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Jubiläum: 150. Artikel im Lexikon 

Untersuchungshaft im Strafprozess 

Ulrike Ludwig 

5. März 2008 

Die Untersuchungshaft war zentraler Bestandteil des frühneuzeitlichen Strafprozesses. Die vorübergehende oder langfristige Inhaftierung von Beklagten diente in erster Linie der Sicherstellung ihrer Anwesenheit während des Verfahrens. Die Bedingungen der Untersuchungshaft waren vom sozialen Status des Delinquenten bzw. der Delinquentin, vom Delikt und von den räumlichen Möglichkeiten der lokalen Gerichte abhängig. Grundsätzlich ist die Untersuchungshaft von der Haftstrafe zu unterscheiden, wenngleich sie mitunter als bereits absolvierte Teilstrafe bei der Urteilssprechung und vor allem im Rahmen von Begnadigungen anerkannt wurde. Unterschieden wird zudem die gelegentlich angewandte Form der Beugehaft als Mittel der Geständniserlangung. Grundsätzlich ist auch für die Formen der Untersuchungshaft von regionalen Unterschieden auszugehen. 

1. Rechtliche Grundsätze der Untersuchungshaft 

Zunehmende Bedeutung erlangte die Untersuchungshaft seit dem 13. Jahrhundert, vor allem seit dem Aufkommen des Inquisitionsprozesses. Sie war aber ebenso auf Antrag des Klägers bei Akkusationsprozessen zulässig. Im Rahmen von bürgerlichen Verfahren in peinlichen Sachen war – folgt man den zeitgenössischen rechtspraktischen Schriften – eine Inhaftierung des Beklagten während des Verfahrens nicht vorgesehen.  

Voraussetzend für die Untersuchungshaft im Rahmen von peinlichen Strafprozessen war die Gewissheit der Tat. Ein bloßer Verdacht, ein Gerücht, eine private Anzeige oder die Beschuldigung durch andere Delinquenten/innen rechtfertigte nach den rechtlichen Grundsätzen keine Inhaftierung von Verdächtigen (Carpzov 1638, Tit. IV, art. II, i-iii.). Diese Rechtsnormen erfuhren jedoch gerade in den schweren Verbrechen wie der Hexerei teilweise umfangreiche Aufweichungen.

War die Tat gewiss, sollte eine Inhaftierung zudem nur erfolgen, wenn wegen Delikten prozessiert wurde, die mit einer Leib- oder Lebensstrafe sanktioniert werden konnten. (So schon Sachsenspiegel (SSP), I 68, 1; später Carpzov 1635, qu. 111, n. 5.) Damit waren allerdings fast alle als peinlich definierten Vergehen erfasst, besonders auch Verfahren die als außerordentliche Straftaten aufgefasst wurden. Verdächtige ohne festen Wohnsitz und / oder ohne Vermögen konnten bereits auf Grundlage eines bloßen Gerüchts oder unbewiesenen Verdachts verhaftet werden, da hier eine generelle Fluchtgefahr unterstellt wurde. 

Verdachtsmomente, die im Einzelfall eine Inhaftierung rechtfertigten, sind in den frühneuzeitlichen Rechtsnormen nicht systematisch beschrieben. Die Entscheidung über eine Inhaftierung war vielmehr dem Ermessen des Gerichts anheim gestellt, das damit durchaus große Entscheidungsspielräume besaß (Carpzov 1638, Tit IV, Art. II, iv.). Zudem war das Gericht immer berechtigt, verdächtige Personen zur Befragung vor Gericht zu laden. Erschienen diese nicht, war damit ein genügendes Indiz zu ihrer Verhaftung gegeben (Carpzov 1635, qu. 111, n. 38). 

Grundsätzlich war es möglich, dass sich Inhaftierte durch die Stellung einer Kaution von der Untersuchungshaft befreien konnten. Bereits im Sachsenrecht war festgesetzt, dass Beschuldigte aus der Untersuchungshaft freizulassen waren, wenn sie eine finanzielle Sicherheit besaßen („erbe hat“) bzw. Bürgen stellten (SSP, I 61, § 1.). Die Bürgschaft für eine/n Beschuldigte/n während des Verfahrens und damit die Befreiung von der Untersuchungshaft dürfte vor allem bei weniger schwerwiegenden Delikten und bei Personen, denen ein hohes Sozialprestige zugeschrieben wurde, üblicher gewesen sein. Gerade in den emotional und politisch aufgeladenen Hexenprozessen lassen sich Beispiele für Hausarrest und langen Untersuchungshaftzeiten gegen Angehörige der Oberschichten finden.  

Die Möglichkeit der Befreiung aus der Untersuchungshaft war eng mit dem Verständnis verknüpft, dass die Beklagten die eigene Verteidigung am besten außerhalb der Haft vorbereiten konnten. In diese Richtung argumentierte auch Carpzov, der die Untersuchungshaft nicht nur beschwerlich und schmerzlich nannte, sondern auch hervorhob, dass sie für die Vorbereitung der Defension sehr hinderlich sei. So sei etwa die Zusammenarbeit mit einem Advokaten während der Untersuchungshaft im Allgemeinen nur eingeschränkt möglich (Carpzov 1638, Tit. V, Einleitung). Auf diesen Zusammenhang verwiesen mitunter auch die Beklagten selbst bzw. ihrer Angehörigen in prozessbegeleitenden Suppliken. Gleichwohl wurde im Rahmen von peinlichen Strafverfahren die Untersuchungshaft zunehmend zur Regel, zumal die Möglichkeiten der Verteidigung mit Hilfe eines Advokaten im Inquisitionsprozess stark eingeschränkt blieben (Notwehr). 

Waren Beklagte noch nicht inhaftiert, konnte zudem ein ‚sicheres Geleit’ (salvus conductus) beantragt werden, um die Untersuchungshaft abzuwenden. Entsprechende Regelungen finden sich bereits seit dem Spätmittelalter. Carpzov erklärte allerdings einschränkend, dass ein Geleit nur dann zulässig sei, wenn es sich nicht um ein ‚notorisches Verbrechen’ handelte und ein Freispruch noch möglich war. War eine Täterin oder ein Täter bereits überführt, konnte ein sicheres Geleit nur gewährt werden, wenn sie bzw. er zur eigenen Verteidigung noch neue Beweise beibringen konnte, die etwa ein Handeln aus Notwehr belegten (Carpzov 1635, qu. 112.). In der Rechtspraxis wurde ein ‚sicheres Geleit’ aber mitunter auch dann gewährt, wenn auf diese Weise der Prozess gegen eine/n flüchtige/n Täter/in geführt werden konnte.  

Parallel zur beschränkten Zulässigkeit der Untersuchungshaft sollten auch die Gerichte bestraft werden (Geldstrafen), wenn sie Personen unrechtmäßig inhaftierten bzw. die Ablehnung einer Freilassung gegen Kaution unbegründet war. So erklärte Chilian König (um 1470-1526) in seiner zu Beginn des 16. Jahrhunderts mehrfach aufgelegten Schrift „Practica vnd Process der Gerichtsläufte nach dem Brauch sächsischer Landart“, dass zu Unrecht inhaftierten Personen eine Wiedergutmachung von 30 Schilling pro Tag zu erstatten sei (König 1555, Registereintrag Gefängnis). Erfolgreiche Klagen gegen widerrechtliche Inhaftierungen zeigen, dass diesem Grundsatz auch in der Rechtspraxis Bedeutung zukam. So führten beispielsweise in Ostdeutschland Inhibitionsklagen wegen unrechtmäßiger bzw. unrechtmäßig langer Inhaftierung immer wieder zum Freispruch der Inhaftierten und einer Geldstrafe oder Abmahnung für die prozessführenden Gerichte. 

Traditionell waren bestimmte Personengruppen von der Untersuchungshaft ausgenommen. Carpzov verwies auf noch bestehende Rechtstraditionen, nach denen Frauen, Adlige, Doktoren, Geistliche usw. von der Untersuchungshaft befreit seien. Vor allem die Sonderstellung des Adels hielt sich lange und wurde noch im 16. Jahrhundert auf Landtagen durch die ständischen Vertreter immer wieder eingeklagt und gefordert. Hinweise auf eine generelle Sonderstellung von Frauen, Doktoren und Geistlichen finden sich in frühneuzeitlichen Quellen allerdings kaum noch. Ganz in diesem Sinne erklärte auch Carpzov, dass die Untersuchungshaft ohne Ansehen der Person verhängt werden sollte (Carpzov 1638, Tit. IV, art. III, i-ii) – eine Positionierung, die sich zu dieser Zeit bereits in den überlieferten Strafverfahren spiegelt. Diese geforderte ‚Gleichheit vor dem Gesetz’ hob ständisch determinierte Differenzen der Haftbedingungen allerdings nicht auf. 

Damit war die Untersuchungshaft zunächst vom Delikt und die Dauer derselben vom finanziellen Kapital des Beklagten abhängig. Eine anfängliche Untersuchungshaft war zwar typisch, konnte jedoch gegen Erlegung einer Kaution bzw. das Stellen von Bürgen häufig verkürzt werden. Insgesamt waren Haftverschonungen in Verfahren, in denen ein explizites herrschaftliche Eigeninteresse bestand (z. B. Wilderei), in der eine Folterung zuerkannt worden war oder die absehbar mit einer Todesstrafe endeten, die absolute Ausnahme.  

Lang andauernde Untersuchungshaft kam häufiger bei Delinquenten/innen vor, gegen die in besonders schwerwiegenden Straftaten (etwa Diebstahl, Mord oder Hexerei) prozessiert wurde. Hier kann in der Tendenz eine Loslösung von einem nach sozialen Kategorien differenziertem Umgang festgestellt werden. So waren in Kursachsen langandauernde, zum Teil mehrjährige Haftzeiten bei Adligen, denen etwa Mord oder Wegelagerei zur Last gelegt wurde, üblich (Ludwig 2008, S. 206, 209, 227). Bei weniger schwerwiegenden Vorwürfen finden sich aber durchaus Unterschiede in Abhängigkeit von der jeweiligen sozialen Stellung der Inhaftierten und der Einsatzbereitschaft der familiären Netzwerke. Die Länge der Inhaftierung war zudem von der Prozessdauer abhängig. Gerade bei Hexereiprozessen waren mitunter extrem kurze Prozesszeiten festzustellen – so etwa 5 bis 6 Tage in St. Maximin bei Trier (Voltmer 2006, S. 147). Diese Eilverfahren sind als deliktspezifische Erscheinung zu werten. Verfahrenslängen von einigen Wochen bis zu mehreren Monaten waren bei anderen peinlichen Delikten und in Abhängigkeit von der Beweisdichte typisch, mitunter konnten sich Verfahren (und Untersuchungshaftzeiten) aber auch über Jahre hinziehen (Ludwig 2008, S. 76, 210f.). Unabhängig vom Delikt saßen zudem Delinquenten/innen aus den unteren sozialen Schichten häufig bis zur Urteilsverkündung in der Untersuchungshaft. In Einzelfällen ist eine Erwerbstätigkeit während der Haft belegt, um überhaupt für die Haftkosten aufkommen zu können (Zagolla 2007, S. 209).

Die Untersuchungshaft endete meist mit der Eröffnung des Urteils und der daran anschließenden Urteilsvollstreckung. Verweigerten Delinquenten/innen allerdings die Annahme der zuerkannten Strafe (besonders bei Verweisungsstrafen) oder konnte sie Geldstrafen oder Prozesskosten nicht erlegen, blieb sie in der Untersuchungshaft. Das war häufig auch dann der Fall, wenn das Ergebnis eines Supplikationsverfahrens vor der Urteilsvollstreckung abgewartet wurde.  

2. Bedingungen der Untersuchungshaft 

Über die räumliche Beschaffenheit der Gefängnisse und die Bedingungen der Untersuchungshaft ist bisher nur wenig bekannt. Dies muss vor allem darauf zurückgeführt werden, dass kaum einschlägige Quellen existieren. Systematische Beschreibungen von Gefängnissen finden sich erst im 18. Jahrhundert, hier allerdings auf die Situation in Zuchthäusern beschränkt, die wiederum nicht als Untersuchungsgefängnisse dienten. Am ehesten geben einzelne Suppliken oder Berichte der Gerichte Auskunft. Beide Quellengruppen tragen allerdings einen stark tendenziösen Charakter. Zweck ihres Entstehens war etwa eine Haftentlassung bzw. eine Milderung der Haftbedingungen oder der Gerichtsverwalter versuchte über einen klagenden Bericht eine finanzielle Unterstützung für Umbauten bzw. Geräte zu erhalten. Im 19. Jahrhundert wurde vor allem die Vorstellung vom Hexenprozess als „Justizmord“ zugleich mit den düstersten Assoziationen von Haft und Folter verknüpft. Systematisierende Aussagen sind daher nur ansatzweise möglich.  

Gefängnisse in größeren Städten waren häufig in Stadttürmen, mitunter auch in Rathäusern und ähnlichen administrativen Gebäuden untergebracht. Gegebenenfalls befanden sich in diesen Städten auch Gefängnisse der landesherrlichen Gerichte bzw. separate Gefängnisse exempter Gerichtsinstanzen (Karzer der Universität, Kerker in Militäreinrichtungen). Vor allem die Inhaftierung in Türmen galt als besonders schwerwiegend. Aus Territorien mit starker Hexenverfolgung ist die Existenz separater „Hexengefängnisse“ bekannt, die sich jedoch auf einige Stätten im Süden des Reiches zu konzentrieren scheinen.  

In Suppliken wurde immer wieder beklagt, dass diese Räume feucht sowie kaum zu beheizen waren und häufig nur wenig Licht einfiel. Lagen die Gefängnisse unter der Erde, blieb zudem die Frischluftversorgung mangelhaft. Auch Berichte einzelner Gerichtsverwalter deuten darauf hin, dass die Haftbedingungen im Einzelfall extrem gesundheitsgefährdend waren und Untersuchungshäftlinge mitunter in den Gefängnissen starben. Parallel dazu gab es aber ebenso Gefängnisse, in denen die Inhaftierten regelmäßig Besucher und ihre Advokaten empfingen, auf eigene Kosten kleine Festessen veranstalteten und relativ gut umsorgt dem Ausgang des Prozesses entgegensahen (Ludwig 2003). Eine Vorstellung von katastrophalen Haftbedingungen als Teil der Verhör- und Folterpraxis scheint jedenfalls stark überzogen (so etwa Oestmann 1997, S. 266-271; generell dazu Zagolla 2007, S 202). 

Immer wieder wurde von den Gerichten auch beklagt, dass Gefängnisse im eigentlichen Sinne überhaupt nicht zur Verfügung standen. Dies dürfte vor allem in kleineren Städten und auf dem Land der Normalfall gewesen sein. In diesen Fällen wurden die Untersuchungsgefangenen in andere Gerichte überstellt oder andere Orte wurden als Gefängnisse auf Zeit umgenutzt, etwa die Räume der Gerichtsverwalter, Gasthöfe, Backöfen oder das eigene Haus der Beklagten. Hinzu kam, dass der bauliche Zustand von Fall zu Fall höchst unterschiedlich ausfiel. Klagen über einsturzgefährdete Gefängnisse, die über die ganze Frühe Neuzeit anzutreffen waren, deuten auf einen grundsätzlich problematischen Baubestand abseits der großen Städte hin (Härter 2005, Bd. 1, S. 448-461; Zagolla 2007, S. 203). Indirekten Aufschluss über die Existenz und den Zustand von Gefängnissen geben zusätzlich die vielen Berichte über die Fluchtmöglichkeiten. So verliefen in Mecklenburg etwa drei Prozent aller Hexenprozesse aufgrund einer Flucht der Angeklagten im Sande, in vielen anderen Fällen wurde die versuchte Flucht als Indiz genannt (Moeller 2007, S. 62). Ähnlich häufig (4 %) kamen die Inhaftierten durch die Umstände von Haft und Folter ums Leben oder nahmen sich dies selbst. 

Die Untersuchungshaft konnte gelegentlich zur Beugehaft geraten, indem Haftstrafen zur Erlangung bestimmter Geständnisse genutzt wurden. (Verbleib von Diebesgut, Aufdeckung von Komplizen etc.) Im 17. Jahrhundert wurde für solche Zwecke der Schlafentzug über zwei oder mehr Tage gängiger. Generell erwuchsen Haftort und Haftumstände zum Ort von Ereignissen, die als zusätzliche Indizien – gerade in komplizierten Fällen – Aufnahme in den Prozess fanden. Berichte von merkwürdigen Vorkommnissen, die Imagination von Geister- und Teufelswesen, die Gebärden der genau beobachteten Gefangen wurden so oft zum Gegenstand erweiterter Verhörsprotokolle. 

Wenig hinreichend geklärt ist bisher, ob und in welchen Formen Angeklagte in Hexenprozessen besonderen Haftbedingungen unterlagen, die zur Abwehr von Dämonen und zur Hintertreibung unterstellter Zauberkräfte dienen sollten. Hartnäckig hält sich etwa das Gerücht, die Hexen hätten keinen Kontakt mit dem Boden haben dürfen und seien deshalb in Nischen oder Erhöhungen untergebracht worden. Ob solche Praktiken tatsächlich Anwendung fanden oder Erfindungen des 19. Jahrhunderts sind, bleibt zu hinterfragen. 

Juristen kritisierten die Bedingungen der Untersuchungshaft seit dem beginnenden 16. Jahrhundert regional wie zeitlich übergreifend. Foren der kritischen Diskussion waren vor allem Practica- und Processbücher über den richtigen Gebrauch der Gerichte und Verhaltenslehren für Richter, mitunter sogar Regentenlehren. Zentrales Muster der Argumentation war die Kritik an den bestehenden Haftbedingungen. So beklagte der Jurist Melchior von Osse (1506-1557) in seinem „Politisches Testament an Augustum Churfursten zu Sachssen“ aus dem Jahre 1556, dass Gefangene, schuldig oder unschuldig in dumpfe, stinkende, luftlose Türme und Gefängnisse geworfen würden, so das mancher lieber den Tod wählte, als eine kurze Zeit in derart beschwerlichen Gefängnissen zu sitzen. Da die (zeitgenössischen) Rechte betonten, dass die Gefängnisse nicht zur Pein oder Marter sondern zur Verwahrung der Gefangenen dienen sollten, erschienen ihm diese Zustände unhaltbar. (Bereits in der Carolina hieß es, dass die Untersuchungshaft zur sicheren Verwahrung und nicht zur Peinigung der Gefangenen dienen sollte. Vgl. Carolina, Art. 11) Osse forderte daher den Bau von Gefängnissen, die nicht dunkel und stickig, sondern hell und luftig wären und die täglich gesäubert würden (Osse 1922, S. 512f.). Bemerkenswerterweise betonte Osse den generellen Anspruch der Inhaftierten auf milde Haftbedingungen während des Strafverfahrens unabhängig von ihrem sozialen Status. Mit seiner (nicht umgesetzten) Forderung nach einem neuen Typus von Gefängnisbauten war Osse seiner Zeit allerdings weit voraus. Ähnliche Forderungen führten erst im 18. Jahrhundert zu Reformen, die allerdings zunächst nur im beschränktem Maß die Untersuchungshaft betrafen (Bretschneider 2008, Kap. 10.4, 17).

Zunächst blieb es üblich, in Abhängigkeit von der ständischen Zugehörigkeit der inhaftierten Personen verschiedene Orte für die Untersuchungshaft zu nutzen. So erklärte Heinrich Rauchdorn, Kanzler des Bischofs zu Meißen im ausgehenden 16. Jahrhundert, dass ein Edelmann oder eine vergleichbar ehrbare Person in einem Zimmer oder Gemach inhaftiert werden sollten (Rauchdorn 1599, S. 359.). Auch Carpzov forderte, dass ‚vornehme Leute’ – etwa Adlige oder Doktoren – nicht wie „Buben vnnd Schälcken“ in Gefängnisse geworfen oder dort gar angekettet werden dürften. Vielmehr sollten sie ihrem sozialen Status gemäß möglichst an ‚bequemeren’ Orten inhaftiert werden, notfalls auch im eigenen Haus (Carpzov 1638, Tit. IV, Art. III, ii.). Für den Adel waren zudem Gasthöfe herkömmliche Haftorte.  

Für den größten Teil der Inhaftierten dürften die Bedingungen der Untersuchungshaft aber von den mal besseren oder mal schlechteren Gegebenheiten vor Ort abhängig gewesen sein. Eine wirkliche Wahl zwischen verschiedenen Haftorten bestand nur selten. Zugleich waren die häufig anzutreffenden Härten der Untersuchungshaft sowohl den Gerichten als auch den jeweiligen Herrschaftsträgern bekannt. Dieses Wissen führte zwar mitunter noch zu Klagen seitens der Gerichte, aber ein Aus- oder Umbau von Gefängnissen war nicht die Folge. Allerdings argumentierte man in Suppliken sehr erfolgreich mit der Schwere und der Dauer der Untersuchungshaft. Tendenziell kann festgestellt werden, dass sich die Chancen auf eine Strafmilderung nach einer langen Untersuchungshaft deutlich erhöhten. Die in den Suppliken und in den erteilten Begnadigungen anzutreffenden Argumente zielten auf den mit einer Teilstrafe vergleichbaren Charakter der ausgestandenen Untersuchungshaft. Sie wurde in diesem Zusammenhang sogar in zweifacher Hinsicht als Teilstrafe verstanden: Zum einen in Bezug auf ihren freiheitsberaubenden Charakter und zum anderen in davon abhängiger Weise als Geldstrafe (Ludwig 2008, S. 209-211, 259f.; Moeller 2007, S. 325-330; Zagolla 2007, S. 207f.). Letzteres ist darauf zurückzuführen, dass im Inquisitionsprozess üblicherweise die Beklagten für die Kosten der Haft und in einigen Fällen auch für die des Gerichtsverfahrens aufkamen, zumindest so lange ihre finanziellen Mittel dafür reichten. Bezahlt werden mussten, selbst im Falle eines Freispruches, die Lohnkosten der Wächter, das Essen und das Stroh sowie ggf. das Feuerholz. Damit war es vermögenderen Delinquenten möglich, die Bedingungen ihre Untersuchungshaft besser zu gestalten (Essen, Feuerholz). Dies bedeutete aber zugleich, dass eine langandauernde Untersuchungshaft zur extremen finanziellen Belastung für die Inhaftierten und deren Familien werden konnte. Im Falle einer unrechtmäßig erhobenen Beschuldigung klagten die Betroffenen die Haftkosten teilweise wieder ein (Zagolla 2007, S. 483). 

Quellen 

Benedict Carpzov, Practica nova rerum Criminalium Imperialis Saxonica, Wittenberg 1635.

Benedict Carpzov, Peinlicher Sächsischer Inquisition- vnd Achtsprocess. Darauß zu vernehmen/ Wann/ wie/ vnd welcher Gestalt von der Obrigkeit ex officio wider die delinquenten vnd Verbrecher zu inquiriren, so wol auch wider die Flüchtigen mit der Acht zu verfahren. (...) Franckfurt am Mayn/ Leipzig 1638 (ND: Goldbach 1996).

Chilian König, Practica vnd Proceß/ Der Gerichtsleuffte/ Nach dem Brauch sächsischer Landart (...), Bautzen 1555.

Georg Lauterbeck, Von Peinlichen Fragen Wie ein Richter, Vogt, Schulthaisz, oder andere Amptspersonen, darinnen verfaren sollen, damit man Jhme nicht zuuil oder zu wenig thue, Nürnberg 1570.

Georg Lauterbeck, Regentenbuch. Aus vielen trefflichen alten und newen Historien/ mit sonderm fleis zusammen gezogen. Allen Regenten und Oberkeiten/ zu anrichtung und besserung/ Erbarer und guter Pollicey /Christlichen und nötigen zu wissen, 2. Aufl. Leipzig 1557.

Melchior von Osse, Politisches Testament. An herzogk Augustum churfursten zu Sachssen ein unterteniges bedenken (...) Welchergestalt ein christliche obrikeit ingemein in irem regement mit gots hulfe ein gotselige, weisliche, vornunftige und rechtmeßige justicien erhalten kann, (1555/56), in: Oswald Artur Hecker (Hg.), Schriften Dr. Melchiors von Osse, 1922, S. 269-475.

Heinrich Rauchdorn, Practica vnd Process Peinlicher Halsgerichtsordnung aus kayserlichen, Geistlichen, Weltlichen vnd Sechsischen Rechten: Allen Richtern/ Schöppen/ Gerichtsverwaltern/ vnd Ambtleuten/ So wol auch Peinlichen anklegern vnd beklagten vberaus nutzlich vnd dienstlich, Leipzig 1599.

Georg von Rotschitz, Processus Juris deutzsch odder Ordnunge der Gerichts leuffte vn handlungen (...), zuerst 1529.

Sachsenspiegel auffs new fleissig corrigiret/ an Texten/ Glossen/ Allegaten. Auch mit vermehrung des emendirten Repertorii/ vnd vieler newen nützlichen Additionen. Mit Keiserlicher Maiestet Gnaden /Freiheiten vnd Privilegio, Leipzig 1544.

Sekundärliteratur 

[Art.] Geleit, in: Deutsches Rechtswörterbuch, Bd. 3, Sp. 1581-1588. 

Klaus Bollmann, Die Stellung des Inquisiten bei Carpzov. Eine Untersuchung über den Gemeinen Deutschen Strafprozeß des 17. Jahrhunderts. Marburg [Diss.] 1963.

Falk Bretschneider, Gefangene Gesellschaft. Eine Geschichte der Einsperrung in Sachsen im 18. und 19. Jahrhundert, Konstanz 2008.

Wilhelm Döring, Der Anklage- und Inquisitionsprozeß bei Carpzov, Emsdetten 1935, S. 50-56.

Karl Härter, Policey und Strafjustiz in Kurmainz. Gesetzgebung, Normdurchsetzung und Sozialkontrolle im frühneuzeitlichen Territorialstaat, 2 Bde, Frankfurt/M 2005.

Karl Härter, Strafjustiz, Gefängnisse und Straftürme in Heppenheim des 18. Jahrhunderts, in: Die Starkenburg. Blätter für Heimatkunde und Heimatpflege, 72, 1995 H. 3, S. 73-76.

Rolf Lieberwirth, Gefängnis, in: HRG, Bd. 1, Sp. 1431-1433.

Ulrike Ludwig, Von „Beschwerlich gefengnis“ und „milder hafft“. Ansichten zur Haft im Inquisitionsprozess von der Mitte des 16. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts, in: Gerhard Ammerer u. a. (Hg.), Gefängnis und Gesellschaft. Zur (Vor-)Geschichte der strafenden Einsperrung, Leipzig 2003, S. 100-116.

Ulrike Ludwig, Das Herz der Justitia. Gestaltungspotentiale territorialer Herrschaft in der Strafrechts- und Gnadenpraxis am Beispiel Kursachsens 1548-1648, Konstanz 2008.

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Rita Voltmer, Hexenjagd im Territorium der Reichsabtei St. Maximin (16.-17. Jahrhundert): Zwei Untertanen-Supplikationen (1595 / um 1630), in: Winfried Reichert, Gisela Minn und Rita Voltmer (Hg.), Quellen zur Geschichte des Rhein-Maas-Raumes: Ein Lehr- und Lernbuch, Trier 2006, S. 226-271.

Margarete Wittke, Mord und Totschlag? Gewaltdelikte im Fürstbistum Münster 1580-1620. Täter, Opfer und Justiz, Münster 2002.

Robert Zagolla, Folter und Hexenprozess. Die strafrechtliche Spruchpraxis der Juristenfakultät Rostock im 17. Jahrhundert, Bielefeld 2007.

Empfohlene Zitierweise

Ludwig, Ulrike: Untersuchungshaft im Strafverfahren. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, , in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5724/

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Erstellt: 05.03.2008

Zuletzt geändert: 08.03.2008