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Sonja Kinzler 

Hexenprozesse in Nördlingen 

 

In Nördlingen wurden zwischen 1589 und 1598 34 Frauen und ein Mann nach Hexereiprozessen verbrannt. Die vollständig überlieferten Nördlinger Prozesse erfuhren schon im 19. Jahrhundert eine erste quellenkritische Aufarbeitung. Auch die jüngste der aus lokalhistorischem Kontext stammenden Quellenstudien (1998) orientiert sich formal noch an der Darstellung von 1838, welche die einzelnen Fälle im Wesentlichen als eine Reihe von aus dem Akten rekonstruierten Kurzbiografien und zugehörigen Prozessverläufen beschreibt. Man geht daher in der Forschung im Bezug auf die Analyse von Verfolgungsursachen und -anlässen auch für Nördlingen zunächst von der üblichen Kombination von Argumentation mit Schadenszauber und Teufelspakt mit lokalen sozialen Konstellationen und Konflikten einerseits und der Großwetterlage der "Krise der späten 16. Jahrhunderts" (Wolfgang Behringer) andererseits aus. Eine Ausnahme stellt jedoch eine neuere Studie von Lyndal Roper dar, die für Nördlingen den häufig wiederholten Topos des Kinderfressens herausgearbeitet hat. 

Erste Fälle von Hexereibeschuldigungen vor 1589 

Der erste Nördlinger Hexenprozess von 1478 ist zugleich der erste belegte im ganzen südostdeutschen Raum: Eine Hebamme, die von zwei "Hexen" aus Schlettstadt im Elsaß benannt worden war, konnte das Gericht aber offenbar von ihrer Unschuld überzeugen. 1534 kam eine verwitwete Bildschnitzerin in den Ruf der Hexerei, die dagegen Anklage vor dem Rat erhob. Sie und zwei weitere Frauen wurden inhaftiert und teils peinlich verhört. Nach wenigen Tagen kam die Bildschnitzerin wieder frei, und die beiden Denunziantinnen wurden der Stadt verwiesen. 

Die erste Verfolgungswelle von 1589-91 

Die Hexenprozesswelle, die 1589 einsetzte, ging auf Anschuldigungen aus der Stadt selbst zurück. Man schenkte jetzt in Nördlingen offenbar den Unschuldsbeteuerungen der Angeklagten weniger Glauben als den Denunziationen, die zunehmend aus den - häufig erfolterten - Geständnissen von "Hexen" hervorgingen. Für Nördlingen spielte die Position des im gesamten Verfolgszeitraum amtierenden Bürgermeisters, dem Schreinermeister und erklärten Hexenverfolger Johannes Pferinger, eine wichtige Rolle. Die gleiche harte Linie in der Frage des Hexenwesens wird den Advokaten Sebastian Röttinger und Wolfgang Graf zugeschrieben. Ein wichtiges Element der Geschichte der Nördlinger Prozesse ist auch der Umstand, dass in der freien, protestantischen Reichsstadt der Rat die gesamte Gerichtsbarkeit innehatte. Ein direkter Zusammenhang mit den Verfolgungen von insgesamt 25 Personen in der benachbarten Grafschaft Oettingen-Wallerstein (1589-94) wurde bislang übrigens nicht hergestellt. 

Im Mai 1590 wurden die ersten drei Opfer verbrannt: Die sich selbst beschuldigende Fuhrmannstochter Ursula Haider, die Frau eines Rosshirten namens Margaretha Getzler, und die ledige Bürgerstochter und Hausiererin Maria Marb - alle drei also aus einfachen Verhältnissen und mit berufsbedingt relativ weitläufigen Beziehungen. Im Juli richtete man drei weitere, nun allerdings angesehenere und wohlhabendere Frauen hin, die von den Ersteren benannt worden waren: Maria Schöpperlin, eine Lederersfrau, Anna Koch, die Engelwirtin, und Apollonia Aißlinger, eine Gerberstochter und -frau, die laut Voges wie schon Ursula Haider als schwachsinnig galt. Ihre Geständnisse führten im September zur Hinrichtung von fünf Frauen aus hauptsächlich sehr angesehenen Familien: Barbara Wörlin, Margaretha Frickhinger, Rebekka Lemp, Margaretha Humel, eine Gürtlersfrau, und Anna Seng, eine Schneidersfrau. Die Briefe, die Rebecca Lemp, die Frau des Zahlmeister Peter Lemp, mit Mann und Kindern während der dreimonatigen Haft austauschte, wurden zu einem zentralen Gegenstand für die Rezeption der Nördlinger Hexenprozesse. Noch im Juli verbrannte man außerdem die Leiche der Hebamme Barbara Lierheimer, die im Gefängnis gestorben war. Sie war davon überzeugt gewesen, an ihrer Verhaftung habe der Nachrichter Schuld, weil sie seiner Frau aus Termingründen bei der Entbindung nicht hatte beistehen können. Im September kamen Margaretha Betsch, Barbara Stecher (Lumpenfräulein) und Apollonia Rorendorfer in Haft. Bis auf die zuletzt Genannte, die in 11 von 16 Verhören peinlich befragt wurde ohne zu gestehen, wurden diese -in die Stadt zugezogenen - Frauen im Januar 1591 verbrannt. 

Noch 1590 hatte man sechs Frauen aus der Nördlinger Umgebung (Spitaluntertaninnen) verhaftet. Bis auf Apollonia Unfall aus Goldburghausen (mit den Obigen im Januar 1591 verbrannt) ließ man sie aber wieder frei: Margaretha Dambacher, Ottilia Pronner und Barbara Kaufer (eine Schwachsinnige) aus Itzlingen, Barbara Scheitlin und Barbara Heinlin aus Sechtenhausen. Sie alle waren vom benachbarten Wallerstein aus beschuldigt worden. 1591 und 1592 kam es zu weiteren Todesurteilen: gegen Katharina Keßler - einer zum Verhaftungszeitpunkt schwangeren Lederersfrau - und gegen die nach Voges ebenfalls geisteskranke Barbara Kuem, eine Schuhmachersfrau, deren Prozess ungewöhnlicherweise heimlich geführt wurde. 

Die Prozesswelle von 1593 

Im Sommer 1593 kam es zu einer erneuten Prozesswelle. Im August verbrannte man eine Gruppe von sechs Personen, unter ihnen sich auch den einzigen Mann, der den Nördlinger Verfolgungen zum Opfer fiel: Der Straußenbader Jörg Kirschnauer, der bei der ersten Folter gestand und seine Frau denunzierte. Diese, Barbara, die ihn dagegen nicht nannte und lange nicht gestand, wurde schließlich mit ihm verbrannt. Außerdem Barbara Götz, deren Mann stark an ihrer Unschuld zweifelte und gegen die im nahe gelegenen Oettingen ein Haftbefehl vorlag. Die als fromm geltende Apollonia Vogelsang war wie der Bader wegen der Erkrankung einer Kontaktperson in Verruf geraten, genauso Anna Glauning, die von ihrem Mann angezeigt wurde. Die Hebamme Anna Nussert war 30 Jahre früher in einer anderen Stadt schon einmal angeklagt worden. 

Gleichzeitig mit Anna Vogelsang waren Anna Burger oder Holl, Anna Berlin und Walburga Blumreiter in Haft gewesen. Diese drei Goldburghausenerinnen entließ man nach erfolglosen Verhören wieder. Im November des gleichen Jahres wurden sieben weitere Verhaftete, alle aus guten Verhältnissen, zusammen verbrannt. Es handelte sich dabei um die Bäckersfrau Anna Faul, Eva Aufschlager, eine Lederersfrau, und ihre Mutter Margaretha Knorz, die Frau eines zugewanderten Bäckers und Tochter eines Ratsherrn, die von ihrer anderen Tochter, Ursula Klein, belastet worden war. Die Bäckersfrau gab ihre Töchter auch unter der Folter nicht als Hexen an. Dazu kamen Rosina Mair, Ratsherrngattin, die ebenfalls von ihren Töchtern angeklagt worden war, und die Lederersfrauen Margaretha Saugenfinger und Corbinia Leher. Kurz vor deren Hinrichtung wurden noch drei weitere Frauen inhaftiert, darunter die Witwe Dorothea des kürzlich verstorbenen Bürgermeisters Gundelfinger, selbst ein Befürworter der Hexenverfolgungen. Wohl wegen des Glaubenswechsels der Tochter hatte ihre Mutter sie des Teufelspakts bezichtigt. Die anderen beiden waren Margaretha Stahel, deren Mann sie zum Geständnis drängte, zu welchem sie aber erst unter der Folter bereit war, und Maria Holl, die Frau des Kronenwirts am Weinmarkt. Die Ulmerin hatte 1586 geheiratet und war mit ihrem Mann nach Nördlingen gezogen. Nachdem sie auch nach 62 Folterungen innerhalb fast eines Jahres kein unwiderrufenes Geständnis abgelegt hatte und sich zudem ihre Ulmer Verwandtschaft über die Gesandtschaften der beiden Städte am Regensburger Reichstag für sie einsetzte, musste man sie freilassen. Um die Ehre des Rats durch diese Situation nicht zu belasten, legte man ihr nach einem von Röttinger und dem Augsburger Juristen Georg Tradel verfassten Rechtsgutachten einen Urfehdebrief zur Unterschrift vor. Sie verpflichtete sich damit, ihr Haus nicht mehr zu verlassen und sich an den Verfolgern nicht zu rächen. Insbesondere bestätigte sie damit die Korrektheit des Vorgehens des Stadtrats. Nach zwei weteren Ehen starb Maria Holl, die berühmteste Nördlinger "Hexe" 1634 mit 85 Jahren. 

Spätere Prozesse und weitere Beschuldigungen, die nicht zu Prozessen führten 

1598 verbrannte man die Drechslersfrau Veronika Fritsch nach einem Verfahren wegen Schadenszaubers und den Totengräber Jörg Minderlin, der sich allerdings nach Androhung der Folter im Gefängnis erhängt hatte, ohne vorher ein gültiges Geständnis abgelegt zu haben. Er war des Schändens von Kinderleichen beschuldigt worden. Seine Frau Margaretha, deren Selbstmordversuch misslang, wurde im gleichen Jahr als Hexe verbrannt. 

Keine Anklage erhob man gegen die Stadtschreiberwitwe Anna Zweifel, die sich zu württembergischen Verwandten flüchten konnte. Auch gegen die ebenfalls mehrfach benannte, offenbar begüterte Barbara Mundbach und ihre Tochter, die Ratsherrngattin Barbara Jörg, wurde kein Prozess angestrengt. Ratsherr und Examinator war auch Jörg Bin, dessen Frau Dorothea gleichermaßen folgenlos beschuldigt wurde. Vergleichbar verhielt es sich mit den Fällen von Barbara Regner, Gattin eines Nördlinger Geistlichen und Tochter des ehemaligen Bürgermeisters Wörlin, und drei weiteren Frauen, bei denen man davon ausgeht, dass die aus angesehenen Nördlinger (Rats-)Familien stammten. Ebenso wurden die Anklagen von Margaretha Bronner (1593), Charitas Stehelin (1596) und Margareta Mair (1599), deren Aussagen man offenbar nicht ernst nahm, fallen gelassen. 

Die Nördlinger Hexenverfolgungen gelten wegen ihrer hohen Opferzahl innerhalb weniger Jahre und dem intensiver Einsatz der Folter als vergleichsweise radikal. Es fällt außerdem auf, dass es das 17. Jahrhundert in Nördlingen keine Verfolgungen mehr gab, während für viele andere Orte bekanntermaßen beispielsweise um 1630 umfangreiche Prozesswellen belegt sind. Dieses frühe Ende der Verfolgungen wird einerseits auf die rasche Ausweitung der Anschuldigungen auf die höchsten sozialen Schichten der Bevölkerung zurückgeführt, andererseits auf den für den Rat der Stadt sehr ungünstig ablaufenden Prozeß gegen Maria Holl, die trotz vielfacher peinlicher Befragung nicht gestand und daher freigelassen werden musste. Dem Superintendenten Wilhelm Friedrich Lutz, der sich in zwei (nicht überlieferten) Predigten um 1590 gegen die Prozesspraxis wandte, konnte der Nördlinger Rat dagegen das Wort verbieten. 

Literatur 

Wolfgang Behringer: Hexenverfolgung in Bayern. Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der Frühen Neuzeit, München 3 1997.

Sonja Kinzler: Zwischen Fortschrittsglaube und Fatalismus. Die Rezeption der Nördlinger Hexenverfolgung in Forschung, Dichtung und Geschichtskultur im 19. und 20. Jahrhundert, Nördlingen, erscheint im Winter 2003/2004. 

Eva Maria und Wilhelm Lienert: Die geschändete Ehre der Rebekka L. oder: Ein ganz normaler Hexenprozeß ..., in: Praxis Geschichte 4 (1990), 32-37. 

Gloria Rüdel-Eschbaumer: Der Hexenprozeß Maria Holl. Mit Originalprotokollen aus dem Stadtarchiv Nördlingen von Jahre 1593/94, Nördlingen 1998. 

Dietmar-H. Voges: Nördlinger Hexenprozesse. Gesichtspunkte ihrer historischen Bewertung, in: Ders.: Nördlingen seit der Reformation. Aus dem Leben einer Stadt, München 1998, 46-88. 

Johann Friedrich Weng: Die Hexen-Prozesse der ehemaligen Reichsstadt Nördlingen in den Jahren 1590-1594. Aus den Kriminal-Akten des Nördlinger Archives gezogen, in: Das Ries, wie es war und wie es ist. Eine historisch-statistische Zeitschrift 6 (ca. 1838), 5-60 und 7 (ca. 1838), 3-28. 

Gustav Wulz: Der Prozeß der Hexe Rebekka Lemp, in: Rieser Heimatbote 131 und 132 (1937); Die schöne Magelone und Nördlingen, in: Rieser Heimatbote 117 (1936); Nördlinger Hexenprozesse, in: 20. und 21. Jahrbuch des Rieser Heimatverein (1937), 42-72 und (1938/39), 95-120; Die Nördlinger Hexen und ihre Richter. Eine familiengeschichtliche Studie, in: Rieser Heimatbote 142, 144, 145 und 147 (1939); Nördlinger Hexenprozesse vor 1589, in: Rieser Heimatbote 140 (1938). 

 

Empfohlene Zitierweise

Kinzler, Sonja: Nördlingen - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1641/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 05.05.2006