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Mauritius, Erich Moritz 

Maximilian Nonnenmacher 

23. Juli 2007 

* 10.08.1631 in Itzehoe, † 10.09.1691 in Wetzlar; Jurist und Rechtslehrer, der sich in Gutachten und wissenschaftlichem Diskurs durch eine moderate Haltung in Hexensachen ausgezeichnet hat. 

Kurzbiographie 

Nach seiner Schulzeit in Hamburg studierte Erich Mauritius die Rechte an den Universitäten Wittenberg, Frankfurt (Oder), Gießen und Tübingen, wo er 1653 zum Lizentiaten der Rechte ernannt wurde. Von 1654 bis 1658 begleitete Mauritius die Prinzen Carl Heinrich und Johann Adolf von Holstein-Plön auf ausgedehnten Reisen durch Europa. Danach setzte er die Reise alleine fort und besuchte die Universitäten Oxford, Padua, Löwen, Leiden, Utrecht und Groningen.  

1660 erhielt er in Tübingen die Doktorwürde und übernahm eine Professur für Staats- und Lehnsrecht. Dort verfasste er 1664 auch die wissenschaftliche Dissertation De denuntiatione sagarum. 1665 übernahm Mauritius eine Professur an der neu gegründeten Universität Kiel, bevor er 1671 als Beisitzer und später als ständiger Rat an das Reichskammergericht berufen wurde. Er folgte dem Gericht zunächst nach Frankfurt, später nach Wetzlar wo er 1691 verstarb.  

Mauritius war einmal verheiratet und blieb kinderlos.  

Juristische Auseinandersetzung mit den Hexenprozessen  

Mauritius juristische Auseinandersetzung mit Hexenprozessen kann erstmals in seiner Tübinger Zeit nachgewiesen werden, aus welcher drei Gutachten – die im Rahmen des Instituts der Aktenversendung entstanden sind – und seine Dissertation zu dem Thema hervorgegangen und bis heute erhalten sind.  Diese zeichnen sich durch einen sehr vorsichtigen Umgang mit dem Verbrechen der Hexerei aus. Zwar kann sowohl in den Gutachten als auch in der Dissertation gezeigt werden, dass Mauritius die Existenz der Hexerei nicht leugnete und auch den Vorstellungskomplex des elaborierten Hexenbegriffs durchaus verinnerlicht hatte. Seine Urteile weisen aber darauf hin, dass er zumindest in der Praxis mit der Subsumtion solcher Tatbestände sehr zurückhaltend war.

In einem der Gutachten kam er zu einer sehr milden Strafe, obwohl alle Angeklagten geständig waren, worauf dieses Gutachten vom  Magistrat vor Ort angefochten wurde. Ein weiteres Gutachten endete mit einem vorläufigen Freispruch, wobei Mauritius die Hürde für die Wiederaufnahme des Verfahrens aufgrund einer Denunziation sehr hoch hängte und somit den Beklagten relativ gut vor einer solchen schützte. Sein drittes Gutachten, welches eine Fortführung des Verfahrens zur Klärung von den verschiedenen gestandenen Schadenszaubern und eine erneute Einholung und Bestätigung der Geständnisse fordert, muss im Kontext der Esslinger Verfolgung gesehen werden. Mauritius muss klar gewesen sein, dass das Stadtgericht, das schon ein erstes Tübinger Gutachten nicht befolgt hatte, bei einer anderen Vorgehensweise sich wohl kaum an die Tübinger Auskunft gehalten hätte.

In seinen Gutachten, wie auch seiner Dissertation, vertrat er ein rationales Indizien- und Beweissystem, immer auf der Carolina basierend. Er war somit dem ordentlichen Prozess, dem processus ordinarius verpflichtet. Das zeigt sich in seinen Gutachten in der Forderung nach strikter Einhaltung der Artikel der Carolina und in seinem präzisem Umgang mit den Akten und den darin enthaltenen Angaben. Er war immer darauf bedacht, die Situation, wie sie sich ihm aus den Akten darstellte, zu überprüfen und deckte Widersprüche zwischen den Geständnissen und den Zeugenaussagen auf, die er als entlastend wertete. Dabei entwickelte er ein gutes Gespür für die reale Situation der Beklagten. Sowohl in einem Fall in Weinsberg, in welchem er auf das jugendliche Alter der Beklagten und auf die mangelnde Zurechnungsfähigkeit eines der Angeklagten hinwies, als auch im Esslinger Fall, bei dem er die Unglaubwürdigkeit der Denunziationen erkannte, hat die heutige Forschung, die auf wesentlich detailliertere Akten zurückgreifen kann, die Einschätzungen von Mauritius bestätigt. 

An seiner Dissertation De denuntiatione sagarum von 1664, welche sich ausführlich mit dem Hexereidelikt und dem Hexenprozess beschäftigt, ist bemerkenswert, dass er alle Hexenproben eindeutig ablehnt wie etwa die Überprüfung von Tränenlosigkeit und Schmerzunempfindlichkeit bei der Folter, dem Untersuchen von Hexenmalen oder Anwendung von Wasser- und Wiegeproben, die noch nicht entgültig aus den damaligen Prozessen verschwunden waren. Besonders auch der Schwerpunkt der Arbeit, die Frage nach dem Umgang mit den in Hexenprozessen häufig gemachten Denunziationen (Besagungen) zeichnet ihn einmal mehr als einen Vertreter des processus ordinarius aus. Denunziationen waren, nach seiner Auffassung, nur dann hinreichend zum Foltern eines Beklagten, wenn mindestens zwei vorlagen, die alle Anforderungen des Art. 31 der Carolina erfüllten. Seine Auslegung bezüglich der Tatumstände stellte sehr hohe Anforderungen an den überprüfbaren Wahrheitsgehalt. Nur wenn der Denunziant als Komplize echtes Täterwissen preisgab, konnte die Denunziation gewertet werden, weil aus diesem ein Indiz für die Schuld des Beklagten erwuchs. Insgesamt war damit, durch seine präzise Auffassung des Art. 31, die Hürde für die Folter aufgrund von Denunziationen höher gesteckt als die aufgrund von reinen Indizien nach Art. 44. Eine solche Haltung konnte entscheidend für die Eindämmung von Verfolgungen sein, da gerade in Kettenprozessen den Denunziationen die zentrale Rolle zukam. 

Besonders hervorzuheben ist, dass Mauritius als erster Tübinger Jurist die Cautio Criminalis des Friedrich Spee zitiert hat. Spees Werk war ein Musterbeispiel für eine Kritik an dem entarteten Rechtsverfahren, dem viele vermeintliche Hexen zum Opfer gefallen sind. Indem er in allen drei Gutachten und auch in seiner Dissertation mehrfach Spee anführt oder zitiert, verhalf er Spee zu einer verstärkten Rezeption in der Rechtswissenschaft. 

Aus seiner Zeit in Kiel sind insgesamt sechs Gutachten zu Hexenprozessen erhalten an denen Mauritius mitgewirkt hat (Lorenz 2001). Auch in diesen Rechtauskünften zeigt sich Mauritius dem processus ordinarius verpflichtet, er lässt aber in manchen die Sorgfältigkeit vermissen, die ihn gerade in seinen Tübinger Gutachten ausgezeichnet hat. 

Wirkung auf die Hexenverfolgung 

Wie groß die Wirkung von Mauritius auf seine Zeit war und ob seine vorsichtige Haltung zur Eindämmung der Hexenverfolgung, wie sie sich im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts schon abzeichnete, einen Beitrag geleistet hat, lässt sich schwer abschätzen. Seine ersten beiden Tübinger Gutachten und auch vier seiner Kieler Gutachten zu Hexenprozessen sind in Druck gegangen. Das erste Tübinger Gutachten fand sogar Aufnahme in die zweite Auflage der bedeutenden Rechtsauskunftssammlung von Georg Dedeken aus dem Jahre 1671. Es ist daher anzunehmen, dass seine Argumentation Zuspruch bei anderen Rechtsgelehrten fand. Auch seine hier besprochene Dissertation wurde mehrmals gedruckt und 1666, also nur zwei Jahre nach ihrem Erscheinen, im Journal des Scavans, welches 1665 erstmals erschien und als erste Zeitschrift gilt, besprochen. Der Rezensent bezeichnete das Werk von Mauritius als solide und stichhaltig und hob es positiv von früheren Arbeiten zu dem Thema ab. Darüber hinaus wies er besonders auf die Brauchbarkeit von Mauritius' Schlussfolgerungen für das Verfahren hin und empfahl die Dissertation. Auch am Reichskammergericht, an dem Mauritius über 20 Jahre tätig war, erinnerte man sich noch über 100 Jahre nach dessen Ableben an die Arbeit. Der Reichskammergerichts-Assessor Fahrenberg schrieb 1792, dass Mauritius in seiner Dissertation „den Hexengeschichten wenig Glauben beigemessen, sie gänzlich zu läugnen sich zwar noch nicht getraut, jedoch so viele Vorsichtsregeln dabey vorgeschrieben hat, daß der Fall der gewöhnlichen Strafe nicht leicht eintreten konnte". 

Fazit  

Unabhängig von seiner Wirkung auf die Rechtswissenschaft und die Eindämmung der Hexenverfolgung lässt sich festhalten, dass Erich Mauritius aufgrund seiner systemimmanenten Kritik, wie sie sich in seinen Gutachten und seiner Dissertation findet, durchaus als Gegner der Hexenverfolgung bezeichnet werden kann. Zwar hat er nicht an der realen Existenz von Hexen gezweifelt und hielt das Verbrechen der Hexerei für verwerflich und mit dem Tode zu bestrafen. Im Fall der Strafwürdigkeit des Hexenverbrechens hielt er sich – gerade in der praktischen Gutachtertätigkeit – mit schnellen Ahndungen zurück. Mauritius erhob hohe Anforderungen an die Indizien im Hexenprozess und urteilte im Rahmen des processus ordinarius. Dies zeigt indirekt eine skeptische Haltung gegenüber dem Hexenglauben. Vielmehr prüfte er immer rational, ob Indizien zur Einleitung der Folter ausreichten oder ein abgelegtes Geständnis rechtmäßig erlangt worden war und hat somit, zumindest aus heutiger Sicht, häufig zur Entlastung der Angeklagten beigetragen, da es für ein nicht reales Verbrechen keine realen, überprüfbaren Indizien geben konnte. 

Quellen 

Erici Mauritii [...] Consiliorum Chiloniensium specimen sive responsa de jure XXX. quae nomine Collegii Jctorum, quaedam etiam suo, in Academia Chiloniensi, conscripsit. Accedunt, eorum quae edi nondum potuerunt loco, XII. alia ejusdem Autoris, olim nomine Celeberrimae Facultatis Juridicae [...] reddita. [...] Chiloni [...] 1669, S. 287- 312 [im 2. Teil]. 

Dissertatio inauguralis, De denuntiatione sagarum, iisque quae ad eam recte intellegendam faciunt. Quam deo auspice decreto amplissimi jurisconsultorum ordinis, praesidie Erico Mauritio [...] submittit Christopherus Daurer/Hamburg. Tubingae. Excudit Georgius Kerner, 1664. 

Literatur 

Johann Friedrich JUGLER, Beyträge zur juristischen Biographie. Oder genauere litterarische und critische Nachrichten von dem Leben und den Schriften verstorbener Rechtsgelehrten, Bd. 5, Leipzig 1779, S. 242-259. 

Sönke LORENZ, Erich Mauritius († 1691 in Wetzlar) - ein Jurist im Zeitalter der Hexenverfolgung, Erweiterte und veränderte Fassung des Vortrages vom 28. Mai 1998 im Stadthaus am Dom zu Wetzlar, Wetzlar: Gesellschaft für Reichskammergerichtsforschung e. V. 2001. 

Maximilian NONNENMACHER, Erich Mauritius, Magisterarbeit, Universität Tübingen, veröffentlicht in: Historicum.net / Hexenforschung, 2007, URL:  http://www.historicum.net/themen/hexenforschung/thementexte/magisterarbeiten... [21.08.2007]

Peter OESTMANN, Hexenprozesse am Reichskammergericht, (Quellen und Forschungen zur höchsten Gerichtsbarkeit im Alten Reich 31), Köln, Weimar, Wien 1997. 

Empfohlene Zitierweise

Nonnenmacher, Maximilian: Mauritius, Erich. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5503/

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Erstellt: 21.08.2007

Zuletzt geändert: 22.08.2007