Modestin, Georg: Waadtland - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1644/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 15.02.2006

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