H-O

Hexenverfolgung in Minden

Barbara Groß 

3. April 2008

Die Stadt Minden gehört zur Kernzone der Hexenprozesse im Alten Reich. Zwischen 1584 und 1684 mussten sich hier mindestens 170 Personen wegen Hexereiverdachts vor dem städtischen Ratsgericht verantworten. Bei diesen Prozessen handelte es sich nicht um eine geradlinige Weiterführung der zahlreichen Hexereiverdächtigungen im Vorfeld der Verfahren, sondern um weitgehend eigenständige Muster sozialer Praxis. Während für die Entstehung und Verbreitung von Hexereiverdächtigungen auf der vorjuristischen Ebene vor allem die gesellschaftliche Praxis des Klatschens oder – wesentlich seltener – individuelle Konflikte verantwortlich waren, stellten die gerichtlichen Verfahren in erster Linie eine Reaktion des nach Autonomie strebenden Rates auf die Bedrohung seiner Herrschaftsrechte von innen und außen dar.  

1. Politische und jurisdiktionelle Rahmenbedingungen

1.1. Magistrat und Landesherr: Herrschaftsrechte und Konflikte 

Die Stadt Minden, die mit 4000 bis 5000 Einwohnern zu den kleineren Mittelstädten des Reiches zählte, gehörte politisch und verfassungsrechtlich zum Fürstbistum bzw. – seit der endgültigen Säkularisierung 1648 – zum Fürstentum Minden. Dass die in der Stadt Minden durchgeführten Hexenprozesse als eigene Einheit unabhängig von denen des Territoriums behandelt werden können, obwohl die Stadt de jure dem Mindener Landesherrn unterstand, hängt mit dem hohen Grad an innen- und außenpolitischer Selbstständigkeit zusammen, den sich die Stadt bis zum Ende des Mittelalters erstritten hatte.  

Das hartnäckige Streben des Mindener Rates nach Unabhängigkeit vom bischöflichen Landesherrn hatte dazu geführt, dass die Stadt zu Beginn des 17. Jahrhunderts – wenn auch nicht de jure, so doch wenigstens de facto – eine politisch autonome Territorialstadt war: Der Magistrat führte seit dem Erlass der ersten evangelischen Kirchenordnung im Februar 1530 nicht nur ein eigenes Kirchenregiment, er war auch im Besitz der Niedergerichtsbarkeit, die durch einen vom Rat eingesetzten Stadtrichter ausgeübt wurde. Darüber hinaus – und das ist für die Mindener Hexereiverfahren vor allem entscheidend – war er auch bei peinlichen Strafsachen für die Durchführung der Prozesse zuständig: Der so genannte Lübbecker Rezess, der im April 1573 nach Jahren heftiger Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Landesherrn geschlossen wurde und der das gegenseitige Verhältnis der Konfliktparteien umfassend regelte, legte sowohl die Einleitung und Durchführung peinlicher Strafverfahren als auch die Urteilsfindung in die Hände des Mindener Ratsgerichts. Insofern ist es nur konsequent, dass sich der Rat in der Präambel der so genannten Bruchrolle (Policeyordnung) von 1604 die Aburteilung von Kriminaldelikten ausdrücklich vorbehielt und mit dem Erlass des Stadtrechts von 1613, das den bischöflichen Wichgrafen an keiner Stelle erwähnt, seinen Anspruch auf die Ausübung der Blutgerichtsbarkeit unterstrich.

Dass dieser Anspruch nicht nur ein theoretischer war, sondern gegenüber dem Landsherrn auch durchgesetzt werden konnte, zeigt die Tatsache, dass die überlieferten Hexenprozesse ausnahmslos vor dem städtischen Ratsgericht geführt wurden. Ein wie auch immer gearteter Einfluss des bischöflichen Wichgrafen auf den Ablauf der Verfahren ist in keiner der Akten greifbar. Die Zuständigkeit für die Einleitung und Durchführung peinlicher Strafverfahren blieb dem Ratsgericht während des gesamten 17. Jahrhunderts erhalten. Weder die Tatsache, dass die Stadt 1636 im Zuge des Dreißigjährigen Krieges unter schwedische Herrschaft gelangte, noch der Umstand, dass die Landesherrschaft mit dem Westfälischen Frieden an das Haus Brandenburg überging, änderten etwas an der faktischen Ausübung dieses Herrschaftsrecht durch den Mindener Magistrat.

Nichtsdestotrotz war die städtische Blutgerichtsbarkeit immer wieder Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen zwischen dem Rat und dem Landesherrn bzw. dessen wichgräflichem Vertreter. Die Konflikte entzündeten sich fast immer daran, dass eine Seite die jurisdiktionellen Rechte, die ihr im Lübbecker Rezess zugestanden worden waren, durch die andere Seite verletzt sah. Während des gesamten 17. Jahrhunderts blieb der Bereich der Rechtsprechung ein wichtiges Feld, auf dem die Auseinandersetzungen zwischen der nach Autonomie strebenden Stadt und dem auf Ausweitung der eigenen Machtbasis bedachten Landesherrn geführt wurden. 

1.2. Ratsgericht: Zusammensetzung, Entscheidungsfindung, Prozessrecht 

Der prozessführenden Instanz des Mindener Ratsgerichts gehörte neben dem protokollführenden Stadtschreiber und den Mitgliedern des zwölfköpfigen Magistrats auch der städtische Syndicus an, der spätestens seit den 1630er Jahren graduierter Jurist war. Über alle zentralen Verfahrensschritte – Verhaftung, Folter, Wiederholung der Folter, Verurteilung und Strafmaß – wurde im Plenum nach dem Konsensprinzip entschieden, so dass eine Monopolisierung der Entscheidungshoheit durch einzelne Akteure weitgehend ausgeschlossen war.

Die straf- und prozessrechtliche Grundlage der Mindener Hexenprozesse war die Peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. Eine eigene Hexengesetzgebung, wie sie die salvatorische Klausel der Carolina grundsätzlich zugelassen hätte, gab es in Minden nicht.

2. Forschungssituation 

Anders als etwa mit den Hexenprozessen im benachbarten Lippe hat sich die historische Forschung mit den Verfolgungen in der Stadt Minden lange Zeit nur am Rande beschäftigt, und das trotz einer ausgezeichneten Quellenlage. Zwar widmete der frühere Stadtarchivar Martin Krieg dem Thema in den 1920er und 1930er Jahren einige Aufsätze, blieb in seinen Arbeiten jedoch dem Paradigma der älteren Hexenforschung verhaftet und kam nicht zuletzt deswegen über rein formale Beschreibungen äußerlicher Prozessabläufe nicht hinaus. In jüngerer Zeit ist Gerhard Schormann, der sich in den 1970er Jahren bei zahlreichen Archivbesuchen einen ersten Überblick über die Verfolgungsintensität im Nordwesten des Reiches verschaffte, in einer Überblicksdarstellung kurz auf die Hexenprozesse in Stadt und Stift Minden eingegangen (Schormann 1977, S. 86-89, 116, 125 u. 129). Eine systematische Untersuchung der Verfahren war in diesem Rahmen weder möglich noch beabsichtigt. Auch die kurzzeitige Beschäftigung Gerd Schwerhoffs mit den Mindener Prozessakten führte nicht zu ihrer systematischen Auswertung. Lediglich in einem Aufsatz finden Mindener Fälle Erwähnung (Schwerhoff 1994, S. 325 u. 340-346). Eine umfassende Einbettung der Prozesse in lokalgeschichtliche Zusammenhänge ist erstmals von Freia Anders-Baudisch für zwei frühe Verfahren geleistet worden (Anders-Baudisch 1994). Die erste systematische Aufarbeitung und Analyse der Mindener Hexenverfolgungen in ihrer Gesamtheit erfolgte im Dissertationsprojekt von Barbara Groß, das 2007 zum Abschluss kam (Groß 2008). 

3. Eckdaten der Verfolgung 

Die erste Nachricht über Hexenprozesse in der Stadt Minden stammt aus dem Jahr 1584. Im Ratsherrenverzeichnis Arndt Meyers findet sich in diesem Jahr unterhalb der Namen der Ratsherren folgender Vermerk: "Diese obbenete H[erren] habenn im Anno 1584 21 zauberschen brennen laßenn." Weil Prozessakten zu diesen 21 Verfahren jedoch vollständig fehlen (die erste überlieferte Akte stammt aus dem Jahr 1592), ist die Existenz dieser frühen Verfolgungswelle lange Zeit übersehen worden, obwohl in den überlieferten Prozessakten mehrfach Bezug auf die Verfahren des Jahres 1584 genommen wird. Zudem ist ein Schreiben an den Mindener Rat vom September 1584 überliefert, in dem mehrere Stadtbürger darum bitten, man möge die Mollersche aus der Haft entlassen, in die sie "vff ezlicher hexen besage vnd angebentt" geraten sei.

Die Mindener Hexenprozesse des Jahres 1584 bilden den Auftakt einer intensiven Verfolgung, die erst 1684, also genau ein Jahrhundert später, mit dem letzten überlieferten Verfahren endete. Aus diesem Zeitraum sind im Kommunalarchiv Minden Akten zu insgesamt 122 Ermittlungsverfahren überliefert, manche von ihnen nur fragmentarisch, viele – vor allem zu den späten Verfahren der 1660er und 1670er Jahre – aber auch vollständig mit allen Zeugenaussagen, Konfrontations- und Verhörprotokollen, Anfrageschreiben und Gutachten von diversen Spruchkollegien. Zusammen mit den Ratsprotokollen und der bereits erwähnten Ratsherrenliste lassen sie auf 48 weitere Ermittlungsverfahren schließen, so dass davon auszugehen ist, dass sich zwischen 1584 und 1684 mindestens 170 Personen wegen Hexereiverdachts vor dem Ratsgericht der Stadt Minden verantworten mussten. In 134 dieser Fälle führten die eingeleiteten Ermittlungen zur Anklageerhebung und damit zur Einleitung eines Inquisitionsprozesses, der für mindestens 95 der 134 Angeklagten (über 70 %) mit einem Todesurteil endete (16 Urteile sind nicht rekonstruierbar). Wie im Reich allgemein typisch wurden die Prozesse nicht mit gleich bleibender Intensität geführt, sondern konzentrierten sich in einigen wenigen Jahren, nämlich 1584, 1604-15, 1629-37 und 1669-75. Nur 9 der insgesamt 170 Verfahren fanden außerhalb dieser vier Verfolgungswellen statt.

Ebenso wie in anderen Territorien im Nordwesten des Alten Reichs waren auch von den Mindener Verfolgungen vor allem Frauen betroffen: 155 weiblichen Verdächtigten standen lediglich 6 männliche gegenüber. Die restlichen 9 Verfahren richteten sich gegen Kinder. Dabei waren sowohl die Hexenprozesse gegen Männer als auch die gegen Kinder ein Phänomen ausschließlich der Spätphase der Verfolgung. Bis zum Beginn der letzten großen Verfolgungswelle in den 1660er Jahren lag der Frauenanteil unter den gerichtlich Verfolgten bei 100 %. Bei den betreffenden Frauen handelte es sich zum überwiegenden Teil (knapp 70 %) um verheiratete Frauen zwischen 35 und 55 Jahren, die schon lange in der Stadt lebten und gut in familiäre und nachbarschaftliche Netzwerke integriert waren. 

Während die überlieferten Akten gesicherte Aussagen zu Geschlecht, Familienstand und Alter der Verdächtigten ermöglichen, sind sie hinsichtlich der sozialen Verortung der Angeklagten in der Mindener Stadtgesellschaft wenig ergiebig. Bei verheirateten und verwitweten Frauen wird der Berufsstand des Ehemannes meist ebenso wenig angegeben wie bei ledigen der soziale Stand der Eltern. Für die späten Verfahren können diese Angaben zwar mit Hilfe von Zunftakten, Ratsprotokollen und anderen Quellen weitgehend rekonstruiert werden, die soziale Stellung der Hexereiverdächtigten, die sich vor 1650 vor dem Mindener Ratsgericht verantworten mussten, bleibt jedoch in Ermangelung einschlägiger prosopographischer Untersuchungen und Quellen in vielen Fällen unbekannt. Die folgenden Angaben zur Stellung der Mindener "Zauberschen" im Sozialgefüge der Stadt stehen – soweit sie sich auf frühe Hexenprozesse beziehen – also unter Vorbehalt. Sicher ist, dass zu jedem Zeitpunkt der Verfolgung Angehörige aller sozialen Schichten von den Anklagen betroffen waren. Anders als in geschlechtlicher Hinsicht lässt sich eine Entspezifizierung des Opferkreises im Verlauf der Verfolgungen nicht feststellen. Lediglich eine leichte Verschiebung ist zu beobachten: Während bis in die 1630er Jahre hinein der Hauptanteil der Beschuldigten aus den Unter- und unteren Mittelschichten stammte, rekrutierten sich die Angeklagten in späteren Verfolgungsjahren zunehmend aus den Reihen der gehobenen Mittel- und Oberschicht.

4. Die Hexereiverdächtigungen im Vorfeld der Verfahren

4.1. Hexereiverdächtigungen und Konflikte

Anders als die juristische Verfolgung des "crimen magiae" zeigt sich die außergerichtliche keinen zeitlichen Schwankungen unterworfen: Hexereiverdächtigungen waren in Minden über den gesamten Verfolgungszeitraum hinweg omnipräsent. Sie traten in zwei verschiedenen Formen auf, die jeweils eigenen kommunikativen Regeln folgten: erstens als konkrete Bezichtigungen ins Angesicht, bei denen der Verdächtigte direkt und öffentlich mit einem Schadenzaubervorwurf konfrontiert wurde, und zweitens als Gerüchte, die in mehr oder weniger spezifischer Form in der Stadt kursierten. Aus unterschiedlichen Gründen war gegen beide Verdächtigungsformen eine wirkungsvolle Verteidigung nur schwer möglich. Angesichts dieser Tatsache liegt die Vermutung nahe, dass Hexereiverdächtigungen von den zeitgenössischen Akteuren in Konfliktsituationen funktionalisiert wurden, um sich durch den Angriff auf die gegnerische Ehre einen Vorteil in der Auseinandersetzung zu verschaffen. Für Minden ist diese Vermutung jedoch kaum zutreffend: Erstens spielten Konflikte bei der Verdachtsgenese nur in etwa einem Viertel der überlieferten Fälle überhaupt eine nennenswerte Rolle, und zweitens ist in den wenigen Fällen, in denen ein Zusammenhang zwischen Hexereiverdächtigungen und Konflikten nachweisbar ist, dieser Zusammenhang in der Regel nicht im Sinne einer Funktionalisierung zu denken.

Die typische Struktur ist vielmehr folgende: Auf eine abgeschlossene Auseinandersetzung – in der Regel handelte es sich dabei um alltägliche Streitigkeiten unter Nachbarn oder zwischen Bürgern und den bei ihnen einquartierten Soldaten – folgte kurze Zeit später ein Schaden, den der Geschädigte vor dem Hintergrund des vorangegangenen Streits dem unterlegenen Konfliktgegner zuschrieb. Durch die öffentliche Hexereibezichtigung, die einem solchen Verdacht in der Regel folgte, entstand ein neuer Konflikt, der mit dem alten nur insofern zusammenhing, als dass dieser die Ursache für die Schadenzauberattribution durch den Geschädigten darstellte. Die Hexereibezichtigung hatte hier keinerlei Auswirkungen mehr auf den alten Konflikt.  

Die wenigen Fälle, in denen Hexereiverdächtigungen tatsächlich als Mittel zum Austrag von Konflikten genutzt wurden, zeigen hinsichtlich der Konfliktanlässe eine erstaunliche Vielfalt. Mit Hilfe von Hexereibezichtigungen konnte um verweigerte Erbschaften und nicht geleistete Nachbarschaftshilfe ebenso gestritten werden wie um ausstehende Schulden oder nicht eingelöste Eheversprechen. Angesichts der Vielzahl verschiedener Ansprüche und Wünsche, die mittels Hexereiverdächtigungen hätten verhandelt werden können, ist es umso erstaunlicher, dass eine Funktionalisierung der Verdächtigungen für die Durchsetzung der eigenen Interessen in Minden nur selten nachweisbar ist.

Einen Sonderfall der Funktionalisierung von Hexereiverdächtigungen in Konflikten stellten die Bezichtigungen so genannter Kinderhexen dar, die in Minden ebenso wie in vielen anderen Territorien des Reiches ein Phänomen der Spätphase der Verfolgungen waren. Dabei kombinierten Kinder mit konfliktreichem familiären Hintergrund eine freiwillige Selbststigmatisierung als Hexe oder Zauberer mit der Beschuldigung naher Angehöriger als Lehrmeister oder Sabbatteilnehmer. Hexereiverdächtigungen dienten hier insofern als Mittel des Konfliktaustrags, als dass die Besagung von Familienmitgliedern es den Kindern ermöglichte, den Kreislauf familiärer Gewalt, in dem sie vielfach lebten, zu durchbrechen. Die Bezichtigungen trugen darüber hinaus dem Wunsch der Kinder nach einer Gegenwelt Rechnung, in der die familiären Herrschaftsverhältnisse durch die Machtposition, die die Selbst- und Fremdbezichtigungen den Kinder verlieh, auf den Kopf gestellt waren, und dienten insofern der Kompensation von Vernachlässigung und Deprivation. 

4.2. Hexereiverdächtigungen und Klatschkommunikation

Die große Masse der Mindener Hexereiverdächtigungen entstand jenseits sozialer Spannungen und Konflikte. Entscheidend für ihre Genese und Verbreitung war eine gesellschaftliche Praxis, die man gemeinhin als "Klatschen" bezeichnet und die darin besteht, das Verhalten Abwesender einer moralischen Bewertung als schlecht bzw. böse zu unterziehen. In der überwiegenden Zahl der überlieferten Fälle bildeten sich Verdächtigungen einzig und allein dadurch heraus, dass geklatscht wurde, die daraus resultierenden Gerüchte sich infolge ihres selbstreferentiellen Charakters ihre eigene Realität schufen und in immer neuen Klatschgesprächen in der Stadt verbreiteten. Dabei hatte Klatsch weit mehr als nur Unterhaltungs- und Informationswert: Klatschwissen ist "moralisch kontaminiert" (Bergmann 1987, S. 79). Indem die Einwohner des frühneuzeitlichen Minden dieses Wissen austauschten, setzten sie sich gegenseitig in ein Verhältnis der Mitwisserschaft, das sie aneinander band. Gleichzeitig bestätigten sie sich gegenseitig als Mitglieder einer sozialen Einheit mit gemeinsamen Normen und Werten, auf die sie sich durch ihre Teilhabe am kontaminierten Klatschwissen verpflichteten. Gerade in den hochintegrierten Gemeinwesen der Frühen Neuzeit, in denen Sozialität im Wesentlichen auf Kommunikation unter Anwesenden beruhte (Schlögl 2004), war Klatsch ein Vergemeinschaftungsmechanismus ersten Ranges.

Dass klatschhaftes Handeln in Minden nicht nur der Reproduktion bestehender, sondern auch der Produktion neuer sozialer Bindungen und Beziehungsnetze dienen konnte, zeigt die Klatschpraxis der Militärangehörigen, die seit 1625 in Minden stationiert waren: Mit dem Garnisonsrezess von 1650 wurde aus der vorübergehenden Besatzung eine dauerhafte Stationierung, die für die Soldaten mit der Notwendigkeit verbunden war, sich mit den Bürgern dauerhaft zu arrangieren, in deren Häusern sie einquartiert waren. Von diesem Zeitpunkt an begannen sie, verstärkt als Produzenten von Hexereiklatsch in Erscheinung zu treten. Der Eindruck, dass die Verfolgung hexereiverdächtiger Personen eine wichtige Funktion bei der Integration der landesherrlichen Truppen in die Mindener 'Zivilgesellschaft' erfüllte, wird bekräftigt durch die Beobachtung, dass sich auch die Denunziationsbereitschaft der Soldaten nach dem Garnisonsrezess signifikant erhöhte. Die Hexenverfolgung, die das Zusammenleben in der Stadt empfindlich störte, weil sie ein Klima der Verdächtigung und des Misstrauens schuf, besaß in ihrer Spätphase vor allem für die in Minden stationierten Soldaten auch gemeinschaftsstiftende Funktion. 

5. Die Hexenprozesse vor dem Mindener Ratsgericht

5.1. Die treibenden Kräfte

Die Bewohner der Stadt verfügten grundsätzlich über zwei verschiedene Möglichkeiten, die Durchführung von Hexenprozessen zu forcieren: Als Denunzianten konnten sie ohne jedes eigene Risiko den Rat zur Einleitung von Verfahren veranlassen. Als Zeugen konnten sie durch den Umgang mit ihrem Wissen entscheidend zur Belastung der Angeklagten und damit zur Ausweitung der Verfahren beitragen. Von beiden Möglichkeiten machten sie nur sehr zurückhaltend Gebrauch. So wurden nur 16 der insgesamt 170 Ermittlungsverfahren dadurch ausgelöst, dass Bewohner der Stadt ihre Hexereiverdächtigungen vor den Rat trugen. Der ermittlungsauslösende Impuls an der Schnittstelle zwischen vorjuristischer und juristischer Ebene kam also nur in den seltensten Fällen von denjenigen, die im Vorfeld der Verfahren für die Entstehung und Erhärtung der Hexereiverdächtigungen verantwortlich waren. Das Interesse der Stadtbewohner, ihre Verdächtigungen auf der juristischen Ebene verhandelt zu sehen, war also eher begrenzt.

Durch die geringe Denunziationsbereitschaft der Stadtbewohner und ihre Zurückhaltung als Zeugen vor Gericht scheidet die Mindener Stadtbevölkerung als Triebkraft hinter der gerichtlichen Verfolgung des "crimen magiae" in Minden weitgehend aus. Die Schlüsselrolle spielte hier vielmehr das Ratsgericht, das den großen Handlungs- und Entscheidungsspielraum, den ihm die Carolina als straf- und prozessrechtliche Grundlage der Mindener Verfahren zubilligte, in den prozessarmen und prozessintensiven Phasen sehr unterschiedlich nutzte. Den Rat als treibende Kraft hinter der gerichtlichen Hexenverfolgung in Minden zu identifizieren ist gleichbedeutend mit der Einsicht, dass die Mindener Hexereiverfahren keineswegs eine geradlinige Weiterführung der Verdächtigungen im Vorfeld auf juristischer Ebene waren, sondern dass es sich um weitgehend eigenständige Muster sozialer Praxis handelt.

5.2. Hexenprozesse als symbolische Politik

Setzt man die Hochzeiten der Verfolgung in Bezug zu den stadtgeschichtlichen Zäsuren, wird deutlich, dass sich der Rat immer dann verstärkt zur Durchführung von Hexenprozessen bereit zeigte, wenn seine politische Machtposition in der ein oder anderen Weise bedroht war. Die politische Logik, der er dabei folgte, lässt sich – in Analogie zu Jürgen Schlumbohms Konzept der symbolischen Gesetzgebung (vgl. Schlumbohm 1997) – als symbolische Prozessführung bezeichnen, die ihren Sinn in sich selbst hatte. Entscheidend war nicht primär der konkrete Prozess, entscheidend war vor allem, dass der Rat überhaupt Prozesse durchführte. Um die Logik der symbolischen Prozessführung in all ihren Dimensionen zu verstehen, ist es sinnvoll, zwei Aspekte analytisch voneinander zu unterscheiden, obwohl sie in der Realität häufig zusammenfielen.

Zu nennen ist zum einen der vertrauensbildende, legitimationsstiftende Aspekt, der gegenüber der Bürgerschaft zum Tragen kam, also quasi nach innen wirkte. Beispielsweise konnte sich der Rat, als er in den 1630er Jahren mit Legitimationsproblemen zu kämpfen hatte, durch den verstärkten Rückgriff auf seine Jurisdiktionskompetenzen gegenüber der Bürgerschaft als legitime, handlungsfähige Obrigkeit profilieren.

Der zweite Aspekt symbolischer Prozessführung ist der der Machtdemonstration gegenüber konkurrierenden Herrschaftsträgern. Die Ausübung der Blutgerichtsbarkeit war eines der wichtigsten Herrschaftsrechte und als solches seit jeher ein zentrales Mittel im Kampf um politische Autonomie. Indem der Rat – etwa in den 1630er Jahren, als seine Machtposition gegenüber dem Landesherrn als Folge des Dreißigjährigen Krieges erheblich geschwächt war – verstärkt auf seine Jurisdiktionskompetenzen zurückgriff, bekräftigte er nicht nur seinen Anspruch auf dieses zentrale Herrschaftsrecht, sondern brachte symbolisch auch seinen Anspruch auf politische Autonomie zum Ausdruck.  

Während in manchen Verfolgungsperioden – etwa in den frühen 1630er Jahren – beide Aspekte für die Machtkonsolidierung des Rates gleichermaßen wichtig waren, trat in anderen Jahren einer der beiden Aspekte in den Vordergrund: 1635, als es nach der Abschaffung der alten Ratswahlordnung dem neuen Magistrat an Akzeptanz von Seiten der Stadtbevölkerung fehlte, dominierte der legitimatorische Aspekt, 1614 und 1669 hingegen der der Machtdemonstration gegenüber dem Landesherrn. Die Tatsache jedoch, dass symbolische Prozessführung in allen Verfolgungswellen zum Tragen kam, zeigt, wie zentral die diesem Phänomen zugrunde liegende soziale Logik für die gerichtliche Verfolgung des "crimen magiae" in der Stadt Minden gewesen ist.

6. Literatur

Freia Anders-Baudisch, "...keinen Menschen noch Viehe alhier zu Minden leidt gethaen". Der Hexenprozeß gegen Anneke Blancke und Ilsche Nording vor dem Mindener Rat 1603-1604, in: Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins 66, 1994, S. 113-132.

Jörg R. Klatsch, Klatsch. Zur Sozialform der diskreten Indiskretion, Berlin / New York 1987.

Barbara Groß, Hexerei in Minden. Zur kommunikativen und sozialen Logik von Hexereiverdächtigungen und Hexenprozessen in einer frühneuzeitlichen Stadt (1584-1684), Münster 2008 (in Vorbereitung).    

Barbara Groß, Prozessführung als symbolische Politik. Zur Hexenverfolgung in der Stadt Minden während des Dreißigjährigen Krieges, in: Katrin Moeller / Burghart Schmidt (Hg.), Regionale Differenzen – Vergleichbare Strukturen? Hexenverfolgung im nördlichen Deutschland, Hamburg 2008 (in Vorbereitung).

Martin Krieg, Ein Hexenprozeß vor dem Stadtgericht in Minden, in: Der Ravensberger. Heimatkalender für das Minden-Ravensberger-Land 2, 1927, S. 91-94.

Martin Krieg, Hexenprozesse und Hexenwahn in Minden, in: Ravensberger Blätter für Geschichts-, Volks- und Heimatkunde 39, 1939, S. 57-61.

Martin Krieg, Von Hexenwahn und Hexenprozessen in Minden, in: An der Weserpforte 1, 1927, S. 25-28.

Martin Krieg, Zur Entwicklung der Mindener Stadtgerichte, in: Mindener Heimatblätter 32, 1960, S. 1-4 u. 24-26.

Martin Krieg, Zur Geschichte der Mindener Hexenprozesse, in: Mindener Heimatblätter 5, 1927, Nr. 13, S. 1-3.

Uta Nolting, „Jch habe nein toueren gelernet. – Mindener Hexenverhörprotokolle von 1614. Zum Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in Verhörmitschriften, in: Niederdeutsches Wort 42, 2002, S. 55-116.

Uta Nolting, Nah an der Realität – Sprache und Kommunikation in Mindener Hexenverhörprotokollen von 1614/15, in: Katrin Moeller / Burghart Schmidt (Hg.), Realität und Mythos. Hexenverfolgung und Rezeptionsgeschichte, Hamburg 2003, S. 33-55.

Rudolf Schlögl, Vergesellschaftung unter Anwesenden. Zur kommunikativen Form des Politischen in der vormodernen Stadt, in: ders. (Hg.), Interaktion und Herrschaft. Die Politik der frühneuzeitlichen Stadt, Konstanz 2004, S. 9-60.

Jürgen Schlumbohm, Gesetze, die nicht durchgesetzt werden – ein Strukturmerkmal des frühneuzeitlichen Staates?, in: Geschichte und Gesellschaft 23, 1997, S. 647-663.

Gerhard Schormann, Hexenprozesse in Nordwestdeutschland, Hildesheim 1977.

Gerd Schwerhoff, Hexerei, Geschlecht und Regionalgeschichte. Überlegungen zum scheinbar Selbstverständlichen, in: Gisela Wilbertz / ders. / Jürgen Scheffler (Hg.), Hexenverfolgung und Regionalgeschichte. Die Grafschaft Lippe im Vergleich, Bielefeld 1994, S. 325-353.

Empfohlene Zitierweise

Groß, Barbara: Minden, Hexenverfolgungen. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5771/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 03.04.2008

Zuletzt geändert: 08.04.2008