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Nider, Johannes 

Werner Tschacher 

8. April 2008

* um 1380 in Isny im Allgäu, Dominikanischer Theologe, Seelsorger und Kirchenreformer, † 13. August 1438 in Nürnberg

1. Kurzbiografie 

Johannes Nider wurde in der oberschwäbischen Reichsstadt Isny als Sohn eines Flickschusters geboren. Über die ersten vier Jahrzehnte seines Lebens liegen nur wenige und kaum gesicherte Angaben vor: Kurz nach dem 8. April 1402 trat er in den durch Konrad von Preußen reformierten Dominikanerkonvent in Colmar ein. Dort durchlief er Ordensunterricht und Noviziat im Geiste der ‚Strikten Observanz’. Wohl zwischen 1410 und 1413 begann Nider ein theologisches Studium an der Kölner Universität. Spätestens in dieser Zeit dürfte er seine Priesterweihe erhalten haben. Möglicherweise gehörte er vorübergehend zu den Teilnehmern des Konstanzer Konzils und hielt sich zeitweise in Italien, etwa im Dominikanerkonvent Chioggia bei Venedig, auf.  

Zum Wintersemester 1422 schrieb er sich an der Universität Wien für das Studium der Theologie ein, wo er im Juni 1425 zum Doktor der Theologie promoviert wurde. Schon ein Jahr später beendete er seine dortige Lehrtätigkeit, als ihn die Führung des Dominikanerordens zum Generalvikar aller Reformklöster der Provinz Teutonia ernannte. Ende 1427 übernahm er das Priorat im Nürnberger Dominikanerkloster. Im Dezember 1428 reformierte er den Frauenkonvent St. Katharina in Nürnberg.  

Von April 1429 bis November 1434 stand er dem Dominikanerkloster in Basel vor, in dem er eine gemäßigte Reform durchsetzte und das er zu einem weiteren Zentrum der Ordensreform ausbaute. In dieser Zeit gehörte Nider zu den frühen Organisatoren des Basler Konzils, dessen feierliche Eröffnungspredigt er am 27. Juli 1431 halten durfte. Insbesondere führte er mehrere Gesandtschaften im Auftrag der Konzilsväter durch und beschäftigte sich vorrangig mit der Hussitenfrage (Chène 2006). Zwischenzeitlich, im Juli 1434, reformierte er das Wiener Dominikanerkloster. Von Ende 1434/Anfang 1435 bis 1437 wirkte Nider vorrangig als Magister der Theologie und zweimaliger Dekan der theologischen Fakultät an der Wiener Universität, widmete sich aber daneben weiterhin seiner Predigt- und Reformtätigkeit, vorrangig in Niederösterreich und im Elsass. Pfingsten 1438 hielt er sich ein letztes Mal auf dem Basler Konzil auf, las den Konzilsvätern Auszüge aus dem ‚Formicarius’ vor und predigte in der Umgebung der Stadt, was zeigt, dass er zu jener Fraktion im Dominikanerorden gehörte, die sich weiterhin für die Ziele des Konzils engagierte. Im Gegensatz zum Ordensgeneral Bartholomäus Texery und der von ihm angeführten Mehrheit der Dominikaner schlug sich Nider nicht auf die Seite Papst Eugens IV., sondern hielt bis zuletzt am Grundgedanken einer konziliaristisch zu regierenden und reformbedürftigen Kirche fest (Form. I,7, vgl. Tschacher 2000, S. 200f.).

Nider erscheint als prinzipientreuer Anhänger der observanten Kirchen- und Klosterreform, zu deren Schattenseiten die fanatische Bekämpfung der Häresien gehörte. Die bei zahlreichen Gelehrten des Spätmittelalters greifbare Angst vor einer fortschreitenden Dämonisierung der Welt, apokalyptisches Endzeitbewusstsein, Belagerungsmentalität und Verschwörungsdenken waren Nider ebenfalls nicht fremd (Tschacher 2001). Darüber hinaus ging es ihm um die moralische Disziplinierung möglichst der gesamten Bevölkerung und die Realisierung einer am observanten Vorbild orientierten christlichen Idealgesellschaft. Sein moralischer Rigorismus und Eifer für den christlichen Glauben veranlasste ihn zu unermüdlicher Predigt- und Seelsorgearbeit, brachte ihn aber auch mit der Inquisition in Berührung. Offenbar nahm er 1434 in Regensburg an der ‚peinlichen Befragung‘ einer der Ketzerei beschuldigten Frau teil (Form. III,7). Zu den Informanten Niders im ‚Formicarius’ gehörten die Inquisitoren Heinrich Kalteisen (tätig in den Diözesen Cambrai, später Lüttich, Mainz, Köln und Trier) und Peter Wichmann (tätig in Westpolen). Von dem Pariser Theologen Nikolaus Amici stammte der Bericht über den Jeanne d‘Arc-Prozess in Rouen 1431 (Form. V,8). Mit dem von dem Inquisitor Ulric de Torrenté geführten Freiburger Waldenserprozess von 1430 hatte zumindest vorübergehend ein anderer Gewährsmann Niders, der Prior des Dominikanerklosters Chambéry, Guido Flamochetti, zu tun. Einen Hinweis auf diesen Prozess sucht man freilich in Niders Schriften vergeblich. Selbst hat Nider das Amt eines Inquisitors zwar nicht ausgeübt, dennoch verbreitete er in seinen Predigten und katechetischen Werken, ausgehend von eigenen Wahrnehmungen und den Berichten von Augenzeugen, zahlreiche Nachrichten über die Auseinandersetzung mit den ‚Feinden der Religion’ (Form. III,1-9, IV,9). Das Basler Konzil diente vielen Teilnehmern gleichsam als informelle Nachrichtenbörse für diese Thematik (Bailey/Peters 2003; Sudmann, 2007).

2. Hexerei als Gegenstand gelehrter Dämonologie und Katechese im Werk des Johannes Nider 

Seit dem zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts wurde ein als Hexerei bezeichnetes Delikt im Dauphiné, in der Westschweiz, in der Leventina und in Savoyen von weltlichen und kirchlichen Richtern verfolgt (neuere Überblicke bei Modestin/Utz Tremp 2002; Schatzmann 2003). Nider berichtete von der Verfolgungspraxis in seinem Predigerhandbuch ‚Formicarius’. Hier und in seinem Dekalogkommentar ‚Praeceptorium divinae legis’ kommentierte er auch die dahinter stehenden dämonologischen Fragen. Beide Werke schrieb er gegen Ende seines Lebens, um 1437/38. Hierbei muss die unterschiedliche Textfunktion seiner Berichte und Stellungnahmen beachtet werden.

Bei Niders ‚Formicarius’ (Ameisenhaufen) handelt es sich um ein didaktisch angelegtes Handbuch, das eine Fülle von Beispielgeschichten (exempla) für den Predigtgebrauch enthält, die in Form eines Dialoges zwischen einem Priester in der Rolle des faulen Schülers (piger) und einem Theologen, dem alter ego des Autors, kommentiert werden. Die Exempel sollten dem Prediger möglichst anschauliches Belegmaterial für die von ihm vermittelten religiösen und moralischen Anschauungen zur Belehrung der Gläubigen an die Hand geben. Die von Nider vorgebrachten Erzählungen folgten damit weniger der Logik historischer Authentizität oder einem juristischen Interesse als der Topik rhetorisch vermittelter Moraldidaktik Niders oberste Intention galt der Stärkung des christlichen Glaubens und der Sittlichkeit durch die exemplarische Vorführung guter und schlechter Taten wie auch wahrer und falscher Offenbarungen vorbildlicher oder lasterhafter Menschen.

Eng mit der Vorstellung belehrender Beispiele aus der Lebenswirklichkeit verbunden ist das von Nider der patristischen und scholastischen Literatur entnommene und im ‚Formicarius’ vermittelte Konzept der „Unterscheidung der Geister“ (discretio spirituum). Die Prüfung der menschlichen Seelenzustände und lebensweltlichen Grenzphänomene auf ihre Herkunft von Gott oder Teufel nutzte der dominikanische Theologe bei der Deutung von Offenbarungen, Visionen und Träumen und der Abgrenzung von wahrem Glauben, Häresie, Besessenheit und Geisteskrankheit. In Niders Verständnis erweiterte sich die Dämonologie quasi zu einer Experimentalwissenschaft – ein konzeptioneller Brückenschlag zwischen universitärer Theologie, Naturwissenschaft und Medizin, priesterlicher Seelsorge und Inquisition. In manchen Fällen würden, so Nider im letzten Kapitel des ‚Formicarius‘, unvorsichtige Inquisitoren (incautos inquisitores) Geisteskranke als Häretiker dem weltlichen Arm zur Hinrichtung übergeben, obwohl eigentlich ein Arzt hätte konsultiert werden müssen (Form. V,12). Im Kern ging es Nider wie anderen Dämonologen seiner Zeit (etwa Jean Gerson) um die Klärung von Fragen wie diesen: Welche sichtbaren Phänomene werden den Menschen mal von Dämonen, mal von Engeln vorgespiegelt? Wie bringen Dämonen und Zauberer physische Wirkungen zustande? Wie hängen von Geistwesen erzeugte Wahrnehmungen oder tatsächliche Effekte mit der Tugend- oder Lasterhaftigkeit bestimmter Menschen zusammen?

Auf einer vom Teufel verursachten Einbildung beruht nach Niders Überzeugung der Flug von Frauen durch die Luft im Gefolge der Göttin der Diana (Form. II,4; Praec. I,10; volkssprachliche Dekalogpredigt, Staatsbibl. Berlin mgq 1593, fol. 36r, vgl. Hansen 1901, S. 437-444), der vom weltlichen und kirchlichen Recht des späten Mittelalters, basierend auf dem frühmittelalterlichen Canon Episcopi und dessen juristischer Kommentierung, als ketzerischer bzw. apostatischer Aberglauben unter schwerste Strafe gestellt wurde (Tschacher 1999). Auf phantasmata, die ebenfalls durch Dämonenwerk erzeugt würden, führt Nider falsche Offenbarungen von Besessenen, das Auftreten nächtlicher Totenheere und den Lärm von Poltergeistern zurück. Physische Kräfte würden die Dämonen insbesondere bei besonders guten oder lasterhaften Menschen entwickeln, so wie dies etwa bei der Versuchung heiligmäßiger Menschen, bei Widerständen der Klosterinsassen gegen die observante Reform oder sexuellen Vergehen der Fall sei. Die Hauptursache der fleischlichen Lust ist in Niders kirchlich-misogyn geprägtem Weltbild die Frau.

Die von Nider im fünften Buch des ‚Formicarius’ (Kap. 3, 4 und 7) unter der Überschrift „Von den Zauberern und ihren Täuschungen“ (de maleficis et eorum deceptionibus) erwähnten Fälle von Zauberei bzw. Hexerei stammen aus dem Berner Oberland (um 1400/17) und der Diözese Lausanne (um 1437). Dabei stützte sich der Autor auf weitverbreitete Erzählungen (die fama communis) sowie die Augenzeugenberichte eines unbekannten dominikanischen Inquisitors von Autun und eines weltlichen Richters aus Bern namens Peter, der nicht notwendig, wie in der älteren Hexenforschung seit Joseph Hansen angenommen, mit dem Landvogt Peter von Greyerz identisch sein muss (Chène 1999, S. 223-231). Nider formte eine Art Ursprungslegende der Hexensekte aus Männern und Frauen, indem offenbar er oder sein Gewährsmann Peter die älteren Zaubereiprozesse im zu Bern gekommenen Obersimmental mit aktuellen Hexenverfolgungen in der Diözese Lausanne in Verbindung brachte (u.a. Blauert 1989, S. 57-59; Bailey 2003, S. 38-46). Der dort verfolgte Scavius, nach ihm sein Schüler Hoppo sowie schließlich dessen Schüler Scaedeli würden eine angeblich seit sechzig Jahren im Territorium von Bern wirkende Linie von Zauberern und Hexern bilden. Den historischen Hintergrund dieser Zaubereivorwürfe bildeten wahrscheinlich die seit dem letzten Viertel des 14. Jahrhunderts im Berner Territorium und den angrenzenden Gebieten auftretenden Bauernrevolten und herrschaftspolitischen Konflikte.

Nider war wie der Luzerner Chronist Hans Fründ nicht allein ein früher ‚Historiker’ des neuen Hexenwesens (Behringer 1994, S. 93), sondern vor allem der erste namentlich bekannte, universitär gebildete Theologe, der die frühen Verfolgungen und die sich herausbildende dämonologische Hexenlehre kommentierte. Die Anschauung der Einzelelemente dieser Lehre als dämonische Täuschung oder Realität war bereits in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts äußerst umstritten. Niders Darstellung des Zauberei- und Hexereidelikts war noch mehr der Illusionstheorie und den Inhalten der traditionellen Zaubereiprozesse verpflichtet. Deshalb spricht er auch in der oben genannten Kapitelüberschrift des ‚Formicarius‘ noch von Täuschungen der Zauberer. Nach Auffassung von Michael Bailey war es der starke Einfluss universitärer Magiekonzepte, insbesondere die Fokussierung der Dämonologen auf die Nigromantie, die auch einen ansonsten eher skeptischen Gelehrten wie Nider von der Realität aktiver Dämonenbeschwörung zu schadenzauberischen Zwecken überzeugte (Bailey 2001, S. 983f.). Nider erwähnt im ‚Formicarius‘ einen ihm persönlich bekannten Wiener Benediktinermönch, der sich lange Zeit auf diese Kunst verstanden habe (Form. V,4).

Der dem Dämon verfallene apostatische Zauberer dokumentiert seine äußerste Gottesferne durch die freiwillige Unterzeichnung des Teufelspaktes, der ihm mit der Zulassung Gottes (deo permittente) den Erfolg seiner Schadenszaubereien (maleficia) ermögliche. Der Schaden könne allerdings nicht vom Zauberer selbst, sondern unmittelbar allein vom Dämon verursacht werden (Form. V,3). Die Teufelsbuhlschaft sieht Nider zwar als eine von Menschen mit incubi und succubi betriebene Realität an, bringt sie aber noch nicht mit der neuen Hexerei in Verbindung. Als Haupttäterin eines versuchten Meuchelmordes auf den Berner Richter mit Hilfe von Zauberei erscheint im ‚Formicarius‘ eine alte Frau (vetula), womit Nider auf ältere misogyne Vorstellungen von schadenstiftender Wahrsagerei zurückgreift (Form. V,7). Eine Zuspitzung des Hexereivorwurfs auf die Frauen findet bei Nider noch nicht statt. Niders Erkenntnis nach können Dämonen mit der Zulassung Gottes ohne weiteres Stürme, Blitze und Hagel erzeugen. Gleiches habe für die erwähnten Hoppo und Scaedeli gegolten, von denen Nider berichtet, dass sie für Unwetter verantwortlich gewesen seien. Zu den Fähigkeiten dieser malefici habe außerdem die Tierverwandlung, der Erntezauber, das Wildmachen der Pferde, die Erzeugung übler Gerüche, das Bewirken von Fehlgeburten bei Mensch und Vieh sowie Wahrsagerei gehört. Solche älteren Zaubereivorwürfe finden sich nun bei Nider vermengt mit den als verlässlich ausgegebenen Beschuldigungen gegen die neue Hexensekte, wie sie der Tradition des Ketzerprozesses entstammten: Kannibalismus, Kindsmord zur Herstellung einer Zaubersalbe, Hexensabbat mit apostatischem Teufelspakt und obszönen Ritualen. Der Wiener Theologe widerspricht nicht der von weltlichen Richtern und Inquisitoren verbreiteten Überzeugung vom ‚Superdelikt‘ der Hexerei als einer bedrohlichen Realität. Allzu gut passt sie offenbar in sein moraldidaktisches Konzept.

Im ‚Praeceptorium divinae legis’, einer nach dem ‚Formicarius’ fertig gestellten katechetischen Auslegung der zehn Gebote für gebildete Laien, Prediger und Beichtväter, kommt Nider bei den Verstößen gegen das erste Gebot in den Kapiteln 9, 10 und 11 auf verschiedene Formen des Aberglaubens zu sprechen. Zu diesen rechnet er neben Wahrsagerei, Nekromantie und Tierverwandlung auch den Glauben an den Flug durch die Luft. Bei diesen Phänomenen handele es sich, so Nider entsprechend der älteren kanonistischen und scholastischen Literatur, in der Regel um Täuschungen der Dämonen. Wie Nider bereits im ‚Formicarius‘ dargelegt, kann der Schadenszauber laut ‚Praeceptorium‘ unter bestimmten Bedingungen eine reale Wirkung entfalten, die es den Dämonen ermögliche, Macht über jemanden zu erlangen. Niders Übergangsstellung in der zwischen Illusionstheorie und Realitätspostulat schwankenden Dämonologie des 15. Jahrhunderts wird besonders deutlich, wenn er den von Dämonen bewerkstelligten Transport von Menschen durch die Luft im ‚Praeceptorium‘ (Praec. I,11) mit Hinweis auf den Flug des Habakuk (Dan. 14,32-38) für gelegentlich möglich erklärt und damit den Befürwortern des realen Hexenfluges eine zentrale Belegstelle theologisch vorgibt. Dafür bezeichnet er in diesem Werk, anders als dies die Simmentaler Zauberer- und Hexengeschichten im ‚Formicarius‘ suggerieren, die Tierverwandlung mit Verweis auf den Canon Episcopi ausdrücklich als Illusion.

3. Die Rezeption Niders in der dämonologischen Literatur 

Die in der älteren Hexenforschung geprägte und weithin tradierte Vorstellung von Nider als ‚Stammvater’ der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hexenlehre dürfte nach jüngeren Forschungen differenzierter zu betrachten sein. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Rezeptionsgeschichte der Niderschen Werke steht allerdings noch aus. Voraussetzung dafür wäre zunächst eine vertiefende Provenienzanalyse aller erhaltenen 26 (bzw. 27) Handschriften sowie der zahlreichen Inkunabeln und Frühdrucke (vgl. für den ‚Formicarius‘ die Vorarbeiten von Chène,1999, S. 101, 108-115; Tschacher 2000, S. 83-125). Der ‚Formicarius’ und das ‚Praeceptorium divinae legis’ wurden in der dämonologischen Literatur des 15. bis 17. Jahrhunderts als Autoritäten umfassend rezipiert und die Exempla als Belegmaterialien für die Realität der Hexensekte angeführt, so im ‚Malleus maleficarum’ von 1486, in den ‚Disquisitionum magicarum libri sex’ des Martin Delrio von 1599/1600 und anderswo. Mehrere hexengläubige Wundergeschichten in den Mirakelbüchern von Eberhardsklausen stammen eindeutig von Nider (Rummel 1990, S. 101-108). Auf den 1494 veröffentlichten Kirchenschriftstellerkatalog ‚De scriptoribus ecclesiasticis’ des Sponheimer Abtes Johannes Trithemius geht die Legende zurück, Nider sei als Inquisitor ein „energischer Erforscher“ (acerrimus investigator) der Hexen gewesen. Namentlich in den zwischen 1582 und 1669 in Frankfurt und Lyon gedruckten mehrbändigen Sammelausgaben von Hexereitraktaten galt Nider als Inquisitor und führende Autorität in Hexenfragen, was den dortigen Abdruck des fünften Buches des ‚Formicarius’ zusammen mit dem ‚Hexenhammer‘ erklärt.

Bereits eine vor 1457 gehaltene Predigt des Nikolaus von Kues (Ginzburg 1993, S. 110ff.) setzte in ihrem offenkundigen Bestreben, den Hexenflug lediglich als teuflische Phantasie erscheinen zu lassen, die Lektüre des ‚Formicarius’ voraus. Als Gegenspieler des Henricus Institoris im Innsbrucker Hexenprozess von 1485 verfügte der Passauer Domprediger und Wiener Theologieprofessor Paul Wann über eine Handschrift des ‚Formicarius‘ (Staatsbibliothek München, Clm 18389, von Wann mit einem Index versehen). Als Skeptiker realer Flugvorstellungen wurde Nider von Johann Geiler von Kaysersberg in dessen Predigtsammlung ‚Emeis’ von 1508/16 wahrgenommen. Die Gegner der Hexenlehre und -verfolgungen, wie der Frankfurter Rechtsgelehrte Johann Fichard in seinem Consilium für den Frankfurter Rat von 1564 und Christian Thomasius in seiner ‚Disputatio’ von 1712, bewerteten Nider und die von ihm überlieferten Hexenberichte als vollständig unglaubwürdig.

4. Gesamtverzeichnis der Werke und Handschriften 

Thomas Kaeppeli, Scriptores Ordinis Praedicatorum medii aevi, Bd. 2, 1975, S. 500-515; Hillenbrand, Eugen, Nider, Johannes O.P., Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 6 (21987), Nr. 2534-2553, Sp. 971-977.

5. Ausgaben des Formicarius 

Eine moderne Volledition des ‚Formicarius’ auf der Basis der erhaltenen Handschriften liegt nicht vor. Die mehrfach angekündigte Ausgabe des Werkes von Catherine Chène ist bislang nicht erschienen. Provisorisch ist deshalb weiterhin heranzuziehen: 

Johannes Nider, Formicarius, hg. von Hans Biedermann, Graz 1971 [Faksimile der in der Stadtbibliothek Trier vorhandenen Ausgabe Köln: Johann Guldenschaff, um 1480], digitalierte Version des Exemplars dieser Auflage in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln: [Digitalisierte Ausgabe].

Als moderne Teiledition ist maßgeblich:

Catherine Chène [Ed., Comm.], Jean Nider, Formicarius (livre II et livre V, chap. 3, 4 et 7), in: Martine Ostorero, Agostino Paravicini Bagliani, Kathrin Utz Tremp (Ed.), L’Imaginaire du sabbat. Edition critique des textes les plus anciens (1430-1440c.), Lausanne 1999, S. 99-265.

Überholt ist: 

Joseph Hansen, Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns und der Hexenverfolgung im Mittelalter, Bonn 1901 (ND Hildesheim 1963), S. 88-99.

6. Ausgaben des Praeceptorium divinae legis 

Eine moderne Edition des Praeceptorium divinae legis liegt ebenfalls nicht vor. 

Nunmehr bequem zu benutzen ist die digitalisierte Handschrift aus dem Dominikanerkonvent St. Michael (heute in der Wissenschaftlichen Bibliothek) in Olomouc (Olmütz): http://dig.vkol.cz/dig/300123/index.htm

Verwendet werden kann außerdem weiterhin: 

Johannes Nider, Praeceptorium sive orthodoxa et accurata decalogi explicatio, ed. Richard Gibbon, Duaci 1611.

7. Literatur

Michael D. Bailey, The Medieval Concept of the Witches’ Sabbath, in: Exemplaria 8, 1996), S. 419-439.

Ders., Abstinence and Reform at the Council of Basel: Johannes Nider’s ‘De abstinencia esus carnium’, in: Medieval Studies 59, 1997, S. 225-260.

Ders., Heresy, Witchcraft, and Reform. Johannes Nider and the Religious World of the Later Middle Ages, Diss. Evanston, Ill. 1998.

Ders., From Sorcery to Witchcraft: Clerical Conceptions of Magic in the Later Middle Ages, in: Speculum 76, 2001, S. 960-990.

Ders., The Feminization of Magic and the Emerging Ideal of the Female Witch in the Late Middle Ages, in: Essays in Medieval Studies 19, 2002, S. 120-134.

Ders., Battling Demons: Witchcraft, Heresy, and Reform in the Late Middle Ages, Pennsylvania 2003.

Ders., Edward Peters, A Sabbat of Demonologists: Basel, 1431-1440, in: The Historian 65, 2003, S. 1375-1396.

Ders., Nider, Johannes, in: Richard M. Golden (Ed.), Encyclopedia of Witchcraft. The Western Tradition, Vol. 3, Santa Barbara, Calif. 2006, S. 826-828.

Ders., The Disenchantment of Magic: Spells, Charms, and Superstition in Early European Witchcraft Literature, in: The American Historical Review 111, 2006, S. 383-404.

Wolfgang Behringer, Geschichte der Hexenforschung, in: Sönke Lorenz (Hg.), Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten. Ausstellung des Badischen Landesmuseums in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Tübingen, 17. September bis 11. Dezember 1994, Aufsatzband, Ostfildern 1994, S. 93-146.

Andreas Blauert, Frühe Hexenverfolgung. Ketzer-, Zauberei- und Hexenprozesse des 15. Jahrhunderts, Hamburg 1989.

Ders., Die Erforschung der Anfänge der europäischen Hexenverfolgungen, in: Ders. (Hg.), Ketzer, Zauberer, Hexen. Die Anfänge der europäischen Hexenverfolgungen, Frankfurt am Main 1990, S. 11-42.

Ders., Schweizerische Hexenprozesse des frühen 15. Jahrhunderts, in: Sönke Lorenz (Hg.), Hexenverfolgung. Beiträge zur Forschung unter besonderer Berücksichtigung des südwestdeutschen Raumes, Würzburg 1995, S. 65-81.

Ders., Frühe Hexenverfolgungen in der Schweiz, am Bodensee und am Oberrhein, in: Sönke Lorenz (Hg.), Wider alle Hexerei und Teufelswerk. Die europäische Hexenverfolgung und ihre Auswirkungen auf Südwestdeutschland, Ostfildern 2004, S. 119-130.

Arno Borst, Anfänge des Hexenwahns in den Alpen, in: Andreas Blauert (Hg.), Ketzer, Zauberer, Hexen. Die Anfänge der europäischen Hexenverfolgungen, Frankfurt am Main 1990, S. 43-67.

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Nancy Caciola, Discerning Spirits: Divine and Demonic Possession in the Middle Ages, Ithaca-London 2003.

Catherine Chène, Martine Ostorero, Démonologie et misogynie. L’emergence d’un discours spécifique sur la femme dans l’élaboration doctrinale du sabbat au XVe siècle, in: Anne-Lise Head, Liliane Mottu-Weber (Ed.), Les femmes dans la société européenne. 8e Congrès des Historiennnes suisses, Genève 2000, S. 171-196.

Dies., Des fourmis et des hommes. Le Formicarius (1436-1438) de Jean Nider OP, in: Micrologus. Nature, Sciences and Medieval Societies 8,1, 2000, S. 297-350.

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Dies., L’hérésie hussite vue par un dominicain observant: le Formicarius de Jean Nider (ca. 1380-1438), in: Albert de Lange, Kathrin Utz Tremp (Hg.), Friedrich Reiser und die ‘waldensisch-hussitische Internationale’ im 15. Jahrhundert. Akten der Tagung Ötisheim-Schönenberg, 2. bis 4. Oktober 2003, Heidelberg 2006, S. 317-340.

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Empfohlene Zitierweise

Tschacher, Werner: Nider, Johannes. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1654/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 08.04.2008