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Hexenverfolgung Paderborn, Hochstift 

Rainer Decker  

07.06.02  

1. Überblick: Die kriminalrechtliche Situation in Paderborn und geschätzte Opferzahlen 

Das Hochstift Paderborn, ein Fürstbistum im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, lag im Südosten Westfalens. Es grenzte an zwei verfolgungsintensive Gebiete: an die protestantische Grafschaft Lippe im Norden und an das kurkölnische Herzogtum Westfalen im Südwesten. Sein Herrschaftsaufbau war gekennzeichnet durch ein starkes Mitspracherecht der drei Stände. An deren Spitze stand das adlige Domkapitel, gefolgt von der Ritterschaft und den Vertretern der zahlreichen, überwiegend agrarisch geprägten Städte. Die Kriminaljustiz des bischöflichen Landesherrn erstreckte sich nicht über das gesamte Gebiet, in das sich Gerichtsherrschaften des Domkapitels und einiger adliger Familien streuten, besonders der Herren von und zu Büren und derer von Westphalen zu Fürstenberg.  

Zwischen circa 1510 und 1702 sind Hexenprozesse gegen 260 Personen nachweisbar. Sie endeten in mindestens 204 Fällen mit der Hinrichtung oder dem Tod in der Haft, in 18 Fällen mit der Freilassung, der Ausgang der restlichen Verfahren ist unklar. Der Anteil der Frauen liegt bei rund 70 %. Kinder wurden nur vereinzelt angeklagt. Die Quellenlage ist für die Adelsherrschaften der Familien von Büren und Westphalen sehr gut, für die Justiz des Landesherrn leider sehr schlecht, so daß die obigen Zahlen nur eine Untergrenze darstellen.  

2. Beginn und Verlauf der Verfolgungen 

Anfang des 16. Jahrhunderts fand der Hexenhammer innerhalb der Paderborner Geistlichkeit interessierte Leser. Einzelne Prozesse sind um 1510 nachweisbar, dann erst wieder seit 1555, kontinuierlicher seit 1572. Drei größere Verfolgungswellen sind wie im benachbarten Herzogtum Westfalen und in anderen katholischen Territorien in dem Jahrzehnt nach 1590, zwischen 1628 und 1631 und zwischen 1656 und 1659 zu verzeichnen.  

1598 griff das Reichskammergericht in die Hexenjustiz des Domkapitels ein und verhinderte dort weitere Hinrichtungen, wenngleich sich die Domherren durch Repressalien gegen die Familien der Angeklagten rächten. Noch höhere Wellen schlug der Prozeß, den Bischof Dietrich von Fürstenberg (reg. 1585-1618) 1600/01 gegen den Prior, den Subprior und zwei weitere Mönche des Augustinerchorherrenklosters Dalheim durchführte. Hier war umstritten, ob die Aussagen geständiger Hexen über die angebliche Teilnahme der vier Geistlichen am Hexensabbat glaubhaft waren. Nachdem bereits einer der vier Mönche während der ungefähr ein Jahr lang dauernden Haft gestorben war, rettete ein Gutachten der juristischen Fakultät der Universität Würzburg seinen drei Mitbrüdern das Leben. Dieser Fall, der in seinen juristischen Implikationen an die zur selben Zeit in Bayern geführte Diskussion erinnert, war noch um 1630 im Hochstift Paderborn und im Gebiet der Abtei Corvey bekannt. Friedrich Spee spielte in der Cautio Criminalis in versteckter Form darauf an. 

3. Höhepunkt und Gegnerschaft der Verfolgung 

Der Höhepunkt der Verfolgungen war mit mindestens 85 Opfern um 1630. Allein in der Herrschaft Büren wurden zwischen dem 17. März und dem 15. April 1631 50 Personen hingerichtet. Vor diesem Hintergrund erschien im Mai 1631 die Cautio Criminalis im Druck. Ihr Verfasser, der Jesuitenpater Friedrich Spee (1591-1635), lehrte seit 1629 Moraltheologie an der Universität seines Ordens in Paderborn. Spee hatte in Paderborn Gegner (Weihbischof Johann Pelcking, der Rektor des Kollegs P. Christian Lennep), aber an der Universität und wahrscheinlich auch im gelehrten Bürgertum Freunde, die den Druck seines Buches besorgten oder es ihren Studenten zur Lektüre empfahlen.  

Über das Hochstift hinaus erregte zwischen 1656 und 1659 eine Welle "teuflischer Besessenheit" Aufmerksamkeit , die bei einigen heranwachsenden Mädchen in der Stadt Brakel begann, aber erst durch das Verhalten des Exorzisten, des Paderborner Theologie-Professors Bernhard Löper S.J. unkontrollierbare Ausmaße annahm. Löper instrumentalisierte die Teufelsaustreibungen für seine gegenreformatorischen Ziele, wurde die Geister, die er gerufen hatte, aber nicht mehr los, da die "Besessenen" und die hinter ihnen stehenden Familien eine Hexenjagd gegen ihre persönlichen und politischen Gegner forderten. Der Landesherr, Bischof Dietrich Adolf von der Recke (reg. 1650-1661), war in der Beurteilung der angeblichen Besessenheit unschlüssig und suchte daher Rat beim Heiligen Offizium in Rom, was dadurch erleichtert wurde, daß einer seiner Domherren, Ferdinand von Fürstenberg (1626-1683) ein enger Mitarbeiter Papst Alexanders VII. (Fabio Chigi, reg. 1655-1667) war. Ein römischer Exorzismus-Spezialist gab den Paderborner Geistlichen den Rat, anstatt dem Ruf nach einer Hexenverfolgung zu folgen im Volk durch bessere Seelsorge die Angst vor dem Teufel und seiner Macht abzubauen. Der Papst ging noch einen Schritt weiter und bezweifelte nach der Lektüre der von Löper übersandten Protokolle der Erxorzismen sogar, daß die Mädchen überhaupt besessen seien. Diese für die Haltung Roms seit dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts typische Skepsis gegenüber der Glaubwürdigkeit von Besessenen in Hexenprozessen und generell gegenüber der Realität des Hexensabbats fand im Hochstift Paderborn zunächst nur wenig Anhänger, zumal Löper seine Schützlinge gegen den Bischof aufhetzte und ihn als Hexenanwalt diffamierte. So gab von der Recke nach und ließ - wie auch einige Patrimonialherren - zwischen 1657 und 1659 Hexenprozesse durchführen, die zu etwa 50 Hinrichtungen führten. Die schleppend in Gang gekommenen Verfahren genügten einem Teil der Bevölkerung nicht, weshalb von einigen als besessen beschriebenen Männern circa 9 Personen als angebliche Hexen auf offener Straße totgeschlagen wurden. Diese Exzesse leiteten wenigstens teilweise ein Umdenken der Führungsschichten ein, die nun gegen die Mörder mit Prozessen und Todesurteilen durchgriff und die rabiatesten Besessenen in Einzelhaft nahm, um sie dann im Sinne der römischen Empfehlungen seelsorgerisch zu betreuen. Im Bereich der landherrlichen Justiz dürften diese Ereignisse das Ende der letzten größeren Verfolgungswelle markieren. Von der Reckes Nachfolger auf dem Bischofsthron, der gelehrte Ferdinand von Fürstenberg (reg. 1661-1683), brachte seine römischen Erfahrungen mit nach Paderborn. Er ließ zwar noch in einem Einzelfall (1675) einen Hexer hinrichten, der eine konsekrierte Hostie zu magischen Zwecken mißbraucht hatte. Aber darauf stand auch in Rom bis weit ins 18. Jahrhundert die Todesstrafe. Ein Kettenprozeß gegen weitere angebliche Teilnehmer am Hexensabbat entstand daraus nicht. Anders dagegen in der Gerichtsherrschaft der Herren von Westphalen zu Fürstenberg. Nachdem 1694 sogar ein zwölfjähriger Junge wegen Hexerei hingerichtet worden war, durch Aufschneiden der Pulsadern, wurde dort zwischen 1700 und 1702 die letzte Hexenverfolgung durchgeführt. Von 12 Angeklagten fanden mindesten drei Frauen und zwei Männer den Tod, bei den übrigen ist der Prozeßausgang unklar. 

Literatur 

Rainer Decker: Die Hexenverfolgungen im Hochstift Paderborn, in: Westfälische Zeitschrift 128 (1978) S. 315-356.  

Ders.: Die Hexen und ihre Henker. Ein Fallbericht. Freiburg i.B. 1994 (zur Besessenheitswelle um 1658); aus dem Vorwort: http://homepage.victorvox.de/decker/vorwort.html.

Ders.: Hexen- Mönche und ein Bischof. Das Kloster Dalheim und das Problem des Hexensabbats um 1600, in. Westfälische Zeitschrift 150 (2000) S. 235-245; Link: http://homepage.victorvox.de/decker/dalheim.html.

Roswitha Hillebrand, Zauberer und Hexer im Hochstift Paderborn: Eine Untersuchung von Fürstenberger Prozessen des 17. Jahrhunderts (ungedruckte Arbeit zum 1. Staatsexamen für das Lehramt Sek. II, Universität Paderborn 1995). 

 

Siehe auch folgende Artikel:  

Albizzi, Francesco von Rainer Decker

 

Empfohlene Zitierweise

Decker, Rainer: Paderborn - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1682/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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