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Hexenverfolgungen Lippe, Grafschaft (Lemgo) 

Jürgen Scheffler  

13.12.99  

Die Stadt Lemgo und die Grafschaft Lippe gehörten innerhalb Deutschlands zur Kernzone der Hexenverfolgung. Diese Regionen, die inmitten eines imaginären territorialen Streifens lagen, der sich vom Südwesten (Württemberg) bis zum Nordosten (Mecklenburg) erstreckte, waren durch intensiv geführte Prozesse gekennzeichnet, denen eine große Zahl von Menschen zum Opfer fiel. 

Lemgo war bis ins 17. Jahrhundert hinein die bedeutendste Stadt der Grafschaft Lippe. Ihr Wohlstand, wie er in den zahlreichen Neubauten des 16. Jahrhunderts zum Ausdruck kam, beruhte vor allem auf dem Fernhandel der Kaufleute. Der wirtschaftlichen Bedeutung entsprach der Anspruch der Stadt auf eine weitgehende politische und konfessionelle Autonomie innerhalb des Territoriums. Ein Bürgeraufstand, die "Lemgoer Revolte", verhinderte 1609 die Annahme der reformierten Konfession, und in einem Abschlußvertrag, dem "Röhrentruper Rezeß" von 1617, sicherte sich die Stadt den Verbleib beim Luthertum und weitgehende Hoheitsrechte. Der Rat, dessen zwei Besetzungen einander in Abstimmung mit Gremien der Bürgerschaft jährlich ablösten, blieb die bestimmende kirchliche und weltliche Obrigkeit. 

Zwar waren auch schon Anfang des 17. Jahrhunderts deutliche Zeichen erkennbar, daß die Blütezeit der Stadt dem Ende entgegen ging, aber erst im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges kam es zu einer dramatischen Krise innerhalb der städtischen Gesellschaft. Lemgo wurde zweimal (1636 und 1646) geplündert. In die Kriegszeit fielen Pestepidemien und Hexenprozesse (1628-1637). Von den etwa 1000 Häusern war gegen Ende des Krieges nur noch etwas über die Hälfte intakt. Die Einwohnerzahl (1629: um 4700) war zeitweise auf weniger als ein Drittel, etwa 1400, gesunken, bis der Rückzug der Geflohenen und ein neuer Zuzug einsetzte. Das Jahrhundert endete mit schweren Auseinandersetzungen zwischen der Stadt und dem Landesherrn, die sich an der Ratswahl und der Konfessionsfrage entzündeten. Die Machtverhältnisse hatten sich allerdings deutlich zu Ungunsten der Stadt verschoben. Der lippische Graf konnte 1706 die Wahl eines reformierten Bürgermeisters durchsetzen.  

Soweit bisher bekannt ist, stammt die älteste Nachricht über einen Zaubereiprozeß in Lemgo aus dem Jahre 1509. Am St. Marcustage jenes Jahres, so berichtet Bernhard Witte in seiner "Historia Westphaliae", wurden 14 Frauen und ein "scolasticus" wegen Giftmischerei gefangengesetzt. Eine der Frauen hatte einer Mutter ein Mittel gegeben, das sie mit ihrem Sohn versöhnen sollte. Der aber war nach dem Genuß des Mittels gestorben. Sieben der Gefangenen seien bald darauf, nachdem sie zahlreiche Verbrechen gestanden hätten, dem Feuertod überliefert worden. Diese Übeltäterinnen nennt Witte "maleficae et magae", also Zauberinnen und Magierinnen.  

Abgesehen von der frühen Nachricht aus dem Jahr 1509 und einem weiteren unsicheren Hinweis auf angebliche Hexenprozesse im Jahr 1530 folgen die überlieferten Hexereiverfahren des 16. und 17. Jahrhunderts dem auch andernorts zu beobachtenden Muster. Denn nicht nur in räumlicher, sondern auch in zeitlicher Hinsicht lassen sich Schwerpunkte ausmachen. Um 1560, um 1590, um 1630 und um 1660 liegen die Höhepunkte der Hexenverfolgungswellen in Deutschland. Das entspricht in etwa den Laufzeiten der erhaltenen Lemgoer Prozeßunterlagen: 1. 1564-1566, 2. 1583-1605/6, 3. 1628-1637 (mit sporadischen Vorläufern seit 1614, 4. 1653-1681. 

Dabei zerfällt die letzte Periode noch einmal in vier Untereinheiten, nämlich 1653-1656, 1665-1670, 1675/76 und 1681. Eine weitere Unterteilung ist insofern sinnvoll, als die Prozesse der Jahre 1653-56 von Bürgermeister Heinrich Kerckmann geführt wurden, die folgenden Prozesse aber fast sämtlich von Hermann Cothmann, seit 1666 Direktor des Peinlichen Gerichts und seit 1667 Bürgermeister. Beide Prozeßwellen (ab 1653 und ab 1665) fielen in die Amtszeit des Scharfrichters David Clauss d. Ä. 

Insgesamt sind im Stadtarchiv Lemgo rund 200 Prozeßakten erhalten - eine der umfangreichsten lokalen Überlieferungen zur Geschichte der Hexenprozesse in Deutschland überhaupt. Die zeitliche Verteilung ist allerdings sehr ungleich. Aus den ersten beiden Verfolgungswellen des 16. Jahrhunderts stammen nur 13 Akten, alle übrigen aus dem 17. Jahrhundert. Daß die Zahl der Opfer im ausgehenden 16. Jahrhundert um einiges höher gewesen sein muß, als aus den überlieferten Prozeßunterlagen hervorgeht, beweisen sowohl Eintragungen in den - ebenfalls unvollständigen - Kämmereiregistern als auch ein auf den 13. Dezember 1597 datiertes Verzeichnis; das erwähnt jedenfalls zahlreiche Hinrichtungen durch Verbrennen, die in den letzten Jahren stattgefunden hätten.  

Zur ersten großen Hexenjagd in Lemgo kam es ab 1628. Im Zuge dieser Verfolgungswelle wurden mindestens 110 Personen der Hexerei beschuldigt, mit Sicherheit 84 Menschen hingerichtet. Für die Zeit nach 1653 liegen die Zahlen noch höher. Dabei sind hier Überlieferungslücken zu konstatieren, etwa zwischen 1670 und 1681. Obwohl 1675/76 mindestens 14 Hinrichtungen stattfanden, sind von den Prozessen nur einzelne Bruchstücke erhalten. Ungewiß muß von daher die Gesamtzahl derjenigen bleiben, die in Lemgo den Hexenverfolgungen zum Opfer fielen. Nach den vorhandenen Akten kann man sie auf rund 250 schätzen, davon über die Hälfte in der Zeit ab 1653. Die tatsächliche Zahl dürfte noch höher anzusetzen sein. Gewandelt hatte sich im Laufe der Zeit das Geschlechts- und Sozialprofil der Betroffenen. Lag der Anteil der hingerichteten Männer in den Jahren 1628-1637 bei ca. 6%, so stieg er nach 1653 auf ca. 25%. In diese Welle fielen die Prozesse gegen den Kantor Bernhard Grabbe und den Pfarrer Andreas Koch. Auch der Anteil der bürgerlichen Führungsschicht an den Angeklagten war in dieser Verfolgungsperiode höher als in der Zeit vorher. 

Die letzte Prozeßakte, die im Lemgoer Stadtarchiv erhalten ist, betrifft den Prozeß gegen Maria Rampendahl aus dem Jahr 1681. Dieses Verfahren endete nicht mit einem Todesurteil, da sie kein Geständnis abgelegt hatte, sondern mit ewiger Stadt- und Landesverweisung. Einen offiziellen Schlußstrich unter die Hexenprozesse zog man im Jahre 1715. Damals wurde das berüchtigte "schwarze Buch", in dem systematisch alle Hexereibeschuldigungen gesammelt worden waren, öffentlich auf dem Marktplatz verbrannt. Bis ins 20. Jahrhundert hinein hat die Hexenverfolgung im öffentlichen Geschichtsbewußtsein der Stadt, die in der mündlichen Überlieferung den Beinamen " das Hexennest " erhalten hat, sowie in der lokalen Geschichtskultur (bspw. im Städtischen Museum Hexenbürgermeisterhaus ) einen besonderen Stellenwert. 

Die schreckliche Dynamik der Massenverfolgung von Hexen im städtischen Milieu ist keine Lemgoer Spezialität, wie bspw. der Vergleich mit der Stadt Osnabrück verdeutlicht. Hier könnte eine Art Treibhauseffekt wichtig gewesen sein. Beide Städte befanden sich in einem mehr oder minder erbitterten Streit mit den Territorialherren um ihre politische Autonomie. Charakteristisch scheint eine geringe Distanz zwischen politischen Amtsträgern und Gerichtspersonen einerseits und den Parteien im Hexenprozeß andererseits - bis hin zur personellen Identität von Anklägern, Zeugen und politischen Entscheidungsträgern. Von daher konnte die Usurpation und zielgerichtete Lenkung der Verfahren durch innerstädtische Führungspersonen bzw. Fraktionen leichter als anderswo möglich gewesen sein. Ein Vergleich mit weiteren Städten, in denen sich Massenprozesse entwickelt haben, müßte die Stichhaltigkeit einer solchen Hypothese untermauern. 

Bis ins 20. Jahrhundert hinein war die Beschäftigung mit den Lemgoer Hexenprozessen eine Domäne der Heimatforschung. Ihr lokaler Repräsentant war der Gymnasiallehrer Karl Meier. Erst im Kontext der neueren interdisziplinären Hexenforschung ist die Geschichtswissenschaft auf die Lemgoer Hexenprozesse aufmerksam geworden. Mittlerweile sind eine Reihe von Fallstudien zu einzelnen Verfolgungswellen erschienen. Ein besonderes Kennzeichen der neueren Forschung über die Lemgoer Prozesse sind biografische Fallstudien zu einzelnen Prozeßopfern, aber bspw. auch zu dem Bürgermeister Hermann Cothmann. Auf einer Tagung im Dezember 1991 wurde darüber diskutiert, wie die Ergebnisse lokaler und regionaler Studien im Kontext des übererregionalen Vergleichs zu situieren sind.  

Ältere Literatur: 

Günter Kleinwegener: Die Hexenprozessse von Lemgo, masch. Diss. jur., Bonn 1954 

Karl Meier: Geschichte der Stadt Lemgo, Lemgo 1952, 1981 (3. Auflage) 

Sekundärliteratur (ab 1980): 

Ursula Bender-Wittmann: Schadenzauber und Teufelspakt. Hexereikontrolle im städtischen Umfeld (Lemgo 1628-1637), Magistraarbeit, Universität Bielefeld 1991 

Dies.: Hexenprozesse in Lemgo. Eine sozialgeschichtliche Analyse, in: Der Weserraum zwischen 1500 und 1650. Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur in der Frühen Neuzeit, Marburg 1993, S. 235-266 

Gisela Wilbertz: "...es ist kein Erretter da gewesen..." Pfarrer Andreas Koch, als Hexenmeister hingerichtet am 2. Juni 1666, Lemgo 1999 

Gisela Wilbertz, Gerd Schwerhoff, Jürgen Scheffler (Hg.), Hexenverfolgung und Regionalgeschichte. Die Grafschaft Lippe im Vergleich, Bielefeld 1994 (mit Beiträgen von Christine Meier, Ursula Bender-Wittmann, Gabriele Urhahn und Gisela Wilbertz über Lemgoer Prozesse) 

Gisela Wilbertz, Jürgen Scheffler (Hg.), Biographieforschung und Stadtgeschichte. Lemgo in der Spätphase der Hexenverfolgung, Bielefeld 2000 (i. V.) 

Dr. Gisela Wilbertz/Jürgen Scheffler, Stadtarchiv und Städtisches Museum Lemgo, 32655 Lemgo 

 

Siehe auch folgende Artikel:  

Clauss, David d. Ä., Scharfrichter von Gisela Wilbertz

Cothmann, Hermann - Bürgermeister von Nicolas Rügge

Folterinstrumente von Jürgen Scheffler

Grabbe, Bernhard - Kantor und Lehrer am Lemgoer Gymnasium von Regina Fritsch

Hexenbürgermeisterhaus von Jürgen Scheffler

Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest von Jürgen Scheffler

Kerkmann, Heinrich von Nicolas Rügge

Koch, Andreas (Prozeßopfer) - Pfarrer von Gisela Wilbertz

Meier, Karl - Lehrer und Heimatforscher von Jürgen Scheffler

Rampendahl, Maria (Angeklagte im Hexenprozeß) von Gisela Wilbertz

Stadtarchiv Lemgo (Quellen zur Hexenverfolgung) von Gisela Wilbertz

 

Empfohlene Zitierweise

Scheffler, Jürgen: Lippe - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1622/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006